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Ex-Vizekanzler in BerlinWozu sollte Robert Habeck zurückkommen?

Wir können die Probleme nicht bearbeiten, wenn wir auf die alte Welt bestehen. Wir können aber auch nicht in ihr weiterleben – zeigte ein Abend mit Ex-Minister Habeck.

I n dem Roman „Die Nebel von Avalon“ befinden sich zwei Welten am gleichen Ort, die gute alte Welt und die böse neue Welt. Man muss den Nebel teilen können, dann landet man noch in Avalon. Dieses Gefühl der zwei Welten am gleichen Ort hatte ich unlängst bei einem Spiegel-Gespräch im Berliner Admiralspalast mit Robert Habeck. Man war gleichzeitig in der neuen Welt, die Habeck skizzierte, und in der alten Welt, in der der Hauptstadtjournalismus und wir Deutsche weiter leben möchten.

Während Habeck die systemischen Defizite zu fassen versuchte, die aus seiner Sicht derzeit angemessene Zukunftspolitik unmöglich machen, egal, wer regiert, wollte der Spiegel-Journalist wissen, ob er Baerbock blöd findet, ob er Lindner blöd findet, ob er Söder blöd findet und wann er zurückkommt. In keinem Moment ging er auf Habecks Gedanken ein.

Nun will ich keinesfalls auf einem Kollegen herumhacken, sondern auf ein Defizit hinweisen, das mir systemisch zu sein scheint und das Politik, Gesellschaft und eben auch uns Medien betrifft. Wir können die Probleme nicht bearbeiten, wenn wir auf unsere alte Welt bestehen. Wir können aber auch gar nicht in dieser Welt weiterleben, sie verschwindet gerade hinter den Nebeln wie Avalon.

Die maue Hoffnung besteht in einer Verlängerung der Gegenwart, ein bisserl Nachspielzeit, bitte. In der lenken wir uns ab mit Kanzlertausch-Gefasel, Bas-Bashing, Habeck-Psychogrammen und anderem Zeug, welches das Vertrauen in die liberale Demokratie weiter erodieren lässt und damit genau der Plan der AfD ist.

„Die Krise der Demokratie ist tiefer als das Versagen einzelner Politiker“, sagte Habeck. Politik, Gesellschaft und Medien, so verstehe ich ihn, haben in den letzten beiden Wahlkämpfen vermieden, zukunfts- und nun gegenwartsdefinierende Dinge ernsthaft zu besprechen. Weshalb auch die richtigen Antworten ausgeblieben sind.

Weiterwurschteln

Beispiel: Jeder hätte sehen können, dass Russland die Ukraine angreifen würde, keiner wollte es sehen und rechtzeitig handeln. Jetzt könnte jeder sehen, dass Russland keine wirtschaftlichen Perspektiven hat außer Öl, Gas und Kriegswirtschaft. Auch darauf müsste man eine Antwort finden, wenn der Überfall auf die Ukraine ein Einzelfall bleiben soll.

Das „Narrativ“ der alten Welt, in der wir zu leben glauben, war wachsender Wohlstand für alle oder möglichst viele durch Wirtschaftswachstum und Verteilung bei ewigem Frieden und billiger Energie. Das funktioniert so wie bisher in der neuen Welt aber für Deutschlands und Europas Industrie nicht mehr, unter anderem wegen China, Demografie und Russland.

Was auch nicht funktioniert, sind Regierungen, die zum „Spielball der Parteien“ (Habeck) werden, wie die Ampel und nun auch die derzeitige Koalition, und dass – mit systemischer Hilfe von uns Medien – alle gegeneinander ausgespielt werden und jeder ein „Verräter“ ist, der über die engen Parteiprogramme hinaus Kompromissen zustimmt. Oder auch nur irgendetwas vorschlägt, wofür eine Partei nicht gegründet wurde. Das mache den Raum für Politik immer enger. „Die Loyalität muss bei der Regierung sein“, sagt Habeck, „und nicht bei der Partei oder der Fraktion.“

Nun ist es nicht so, dass das keiner außer ihm sehen würde. Viele sehen das auch. Das Problem ist, dass Politik, Gesellschaft und Medien sich gegenseitig so lähmen, dass alle nur in ihrer jeweiligen alten Welt weiterwurschteln können.

