piwik no script img

Social-Media-Reaktionen zur HitzewelleKlimakleber gesucht!

Nach der Hitzewelle fragt sich das Internet, wo die „Letzte Generation“ bleibt. Anders als die Klimakrise wurden die Ak­ti­vis­t*in­nen aber bekämpft.

„Wo sind die Klimakleber? Bitte macht wieder euren Job, es ist zu heiß!“ Es ist ein kurzes Video auf Social Media, das derzeit einen Nerv trifft. „Vor Gericht oder im Knast“, antwortet Klimaaktivistin Anja Windl nur kurze Zeit später via Instagram. Windl, die durch die Proteste der Letzten Generation in Österreich bekannt wurde, saß selbst mehrere Monate in Haft. Vielen anderen gehe es ähnlich, erklärt sie: Sie müssen sich noch immer vor Gericht verantworten, sind psychisch ausgebrannt und finanziell am Ende.

Es gab eine Zeit, da waren sie, die Letzte Generation, der Blitzableiter für die Wut einer ganzen Nation. Die Aktivist*innen, auch bekannt als „Klimakleber“, prägten von ihrer Gründung 2021 bis zur Auflösung 2024 regelmäßig die Schlagzeilen. Sie blockierten Straßen, klebten sich auf dem Asphalt fest, störten Veranstaltungen, beschmierten Gebäude und Kunstobjekte. Mit zivilem Ungehorsam wollten sie mehr Klimaschutz erzwingen.

Doch für ihren Einsatz ernteten die Ak­ti­vis­t*in­nen weder Lob noch Empathie, sondern vor allem Hass und Häme. Menschen zerrten sie von der Straße, beschimpften oder verletzten sie. Während Bilder von teils roher Gewalt viral gingen, schrieben die Ak­ti­vis­t*in­nen mit spektakulären Aktionen Protestgeschichte: Im Sommer 2023 besprühte die Letzte Generation einen Privatjet mit Farbe und bepflanzte einen Golfplatz auf Sylt.

Klimakleber-Comeback ausgeschlossen

Doch nicht nur Teile der Gesellschaft waren verärgert über die Klimaproteste. Auch der Staat verschärfte den Druck. Wegen des Verdachts der Bildung beziehungsweise Unterstützung einer kriminellen Vereinigung folgten bundesweite Razzien und richterlich abgesegnete Telefonüberwachungen. Der damals amtierende Bundeskanzler Olaf Scholz nannte die Aktionen der Letzten Generation „völlig bekloppt“.

Heute, nur drei Jahre später, erlebt Deutschland die Folgen der Klimakrise so deutlich wie vielleicht noch nie: Nach einem extrem kalten Winter folgt ein Sommer, der das Land schon im Juni an seine Grenzen bringt. Wohnungen werden zu Backöfen, Städte leiden unter fehlendem Grün, Freibäder sind überfüllt, Seen erreichen Badewannentemperaturen, bundesweit fehlt ein wirksamer Hitzeschutzplan. Ganz zu schweigen von den Eichenprozessionsspinnern, die sich bei langer, intensiver Hitze besonders wohlfühlen und viele Bundesländer seit Wochen plagen.

Und plötzlich, während das ganze Land aus der juckenden und schwitzenden Haut fahren möchte, scheint sich Social Media zu erinnern: Da war mal was. Ein Klimakleber-Comeback schließt Windl aber aus. Späte Einsicht sei zwar besser als keine, so Windls Kommentar, aber es sei an der Zeit, dass sich jetzt andere einsetzen.

Spät kommt die Einsicht, ja. Aber immerhin. Denn während das Netz wieder über Verantwortung und Methoden diskutiert, dringt aus dem klimatisierten Bundestag kein Wort über extreme Hitze oder Prävention. Die Ak­ti­vis­t*in­nen hat man erfolgreich bekämpft, die Erderwärmung aber nicht.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

22 Kommentare

 / 
  • „Wo sind die Klimakleber? Bitte macht wieder euren Job, es ist zu heiß!“

    Was für ein Job? Menschen haben sich engagiert und haben statt eines Lohns Repressionen erfahren, Gewalt, Geldstrafen bis in den Ruin, Gefängnisstrafen. Trotzdem haben sie weitergemacht und es geschafft das das Thema Klima nicht komplett aus der öffentlichen Diskussion verschwunden ist.

