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Überweisung zum Facharzt„Dringlichkeit“ ist das neue Normal

Facharzttermine: Für Ärzt:innen bringen sie Zuschläge, für Krankenkassen nur Mehrkosten - und die Wartezeiten bleiben gleich.

Aufwendige Untersuchung beim Facharzt Foto: Arne Dedert/picture-alliance

Johannes W., Behördenangestellter, hatte schon seit einigen Tagen unerklärliche Kopfschmerzen. Der ängstliche junge Mann aus Berlin wollte am besten gleich zum Facharzt, eine Computertomografie (CT) des Kopfes machen lassen. Ein Hausarzt in Berlin-Kreuzberg wurde ihm von Freunden empfohlen, denn dieser Hausarzt sei großzügig mit Überweisungen „mit Dringlichkeit“. Dieser Code auf dem Überweisungsschein ermöglicht, zeitnahe freie Termine für dringliche Fälle über die Terminservicestelle zu buchen.

Johannes W. suchte den Hausarzt auf, bekam die Überweisung mit dem Dringlichkeitscode und buchte über die Terminservicestelle, auch als Nummer 116117 bekannt, am übernächsten Tag einen freien Termin bei einem Neurologen am Stadtrand. Das CT erwies sich am Ende als unauffällig. Der Facharzt konnte den Besuch des jungen Mannes als sogenannte extrabudgetäre Leistung abrechnen, also als Honorar jenseits des festgelegten Honorartopfes der Praxis, und bekam überdies auch noch einen Zuschlag für die „dringliche“ Behandlung.

Vermeintliche „Dringlichkeit“ nimmt zu

Die Facharzttermine über echte oder vermeintliche „Dringlichkeit“, die von den Fachärzten höher abgerechnet werden können, haben zugenommen. Das Problem: Sie werden vielerorts zum Normalfall, um überhaupt einen Termin bei eine:r Fachärzt:in zu bekommen.

Dafür stellen Hausärzt:innen entweder Überweisungen mit Dringlichkeit aus, mit denen man bei der Terminservicestelle einen schnellen Termin buchen kann, oder sie vermitteln über die eigene Hausarztpraxis direkt einen Termin bei einem Facharzt, als sogenannter "Hausarztvermittlungsfall", der laut Gesetz auch "dringlich" sein muss. Im letzteren Fall bekommen auch die Hausärzt:innen eine Pauschale von 15 Euro für die Vermittlung. Die Fachärzt:innen können in beiden Fällen extrabudgetär und mit Zuschlägen bis zu 100 Prozent abrechnen.

Das Problem: Die Wartezeiten für Facharzttermine haben sich dadurch nicht verkürzt. Nur die Kosten sind gestiegen

Im ersten Quartal 2025 wurden von den Fachärzt:innen rund 1.175.000 sogenannte Hausarztvermittlungsfälle abgerechnet, zwei Jahre zuvor waren es nur 710.000 Fälle gewesen, so Zahlen von der Techniker Krankenkasse. Als sogenannter Terminservice-Fall wurden 387.000 Fälle abgerechnet, hier haben sich die Zahlen innerhalb von zwei Jahren verdoppelt.

Bundesrechnungshof: Wartezeiten bleiben gleich

Die geförderte Vermittlung erfolgt aufgrund des sogenannten Terminservice- und Versorgungsgesetzes, dass 2019 in Kraft trat und 2023 aktualisiert wurde. Das Problem: Die Wartezeiten für Facharzttermine haben sich dadurch nicht verkürzt, zeigte schon eine Auswertung des Bundesrechnungshofes. Nur die Kosten sind gestiegen.

„Die gesetzlichen Krankenversicherungen zahlen jedes Jahr mehr als 500 Millionen Euro für Terminvermittlungen, obwohl die Versicherten dadurch weder schneller noch besser behandelt werden“, erklärt Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse (TK), auf Anfrage der taz. „Bisherige gesetzliche Regelungen, die Menschen schneller in die fachärztliche Versorgung zu bringen, funktionieren nicht, sie kosten die gesetzlichen Krankenkassen aber sehr viel Geld“, rügt auch die stellvertretende Vorstandsvorsitzende Stefanie Stoff-Ahnis vom GKV-Spitzenverband der Krankenkassen.

Im zweiten Quartal 2025 entstanden den Krankenkassen für jede Hausarztvermittlung Zusatzkosten von 137 Euro. Für jede Vermittlung über die Terminservicestelle fielen Zusatzkosten von 112 Euro an, so die Zahlen der GKV.

Boom mit der „Dringlichkeit“

Die Abrechnungen über den Dringlichkeitscode oder den Hausarztvermittlungsfall „entwickeln sich zum neuen Normal“, warnt Doris Höpner, Co-Vorsitzende im Hausärzteverband Berlin-Brandenburg, auf Anfrage der taz. „Die Hausärzte stellen fest, dass die Patienten zunehmend einen Dringlichkeitscode auf der Überweisung möchten“, so die Co-Vorsitzende. Ihr würden auch vermehrt Fälle bekannt, in denen Fachärzte „einen Dringlichkeitscode vom Patienten einfordern“.