Die übliche Frage an Robert Habeck darf daher nicht mehr sein: Wann kommt er zurück? Sie muss lauten: Wozu? Was wollen wir und was sind wir bereit, dafür zu tun oder zu lassen? Wenn wir das beantworten können, sind wir einen großen Schritt weiter.

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Peter Unfried

Peter Unfried Chefreporter der taz

Chefreporter der taz, Chefredakteur taz FUTURZWEI, Kolumnist und Autor des Neo-Öko-Klassikers „Öko. Al Gore, der neue Kühlschrank und ich“ (Dumont). Bruder von Politologe und „Ökosex“-Kolumnist Martin Unfried
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24 Kommentare

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  • "Wozu sollte Robert Habeck zurückkommen?"



    Völlig egal, was von dem Mann bezüglich Kompetenz, Meinung oder Persönlichkeit zu halten, er ist politisch verbrannt. Das hat die tendenziell konservative Meinungsblase erfolgreich hinbekommen.

    Wenn man bedenkt, dass der Mann seinerzeit durchaus als möglicher Kanzler gehandelt wurde...

  • "Jeder hätte sehen können, dass Russland die Ukraine angreifen würde, keiner wollte es sehen und rechtzeitig handeln."

    Es ist erschreckend, wie früh man das wusste, wie inzwischen klar geworden ist. Und mal von Bidens Bemerkung Putin gegenüber, dass "minor incursions" schon ok seien, abgesehen, hat man darum inzwischen den Eindruck, der Krieg sei gewollt gewesen. Denn hätte man Putin unmissverständlich klargemacht, dass die Ukraine vom Westen massiv unterstützt werden würde, auch wenn sie nicht zur Nato gehört, dann hätte es diesen Angriffskrieg nicht gegeben.

  • Vielen Dank für den guten Artikel, der hoffentlich Früchte tragen wird.

  • Vielleicht weil Habeck dann doch mehr wirtschaftliche Kompetenz und politische Weitsicht hat als die Union? Kann ja durchaus sein.

  • >Weshalb auch die richtigen Antworten ausgeblieben sind.<

    Wo sollen sie herkommen? Gibt es sie überhaupt? Es fehlt nicht an Erzählungen - die kommen von Leuten wie Merz und Habeck und Bas - es fehlt an glaubhaften Erzählungen.

    • @test_name:

      Sie meinen es fehlt an Erzählungen die Sie glauben wollen.

  • Angeblich leben ja in Finnland die glücklichsten Menschen.

    • @Mondschaf26:

      Was soll uns das sagen?

  • Solange nur auf Wachstum gesetzt wird und die Produktivitätszuwächse gleichzeitig zu unanständig großen Anteilen bei denen landen, die schon ganz viel haben und lediglich ihr Geld arbeiten lassen, wird eine positive kollektive Vorstellung einer im wesentlichen gleichen, friedlichen und ökologischen europäischen Gesellschaft, in der weniger auch mal mehr sein darf, nicht gelingen.

    • @Torre Mentilio:

      Eine modernisierte Fassung von "Erst wenn der letzte Baum gerodet....", unverändert realistisch.

      • @Erfahrungssammler:

        Will aber keiner hören, daher müssen wir wohl mal so richtig auf die Schnauze fallen mit diesem dummen und perversen Wirtschaftssystem.

        • @aujau:

          Ich bin mir sicher: Die Profiteure von diesem dummen und perversen Wirtschaftssystem werden weich fallen, und die üblichen Deppen werden sich gegenseitig Konkurrenz machen, ihnen aufzuhelfen.

  • Ein relativ langer Artikel für eine Erkenntnis die in drei Sätze passt. Aber trotzdem gut auf den Punkt gebracht.



