Demonstrationen gegen Israel: Antisemiten sind immer die anderen

Die öffentliche Empörung richtet sich vor allem gegen arabische und türkische Communitys. Judenhass sollte aber überall bekämpft werden.

Demonstranten halten in Stuttgart palästinensische Fahnen hoch

Demo in Stuttgart am Wochenende – diesmal ohne antisemitische Plakate Foto: Christoph Schmidtdpa/

Geschichte wiederholt sich nicht. Und doch ähneln die israelfeindlichen Proteste in vielen deutschen Städten zum Verwechseln den Demonstrationen vergangener Jahre. Wieder wird Israel eines „Genozids“ beschuldigt und erneut ein Palästina „from the river to the sea“ beschworen, also eines, dass den jüdischen Staat von der Landkarte ausradiert. Vielleicht zieht man auch zur nächsten Synagoge, um dort zu protestieren. Das aber ist purer Antisemitismus, nur mühsam versteckt unter der Maske des Antizionismus.

Und wieder reagieren Politiker und Kirchenvertreter auf diesen Straßenmob überrascht, so als hätten sie vergessen, was vor einigen Jahren los war. Die einzigen, die sich nicht wundern, sind die Juden. Sie wissen aus eigener Anschauung, wie tief der Hass auf sie in der Gesellschaft verankert ist. Und sie haben recht mit ihrer Befürchtung, dass die allgemeine Empörung eine vorübergehende Erscheinung bleiben könnte.

Wobei diese Empörung in diesem Fall eine besonders leichte Übung ist. Denn auf die Straße gehen vor allem Migranten und deren Kinder, insbesondere aus arabischen Ländern und der Türkei stammend. Weil kaum jemand jemals etwas unternommen hat, um in diesen Communitys den Judenhass zu bekämpfen, ist es besonders wohlfeil, ihr Verhalten nun zu verurteilen – und zugleich über das Denken von Müller, Maier oder Schmitz zu schweigen. Antisemitismus, das trifft ja nur die anderen.

Tatsache aber ist: Der Judenhass ist ein Problem in migrantischen Gemeinschaften – aber er grassiert auch unter denjenigen, die seit Langem hier leben. Das Phänomen des Judenhasses betrifft auch nicht nur Neonazis oder Rechtspopulisten. Es geht auch um vermeintlich Linke, die, ausgestattet mit antiimperialistischen Phantasien von heute und dem Judenhass ihrer Großväter, fleißig mitdemonstrieren, wenn es gegen den großen Dämon Israel geht.

Der Begriff des Antisemitismus ist rund 150 Jahre alt. Man hat lernen müssen, dass sich die Ressentiments in immer neuen Verkleidungen verstecken. Juden, das sind böse Kapitalisten, verschlagene Bolschewiken, reiche Banker, arme Schnorrer, die Bewohner der US-Ostküste oder die Erfinder eines Virus. Seit rund 70 Jahren zählt Israel zu diesem Kanon der Wirrnis.

Geschichte wiederholt sich nicht. Aber sie kann sich verdammt ähneln. Es kommt aber darauf an, den Judenhass überall zu bekämpfen, wo er auftritt. Auch wenn er Menschen betrifft, die eher am unteren Ende der Sozialpyramide stehen. Aber ebenso, wenn er vom Biertisch oder der Yoga-Gruppe herüberweht.

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Jahrgang 1957, ist Leiter von taz.eins, dem Ressort, das die Seite eins und die Schwerpunktseiten plant und produziert. Er ist seit den 1980er Jahren bei der taz und war u.a. Chef vom Dienst und Ressortleiter im Inland. Seine Themenschwerpunkte sind Zeitgeschichte und der Nahe Osten. Hillenbrand ist Autor mehrerer Bücher zur NS-Geschichte. Zuletzt erschien von ihm herausgegeben: "Das Amulett und das Mädchen", Hentrich & Hentrich 2019

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