Wahltalk in Neuköllner Moschee: Provokation im Gebetsraum
Mit einem inszenierten Eklat hat der Spitzenkandidat der FDP versucht, sich in Szene zu setzen. Seine Partei liegt in Umfragen unter 5 Prozent.
Foto: dts Nachrichtenagentur/imago
Die Veranstaltung war für alle Beteiligten ein Wagnis. Der „Rat der Berliner Imame“, dem Vorbeter unterschiedlicher Moscheen der Hauptstadt angehören, hatte für Freitagabend zu einem Wahltalk in die Neuköllner Begegnungsstätte geladen. Unter dem Motto „Politik zum Anfassen, Berlin im Dialog“ waren die Spitzenkandidaten aller großen Berliner Parteien – außer der AfD – eingeladen, um in der Dar-as-Salam-Moschee vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus mit muslimischen Wählerinnen und Wählern ins Gespräch zu kommen.
Die Linke Elif Eralp, die Grüne Bettina Jarasch, SPD-Spitzenmann Steffen Krach sowie der Landesvorsitzende der FDP, der Jurist Christoph Meyer, stellten sich dafür im Gebetsraum der Dar-as-Salam-Moschee an der Flughafenstraße den Fragen der Moderatorin Iman Andrea Reimann, die ein langes, dunkelgrünes Kopftuch trug. Nur CDU-Spitzenmann Stefan Evers hatte abgesagt, weil die Moschee in der Vergangenheit vom Verfassungsschutz überwacht worden war. „Mit Islamisten redet man nicht über Demokratie“, lederte er. Konservative und rechte Medien hatten schon im Vorfeld Stimmung gegen die Veranstaltung in der „Skandal-Moschee“ (B.Z.) gemacht.
FDP-Mann Meyer dagegen nutzte die Einladung für einen inszenierten Eklat. Mitten im Gespräch – kurz davor ging es um die Absage der CDU – hielt er ein großformatiges, älteres Foto hoch, auf dem der Imam der Dar-as-Salam-Moschee, Taha Sabri, gemeinsam mit dem niederländisch-palästinensischen Aktivisten Amin Abu Rashid zu sehen war. Abu Rashid wird vorgeworfen, in der Vergangenheit Gelder für die Hamas im Gazastreifen gesammelt zu haben. Meyer behauptete, er sei ein „führender Kopf der Hamas in Deutschland“ gewesen, mit dem sich Sabri gezeigt habe. Einem anderen Imam warf er namentlich vor, sich nicht genügend vom Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 abgegrenzt zu haben. Von der Moderatorin, die zum Thema der Debatte zurückkehren wollte – der Berliner Landespolitik –, ließ er sich nicht bremsen.
Alte Vorwürfe, neu aufgewärmt
Die Linke Eralp versuchte, die Wogen zu glätten. „Man muss über muslimisches Leben sprechen können, ohne über religiösen Extremismus zu reden. Dafür sind wir hier“, sagte sie und fügte später hinzu: „Ich finde, wir reden viel zu wenig über antipalästinensischen Rassismus in dieser Stadt.“ Die Grüne Bettina Jarasch warf dem FDP-Mann zudem vor, mit dem „Kontaktschuld“-Vorwurf gegen den Imam Taha Sabri die Debatte zu torpedieren.
Tatsächlich hat sich Sabri nach dem 7. Oktober klar gegen Terror und Gewalt ausgesprochen und sich, gemeinsam mit dem Rabbiner Jeremy Borovitz, für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in seinem Bezirk eingesetzt. Gegen den Vorwurf, der Muslimbruderschaft nahezustehen, weshalb seine Gemeinde eine Zeit lang im Berliner Verfassungsschutzbericht stand, hat sie sich erfolgreich zur Wehr gesetzt. Über sein versöhnliches Wirken zwischen den Fronten haben zwei Berliner Regisseurinnen sogar einen Dokumentarfilm gedreht. Dennoch werden die alten Vorwürfe immer wieder aufs Neue aufgewärmt – jetzt wieder von der FDP.
Ihr Spitzenkandidat Meyer hat die Aufmerksamkeit dringend nötig. Seine Partei liegt in allen Umfragen seit Monaten konstant unter 5 Prozent und dürfte den Einzug ins Abgeordnetenhaus, aus dem sie bereits 2023 geflogen ist, schon wieder verpassen. Ihr Kandidat Moritz Wimmer hat sich in den vergangenen Monaten an die iranischstämmigen Monarchisten gehängt, die für Schah-Sohn Reza Pahlavi und den Krieg der USA gegen den Iran auf die Straße gegangen sind.
Preislers Aktivismus zahlt bei der FDP nicht ein
Auf ihrer Landesliste kandidiert auch die Aktivistin Karolin Preisler. Die hat sich in den vergangenen drei Jahren dadurch profiliert, am Rande von pro-palästinensischen Demonstrationen ein Schild hochzuhalten, auf dem „Rape is not Resistance“ steht. Dafür wurde sie im vergangenen Jahr vom Zentralrat der Juden mit dessen „Paul-Spiegel-Preis für Zivilcourage“ ausgezeichnet. Ihre Medienprominenz hilft der FDP aber offenbar wenig. Zuletzt fiel Preisler auch noch dadurch auf, dass sie nach dem Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day öffentlich einen Falschen beschuldigte. Bei Meyers Auftritt in der Dar-as-Salam-Moschee begleitete sie ihn demonstrativ.
Bei muslimischen Wählerinnen und Wählern in Neukölln hat sich die Berliner FDP mit dieser Aktion sicher nicht beliebter gemacht. Aber auf die scheint sie offenbar keinen Wert zu legen.
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