    Wer sich jetzt die Klimakleber zurückwünscht sollte sich bewusst sein dass das auch keine anderen Menschen waren wie er oder sie selbst. Es gibt weiterhin viele Möglichkeiten sich für Klima und verwandte Themen wie Demokratie und Antifaschismus zu engagieren, z.B. die direkten Nachfolgegruppen der Letzten Generation, die Neue Generation und das Widerstandskollektiv.

    Wenn diese nicht so bekannt sind liegt das auch daran dass nicht genug Menschen sich aufraffen sich selbst zu engagieren es aber von denen verlangen die nach Jahren der Repression ausgebrannt sind.

  • Ich schaue gerade Fußball WM in den USA.

    Die kühlen gerade ein Outdoor Stadion mit 40 Grad Außentemperatur auf 18 Grad runter.



    Der Fußballkommentator trägt ein Jäckchen.

    Und wir denken wenn wir unsere Fabriken dicht machen retten wir das Klima.

    Vielleicht hätten die Klimakleber freitags doch besser die Schule besucht.

  • Die Klimakleber haben leider den falschen Weg gewählt: den Weg der "passiven" Gewalt, des Blockierens, des Beschmutzens, des Belehren und des Zerstörens. Um den Klimaschutz nachhaltig zu fördern, wäre der Weg des Miteinanders und der gemeinsamen Anstrengung besser gewesen.

    Das scheint mir häufig das grundlegende Problem der Grün/Linken zu sein: viel lieber bekämpft man etwas, als dass man versucht gemeinsam etwas positives zu erreichen.

  • Tja.

    Ich erinnere hier gerne an die Sea Shepherd. Schiffe gingen unter für den Schutz der Meerestiere, Graffiti und Sachbeschädigung waren nicht selten. Aber das ist alles weit weg, und betrifft einen selbst nicht. Daher ist der Zuspruch relativ hoch und manche PKWs haben einen Sea Shepherd-Sticker drauf. Vielleicht kann man noch den Nationalisten herauslassen, weil Deutsche würden doch niemals Wale töten.

    Doch wehe, der Antikapitalistismus greift in das Leben der Bürger ein. Das gute Schnitzel soll weg und am besten das Auto auch. Luxus und Wohlstand dann bitte doch nicht angreifen.

    Tja.

  • Ich würde gerne die Belege sehen. Meines Wissens nach werden sie so gehasst wie eh und je... zu Unrecht. Sie haben die letzten friedlichen Mittel genutzt, die es vielleicht noch einmal hätten wenden können, wenn all die Leute, die in Umfragen für Klimaschutz sind, sich solidarisch gezeigt hätten. Die Chance war von Anfang an nicht besonders groß und es wäre jetzt kein Stück besser. Wenn sich jetzt nur eine in der Hitzewelle auf die Straße klebte, würde die halbe Nation wieder im Internet darauf hoffen, dass sie im Asphalt einschmelzen möge. Die gesundheitlichen Schäden, die das zwangsläufig hätte, würden hämisch gefeiert. Dass die Leute bei der ersten wirklich großen Hitzewelle plötzlich die LG in einem anderen Lichte sehen, ist eine sehr naive Hoffnung.

    • @Corina Strößner:

      Man kann Klima nicht auf regionaler Ebene beeinflussen.

    • @Corina Strößner:

      Ob das naiv ist, das sei dahingestellt. Wichtig ist allerdings, dass Gesellschaft und auch die Politik endlich einsieht und danach handelt, dass diese Leute sich nicht für ihre eigenen Vorteile eingesetzt haben (wie etwa die Agrar-Rowdies) sondern das Wohl anderer im Blick haben. Die als RAF-Nachfolger oder Klimaterroristen zu beleidigen - das ist blanker Hass und Hetze und geht gar nicht. Schon die Häme, die auch derzeit bereits in "Shorts" auf jedem Smartphone zu sehen sind, sind bösartig, eines zivilisierten Menschen unwürdig.



      Wir sollten froh darüber sein, dass es sichtbare Bemühungen um einen besseren Klima- und Umweltschutz gibt. Diese jungen Leute machen das wenigstens - was vielen selbstsüchtigen Zeitgenossen nicht verständlich zu sein scheint.

    • @Corina Strößner:

      Die verlinkten Videos haben beide 17.000 likes.

