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Debatte ums StaatsoberhauptBrauchen wir endlich eine Bundespräsidentin?

Das höchste Amt der Bundesrepublik braucht kein Geschlecht. Eine Geschlechtsidentität greift genauso zu kurz wie eine Parteienidentität.

Bisher haben zwölf Männer ihre Gäste im Schloss Bellevue, dem Amtssitz des Bundespräsidenten empfangen Foto: Breuel-Bild/imago

B raucht es „eine Frau“ im Amt des Bundespräsidenten? Manche knurren jetzt sicher, es müsse heißen: „im Amt der Bundespräsidentin“. Meinetwegen gern, aber damit verlagern die einen traditionellen Fortschritt auf eine korrektsprachliche Ebene. Den anderen ist das völlig schnurz. Jedenfalls ist meine Antwort Nein. Selbstverständlich ist nach zwölf Männern eine Frau in Anbetracht von Geschlechterrepräsentation mehr als angemessen, gern auch die nächsten zwölf. Allerdings: Welche und wozu? Hit me, aber Alice Weidel ist auch eine Frau.

Dieses Amt braucht kein Geschlecht. Eine Geschlechtsidentität greift genauso zu kurz wie eine Parteienidentität. Es braucht eine Person, die den Ernst der Lage und unsere Möglichkeiten intellektuell und rhetorisch umreißen kann und das möglichst vielen Leuten so näherbringt, dass es sie erreicht, bewegt und es sich individuell und gesellschaftlich konstruktiv auswirkt.

Das klingt realpolitisch naiv, denn so läuft es bekanntlich nicht. Es läuft so, dass Friedrich Merz jemanden vorschlägt und, wenn er schön Obacht gibt, dann auch jemanden, der bei der Wahl eine Mehrheit bekommt. Aber wir sollten die Möglichkeit verfolgen, dass die Interessen an dem Amt über die Parteien hinausgehen, die die Mehrheitsstimmen besorgen, und auch über die Geschlechterrepräsentation.

wochentaz

Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!

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Soll es in diesem Sinne eine Politökonomin aus Potsdam mit Transformations-Know-how sein, eine Klimaaktivistin, für die man die Altersgrenze senkt, ein schwäbischer Hannah-Arendt-Ultra, ein Philosophenweltpolitiker, eine Gegenwartsautorin, die alle Seiten der Gesellschaft anzusprechen bereit ist, Stadt, Land, West, Ost und gerade auch AfD-Wähler? Eine liberalkonservative Jüdin, die eine heterogene Mitte der Gesellschaft und die unauslöschliche Verpflichtung Deutschlands gegenüber Israel klammert?

Überall gibt es Zielkonflikte

Das Biografische ist indes nur eine Facette, sowohl was die Symbolik angeht als auch das Kultur- und Kompetenzfeld. Die Gegenwart ist voller Widersprüche, überall gibt es Zielkonflikte, und eine zentrale Aufgabe eines Bundespräsidenten könnte es sein, diese Widersprüche aufzuzeigen und möglichst vielen Leuten nahezubringen, sich nicht mehr wegzuducken, sondern sie anzunehmen und zu versuchen, damit umzugehen. Das Ziel müsste es sein, nicht durch einen Schnarchmodus im Politikerbeliebtheitsranking verlässlich ganz oben zu stehen, sondern Leben in die diskursive Bude zu bringen.

Selbstredend würde erst mal das übliche Geheule losgehen: Darf die oder der das? Das haben wir doch noch nie so gemacht! Ist das nicht „neoliberal“ oder „links“? Sind wir nicht eh schon so gestresst?

Leute, wir sind einfach nicht mehr in der gemütlichen Situation, in der man sagen kann: Ist doch eh egal, wer Bundespräsident ist. Oder Jahrzehnte davon schwärmen kann, dass einer mal eine „Ruckrede“ gehalten hat, nach der überhaupt nichts geruckt ist, was aber okay war in einer Zeit, in der gut gemeintes Sprechen als Exzellenzbeweis galt. Jetzt muss es wirklich rucken. Dafür muss man ehrlich, differenziert, konstruktiv und empathisch sprechen und auch knallhart Probleme, Ziele, Ansprüche diskutieren und dann zu Wegen und Lösungen kommen.

Das richtige Sprechen unserer Zeit weiß um die Widersprüche und ist damit jenseits des „richtigen Sprechens“ der Parolen und Korrektheiten. Durch die Videos des Ampelvizekanzlers Robert Habeck, seine öffentlichen Ansprachen zu den großen Fragen der letzten Jahre (etwa zu Ukraine und Palästina) wurde sichtbar, was es da für ein Vakuum gab, und auch, was für einen Bedarf. So ein selbstreflexives, abwägendes, kluges, mutiges Sprechen muss Maßstab sein und fachliche Qualifikation für die nächste Bundespräsidentin (w/m/d). Ich freue mich auf Ihre Bewerbung.

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Peter Unfried
Chefreporter der taz
Chefreporter der taz, Chefredakteur taz FUTURZWEI, Kolumnist und Autor des Neo-Öko-Klassikers „Öko. Al Gore, der neue Kühlschrank und ich“ (Dumont). Bruder von Politologe und „Ökosex“-Kolumnist Martin Unfried
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1 Kommentar

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  • Die Mehrheit der Bundespräsidenten waren Juristen und/oder Berufspolitiker. Die Ausbildung zum Juristen war besonders häufig.



    Der einzige Techniker war Heinrich Lübke (Agraringenieur).



    Kürzlich war Girls Day, MINT Berufe, auch im Handwerk wurden warm empfohlen. Gesellenprüfung als Radio- und Fernsehtechnikerin und Tätigkeit im Handwerksbetrieb mit nachfolgender Aufstiegsfortbildung zur staatlich geprüften Technikerin ( Elektrotechnik) und Tätigkeit bei einem Hubschrauberhersteller vor ca. 30 Jahren wär doch was, waren reife Pionierleistungen. Ich hab mich gewundert, dass sie beim Girls Day nicht da war, oder habe es übersehen.



    Wir brauchen das, damit in diesem Amt mal Proporz und berufliche Erfahrung, die für unser Land repräsentativ sind, einkehrt. Viriginie Guyot hat ja mal die Patrouille de France kommandiert, ist nicht abgestürzt und das hat ja auch was mit Luftfahrt zu tun.