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Vergleich von Bayer mit US-KrebsopfernKeine Absolution für Glyphosat

Kommentar von

Jost Maurin

Trotz des Vergleichs bleiben Zweifel an der Sicherheit von Glyphosat. Lebensmittel lassen sich auch ohne den Pestizidbestseller erzeugen.

Protest gegen den Einsatz von Glyphosat bei der „Wir-haben-es-satt“-Demo am 17. Januar in Berlin Foto: Stefan Boness

D er geplante Sammelvergleich zu Glyphosat des Chemiekonzerns Bayer mit Krebspatienten in den USA ist keine Absolution des Pestizids. Die Anwälte der Kläger haben nicht etwa eingelenkt, weil ihnen die Belege dafür ausgehen würden, dass der Unkrautvernichter Krebs auslöst. Vielmehr befürchten sie, dass die Bewegung von US-Präsident Donald Trump Bayer zu Hilfe kommt und die Rechte der Kläger aushöhlt.

Die konservative Mehrheit des Obersten US-Gerichtshofs hat gerade einen Fall zur Entscheidung angenommen, der auf Betreiben Bayers den Klagen die Rechtsgrundlage entziehen könnte. Dabei geht es nicht um die Frage, ob Glyphosat Krebs erregt oder nicht. Sondern ob die Betroffenen sich auf das Verbraucherrecht von Bundesstaaten berufen dürfen, obwohl die US-Umweltschutzbehörde EPA den Stoff unter Trump als unbedenklich eingestuft hat.

An dieser Entwarnung gibt es berechtigte Zweifel. Die Internationale Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation hat Glyphosat 2015 als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft. Denn mit der Chemikalie gefütterte Säugetiere hatten Tumore entwickelt. Die Agentur steht nicht so stark unter dem Einfluss der Industrie wie manche Zulassungsbehörde. Erst vergangenes Jahr veröffentlichte das italienische Ramazzini-Institut eine Studie, wonach Glyphosat bei Laborratten Krebs verursacht.

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Deshalb ist es unverantwortlich, dass zum Beispiel Bayer das weltweit meist genutzte Pestizid immer noch verkauft. Anders als der Konzern suggeriert, ist Glyphosat nicht nötig, um Lebensmittel zu erzeugen. Das beweisen unzählige Biolandwirte jeden Tag. Sie verhindern, dass sich Unkraut überhaupt so stark auf ihren Feldern ausbreiten kann, indem sie besonders viele Fruchtarten auf jedem Acker abwechseln. Vielfältige Fruchtfolgen reduzieren den Unkrautbefall. Zwar fällt die Ernte ohne chemisch-synthetische Pestizide mitunter kleiner aus, aber diese Defizite lassen sich durch eine Reduktion des Fleischkonsums kompensieren. Schließlich ernährt eine pflanzliche Kalorie mehr Menschen, wenn sie direkt gegessen statt erst verfüttert wird.

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Redakteur für Wirtschaft und Umwelt
Jahrgang 1974. Er schreibt vor allem zu Ernährungsfragen – etwa über Agrarpolitik, Gentechnik und die Lebensmittelindustrie. Journalistenpreis "Faire Milch" 2024 des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter. 2018, 2017 und 2014 gewann er den Preis "Grüne Reportage" des Verbands Deutscher Agrarjournalisten. 2015 "Bester Zweiter" beim Deutschen Journalistenpreis. 2025 nominiert für den Deutschen Journalistenpreis, 2022 nominiert für den Deutschen Reporter:innen-Preis (Essay "Mein Krieg mit der Waffe"), 2013 für den "Langen Atem". Bevor er zur taz kam, war er Redakteur bei der Nachrichtenagentur Reuters und Volontär bei der Süddeutschen Zeitung.
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13 Kommentare

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  • Das Problem ist doch generell der Einsatz von Herbiziden. Glyphosat ist deshalb so erfolgreich geworden, weil es so gut funktioniert und so wenig Nebenwirkungen hat, im Vergleich zu anderen Herbiziden. Glyphosat verbieten, damit anschließend ein noch schlechteres Mittel zu ersetzen, ist, wie den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben.

  • Immer diese Halbwahrheiten ! Es stimmt das die WHO Glyphosat 2015 als "wahrscheinlich Krebserregend" eingestuft hat, übrigens das selbe Jahr in dem Handystrahlung in dieser Kategorie gelistet wurde, es aber schon 2016 wieder, nach dem mehr Studien ausgewertet wurden, dort entfernt hat.



    Im Oktober 2025 hat das Bundesinstitut für Risikobewertung Glyphosat offiziell als NICHT krebserregend, erbgutverändert oder fortpflanzungsgefährdend ( www.bfr.bund.de/mi...-stoff-eingestuft/ ) eigestuft.



    Mann kann persönlich gegen chemischen Pflanzenschutz sein, aber dann auch bitte bei den Fakten bleiben !

  • Natürlich geht es auch mit weniger Glyphosat. Aber die Erträge sind dann deutlich niedriger und nicht nur "mitunter". Das bedeutet erheblich größerer Flächenbedarf.



    Durch erhöhten Maschineneinsatz zur Unkrautbekämpfung wird auch der Dieselverbrauch deutlich größer. Also beides schlecht für´s Klima.



    Die WHO stuft Glyphosat auch weiterhin als gesundheitlich unbedenklich ein. (Pflanzenschutzexperten des JMPR). Und damit steht sie nicht alleine da, z.B. auch das unabhängige deutsche BFR.



    Die umstrittene Piazzini-Studie habe ich gelesen, aber die überzeugt mich nicht.