      Das ist ein Beleg, dass ein Teil der Gesellschaft die Meinung geändert hat.

      • @Arne Babenhauserheide:

        Ich sehe es eher als Beleg, daß ein anderer Teil der Gesellschaft seine Meinung nicht geändert hat. 😉

      • @Arne Babenhauserheide:

        Das meinen Sie doch nicht ernst? 17k Likes ist nichts. Das ist absolut nicht erwähnenswert. Auch damals gab es schon ein paar die die Zustimmung zur LG hatten. Aber das sind so wenige, dass ist wirklich irrelevant. Weit über 90% dürften Ihre Meinung nicht geändert haben. Was ich auch völlig nachvollziehbar halte, denn das was Letzte Generation gemacht hat war (auch nachweislich) das Dümmste was man machen konnte. Auf Konfrontationskurs mit denjenigen gehen, die nichts ändern können in Situationen wo die Leute ganz andere Sorgen rumtreiben.

        Das war Selbstgerechtigkeit vom feinsten.

        Klimaschutz kann schnell wieder Zustimmung gewinnen, allerdings nur, wenn man klassische Linke Demo Ideen in den Schrank unter der Treppe verbannt. FFF konnte das zeitweise gut, indem man thematisch war. Erst mit zunehmender Politisierung ging der Abschwung los.

      • @Arne Babenhauserheide:

        „Likes“ kosten nur einen halben Zentimeter Fingerbewegung. Anstrengung=Null=Verbindlichkeit=Effekt

  • Einfach nur traurig wie die Gesellschaft mit diesen Menschen umgegangen ist, die sich für unser gemeinschaftliches Wohl eingesetzt haben.

  • Die Klima-Kids wurden dermaßen verleumdet (RAF-Nachfolger, Klimaterroristen usw) dass die aus nicht unbegründeter Furcht vor Repressalien zurückhaltend geworden sind. Das war und bleibt auch der Sinn solcher Verleumdungen und Schikanen.

  • "ernteten die Ak­ti­vis­t*in­nen weder Lob noch Empathie, sondern..."



    teils extreme und unqualifizierte verbale Antipathie und teils ungezügelte körperliche Aggressionen...



    www.ruhr24.de/dort...i-zr-92657867.html



    Auch die große Hitze macht per se ziemlich aggressiv, nur leider sind vielfach die entscheidenden Ventile noch nicht gefunden.



    Wahrscheinlich gibt es gut fundierte soziologische Erklärungsmodelle für Lethargie und kognitive Dissonanzen.

  • Es ist unbestritten, dass die AktivistInnen das Gute wollten.



    Allerdings haben sie das Gegenteil erreicht.



    FFF hat viele Sympathien gewonnen und eine Aufbruchsstimmung verbreitet, was bis in höchste Kreise der Politik reichte.



    Die letzte Generation war kein Aufruf zur Zusammenarbeit, sondern der erhobe Zeigefinger:" ich habe Recht - ihr seid schuld"!



    Dieser jugendliche Wind weht weiter durch die AntiBoomer Diskussionen, die immer wieder aufkommen. Angesichts der kommenden Sommerpause ist damit zu rechnen, dass es nicht mehr lange dauert.



    Man*frau muss sich entscheiden, ob destruktiv oder konstruktiv der Weg sein soll.



    Mit Aufkommen der letzten Generation war parallel in den Umfragen zu sehen, wie das Verständnis und die Unterstützung für das Thema Klima abnahm.



    Ja, das Medienecho war groß, aber es bewirkte eine Spaltung, hatte nichts konstruktives.



    Die Aktivist*Innen haben sich selbst zum Feindbild gemacht.



    Die Rechten namen das dankbar an.



    Klimaschutz ist seitdem negativ konnotiert.



    Wer jetzt dahin zurück will, hat Nichts verstanden.



    Ganz nebenbei: Es ist so heiß, dass der Teer auf dwe Autobahn schmilzt.



    Wer sich da hin setzt, erhält sofort Verbrennungen.



    Realitätssinn einschalten

    • @Philippo1000:

      Die Dynamik von FFF ist in Corona eingebrochen.

      Und Klimaschutz war schon vorher negativ konnottiert (hatten die Rechten gründlich hinbekommen).

      Was sich durch die LG geändert hat: FFF wird seitdem in allen außer den Rechts-Außen-Kreisen viel stärker akzeptiert.