In Berlin erzählt eine Patientin, eine Lungenfacharztpraxis habe sie abgewiesen, als sie mit einer normalen Überweisung vom Hausarzt einen Termin für eine Routineuntersuchung wollte. Sie solle doch bitte zum Hausarzt zurückgehen und sich dort eine Überweisung „mit Dringlichkeit“ geben lassen, wurde ihr gesagt. Sonst gebe es keinen Termin. Mitgeliefert wurde der Hinweis auf eine bestimmte Hausarztpraxis in Berlin, die besonders großzügig sei bei Überweisungen mit „Dringlichkeit“.

Auch in Hessen wird ein Fall berichtet, wo ein Neurologe nur eine Überweisung „mit Dringlichkeit“ akzeptieren wollte, um einem älteren Herrn überhaupt einen Termin zu geben. Der Senior brauchte eine erstmalige Untersuchung.

Das Geschäft mit der "Dringlichkeit" boomt, selbst wenn Patient:innen einfach nur einen Termin für eine unspektakuläre Untersuchung beim Facharzt brauchen. Konterkariert wird damit das Bestreben von Krankenkassen, die Patient:innen zu mehr Selbstverantwortung anzuhalten und eben nicht ihre Beschwerden zu dramatisieren.

Manche „begeistert über die neue Abrechnungsform“

Fachärzt:innen haben deswegen aber keinesfalls ein schlechtes Gewissen. Denn sie bemängeln, durch die Budgetierung der Honorare für die Praxen jetzt schon viele Leistungen quasi umsonst erbringen zu müssen. Da kommt eine Regelung, die eine Vergütung außerhalb dieser Budgets und mit Zuschlägen bis zu 100 Prozent erlaubt, gerade recht.

Der Hals-Nasen-Ohren-Arzt Uso Walter schrieb auf der Plattform "HNOnet" begeistert über die neue Abrechnungsform. "In meiner Praxis haben wir seit letztem Jahr konsequent neue Patient:innen nur noch mit einem Hausarztvermittlungsfall aufgenommen. Bereits bekannte Patient:innen haben die Wahl: entweder stundenlanges Warten in der offenen Sprechstunde, ein Termin in drei bis fünf Monaten oder ein Soforttermin mit moderater Wartezeit aufgrund einer Hausarztvermittlung. Eine Win-win-Situation für alle Hausärzt:innen, Patient:innen und HNO-Ärzt:innen."

Gesetzlich versicherte Patient:innen müssen sich in diesem Dschungel aus besonderen Überweisungen, Terminservicestellen mit der Nummer 116117 und den im Internet oft gar nicht angezeigten "Akutsprechstunden" mühsam zurechtfinden. Erst vor wenigen Tag wurde die Plattform Doctolib wegen Irreführung von gesetzlich Versicherten verurteilt – die Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) hatte geklagt.

Bei Doctolib gibt es für gesetzlich Versicherte, erst recht, wenn sie Neupatient:innen sind, vielleicht noch Termine mit mehrmonatigem Vorlauf oder in einer abgelegenen Praxis am Stadtrand. In die „Akutsprechstunden“, die viele Fachärzt:innen anbieten müssen, aber oft im Internet nicht anzeigen und nur auf Anfrage mitteilen, kann man zwar auch ohne Termin kommen. Aber die Vorgaben sind streng. Wehe, der Hexenschuss plagt schon seit Wochen, dann erkennt der Orthopäde dies nicht als „Akutfall“ an und behandelt den terminlosen Praxiseinschleicher, der sich morgens um acht Uhr in die Schlange gestellt hat, bestenfalls missmutig.

Im Alltag aber will man vielleicht mit einer Expert:in nur endlich mal über die chronischen Hautprobleme sprechen oder eine fachärztliche Zweitmeinung einholen, auch ohne Dringlichkeit. Und dann beginnt der Hürdenlauf zum Facharzttermin.

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69 Kommentare

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  • Ich war 2008 auf einer Reha mit einer Fehldiagnose als Begründung. Man suchte sich damals eine der unterschiedlichen fachärztlichen Diagnosen als Begründung aus. Der Rehaarzt musste nach vier Wochen bei der Visite die Krankenschwester noch fragen, weshalb ich in der Klinik bin. Ich als Patient schien der einzige zu sein, der wusste oder ahnte, in welchem Organ die Wurzel des Problems liegt. Mich stört es nicht, wenn ich 5 Monate auf einen Facharzttermin warten muss. Ich verzichte halt, weil ich nicht mehr davon ausgehe, dass Facharzt ein qualifizierter Beruf ist.

    • @Johann63:

      „Mich stört es nicht, wenn ich 5 Monate auf einen Facharzttermin warten muss."