  • Ja, es ginge mit mehr Bio - auch für „Normalverdiener“. Aber dann bleibt halt weniger für andere Ausgaben über. Letztlich sind aber nur wenige bereit den eigentlich notwendigen Preis für Lebensmittel zu zahlen, wenn damit Veränderungen des bisherigen Lebensstils, mehr eigene Arbeit, mehr Planung oder höherer organisatorischer Aufwand verbunden wären. Wir kaufen schon seit finanziell engen Studentenzeiten überwiegend ökologisch erzeugte, möglichst regionale Lebensmittel und haben daher diese Lernkurve zum Glück sehr frühzeitig nehmen können. Bevor alle möglichen sonstigen Bequemlichkeiten und Anforderungen uns ggf. abgehalten hätten.

  • Meiner Ansicht nach sind die Klägeranwälte nicht vor Trump eingeknickt, sondern folgen schlicht dem Grundsatz, dass man die Kuh, die man melken möchte, besser nicht schlachtet. Der angestrebte Vergleich soll eine Laufzeit von 21 Jahren haben, bei einem Gesamtumfang vo 7 Mrd USD, das entspricht einem garantierten Zufluss von Finanzmitteln von mehr als 300 Mio USD per annum in die Klägerkassen, was nebenbei bemerkt bedeutet, daß darauf vertraut wird, daß Bayer auch in 20 Jahren noch zahlungsfähig ist! Und ja, es ist keine Absolution und es ging hierbei auch nicht um einen Kanzerogenitätsnachweis. Der sollte sowieso besser von OnkologInnen geliefert werden als von JuristInnen.

  • Glyphosat ist auch in der EU und in Deutschland zugelassen und auch in vielen anderen Ländern außerhalb der USA. Alle Zulassungsbehörden haben das Herbizid für unbedenklich erklärt.

    • @K2BBQ:

      Das bedeutet jetzt was? Asbest wurde auch hundert Jahre verharmlost.

      Es gibt ja verschiedenste Studien dazu, allerdings sind die Schlüsse die daraus gezogen werden politisch-wirtschaftlicher Art und nicht naturwissenschaftlich-medizinischer Art.

  • Beim Fressen endet die Moral



    Natürlich geht es auch ohne Glyphosat, doch die manuelle Arbeit wird deutlich aufwändiger und das Gemüse somit empfindlich teurer. Einen Blumenkohl unter 3-4€ geht dann nicht mehr, die Kartoffeln, Getreide und Fleisch kosten dannfast das Doppelte, weil auch Schweine, Hühner und Kühe Getreide und Rüben fressen.



    Wenn sie so ehrlich sind, dies den Verbrauchern auch so offen zu sagen und die ihr Kaufverhalten bereit sind zu ändern, dann geht es auch ohne Glyphosat.



    Ich fürchte nur, dass es zum Aufstand kommt, wenn die unteren Einkommensgruppen sich kaum noch Gemüse und Fleisch leisten können.



    Nein, ich bin kein Freund von Glyphosat, ich kann es mir leisten die "besseren" Produkte zu kaufen. Aber man sollte immer beide Seiten der Medaille benennen.

    • Jost Maurin , Autor des Artikels, Redakteur für Wirtschaft und Umwelt

      @Hans Dampf:

      Wenn man die volkswirtschaftlichen Folgekosten des Glyphosat-Einsatzes (Artensterben, Gesundheit etc.) einkalkuliert, ist Landwirtschaft ohne Glyphosat vermutlich sogar billiger.

      • @Jost Maurin:

        "Wenn man die volkswirtschaftlichen Folgekosten des Glyphosat . .. einkalkuliert" und die



        - des Autofahrens,



        - des Heizens,



        - des Bauen und Wohnen,



        - des Stromverbrauchs von Internet und Bitcoin,



        - fast sämtlicher Verpackungen und Industrieprodukten,



        ....., dann wäre alles unbezahlbar fürs das "normale" Volk. Wer dies tut, verliert seine Wähler, auch wenn es richtig wäre/sein könnte/ist. Das Volk würde dies in Konsequenz nicht mittragen. Reden ist das eine, so zu handeln was völlig anderes.

      • @Jost Maurin:

        Das kommt drauf an wie man rechnet. Sollte es stimmen, dass der Ertrag ohne Glyphosat deutlich geringer ist und folglich mit mehr Hungertoten zu rechnen ist, muesste die Toten mit in die Rechnung einbezogen werden. Es stellt sich dann nicht nur die schwer zu beantwortene Frage wieviel eine Art wert ist, sondern auch wie man den Verlust an Menschenleben einbezieht.

        Das schreit quasi danach, dass solch eine Rechnung je nach Intention anders ausfaellt.

      • @Jost Maurin:

        Damit diese Kalkulation zum Tragen kommt, müsste der Tellerrand allerdings weiter entfernt sein als das nächste Quartalsende.



        Meine Rente ist weiß Gott überschaubar. Aber allein die Tatsache, dass wir nichts wegwerfen, nicht rauchen und nicht siewissenschon, trägt dazu bei, dass wir uns hochwertige und unbedenklich produzierte Lebensmittel leisten können.

      • @Jost Maurin:

        Im Prinzip richtig. Aber es gibt keine wirklich sinnvolle Gesamtkostenrechnung. Wieviel soll eine Art wert sein? Die Berechnungen der Bestäuberleistungen sind schon künstlich, was wäre es dann für den Käfer xy? Wenn man Gesundheit berechnet, landet man im Endeffekt beim Wert des (menschlichen) Lebens. Auch wenn es bei Tötungsprozessen Wertzumessungen gibt, so gibt es doch keinen geldlichen Wert.

        Nein, man muss nicht alles einem Geldwert zuordnen und sollte trotzdem die Natur bestmöglich schützen und bewahren.