piwik no script img

Abtreibung und patriarchale Ordnung Allianzen beim rechten Rollback

Lilly Schröder

Kommentar von

Lilly Schröder

Zum „Marsch für das Leben“ versammelt sich in Berlin und anderswo die religiöse Rechte. Der Angriff auf Frauenrechte ist auch einer auf die Demokratie.

F undis, das waren einmal diese grauen Mäuse mit langen Röcken und geflochtenen Zöpfen, die Männer in zu engen Hemden mit Kreuzen um die Hälse. Doch die religiöse Rechte hat längst aufgerüstet, agiert digital und transnational, ist bestens finanziert und vernetzt. Die Allianzen reichen von Co­ro­nal­eug­ne­r*in­nen bis zu Burschenschaftlern, von Gloria Fürstin von Thurn und Taxis über Donald Trump bis zum Kreml und zur AfD. Ihr Ziel: der rechte Rollback.

Wie erfolgreich die hybride Kriegsführung ist, zeigte sich 2025 an der gescheiterten Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf zur Bundesverfassungsrichterin. An der Kampagne gegen die Rechtswissenschaftlerin war maßgeblich CitizenGO beteiligt, eine Petitionsplattform gegen Abtreibungsrechte. Finanziert wird die „Pro-Life“-Organisation mit Sitz in Spanien von konservativen Organisationen aus den USA sowie vom Kreml.

In Berlin sowie in Köln und Zürich demonstrieren an diesem Wochenende mit dem sogenannten Marsch für das Leben christliche Fun­da­men­ta­lis­t*in­nen und extreme Rechte gegen das Recht auf Abtreibung. In Berlin findet parallel erstmals eine zweitägige Konferenz radikaler Ab­trei­bungs­geg­ne­r*in­nen statt. Veranstalter ist Heartbeat International, eine weltweit agierende Antiabtreibungsorganisation aus den USA, die der MAGA-Bewegung nahesteht. Seit 2019 gibt die christliche Rechte in den USA jährlich 22 Millionen Dollar für europäische Organisationen aus, die gezielt Frauenrechte untergraben.

Die Grenzen zur politischen Rechten verlaufen fließend. Von den evangelikalen Christen in den USA wählten 2016 etwa 80 Prozent Donald Trump. Nach seinem Wahlsieg feierten MAGA-Fans in den sozialen Netzwerken mit dem Schlachtruf „Your body, my choice“, einer zynischen Umkehr des feministischen Slogans „My body, my choice“.

Hierzulande beruft die AfD prominente Anti-Choice-Akteure als Sachverständige in den Rechtsausschuss des Bundestags und macht Druck, Beratungsstellen wie Pro Familia von der gesetzlichen Schwangerschaftskonfliktberatung auszuschließen. Auf dem Marsch für das Leben laufen seit Jahren AfD-Funktionär*innen mit.

Umzug in die sozialen Medien

Dass die Zahl der De­mo­teil­neh­me­r*in­nen stetig sinkt, ist kein Grund zur Beruhigung. Die Bewegung hat lediglich einen neuen Raum gefunden, in dem sie mehr Menschen erreicht: die sozialen Medien.

wochentaz

Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!

In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

Evangelikale Christfluencer wie Leonard Jäger (@ketzerderneuzeit, 338.000 Follower) gehen mit Verschwörungserzählungen, evangelikal-fundamentalistischen und rechtspopulistischen Inhalten viral. Jäger ist gut vernetzt, inszeniert sich Hände schüttelnd mit Donald Trump und posiert mit Alice Weidel.

Die Christfluencerin Jasmin Friesen (@liebezurbibel, 96.000 Follower), eine enge Freundin von Jäger, postet auf Instagram: „Die Unterordnung der Frau will uns nicht einsperren oder unterdrücken, sondern uns echtes Leben schenken.“

Friesen ist überzeugt, dass nicht der Klimaschutz die Welt retten kann, sondern nur Jesus. Sie ruft jährlich zum Marsch für das Leben auf, vor der Bundestagswahl gab sie eine implizite Wahlempfehlung für die AfD ab.

Die Forderung christlicher Fun­da­men­ta­lis­t*in­nen nach einem Abtreibungsverbot ist nur die Speerspitze. Dahinter steckt der eigentliche Plan, über die Kontrolle weiblicher Körper eine rechte, patriarchale, rückwärtsgewandte Ordnung zu errichten, in der Minderheiten unterdrückt und Verschwörungserzählungen salonfähig werden. Wer die Demokratie verteidigen will, muss dort anfangen, wo sie angegriffen wird: beim Recht auf körperliche Selbstbestimmung.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Lilly Schröder

Lilly Schröder

Redakteurin für Feminismus & Gesellschaft im Berlin-Ressort Schreibt über intersektionalen Feminismus, Popkultur und gesellschaftliche Themen in Berlin. Studium der Soziologie und Politik.
Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“ Gegen Rechtsruck hilft Linksblick

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

27 Kommentare

 / 
  • economista

    Klär mich bitte einer auf: wer steckt hinter der grossen christlichen Allianz zur Wiederherstellung der patriarchalen Ordnung? Die AfD? Die fällt mit vielem auf, aber eigentlich nicht christlichem Fundamentalismus.

