„Gaslighting“ und Rassismus: Angriff auf die eigene Realität

„Gaslighting“ nennt man Verhalten, durch das jemand anderes an der eigenen psychischen Gesundheit zweifelt. Das gibt es auch beim Thema Rassismus.

Die Schauspieler/innen Charles Boyer und Ingrid Bergman schauen in einen Spiegel

Das Stück Gas Light inspirierte den Begriff Gaslighting – Adaption aus dem Jahr 1944 Foto: Prod.DB/imago

Es ist ein hässliches Gefühl, die eigene Wahrnehmung infrage stellen zu müssen. Im Einzelfall ist das nicht weiter schlimm, wenn etwa das Fahrrad nicht da steht, wo es stehen müsste. Oder wenn ein geliebtes Schmuckstück nicht da liegt, wo man so sicher war, dass man es verwahrt hat. Dieser Zustand löst sich in der Regel von selbst. Das Fahrrad wurde ausnahmsweise regengeschützt abgestellt, die Kette in die Schatulle gepackt. Doch was, wenn dieses Gefühl einen nicht verlässt? Wenn es Teil des Lebens bleibt?

Es gibt eine Form von psychischer Gewalt in Beziehungen, die „Gaslighting“ genannt wird. Die meisten Menschen haben das an der ein oder anderen Stelle ihres Lebens vielleicht schon einmal erfahren, vielleicht kennt aber nicht jede:r den Begriff. Gaslighting ist eine Form von psychischer Manipulation. Etwa versucht die eine Person die Umgebung der anderen so zu verändern, dass die an ihrer Wahrnehmung zweifelt.

Eine Taktik der Schwächung, um die es auch in dem Theaterstück „Gas Light“ des britischen Dramatikers Patrick Hamilton aus dem Jahr 1938 geht. Daher der Name. Es handelt von einem Mann, der seine Frau so lange manipuliert, bis sie an ihrer Wahrnehmung zweifelt. Er will ihr einreden, sie leide an einer psychischen Erkrankung.

Gaslighting kann in unterschiedlichen Formen auftreten, in Paarbeziehungen, in Familien, unter Freund:innen oder Kolleg:innen. Wer stets als sensibel, „hysterisch“ oder paranoid dargestellt wird, wem die Schuld für Streitigkeiten zugeschoben wird, die man nicht begonnen hat, und wer so dazu kommt, seine Wirklichkeit anzuzweifeln, der sollte sich Hilfe oder auch das Weite suchen.

Immer wieder dasselbe Muster

Gaslighting ist in einer abgewandelten Form etwas, das alle Menschen, die Rassismus erfahren, nur zu gut kennen. Denn wer in weißen Räumen Rassismus benennt, bekommt gerne Antworten wie: Das war doch nicht so gemeint. Rassismus ist in Deutschland nicht so schlimm wie in XY. Ich finde, du siehst gar nicht so anders aus. Wir sind doch alle gleich. Ich sehe keine Farben. Oder man wird schlicht in die unmögliche Position gebracht, empirisch beweisen zu müssen, dass das, was man selbst erlebt, kein Einzelfall ist.

Im Gegensatz zum Gaslighting in Beziehungen ist es hier nicht eine Person, die wiederholt die Realität einer anderen infrage stellt. Bei rassistischem Gaslighting sind es viele, die nach demselben Muster reagieren. So wird nicht das Handeln der Verursacher:innen infrage gestellt, sondern die Empfänger:innen und deren Zustand.

Auch aus anderen Diskriminierungsformen, etwa Sexismus, ist diese Taktik bekannt: Die Frau wird verunsichert, ihre Motive infrage gestellt, im Vordergrund steht dann das Opfer statt der Täter. Das tut bestimmt nicht jeder böswillig, doch sollte man sich bewusst sein, dass man so vor allem versucht, die eigene Realität zu schützen. Und dass man psychischen Druck auf andere ausübt.

Einmal zahlen
.

Seit 2013 bei der taz. Erst Volontärin der taz panter-Stiftung und dann taz eins-Redakteurin. Seit 2019 Ressortleiterin des Gesellschafts- und Medienressorts taz zwei. Schreibt über Gesellschaft, Politik, Medien und manchmal über Österreich.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben