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Ebola-Erkrankter in der CharitéDie Seuchen-Selektion

Dominic Johnson

Kommentar von

Dominic Johnson

Ein Sonderflug bringt einen an Ebola erkrankten US-Arzt aus der Demokratischen Republik Kongo nach Berlin. Und die Kongolesen?

D r. Peter Stafford ist in Sicherheit. Gemeinsam mit sechs weiteren US-Amerikanern ist der an Ebola erkrankte US-Chirurg erfolgreich aus der Demokratischen Republik Kongo evakuiert worden. Die USA entsandten am Dienstag aus Kreta zwei Gulfstream-Jets mit Spezialausrüstung, der Arzt wurde aus dem kongolesischen Nyankunde mit seiner Frau und seinen vier kleinen Kindern sowie zwei weiteren US-Medizinern nach Uganda gebracht und von dort nach Deutschland.

Seit Mittwoch liegt Dr. Stafford in der geschlossenen Sonderisolierstation der Berliner Charité, betreut von einem Spezialteam, sogar die Abluft wird gefiltert. Die anderen Personen sind in Quarantäne. Eine vorbildliche Aktion – und zugleich eine Manifestation dessen, was auf der Welt schiefläuft.

Dr. Stafford steckte sich vermutlich am vergangenen Samstag an, als er im Krankenhaus Nyankunde ahnungslos einen infizierten Patienten operierte – Ebola wurde dort erst am Montag gemeldet. Er bekommt nun die bestmögliche Betreuung, aber die kongolesischen Ebola-Kranken in Nyankunde bleiben zurück, ebenso die kongolesischen Ärzte, mit denen er arbeitete.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO bewertet den neuen Ebola-Ausbruch in der DR Kongo als „internationalen Gesundheitsnotstand“, aber die Bewältigung des Notstands bleibt rein national. Während die Evakuierungsmaschinen nach Berlin in der Luft waren, verhängten die USA für Kongolesen ein Einreiseverbot und setzten die Behandlung sämtlicher Visumanträge aus.

Es ist Kongos 17. Ebola-Epidemie, aber gegen die jetzt in der Provinz Ituri grassierende Bundibugyo-Variante des Virus gibt es laut WHO anders als gegen andere Varianten keine Impfung und keine Behandlung. 139 Tote zählt die Regierung Stand Mittwoch, vier Tage nach Bestätigung der Epidemie, darunter vier Angehörige des Gesundheitspersonals.

In Rwampara am Rande von Ituris Provinzhauptstadt Bunia ist das Krankenhaus voller Ebola-Patienten, aber zum Händewaschen gehen die Leute an den Wasserhahn im Garten und erst seit wenigen Tagen gibt es Schutzkleidung für das Personal. Für die Totengräber gibt es keine.

Das Krankenhaus von Nyankunde, wo Dr. Stafford arbeitete, war einst das beste der Region. Patienten aus Hunderten Kilometern Entfernung kamen in die Spezialabteilungen. Gebaut auf Initiative evangelischer US-Kirchen nach Kongos Unabhängigkeit, feierte es kürzlich seinen 60. Geburtstag. Ohne die ständige US-Präsenz, ermöglicht von christlichen Hilfswerken in Partnerschaft mit kongolesischen Kirchen und damit unabhängig von den Regierungen beider Länder, wäre es vermutlich längst untergegangen.

Krankenhäuser sind in Kongos Kriegsgebieten nicht nur Behandlungsorte. Es sind Zufluchtsorte und Schutzräume. Als die taz Nyankunde 2001 besuchte, war das Krankenhausgelände voll mit Kriegsvertriebenen. Ein Jahr später, am 5. September 2002, überfielen Milizionäre des Ngiti-Volkes das Gelände mit Macheten, Gewehren und Messern. Sie suchten ihre Feinde von der Volksgruppe der Hema. Sie plünderten, zündeten die Räume an, töteten Patienten, massakrierten in der ganzen Stadt.

Offiziell gab es 1.200 Tote, tatsächlich wohl mehr. Eine Gruppe von Überlebenden floh in den Busch und lief eine Woche lang in die nächste Stadt. Internet und Mobilfunk gab es damals nicht – hätten nicht US-Amerikaner später über ihre Organisationen Alarm geschlagen, wäre das alles wohl nie publik geworden.

