Was Hautfarbe politisch macht: Kein Bock auf Unterarmdrücken

In spezifischen Fällen gibt es gute Gründe, über Hauttöne zu sprechen. Colorism ist so ein Fall. Ihre neue Urlaubsbräune hingegen ist defintiv keiner.

Kreidestifte in verschiedenen Brauntönen

Wer Rassismus an einer Farbskala festzumachen sucht, sollte wissen, was das historisch bedeutet Foto: Flavio Coelho/Getty Images

Ach, wie schön, es ist Urlaubszeit. Das ist die Zeit, in der mir andere Leute nach ihren zwei Wochen Badeurlaub erklären müssen – ja, müssen, es ist wohl eine Art Naturgesetz –, dass sie jetzt ja auch so dunkel seien wie ich: „Hihi. Schau, wie braun. Hihi. Aber hey, in Wirklichkeit bist du ja auch gar nicht ‚richtig‘ Schwarz. Hihi.“ Und dann halten sie ihren Unterarm an meinen. Cringefaktor: 100. Das Gute in diesem Jahr: Social Distancing. Das erspart einem tatsächlich einiges.

Problematisch ist diese Art von Hautfarbenvergleich aus mehreren Gründen. Erstens wird hier von einer in der Regel weißen Person versucht, an einer Farbskala festzumachen, wer Schwarz ist und wer nicht. Und das ist nicht nur falsch, weil Schwarzsein nichts mit Farbe zu tun hat. Es ist auch übergriffig, historisch fragwürdig (siehe unten) und naiv.

Denn die meisten Leute, die mich rassistisch behandelt haben, halten vorher nicht ihren Unterarm an meinen. Und damit zu zweitens: Ich empfinde es als herausragende Dreistigkeit, mir zu sagen, dass der Anlass, weshalb ich mein Leben lang Rassismus erlebt habe, aus Sicht einer weißen Person nicht real sei. Das ist eine Form von rassistischem Gaslighting.

Vergleichbares hört man auch bei sexualisierter Belästigung, wenn etwa über eine Person, die davon berichtet, gesagt wird, sie sei ja gar nicht „attraktiv genug“, als dass man das glauben könnte. Diese Form des gesellschaftlichen Augenverschließens kennt man, es kommt genau daher, wo auch: „Ich sehe keine Farben“ und „Wir sind doch alle gleich“ schlummern.

Der Papiertütentest

Und die dritte und vielleicht schwerwiegendste Problematik an der Aussage, dass ich ja nicht „richtig Schwarz“ sei, ist, dass weiße Leute oft davon ausgehen, es sei etwas Gutes, nicht „so richtig“ Schwarz zu sein. Damit offenbaren sie ihren internalisierten Rassismus.

Es ist keine Neuigkeit, dass hellhäutige BPoC in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens Privilegien genießen. Das nennt sich Colorism. Historisch gesehen gab es in den USA etwa den „Brown Paper Bag Test“, wer heller war als die braune Papiertüte, dem standen innerhalb eines rassistischen Systems gewisse Privilegien offen. Die Wurzeln dieser Praktik liegen im Kolonialismus und in der Bevorzugung hellhäutiger Sklav:innen für „gehobenere Arbeit“. Doch dieser Test entschied in den USA bis in die 1960er Jahre etwa über die Aufnahme in Schwarze Studentenverbindungen.

Auch heute noch gibt es Colorism, nicht nur in Nordamerika, auf allen Kontinenten. Wenn es in Deutschland etwa um Diversity geht, sind es in der Regel Menschen wie ich, die die Jobs bekommen oder die Buchverträge. Wir sind es, die die Wohnungen bekommen. Wir sind es, die in Theater, Musik, Film und Fernsehen zu sehen sind. Für weiße Menschen sind diejenigen am annehmbarsten, die im Vergleich „europäisch“ wirken, die in einer weißen Gesellschaft aufgewachsen sind, die vertraut klingende Namen haben. Man kann das überall sehen.

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Seit 2013 bei der taz. Erst Volontärin der taz panter-Stiftung und dann taz eins-Redakteurin. Seit 2019 Ressortleiterin des Gesellschafts- und Medienressorts taz zwei. Schreibt über Gesellschaft, Politik, Medien und manchmal über Österreich.

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