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Berlins Verkehrssenatorin gegen Poller Ein unverhohlener Aufruf zum Gesetzesbruch

Gereon Asmuth

Kommentar von

Gereon Asmuth

Ute Bonde (CDU) will den Bezirken das Aufstellen von Pollern verbieten. Oder sie gar wieder abräumen. Dabei zwingen sie Autofahrer, die Regeln einzuhalten.

I hr Name ist Bonde, Ute Bonde. Und die Berliner Verkehrssenatorin schießt sich ein auf Fußgänger und Radfahrerinnen, als wäre sie im Auftrag einer geheimen Majestät unterwegs. Radwege werden nicht neu- oder gar zurückgebaut. Bäume sollen für Autospuren in der Innenstadt weichen. Und als Neuestes nimmt die CDU-Politikerin die Poller der Stadt ins Visier – mit ihrer gerade bekannt gewordenen „Verwaltungsvorschrift zur Verkehrsberuhigung“, deren Titel schon purer Hohn ist.

Poller will Bonde, wenn überhaupt, nur noch als letztes Mittel aufstellen lassen. Wenn die bösen, weil ökogrün geführten Bezirke das anders sehen, will die Senatorin ihnen einen Poller – äh, Riegel – vorschieben dürfen. Und selbst aufgestellte Poller will sie quasi persönlich wegschießen können.

Zwei Argumente werden gegen die schlanken Pfosten gern ins Feld geführt: Zum einen sollen sie angeblich das Stadtbild verhunzen, zum anderen Rettungsfahrzeuge bremsen und somit Leben gefährden. Letzteres ließe sich einfach durch automatisch versenkbare Poller beheben. Die kosten halt was. Aber Sicherheit hat nun mal ihren Preis.

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Und die Ästhetik? Die liegt im Auge des Betrachters. Wer ist eigentlich auf die wahnsinnige Idee gekommen, dass die Massen von Pkws Urbanität verheißen? Dieser Wahnsinn entspringt der an Gehirnwäsche grenzenden Lobbyarbeit der vor sich hin siechenden Autoindustrie. Dabei degradieren die Blechkisten noch die schönste Stadt zum Parkplatz.

Poller geben Menschen ohne Auto Halt, Raum, Sicherheit. Schöneres kann es gar nicht geben.

Dagegen ist jeder schlanke Poller in all seiner Schlichtheit ein Glanzpunkt – dank funktionaler Ästhetik. Poller sind nichts anderes als aufrecht stehende Gesetzeshüter, die Au­to­fah­re­r:in­nen dazu bringen, die Regeln auch einzuhalten. Eine Radspur ohne Poller? Ist Dauerabstellfläche für Kurzparker! Ein Kiezblock ohne in die Fahrbahn gerammte Trennung? Wird im Wortsinne schlichtweg überfahren. Nur Poller geben Menschen ohne Auto Halt, Raum, Sicherheit. Schöneres kann es gar nicht geben.

Wer sich vehement gegen Poller einsetzt, will nicht anderes, als dass sich Au­to­fah­re­r:in­nen nicht an die Regeln halten müssen. Die Anti-Poller-Vorschrift der Verkehrssenatorin ist somit nichts anderes als der unverhohlene Aufruf zum Gesetzesbruch. Und das von einer Partei, die am liebsten die U-Bahnen mit Gittern vergattern, die Städte mit künstlich intelligenten Videokameras überwachen und die Parks einzäunen will, um dem Bösen Einhalt zu gebieten? Aber da geht es ja auch immer um autolose Verbrechen.

Die CDU ist nur der parlamentarische Arm der mit Autos bewaffneten Kampfpiloten

Denn die CDU ist nur der parlamentarische Arm der mit Autos bewaffneten Kampfpiloten, die sich in einer Autokratie wähnen, in der Freiheit nur im ungebremsten Druck aufs Gaspedal besteht.