Auferstanden aus Ruinen

Das Krankenhaus erstand aus den Ruinen neu, aber bis heute macht Unsicherheit die Arbeit schwer. Wer nach Nyankunde geht, muss einiges aushalten, sicher auch Dr. Stafford, den das christliche Hilfswerk Serge im Jahr 2023 entsandte. Es herrscht Kriegsrecht in Ituri, ethnische Milizen kontrollieren weite Gebiete.

Auch in der Hauptstadt Bunia, unter Regierungskontrolle, funktioniert wenig. Die neue Ebola-Epidemie, schätzen Experten, kursiert seit Wochen unerkannt. Aber erst in diesen Tagen landen UN-Flugzeuge mit medizinischen Hilfsgütern in der Millionenstadt.

Warum braucht es UN-Sonderflüge, damit es in Ituri Seife und sauberes Wasser gibt? Und was wird aus den kongolesischen Ärzten von Nyankunde? Das Krankenhaus müsste eigentlich ein Mahnmal sein für den Horror der Kongokriege. Jetzt zeugt es von der Ungleichheit im globalen Gesundheitssystem.

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Dominic Johnson

Dominic Johnson Ressortleiter Ausland

Seit 2011 Co-Leiter des taz-Auslandsressorts und seit 1990 Afrikaredakteur der taz.
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31 Kommentare

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  • Der Artikel berührt das Problem der Machtlosigkeit, wenn man sich solchen Themen widmet. Natürlich ist das ungerecht. Warum wird jemand in einem Krisengebiet geboren? Warum manche in einer warmherzigen Familie, andere in zerrütteten?



    Globale Gerechtigkeit im Gesundheitssystem gab es wohl noch nie - und noch nie ist vermutlich so viel getan worden, um in anderen Ländern zu helfen, wie eben jetzt.



    Wenn dann einer dieser Leute - wie dieser Arzt - sich ansteckt, soll man ihn dann liegen lassen?



    Die Welt ist ungerecht. Das ist bitter. Aber der Arzt hat, statt zu Hause in Sicherheit zu bleiben, sein Leben riskiert. Ich finde schon, dass er dann auch ausgeflogen werden muss.



    Mir wäre es lieber gewesen, einen Artikel über die globale Ungerechtigkeit im Gesundheitswesen und sonstwo nicht an einem solchen Beispiel aufzuhängen, das für mich nicht funktioniert.

  • Krieg, Krankheit, Kriminalität hängen immer zusammen. Hieß bei Dürer,1513 "Ritter, Tod und Teufel". Seit sich durchgesetzt hatte, warum Krankheiten ansteckend sein können hieß es nach dem Krimkrieg beim großen Pirogow: "Der Krieg ist wie eine traumatische Epidemie, es fehlt an helfenden Händen und noch mehr an denkenden Köpfen." Im Krimkrieg 1853-1856 waren Infektionskrankheiten häufiger Todesursache als Kampfhandlungen selbst.

    Krieg bleibt ansteckend.

    Pirogow: Grundzüge der allgemeinen Kriegschirurgie. Leipzig 1864.

    • @Hans - Friedrich Bär:

      @Hans -Friedrich Bär



      👍👍 Dankeschön für den Auszug des Textes - könnte einigen Lesernglatt die 👀👀öffnen...🥸

  • Der Autor hat ja recht mit seiner Beschreibung. Nur, wo will er konkret ansetzen? Geld und guter Willen werden da nicht reichen, solange das Engagement vor Ort nicht ausreichend wert geschützt wird. Wenn das gegeben ist, kann tatsächlich eine Menge bewegt werden, wie dieses mutmachende Projekt in Peru zeigt:



    de.wikipedia.org/wiki/Diospi_Suyana

  • Was uns das wieder kostet. Warum nehmen wir uns wieder jedem an. Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.

    • @AllesWirdGuter:

      Wenn Sie Hilfe derart gering schätzen, hoffe ich mal sehr, dass nie jemand in die Verlegenheit kommt sich in Gefahr zu begeben oder Aufwand zu betreiben, um Ihnen zu helfen.



      Das müssten Sie dann ja konsequent ablehnen, oder?

      • @Life is Life:

        @Life is Life



        Es ist doch wohl für alle denkenden Menschen offensichtlich, hier soll die Bevölkerung von den USA nicht unnötig einer Gefährdung ausgesetzt werden.

    • @AllesWirdGuter:

      Wie zynisch kann man sein? Und wessen nehmen Sie sich an?

