debatte: Offenheit lohnt sich
Wowereits legendäres Coming-out vor 25 Jahren hat Homosexualität in der Politik entdramatisiert. Warum passiert das nicht auch im Männer-Profifußball?
SPD-Landesparteitage sind in der historischen Betrachtung normalerweise nie der Rede wert, aber der vom 10. Juni 2001 wird im Gedächtnis bleiben. „Ich bin schwul – und das ist auch gut so“, sagte dort Klaus Wowereit, damals Fraktionschef der SPD im Berliner Abgeordnetenhaus und Bürgermeister-Kandidat für die Hauptstadt. Dieser Satz veränderte die atmosphärische Lage der Republik im Hinblick auf Homosexualität ums beinah Ganze.
Wowereit griff damit ein Thema auf, das bis dahin zum Repertoire homophober Kommunikation gehörte: Sprich nicht drüber! Du kannst schwul (oder lesbisch) sein, aber schweig darüber, denn die Öffentlichkeit wird dir ihre Liebe entziehen, jeden Respekt verweigern – du wirst fallen!
Die Homosexualität Wowereits war in seinem Umfeld kein Geheimnis, aber er wollte mit seinem öffentlichen Selbst-Outing jeder Denunziation den Boden entziehen. Schon so manche Karriere, ob von Männern oder Frauen, war zuvor zerstört worden mit dem Hinweis, er oder sie sei nicht wählbar, weil … homosexuell.
Und zwar in allen gesellschaftlichen Bereichen. Das war mit diesem Satz passé, zumal – oder gerade weil – dieser Sozialdemokrat auch noch das frivol anmutende „… und das ist auch gut so“ anschloss. Aus ultrakonservativer Perspektive gesagt: Da isser schon so – und dann ist er auch noch frech!
Der damals 47-Jährige war der erste Politiker einer (zu dieser Zeit noch) großen Partei, die dieses Experiment wagte: Das eigentlich Gewöhnliche nicht zum Erpressungsgrund werden zu lassen. Volker Beck von den Grünen zählte nicht so recht, weil er kein Akteur einer damals überall wurzelnden Partei war. Und Guido Westerwelle (FDP), Ole von Beust (CDU)? Sie kamen nach diesem Berliner Politiker, in gewisser Weise Post-Wowereit.
Es war nicht so, dass es keine schwulen Männer oder lesbischen Frauen in öffentlichen Ämtern gab – aber sie hatten immer aufzupassen, dass ihre Art des Liebens nicht ruchbar wird. Stetig erpressbar in eigener Sache, behindert im Prinzip, weil es die heteronormative Gewöhnlichkeit verlangte.
Wowereit, der diesen Satz als den wichtigsten seiner politischen Karriere bezeichnete, wurde mit dem Selbst-Outing von der konservativ-bürgerlichen Presse als politisches Leichtgewicht gehandelt, als ob ein offen schwuler Politiker der Hauptstadt nicht zumutbar sei. Die queere Community lernte mit ihm: Offenheit lohnt sich, Versteck zu spielen ist nicht mehr überall nötig.
JanFeddersen ist Redakteur für besondere Aufgaben. Seit 1996 in Berlin bei der taz, zuletzt Kurator des taz lab und der taz Talks. Seit 2011 mit dem in Hamburg lebenden Historiker Rainer Nicolaysen in einer Eingetragenen Lebenspartnerschaft, seit 2018 mit ihm verheiratet. Lebensmotto: Da geht noch was!
Mehr noch: Der berühmte Satz, von dem nicht nur die CDU in Berlin hoffte, er bereite der SPD eine Niederlage, zerschellte an der politischen Wirklichkeit. Wowereit nämlich war gerade bei den älteren und alten Berlinern unglaublich populär. Die LGBT*-Community begriff: Man kann mit Schwulem oder Lesbischem auch gewinnen.
Das war, historisch gesehen, ungewohnt. Heute ist das anders: Zwei Fraktionschefs der Bundesregierung sind schwul, mehrere Ministerinnen aus Bundes- und Landesregierungen waren und sind lesbisch – und niemanden interessiert es. Ein Vorsitzender einer großen Gewerkschaft ist homosexuell, wie auch etliche Bürgermeister:nnen. Sie stehen (auch) als offen homosexuell zur Wahl und finden mehrheitlich Zuspruch. Sogar die Chefin der rechtspopulistischen AfD, Alice Weidel, ist offen lesbisch und in ihrer Partei deshalb nicht weniger populär. Sie alle achten allerdings strikt darauf, sich nicht auf Zuschreibungen einzulassen à la: Du bist lesbisch oder schwul und machst jetzt entsprechende Fachpolitik für LGBTI*-Belange. Auf dieses schmale Politikfeld eingehegt zu werden, dafür waren und sind ihre Ambitionen zu groß.
In den gesellschaftlichen Sphären der genannten Männer und Frauen spielt ihre Art der Begehrensfähigkeit mithin eine viel weniger dramabegründende Rolle als in den Generationen vor ihnen. Blickt man jedoch genauer auf diesen Prozess der Lockerung des Sittengefüges, bleibt es kompliziert: Untersuchungen zu Befindlichkeiten Homosexueller am Arbeitsplatz zeigen, dass antischwule oder -lesbische Diskriminierung nach wie vor zum Mobbingrepertoire heterosexueller Menschen (viel mehr von Männern als von Frauen) gehört.
Ein relevanter Bereich gesellschaftlicher Aufmerksamkeit entzieht sich dem Liberalisierungstrend hierzulande allerdings nach wie vor hartnäckig: der Männerfußball. Seit 40 Jahren gibt es hierzu Gerüchte, Andeutungen, Gossip. Und seit 20 Jahren einschlägige Agitationen von NGOs, es möge sich doch endlich mal ein schwuler Profifußballer outen – erfolglos.
Jüngst sagte sogar der DFB-Nationaltrainer Julian Nagelsmann, er kenne zwar viele Homosexuelle, könne sich aber auch nicht erklären, warum sich niemand im Profifußball als schwul outet. Beziehungsweise erst nach Karriereende wie der einstige Nationalspieler Thomas Hitzlsperger. Niemand weiß genau, warum das so ist. Möglicherweise, weil die betreffenden Spieler fürchten, von ihren Mannschaftskameraden im Falle eines Outings allein gelassen zu werden? Weil ihnen beim Torjubel niemand mehr mit Schmackes in die Arme fällt? Oder weil sie sehr hässliche Schmähungen durch das Publikum fürchten?
Eventuell liegt es auch an der Mentalität der berufsbegleitenden Personen, die auch Klaus Wowereit vor 25 Jahren davor warnten, sich zu outen. Beim Fußball namentlich Spielerberater, Trainer und die Funktionäre überhaupt. Die glauben, dass ihr Spieler, der sich als schwul zu erkennen geben möchte, an Marktwert verlöre, an sportlicher Kraft, an Durchsetzungsfähigkeit. Dem Publikum auf den Tribünen die Schuld zu geben, ist hingegen klassizistisch gesinnt: Schwules ist längst kein Schocker mehr, auch für sie nicht.
Wowereit jedenfalls hat Homosexualität entdramatisiert – über eine Performance des dramatisch Anmutenden. Das war mutig und auch ein wenig riskant. Im Fußball würde sich dies auch lohnen. Wer traut sich, wer will ein Held sein?
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