  • Zhongli Quan

    Ich glaube der Autorin ja und kann mir gut vorstellen, dass ihre These stimmt. Zum Abschnitt "Dahinter steckt der eigentliche Plan, über die Kontrolle weiblicher Körper..." ist aber arg kurz. Ein, zwei Beispiele (neben dem Klimawandel und der Befürwortung eins Patriarchats) wären ja gut gewesen, um zu zeigen, inwiefern solche Leute auch die Demokratie angreifen. Sonst fehlt die Untermauerung der These :)

  • Lowandorder

    Shure - der Lattenjoseph el Sandalinista 🙀



    Soll’s richten. Da ist der schnöde Rest ja fein raus - wa.

    Na Mahlzeit

    • Sam Spade

      @Lowandorder:

      Die Evangelikalen sind eine Sekte und Christfluencerinnen, wie die im Artikel genannte, haben ebenso wenig Ahnung von der Lehre Jesu, wie Zeitgenossen die Christus als "Lattenjoseph el Sandalinista" betiteln.

      Es steht jedem frei Religionen abzulehnen und mit Blick auf die Geschichte, auch der Kirche skeptisch gegenüber zu stehen.

      Aber man sollte schon über soviel Einsicht verfügen, dass wir in einer besseren und friedlicheren Welt leben würden, wenn jeder Mensch sein Verhalten nach der Lehre von Jesus ausrichten würde. Das hat auch nicht das geringste mit Glauben sondern mit Vernunft zu tun.

      In Bezug auf die Aussage im Artikel, das nur Jesus die Welt retten kann, empfehle ich als Lektüre das Gleichnis von den Talenten, Matthäus 25,14–30, und das Gleichnis von den Pfunden, Lukas 19,11–27.

      Beide handeln von der Eigenverantwortung des Menschen und sagen im Kern aus, das Entscheidungen auf Erden eben nicht an Autoritäten deligiert werden sollen. Gilt auch für die Rettung der Welt. Dafür ist der Mensch schon selbst verantwortlich und zwar jeder Einzelne persönlich.

      Von klugen Menschen erwarte ich in dieser Hinsicht eigentlich etwas mehr Respekt für die Lehren von Jesus.

  • warum_denkt_keiner_nach?

    "Seit 2019 gibt die christliche Rechte in den USA jährlich 22 Millionen Dollar für europäische Organisationen aus, die gezielt Frauenrechte untergraben."

    Warum dürfen die das? Und warum unternimmt niemand etwas gegen solche Machenschaften? Warum dürfen diese Leute sich in unsere Angelegenheiten einmischen?

    • Pawel_ko

      @warum_denkt_keiner_nach?:

      "Warum dürfen diese Leute sich in unsere Angelegenheiten einmischen?"

      Ein Beispiel:



      Die Linke und parteinahe Rosa-Luxemburg-Stiftung betreibt weltweit Dutzende Auslandsbüros (u. a. in Lateinamerika, Afrika, Asien und den USA). Sie fördert vor Ort linke Bildungsprojekte, Forschung, gewerkschaftliche Initiativen, soziale Bewegungen und Menschenrechtsorganisationen.

      Weil so Demokratie funktioniert.

  • Flix

    Das ganze ist schon sehr erschreckend. Ich für meinen Teil möchte mir nicht von Anhängen irgendwelcher „Religion“ genannten, in sogenannten „heiligen Schriften“ niedergelegten Verschwörungserzählungen vorschreiben lassen, was ich zu tun und zu lassen habe.

    • ToMuch

      @Flix:

      Haben wir doch schon längst, Beispiel gefällig: siehe Tanzverbot an Karfreitag.

  • elektrozwerg

    Wenn ich mir das Ausmass der Aufregung ueber Sydney Sweeney anschaue, habe ich den Eindruck, dass die o.g. Fundichristen nur ein unbedeutender kleiner Teil derer sind, die Frauen kontrollieren wollen.

  • hedele

    Ich finde es nicht klug, alles in einen Topf zu werfen, auch wenn ich die Empörung über den frauenfeindlichen Rollback gut verstehen kann.



    Aber, wenn man seine Gegner erfolgreich bekämpfen will, muss man sie genau kennen. Zwischen dem Germanenkult frönenden Faschisten mit Gewaltexzessen gegen Minderheiten einerseits und radikalen katholischen Abtreibungsgegnern bzw. Mitgliedern vom Opus Dei mit Traum vom Reich Gottes andererseits gibt es keinen ernsthaften Zusammenhang außer dem, dass sie beide politisch dem rechten Spektrum zuzuordnen sind. Das Motto für uns Linke sollte da eher lauten "divide et impera!", anstatt an der Welt zu verzweifeln.