      • @Henne Solo:

        Das ist nicht zynisch. Wer z.b. ohne Helm und Krankenversicherung in Südamerika Motorrad fährt, darf sich nicht wundern wenn er dann nicht die Versorgung bekommt, die er benötigt. Und dass dann immer Deutschland einspringt, kann nicht sein

  • Danke Herr Johnson für den guten Kommentar. Die Ungleichheit im globalen Gesundheitssystem ist in der Tat ein Skandal. Als hätte man nichts gelernt aus Covid! Epidemien halten sich nicht an Grenzen.

    Und über das Eigeninteresse des Nordens hinaus, ist es auch aus moralischer Sicht skandalös, dass im Jahr 2026 immer noch die Hautfarbe bzw. der Pass entscheidet, welches Leben gerettet wird und welches nicht.

  • Washington post heute:



    "Das Weiße Haus weigerte sich, einem an Ebola erkrankten Arzt die Rückkehr in die USA zu erlauben"

    • @A.S.:

      @ A.S.



      Kannst mal sehen, die meinen es nur sehr, sehr gut mit old Germany 🤑

  • Sehr nachlässig, wenn es in einem Krankenhaus, das in einer Region liegt, in der es immer wieder zu Ebola-Ausbrüchen kommt, keine Schutzkleidung für das Personal gibt.

    • @Il_Leopardo:

      Das hat mit nachlässig wenig zu tun, eher mit Geldmangel.

      • @Jesus:

        Traurig aber wahr: das Geld reicht offensichtlich nur für die Ärzte.

  • Dazu möchte ich folgendes festhalten: Der US-Arzt ist von der US-Regierung ausgeflogen worden. So stelle ich es mir idealerweise vor, wenn sich die eigene Regierung um ihre BürgerInnen im Ausland kümmert.



    Ich verwette alles was ich besitze darauf, dass der an Ebola erkrankte Arzt heute noch im Kongo liegen würde, wenn er deutscher Staatsbürger wäre.

    • @TaAl:

      Bei der Wette würde ich gegen halten. Sie scheinen wenig Kenntnis von der tatsächlichen Praxis zu haben.

      • @vieldenker:

        Womit soll ich anfangen? Mit den ermordeten deutschen StaatsbürgerInnen in Chile oder Argentinien? Allein für diese Fälle musste sich nach Jahrzehnten die deutsche Regierung öffentlich entschuldigen. Ich kenne keinen Konflikt, in dem sich die Bundesregierung je richtig verhalten hätte, wenn es um die Unversehrtheit deutscher StaatsbürgerInnen gegangen wäre. Ich kenne im privaten Bereich mindestens drei Fälle, in denen deutsche Botschaften und Konsulate Staatsbürger im Ausland hat hängen lassen. Und ich kann allen nur raten, nicht an einem Wochenende im Ausland in Schwierigkeiten zu kommen, denn da ist es gängige Praxis in den Konsulaten nicht ans Telefon zu gehen.

        • @TaAl:

          Kann es sein, dass Sie da ganz unterschiedliche Dinge zusammenwürfeln? Es ging hier um einen medizinischen Notfall in einer Extremsituation. Wüsste nicht, dass deutsche Staatsbürger damit so alleingelassen worden wären, wie Sie das hier in den Raum stellen.

    • @TaAl:

      Man stelle sich mal eine deutsche Familie in Gaza vor.

    • @TaAl:

      Nun wurde der Arzt ja nicht in die USA ausgeflogen. Damit die Gefahren (egal wie groß oder klein sie sind) nicht im Land des verrückten Königs ankommen.

    • @TaAl:

      Der Berliner Morgenpost zufolge, soll das Weiße Haus dafür gesorgt haben, dass der Mediziner nicht in die USA zurückreisen darf. Ob da was dran ist, weis ich nicht. Vielleicht kann die taz da mal nachforschen.

  • Ja, es ist bizarr, wie viel für einen einzelnen getan wird, wenn statt dessen auch für das ganze Krankenhaus so viel getan werden könnte, dass ein Ausflug nicht notwendig wird.



    Doch die Region ist auf Hilfe von außen angewiesen und die käme nicht mehr in Form von gut ausgebildeten ausländischen Ärzten, wenn diese sich nicht sicher sein könnten, im Notfall sofort rausgeholt zu werden.