Und damit das auch wirklich alle Autowahnsinnigen mitbekommen, verschickt Bonde drei Wochen vor der Wahl ihr Pollerverdikt. Das ist Autopopulismus in Reinform, mit dem die CDU die letzte Wahl in Berlin gewonnen hat. Es wird höchste Zeit, wütend mit der Fahrradklingel zu scheppern.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Gereon Asmuth

Gereon Asmuth Ressortleiter taz-Regie

Leiter des Regie-Ressorts, das die zentrale Planung der taz-Themen für Online und Print koordiniert. Seit 1995 bei der taz. 2000 bis 2005 stellvertretender Leiter der Berlin-Redaktion. 2005 bis 2011 Leiter der Berlin-Redaktion. 2012 bis 2019 Leiter der taz.eins-Redaktion, die die ersten fünf Seiten der gedruckten taz produziert. Hat in Bochum, Berlin und Barcelona Wirtschaft, Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation und ein wenig Kunst studiert. Mehr unter gereonasmuth.de. Bluesky:@gereonas.bsky.social Mastodon: @gereonas@social.anoxinon.de Foto: Anke Phoebe Peters
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13 Kommentare

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  • Janix

    Die CDU wird mit Fug und Recht verlieren. Die sinnbefreiten letzten Autosprüche sind dann gleich endlich mit passé und können durch Menschenorientierung ersetzt werden. Verkehrspolitik sollte das über alle Parteigrenzen sein.

  • David Lejdar

    Ich finde Poller auch ok, aber auch mit fachlicher Debatte über Gestaltung von Kreuzungen usw. Im Beispiel, der "Poller-Wald" im Bild, scheint mir übertrieben, auch weil Fahrradhelm eher damit klar kommt, wenn jemand komplett hingibt, als wenn der Poller direkt in Backe. Und wo es eher Sinn macht, ist damit Autofahrer beim Rechts-Abbiegen sozusagen 90-Grad Kurve zu fahren haben (statt quer abzubiegen, wodurch dann mit Rechtsblick eher sehen ob da Fahrrad kommt).

    Bei niederländischen Design der Kreuzungen, hat der Autofahrer da noch Platz um stoppen zu können, ohne direkt in Kreuzung zu stehen. Und auch paar andere Designsachen dort, wo ich großer Fan davon bin, darüber für gesamte Stadt zu reden (statt jeder Bezirk für sich). Also, einfach Dinge wie die Hauptstraßen zu ertüchtigen, mit z.B. auch Fahrrad-Kreisverkehr im Untergeschoss einer Kreuzung, und in Anwohnerstraßen locker 30 oder weniger, was wohl kaum jemanden nervt, den Block oder zwei.

  • rero

    Wer ist eigentlich auf die wahnsinnige Idee gekommen, dass die Massen von Pkws Urbanität verheißen?

    Wer?

    Na so ziemlich jeder, der in den vergangenen Jahren nach Berlin gezogen ist.

    Die Autos fuhren hier quasi die ganze Zeit.

    Und die Leute kamen begeistert.

    Wer Ruhe und Beschaulichkeit suchte, zog nicht her.

    Offenbar änderten manche die Meinung oder waren sich nicht bewusst, was Großstadt mit viel Autoverkehr bedeutet.

    • Janix

      @rero:

      Berlin hatte schon länger verblüffend viel Platz an breite Straßen verschwendet. Bei den Preußen schon, um Barrikadenbau zu erschweren und pompös marschieren zu können. Gut, die Durchlüftung ist dadurch auch einfacher. Aus Vorgärten wurde toter Asphalt, Autos blockierten seitlich und in der Mitte, aber der Staupunkt setzte in Berlin doch später ein als in kesseligeren Städten.



      Berlin hat die Fläche von in etwa dem Ruhrgebiet (nur deutlich weniger Einwohner). Aber eigentlich ist viel mit S-Bahn, U-Bahn, Rad, Tram und Bus zu stemmen, wenn man denn nicht von Spandau nach Köpenick pendeln will und partout kein Umzugsunternehmen finden kann.

      Es gibt übrigens auch ruhige oder fast ländliche Berliner Viertel. Der Punkt ist eher, dass Autos einfach bei Platz, Lärm, Hitze, Geld so ineffizient volkswirtschaftlich sind. Und daher einfach mal nicht mehr bevorteilt werden sollten. Auch in Berlin.



      CDU hat fertig.

      • rero

        @Janix:

        Nur zogen die wenigsten wegen der ruhigen und fast ländlichen Viertel nach Berlin.

        Die hätten sie bereits zuhause gehabt.

        Man könnte Urbanität neu denken und entsprechend die Stadt umbauen.

        Passierte nur nicht.

        Die letzten 25 Jahre hat hier ja nicht die CDU allein durchregiert.

        Nur die letzten dreieinhalb Jahre war sie in Schwarz-Rot beteiligt.

