Zustand des Waldes: Den Schuss nicht gehört
Eine neue Bilanz zeigt: Unsere Ansprüche an den Wald sind zu groß. Es geht in der Zukunft um seine Existenz.

Z wei Lehren lassen sich aus der neuen Bundeswaldinventur ziehen. Erstens gehört die Reduktion von Treibhausgasen in den Mittelpunkt der klimapolitischen Debatte. Selbstverständlich müssen wir der Natur die Möglichkeit geben, so viel CO2 zu speichern wie möglich. Dazu zählen die Wiedervernässung von Mooren und die extensive Nutzung von Wiesen. Doch was, wenn durch die Erderwärmung höhere Temperaturen und längere Trockenperioden die Vernässung von Mooren erschweren?
Dies ist kein haltloses Geunke, das zeigt der Wald, auf dem so viele Hoffnungen für den Klimaschutz lagen. In den Jahren der Dürre und des Schädlingsbefalls sind die Forste von einer Treibhausgas-Senke zu einer Quelle geworden; in Summe nehmen sie kein CO2 auf, sondern geben es ab. Das sollte all jene verunsichern, die weiter auf fossile Energieträger in Heizungen und Fahrzeugen setzen. Wir müssen raus aus Kohle, Öl und Erdgas, so schnell wie möglich. An der Abkehr von Autos mit Verbrennungsmotoren, Gasheizungen und dem Einstieg in E-Moblilität, Wärmepumpen und grünen Stahl führt kein Weg vorbei.
Die zweite Lehre: Unsere Ansprüche an den Wald sind zu groß, die Erzählung vom „multifunktionalen Wald“ hat sich überholt. In seinem jetzigen Zustand kann er nicht CO2, Wasser und Biodiversität speichern, Holz für den Bau, Papier und Brennstoffe liefern und auch noch Freizeitpark für alle sein. Für den Wald, das zeigt die Waldinventur des Thünen-Instituts, geht es in den kommenden Jahrzehnten um die Existenz.
Nicht nur die Fichten verschwinden aus der Fläche, auch Buchen und Eichen kämpfen. Es wird ein Kraftakt, den Wald zu erhalten. Um die Naturkrise – die sich in Klimawandel und Artensterben zeigt – zu lindern, brauchen Tiere und Pflanzen im Wald mehr Raum, auf Kosten menschlicher Nutzung.
Dass die Verbände von Waldbesitzern und der Energieholzbranche die neuen Zahlen am Dienstag sofort nutzten, um den Status quo zu feiern und ihre Geschäftsmodelle zu sichern, zeigt, dass sie den Schuss nicht gehört haben, der im Wald gefallen ist.
Eine Koalition, die was bewegt: taz.de und ihre Leser:innen
Unsere Community ermöglicht den freien Zugang für alle. Dies unterscheidet uns von anderen Nachrichtenseiten. Wir begreifen Journalismus nicht nur als Produkt, sondern auch als öffentliches Gut. Unsere Artikel sollen möglichst vielen Menschen zugutekommen. Mit unserer Berichterstattung versuchen wir das zu tun, was wir können: guten, engagierten Journalismus. Alle Schwerpunkte, Berichte und Hintergründe stellen wir dabei frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade jetzt müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Was uns noch unterscheidet: Unsere Leser:innen. Sie müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Es wäre ein schönes Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert
Soziologische Wahlforschung
Wie schwarz werden die grünen Milieus?
Streit um tote Geiseln in Israel
Alle haben versagt
Nach Absage für Albanese
Die Falsche im Visier
Nach Taten in München und Aschaffenburg
Sicherheit, aber menschlich
Treibhausgasbilanz von Tieren
Möchtegern-Agrarminister der CSU verbreitet Klimalegende
Ägyptens Pläne für Gaza
Ägyptische Firmen bauen – Golfstaaten und EU bezahlen