    Nur weil eine Epidemie ausbricht, sind ja nicht alle anderen Probleme dort sofort gelöst. Es hat ja Gründe, dass es so wenig Seife und Schutzausrüstung gibt. Diese Gründe machen das Leben der Leute auch ohne Epidemie schwerer als notwendig.



    Der aufwendige Quarantänetransport ist ein Symptom. Aber das Gesundheitssystem ist nur ein kleiner Bereich des Lebens. Die Ungleichheit geht viel tiefer.

  • "Das Krankenhaus müsste eigentlich ein Mahnmal sein für den Horror der Kongokriege. Jetzt zeugt es von der Ungleichheit im globalen Gesundheitssystem"



    Nein. Das sich Staaten um ihre Bürger kümmern ist gängige Praxis. Wenn Krisen ausbrechen, versuchen Staaten immer ihre Landsleute zu evakuieren.



    Das Dr. Stafford und seine Familie ausgeflogen wurden ist also kein Beispiel für Ungleichheit, sondern für gängigen Usus.



    Vielmehr ist doch die Frage, warum es im Kongo immer noch keine funktionierenden Systeme für einen Ebola-Ausbruch gibt, schließlich ist es "Kongos 17. Ebola-Epidemie", wie der Artikel es selbst benennt.



    Kongo ist nicht arm, im Gegenteil, es ist reich an Bodenschätzen.



    Kinshasa (Demokratische Republik Kongo) und Brazzaville (Republik Kongo) gehören zu den teuersten Städten weltweit. Geld ist also da - es ist nur abgrundtief falsch verteilt.



    Das liegt aber vor allem an der brachialen Korruption vor Ort.



    Das hat nichts mit "Ungleichheit im globalen Gesundheitssystem" zu tun, sondern ist ein akuter Missstand - leider typisch für Staaten im subsaharischen Afrika.



    Davon müssen sie sich aber selbst befreien. Afrika braucht weiß Gott keine besserwisserischen Europäer als Nanny.

    • @Astrid Sehnefeld:

      Sie sprechen mir aus der Seele!

    • @Astrid Sehnefeld:

      Sie unterschlagen dabei gekonnt, wer von der Ausbeutung der Rohstoffe des Kongo so alles profitiert. Dann müssten Sie nämlich zugeben, dass das eben doch auch heute noch sehr viel mit Europa zu tun hat.

      Wenn Sie sich mal so richtig ekeln wollen, schauen Sie sich mal diese Mitteilung der IHK Ulm an. Zitat: "Der Bergbau sorgt in der Demokratischen Republik Kongo für ein stabiles Wachstum."

      www.ihk.de/ulm/hau...rohstoffen-6690642

      • @pumble:

        Natürlich hat die Gewinnung von Bodenschätzen in Ländern ohne Industrie immer was mit den hochindustrialisierten Ausland zutun.

        Europa, China und Ostasien, Nordamerika.

        Nur machen es Länder wie die Golfstaaten vor, dass stark autoritäre Staaten Verantwortung für ihre Bevölkerung übernehmen und dafür den Gewinn aus dem Export erfolgreich nutzen können.

        Die Verantwortung liegt durchaus bei den kongolesischen Machthabern.

      • @pumble:

        Da muss ich Sie berichtigen. Ungefähr 1,5% der Rohstoffe aus dem Kongo (beide Länder) gehen nach Europa, aber über 90% nach China. Und was meinen Sie, was Sie im Kongo nicht finden werden? Richtig, Ärzte, Helfer und wirksame Medikamte aus China. Es ist immer einfach Europa oder auch D die Schuld für alles möglich zu geben, mit der Realität hat das immer weniger zu tun.

        • @Bommel:

          Und wer kauft das, was in China damit produziert wird? Genau.

          Nur gut dass wir den Großteil unserer Industrie nach China verlagert haben. Dann kann man immer schön China die Schuld zuschieben.

          • @pumble:

            "Und wer kauft das, was in China damit produziert wird? Genau."

            Do wird das ja auch politisch gefördert.



            Im Kongo bekäme man Probleme mit dem Lieferkettengesetz, während in China wird bezüglich Vorprodukten alles bescheinigt wird, was das Symbolpolitikerherz begehrt...

  • Ah, es gibt da jetzt neue Vereinbarungen zwischen Deutschland und den USA bezüglich Behandlungen in Krankenhäusern. Also können wir jetzt auch die Krankenhäuser in den USA nutzen, falls es hier schwierig mit der Aufnahme wird. Gut zu wissen - Dankeschön.