      • @Arne Babenhauserheide:

        Zu Beginn der Aktionen der letzten Generation wollten 44% der Bundesbürger*Innen eine Beschleunigung der Klimaschutzmaßnahmen.



        2029 akzeptierten noch 24 % ähnliche „Aktionen“ für das Klima.



        Diese Akzeptanz sank im Laufe der Arbeit durch die Letzte Generation auf 13%,



        2023 lehnten 85% der Bundesbürger*Innen die Aktionen der Klimaaktivist*Innen als kontraproduktiv ab.



        Es ist nicht falsch, dass FFF an Einfluss verloren hat, doch der folgende Aktionismus hat eher eine Trotzreaktion als Verständnis ausgelöst.



        Klar, dass Rechte das genutzt haben.



        Statt einer breiten Bewegung in der Gesellschaft boten sich Wenige, die „kriminelle Aktionen“ durchführten geradezu als Feindbild an.



        Diese Situation nun zurück zu sehnen ist einfach Realitätsvergessen.



        Wenn, dann braucht es eine neue Bewegung, die die Menschen anspricht, statt Ihnen Vorwürfe zu machen.



        Mit diesem Sommer liegen die Argumente förmlich auf der Hand.



        Da braucht es nicht viel um Gemeinsamkeiten zu erkennen.



        Mit der Bildung der „ neuen Generation“ haben selbst die Aktivist*Innen dieser Tatsache bereits Rechnung getragen.

  • Naja, wenn man dann als terroristische Vereinigung angeklagt und verurteilt wird, dann überlegt man sich das Klimakleben wohl. Außerdem hat's nachweislich nichts gebracht. Unsere Regierung möchte nichts gegen den Klimawandel tun. Und wird mit Sicherheit dafür wiedergewählt.

  • Die „Klimakleber“ haben sich nicht aufgelöst, weil sie „bekämpft“ wurden, sondern weil es mit der Zeit so gut wie überhaupt keinen Rückhalt mehr in der Gesellschaft für deren Aktionen gab. Hätten sie den entsprechenden Rückhalt gehabt, wären sie nicht „finanziell ausgebrannt“, dann hätte man sich flächendeckend solidarisiert. Das ist aber nicht passiert. Und das Video? Trifft wohl eher den Nerv einer gewissen Bubble, die ohnehin mit den Inhalten der Klimakleber sympathisiert, der entsprechende Mehrwert ist also gleich null. Das „Internet“ bewegt momentan wahrscheinlich andere Dinge als die „Klimakleber“… z.B.: Wer wird neuer Bundestrainer? Was machen die Geissens gerade? Und wo ist eigentlich der Drachenlord, wenn man mal wieder Tipps gegen die Hitze braucht?! Das mögen in den Augen Vieler mit Sicherheit weniger wichtige Dinge sein, aber Aufrufzahlen lügen nicht…

  • Die Klebe- und Sprüh-Aktionen der LG waren so ungefähr das Dümmste, was dem Engagement gegen die Klimakrise passieren konnte. Menschen in ihrem eh schon stressigen Alltag nerven - damit kann man Menschen richtig gut von den eignen Anliegen überzeugen!

    Wenn ich die Fossil-Industrie gewesen wäre - ich hätte mir keinen besseren Verbündeten wünschen können damals.

    Weil ich aber nicht die Fossil-Industrie bin, sondern mir wünsche, dass wir als demokratische Gesellschaft uns endlich zu wirkungsvollen Maßnahmen gegen die Klimakrise durchringen - wofür es Mehrheiten braucht, auch in konservativen Milieus - bin ich heute noch wütend auf die LG.

    • @Hanno Homie:

      Und was schlägst Du vor? Was ist wirksam gegen eine Kriegskasse mit täglichen 3Mrd. Reingewinn der Fossillobby?



      Jetzt bin ich gespannt!



      Schönes Wochenende!

  • Echt? Das fragt sich das Internet? Hat der „Job“ der sog. Klimakleber ein Gramm CO2 gespart oder in der damals dafür günstigeren Regierung etwas bewirkt?

    Na, morgen fragt sich das Internet eh was anders.

    Und übrigens, ja, die Regierung sollte Massnahmen ergreifen um die Hitze erträglicher zu machen und an die Ursachen herangehen.