    Die Politiker haben viele Berater auch Fachleute darunter, aber wenn Fachleute in den Medien befragt werden, stellt sich oft heraus das ihr Rat nicht befolgt wird. Das kenn ich aber im Privatleben genausso auch.



    Wer sich die Mühe macht die Politeia zu lesen wird erkennen das dieses Problem nicht neu ist.



    Einige Medien zeigen auch deutlich, an dem Unterschied ihrer Überschriften und den Inhalten, das sie es nicht wert sind gelesen zu werden.



    Was können wir tun?



    Geld in die Hand nehmen und arbeiten.

    - Probleme klar zu analysieren.



    - Lösungsvorschläge und Alternativen erarbeiten



    - die Öffentlichkeit darüber informieren und zu mobilisieren

    Man sollte denken das ist die Aufgabe der Politiker und ihrer Parteien. Aber die EU hat damit zu tun das Marmelade auch Marmelade heissen darf.



    Aber wenn sie es nicht tun sind Wissenschaft und Medien gefragt.



    Auch Gewerkschaften könnten Einfluß nehmen. Zum Beispiel um eine Rentenreform durchzusetzen.

    Wenn das aufgewiegelte Volk mit den Füssen abstimmt wird es schwieriger.

  • Ja wie? & Ach was! Vagel Bülow

    “ Wir können die Probleme nicht bearbeiten, wenn wir auf die alte Welt bestehen.“ 🤔🧐🙀



    Vllt ja auf - der alten Welt? Who knows?!



    Oder das - das dann doch ooch wieder nich?



    & Däh - wenn einem bei der einen einen Frage nichts mehr peinlich ist - wa!



    “ Die übliche Frage an Robert Habeck darf daher nicht mehr sein: Wann kommt er zurück? Sie muss lauten: Wozu? Was wollen wir und was sind wir bereit, dafür zu tun oder zu lassen? Wenn wir das beantworten können, sind wir einen großen Schritt weiter.“ Ach was! Loriot

    kurz - Wer bitte wollte das denn? 🤔🥳🤣



    Volkers 🫦“Die und der - sin Waagenschmeer •

  • Es gibt nur sehr wenige Politiker*innen, die so nachdenklich auftreten wie Habeck. Gut so Robert!

  • Gut, dass es nicht nur die Journalisten gibt, die ausschließlich "blöde" Fragen stellen, sondern auch die, die ganz kluge Fragen stellen und darüber hinaus alles zu geben bereit sind, und zwar immer im Namen des im Artikel reichlich verwendeten "wir", um damit die "alte Welt" auch nicht zu retten.

  • Kluge und richtige Analyse, leider aus der bekannten Perspektive verfasst und nach dem altbekannten Prinzip "wenn Deutschland über Europa, spricht es von Deutschland".

    So gab es genügend Stimmen in Europa die frühzeitig davor gewarnt haben, dass Russland die Ukraine angreifen würde. Balten und Polen seien an dieser Stelle genannt. Nicht hören wollten es vor allem Deutschland und Frankreich.

    Die zwei Länder im Zentrum Europas, die in der Vergangenheit so vieles nicht hören wollten und in dem von Autor beschriebenen Status so lange verharrten, bis ein "weiter so" schlicht nicht mehr möglich war.

    Nur in vielen Teilen Europas sieht es mittlerweile anders aus als in Deutschland, dort wurde die Zukunft nicht halb verschlafen und deren Demokratien stecken nicht in einer Krise.

    Ein Blick in die Nachbarländer sorgt für Aufklärung. Balten, Skandinavier, Spanier, Iren etc sind gut aufgestellt wenn es um EE, Digitalisierung, Bildung, Technologie oder Militär geht.

    Die grossen Vier haben Reformen verschlafen und schwelgen daher lieber in der Vergangenheit. Die kleinen bestehen indessen durch Innovationen und Anpassungen an die Herausforderungen, welche die Zukunft mit sich bringt.