  • Mareneff

    Sie sind seit Jahren auch hier in Köln mit tausenden Menschen unterwegs, vom Kardinal mit Grußworten eingeladen, während die evangelische queere Kirche von genau diesen Leuten regelmäßig bedroht wird. Das macht mich fassungslos.

  • Gerhard Krause

    Man setzt auf Männer, sowie auf (ältere) Frauen, die sich (noch) mit Kaiserszeiten identifizieren - oder auch überhaupt nicht, schlicht sich als Mitläufer etablieren. 💸

  • NormalNull

    Es ist wichtig, dass sie das Thema hier zur Sprache bringen. So schwachsinnig das sein mag, was diese pseudo-religösen Influencer verbreiten, finden sie doch Gehör. In den USA haben sie Donald Trump und MAGA an die Macht gebracht und in Südamerika und Afrika fallen sie wie Heuschrecken über die Menschen her.



    Aber auch in den Bundestag reicht ihr Arm. Dies zeigt einmal wie schwach die Demokratie ist, wenn der Angriff von Innen und zudem, wenn sich der poltische Angriff unter dem Deckmantel der Religion erfolgt.

  • Agarack

    Naja, ein Teil des Problems ist auch, dass die Befürworter*innen der Möglichkeit von Abtreibungen sehr viel zersplitterter sind. Hier im Taz-Forum gilt man ja als "rechts" und "patriarchal", wenn man sich dafür ausspricht, die Rechtslage so beizubehalten, wie sie ist. Ich hätte kein Problem, gegen diese radikalen Abtreibungsgegner zu demonstrieren - habe aber ein großes Problem damit, mich gemein mit Leuten zu machen, die der Ansicht seien, ein "Schwangerschaftsabbruch" sei moralisch nicht problematischer als eine Blinddarmentfernung.

    • Starlight

      @Agarack:

      Ich persönlich halte Sie auch für patriarchal, da Sie mir vorschreiben wollen, dass ich eine Abtreibung als moralisch problematischer zu sehen habe als eine Blinddarm-OP.

      Als Frau, die Nachwuchs in die Welt gesetzt hat war und ist es nämlich für mich so. Ich akzeptiere, dass es Menschen mit uterinem Reproduktionspotential gibt, für sie es nicht so ist. Die Meinung von Männern, die weder die gesamtkörperlichen Auswirkungen noch die medizinischen Folgen tragen ist mir ehrlich gesagt komplett gleichgültig, solange es nicht möglich ist, ebenjene Auswirkungen und Folgen paritätisch aufzuteilen.

      Leider ist das allerdings gesellschaftlich nicht so, weswegen patriarchale Meinungen ohne Selbstbetroffenheit den Status Quo bilden.

      • warum_denkt_keiner_nach?

        @Starlight:

        👍

        Besser kann man darauf nicht antworten.

      • sociajizzm

        @Starlight:

        Amen!

      • Katharina Reichenhall

        @Starlight:

        Und Sie denken, dass uns das substantiell nach vorne bringt, wenn Sie grundsätzlich wohlwollende Männer direkt in dieser Art und Weise anfahren?



        Ich kann diese Aggro-Haltung gegenüber Männern, die nicht "voll auf Linie" sind, nicht nachvollziehen.

  • Nyah

    ich kann das alles nicht mehr...wenn diesen selbsternannten Lebensschützern Kinderleben wirklich so sehr am Herzen liegen, könnten sie ihre Zeit und Energie doch mal dort einsetzen, wo Kinder längst auf der Welt sind: Alleinerziehenden die Miete zahlen, Pflegeltern werden und ein Heimkind aufnehmen, Kinder betreuen wenn ihre erkrankten oder völlig erschöpften Eltern nicht mehr können, dafür kämpfen dass Therapieplätze vorhanden sind..

    Man kann unzählige bereits geborene Kinder und ihre Famiilen ganz konkret finanziell, praktisch und emotional unterstützen. Aber offenbar ist es viel bequemer fremden Frauen vorzuschreiben, das sie zu gebären haben!

  • Zuversicht

    Die Zahlen der marschierenden sinken. Also nice. Die 2, 3 verblödeten Influencer immer wieder zu nennen macht doch keinen Sinn.

    • warum_denkt_keiner_nach?

      @Zuversicht:

      Doch. Das macht Sinn. Weil heute Influencer eine größere Reichweite haben, als Demonstranten. Diese Leute sind gefährlich.

    • *Sabine*

      @Zuversicht:

      "Die Zahlen der marschierenden sinken."

      Mich tröstet das wenig, da die Fälle von Zwangsheirat in Deutschland steigen. Bekannt sind ja ohnehin nur die polizeilich erfassten Zwangsheiraten, die Dunkelziffer dürfte erheblich höher liegen ... und Mädchen/junge Frauen, die gegen ihren Willen "verheiratet" werden, dürfen wohl noch weniger darüber entscheiden, ob, wann und von wem sie wie oft schwanger werden bzw. eine Schwangerschaft abbrechen dürfen.