        Daraus folgt:



        CDU hat fertig, SPD hat fertig, Grüne haben fertig (Die waren am enttäuschendsten, wenn Sie mich fragen.), die Linke hat fertig.

        Und nun?

        Die AfD wird es auch nicht besser machen.

        • Janix

          @rero:

          Mein Satz bezog sich darauf, dass die CDU damals auto-populisierte, um Randstädter einzufangen. (Dass SPD-Giffey die Führung einfach so verschenkte, wäre noch ein anderes Thema). Und dass das nicht hinhaute, wie vorher absehbar.



          Das Thema aufwärmen klappt derzeit auch nicht. In diesem Sinne fertig, die CDU muss sich neu besinnen. Denn wir brauchen sie auch, und sei es als Drohung/Alternative gegen die neue Regierungskoalition.

          Tempelhof entwickeln geht nicht (wer plebiszitäre Elemente in eine repräsentative Demokratie quetscht, muss es auslöffeln). Woanders machen Edel-Eigentumswohnungen, die leerstehen oder aber von spanischen Airbnbern quillen die Urbanisierung auch nicht besser.

  • Il_Leopardo

    Ist das nicht die, die auch die Aufhebung des Nachtflugverbots und den Bau einer dritten Startbahn für den Flughafen BER will.

    Ach, wär' sie doch nur in Aachen geblieben!

  • MaTaBe

    Wer hat sie gewählt, die CDU? Das Problem ist halt, dass ein Großteil der Wahlberechtigten keine 500 Meter (mehr) zu Fuß laufen können, sich aber immer noch hinters PKW-Steuer setzt, das Auto als Teil ihrer selbst statt einem Fortbewegungsmittel und als Statussymbol sieht. Urbane Lebensqualität, Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit ist ihnen scheißegal. Und die Politik tut nicht, was sinnvoll wäre, sondern was ihre Macht sichert. Es ist zum Kotzen.

    • sollndas

      @MaTaBe:

      "...keine 500 Meter (mehr) zu Fuß laufen können..."



      Ich würde mal vermuten, dass niemand wegen 500 m seinen mühsam erkämpften Parkplatz aufgibt. Geht mir jedenfalls so, wenn ich etwas in der Stadt zu erledigen habe.

      • rero

        @sollndas:

        Geht nicht nur Ihnen so.

    • Janix

      @MaTaBe:

      Wer nicht mehr gewohnt laufen kann, erfährt durch Rollatoren eine Verbesserung des Lebens, auch durch stabile Räder ggf. mit drei Rädern, durch einen ÖPNV, der seinen Namen verdient.

      Auto isch irgendwann over, weil mensch sich und/oder andere gefährdet (Sichtfeld), so versiert mensch auch sonst noch sein mag. Kluge Leute haben dann zeitig für mehr ÖPNV für alle gestritten.



      Gilt übrigens auch für die Fläche.

  • Ricky-13

    taz: ***Ute Bonde (CDU) will den Bezirken das Aufstellen von Pollern verbieten. Oder sie gar wieder abräumen. Dabei zwingen sie Autofahrer, die Regeln einzuhalten.***

    CDU-Politiker setzen sich eben immer für die Schwächsten auf den Straßen ein, und das sind nun einmal die Autos. Fahrradfahrer, Fußgänger und spielende Kinder haben auf den Straßen auch nichts zu suchen, denn deutsche Straßen - und alles was damit zusammenhängt (z.B. Parkplätze, ...) - sind offiziell im Jahr 1886 mit der Erfindung des Benz Patent-Motorwagens durch Carl Benz in den Besitz des Automobils gekommen.

    Das Automobil sorgt in deutschen Städten oftmals auch dafür, dass der "freilaufende Homo sapiens" nicht ungezügelt überhandnimmt (siehe *). Und das Auto sorgt natürlich auch dafür, dass CDU-Politiker eine Aufgabe haben, auch wenn diese Aufgabe etwas merkwürdig erscheint und böse Zungen sogar behaupten, dass CDU-Politiker Lobbyisten der Automobilkonzerne seien - was natürlich totaler Blödsinn ist.

    *Seit dem Jahr 1950 sind auf deutschen Straßen weit über 780.000 Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen und davon haben ca. 40.000 Kinder (unter 15 Jahren) ihr Leben verloren* [Statistisches Bundesamt]

    • Wunderwelt

      @Ricky-13:

      👍👍