    • @Sam Spade:

      Spanien ist militärisch nicht gut aufgestellt und Irland hat faktisch kein Militär.

      • @Machiavelli:

        Nun ergibt es sich aufgrund der Zeichenbegrenzung schon einmal, das eine Auflistung ohne konkrete Zuordnung erfolgt.

        Das Irlands Militär nicht zu den schlagkräftigsten in Europa gehört, war mir beim Verfassen durchaus bewusst.

    • @Sam Spade:

      Bei einigen Punkten (Russland, Zukunft verpennt, überteuerte und schlecht organisierte Armee etc.) würde ich Ihnen recht geben. Um die Richtigkeit der Argumente zu untermauern, halte ich den Vergleich mit den (einwohnermäßig) "Kleinstaaten" wie Norwegen oder Baltikum allerdings für unzulässig. Die Strukturen der Staaten und die "Lebenswelten" sind bei genauerem Hinsehen einfach zu unterschiedlich. Ein von der Bevölkerung her homogener Staat wie N kann vieles natürlich einfach regeln. Auch ich würde es begrüßen, wenn Verkehrssünder hierzulande brachial verfolgt und umgehend die ganze Härte des Gesetztes spüren würden.



      Auch wäre es schön, wenn Ditschl über einen überquellenden Staatsfond verfügte, der mit dem Verkauf fossiler Rohstoffe (die andere verbrennen) gefüllt wurde, um selbst dank natürlicher und unverdienter Wasserkräfte als "EE-Weltmeister" dazustehen u.s.f.



      Der Spiegel überschrieb heute einen Artikel mit "Im Königreiche des reichen Pöbels". Da ging es zwar um die norwegische Monarchie, aber die Norweger sind ja auch im allgemeinen recht wohlhabend.

      • @Vigoleis:

        Nun habe ich keinen Kommentar zu Norwegen verfasst und erst recht nicht zum norwegischen Königshaus. Kleine Anmerkung der junge Sexualstraftäter ist kein Mitglied dieses Hauses.

        Ich gebe ihnen ein anderes Beispiel. Anfang des Monats war ich seit langer Zeit wieder einmal in Litauen und habe über die Norway Grants an einem Projekt namens Justice and Civil Protection teilgenommen und dabei konnte ich auch einen Blick hinter die Kulissen werfen.

        Von E Government bis digitaler Bildung alles auf dem neuesten Stand. 5 G flächendeckend etc. Volldigitalisiert und das wesentlich moderner als hier in Norwegen und schon gar kein Vergleich zu Deutschland.

        Eine innovative Politik und ein Gemeinwesen welches die selben Ziele verfolgt sind der Schlüssel zum Erfolg.

        Da braucht es in Deutschland weder EE aus Wasserkraft noch einen Staatsfond der sich aus dem Verkauf von Rohstoffen speist um auf ihren Vergleich mit Norwegen zurückzukommen.

        Deutschland ist eine der größten Wirtschaftsnationen der Welt und hat seine eigenen Stärken, schöpft sein Potenzial aber nicht annähernd aus. Einige Gründe dafür wurden im Artikel bereits genannt.

        • @Sam Spade:

          "Eine innovative Politik und ein Gemeinwesen welches die selben Ziele verfolgt sind der Schlüssel zum Erfolg." Da stimme ich zu, ergänze aber, dass ohne den Beitrag und unbedingten Willen jedes einzelnen Bürgers (und nicht nur einer mehr oder weniger großen Teilmenge) das gemeinsame Werk auch nicht gelingt. Und da sehe ich in Ditschl das eigentliche Problem.

      • @Vigoleis:

        Wenn die schiere Größe das Problem ist, dann sollte sich Deutschland eben auch auf handlichere Verwaltungseinheiten aufspalten.

        • @nihilist:

          Für einige Landesteile wäre dies mit hoher Wahrscheinlichkeit von Vorteil. Andere wiederum würden in dem Sumpf, in dem sie stecken, vollends versinken. Dort liegen die Probleme tatsächlich anderswo..