Vorurteile gegen Ungeimpfte: Impfpflicht zur Beruhigung

Die Ungeimpften sind keine homogene Gruppe, viele sind durchaus zur Impfung bereit. Eine Pflicht zum Piks könnte ihr Dilemma beenden.

Detailaufnahme einer Impfung

Zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten: Corona-Impfung im Asklepios Klinikum Harburg Foto: Christian Charisius/dpa

Die Impfpflicht ist nicht der Königsweg, um die Impfquote zu steigern. Ein Blick auf die unterschiedliche Lage in den Bundesländern reicht aus, um zu erkennen, dass es andere Mittel gibt, um zum Impfen zu motivieren. In Bremen waren am Mittwoch 80,2 Prozent der Ein­woh­ne­r:in­nen voll geimpft, in Sachsen 58,2 Prozent. Alle anderen Länder liegen irgendwo dazwischen. Fest steht, dass eine gute Organisation und zielgruppengerechte Ansprache einiges bewirken können.

Ob eine Impfpflicht indes dazu führt, dass Terminvergaben plötzlich funktionieren und auch diejenigen eine Impfung bekommen, die nicht so mobil und findig sind wie Großstadt-Journalist:innen, bleibt allerdings abzuwarten. Dennoch wird die Impfpflicht gebraucht. Zum einen ist die öffentliche Diskussion über „die Ungeimpften“ und ihre angeblichen Motive dermaßen entgleist, dass „die Geimpften“ sich erst dann beruhigen werden, wenn ihnen per Gesetz bestätigt wird, dass sie auf der richtigen Seite stehen.

Dabei spricht sehr viel dafür, dass nur mit hoher Impfquote dem pandemischen Ausnahmezustand dauerhaft ein Ende gemacht werden kann. Trotzdem hat niemand das Recht, die eigenen Maßstäbe zu allgemeingültigen zu machen, und schon gar nicht, Fakten zu unterschlagen. Genau das geschieht aber, wenn Medien wilde Theorien verbreiten. Da soll entweder ein Wohnort in Nähe der Berge verantwortlich sein für eine geringe Impfbereitschaft, die deutsche Vergangenheit oder Rudolf Steiner.

Derartige Klischees sind der Sache wenig dienlich. Unerwähnt bleiben Studien über Menschen, die sich (noch) nicht haben impfen lassen. Die Untersuchungen kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass es keine homogene Gruppe ist, die sich pauschal als „Impfgegner“ oder „Impfverweigerer“ bezeichnen ließe. Und es handelt sich bei ihnen gerade nicht überwiegend um Aka­de­mi­ker:in­nen, die sich mit Globuli gegen das Virus wappnen, sondern vielmehr um Menschen mit wenig formaler Bildung, mit Migrationshintergrund oder Wohnsitz in Ostdeutschland.

Und nicht bei allen Ungeimpften ist Hopfen und Malz verloren. Eine noch unveröffentlichte Online-Befragung von Wis­sen­schaft­le­r:in­nen der TU München und der Universität Göttingen von 2.100 Ungeimpften ergab, dass die Hälfte die Impfung ablehnt. 18 Prozent waren impfwillig, 27 Prozent ordneten die Wis­sen­schaft­le­r:in­nen der Gruppe der Impf­skep­tischen zu. Ihre Angst vor Impfnebenwirkungen ist schlicht größer als die vor Covid-19.

Damit handeln sie nicht unbedingt irrationaler als Geimpfte, die sich auch nicht erst nach intensivem Studium wissenschaftlicher Texte für die Impfung entschieden haben. Dennoch sind die Impf­skep­ti­ke­r:in­nen ein weiterer wichtiger Grund, warum die Impfpflicht nicht vollkommen sinnlos ist. Ein Teil von ihnen wird erleichtert sein, endlich nicht länger Pro und Contra abwägen zu müssen, und dankbar dafür, dass ihnen die Entscheidung abgenommen wird.

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Seit 2003 bei der taz als Redakteurin. Themenschwerpunkte: Soziales, Gender, Gesundheit. M.A. Kulturwissenschaft (Univ. Bremen), MSc Women's Studies (Univ. of Bristol); Alumna Heinrich-Böll-Stiftung; Ausbildung an der Evangelischen Journalistenschule in Berlin; Lehrbeauftragte an der Univ. Bremen; seit 2019 in Weiterbildung zur systemischen Beraterin.

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