      Wenn dann ein:e Wartende:r in der Zwischenzeit stirbt, wird die NoShow-Gebühr bei den Erbe:innen eingetrieben.. [/sarkasmus off]

  • @Normalo (15:06 h):



    Sind in den 10 % die Beamt:innen, Pensionär:innen und deren Familienangehörige enthalten? Und wie hoch ist der Anteil der gesunden, jungen Gutverdienenden, die - üblicherweise mit Beiträgen unterhalb der GKV-Bemessungsgrenzen - in die PKV wechseln?



    Die „Private" Krankenversicherung ist durch die hohe Anzahl von Beamt:innen und Pensionär:innen, die dort versichert sind, zu großen Teilen staatlich finanziert.

  • Der Artikel erklärt wohl unbeabsichtigt (?) das Problem der fehlerhaften Ressourcenzuteilung und überzogener Ansprüche seitens der Patienten gut erkennbar:



    Den eingangs geschilderten Behörden Mitarbeiter wegen Kopfschmerzen direkt ins CT zu schicken ist Unfug, hätte ich nie gemacht hat nur Ressourcen gekostet und das Ergebnis war erwartbar Null.



    Gleiches gilt für den am Ende geschilderten Gespraechsbedarf “…nun mal endlich über chronische Hauptprobleme zu reden “ oder eine” fachärztliche Zweitmeinung “einzuholen. Dazu braucht es keinen Vermittlungsfall sondern das ist primäres Geschäft der Allgemeinmedizin. Sollte daraus die Notwendigkeit entstehen einen Facharzt sehen zu müssen, wird das der Hausarzt/Allgemeinmediziner dringlichkeitsorientiert machen.

    • @Flocke:

      Ich schätze meinen Hausarzt sehr, habe aber die Erfahrung gemacht, dass er bei Hautproblemen doch "überfordert" ist. Der Hautarzt schnappt sich sein Dermaskop und "blickt sofort durch".

  • Will man bessere Gesundheitsversorgung muss man einerseits mehr Studienplätze schaffen, den Arztberuf finanziell attraktiver machen damit mehr Ärzte aus dem Ausland kommen bzw. bleiben und gleichzeitig die Vergütung für Kassenpatienten erhöhen. D.h. mehr Geld ausgeben. D.h. entweder müssen Beiträge steigen oder Leistungen gekürzt werden.

    • @Machiavelli:

      Der Arzt ist in Deutschland der Beruf mit dem durchschnittlich höchstem Einkommen?

      • @Johann63:

        Ärzte dürften in D auch die Berufsgruppe mit der höchsten Verantwortung sein. Im Übrigen halte ich es für keine positive Entwicklung, dass wir in D Ärzte ausbilden, die anschließend ihren Beruf in anderen Ländern ausüben, weil die Verdienstmöglichkeiten dort wesentlich besser sind, als hierzulande.

      • @Johann63:

        Ärzte verdienen aber im Ausland teilweise deutlich besser.

        • @Machiavelli:

          @ Machiavelli



          Sind Chirurgen nicht die besser honorierten Metzger ?

        • @Machiavelli:

          Und? Woanders bezahlen angehende Mediziner, für Ihr teures Studium, auch ein vielfaches mehr. Hier wird die Ausbildung aus Steuermitteln finanziert.

          • @Andreas J:

            Ja wir verlieren aber jedes Jahr eine Menge Ärzte die auswandern und kriegen eine Menge Ärzte nicht die nicht einwandern.

        • @Machiavelli:

          Ich finde auch irgendwo jemanden, der mehr verdient als ich.

  • 5 Tage Karenz und 30% der Arztpraxen wären pleite.

  • Disclaimer: ich bin Kassenarzt

    Das Problem ist dass das Honorar im GKV Bereich nicht ausreicht um die Kosten zu decken - der GKV Bereich wird in den allermeisten Facharztgruppen durch die PKV querfinanziert - in anderen Worten:

    Ohne PKV würden die meisten Fachärzte ihr KV Sitze schließen und keine GKV Patienten behandeln weil es nicht kostendeckend ist.

    Im GKV Bereich gibt es ein Budget, bis dahin wird nach EBM Katalog bezahlt.



    Alles darüber wird zunehmend abgestaffelt - das schwankt und ist nur mäßig planbar/abzuschätzen.



    Meist liegt das bei -30 bis -40%, aber in manchen Quartalen sind es minus 80% - das bedeutet, dass erbrachte Leistungen von 100TE dann mit 20TE bezahlt werden.

    Vielleicht is mancheneuten jetzt klar warum es nur eben X Termine gibt/angeboten werden.

    Der Grund ist einfach:



    Die Kosten dürfen nicht endlos steigen. Die GKV Versicherung hat KEINE Kostentrolee wie die PKV, und Selbstbeteiligung - also setzt man eben bei den Ärzten an und hofft dass möglichst viele Leistungen erbracht werden und je mehr Leistungen aus dem Budgetiegen, denn dann wird es für die Krankenkassen günstiger - das ist also gewollt von den Krankenkassen die behaupten "wir bezahlen ja alles"

    • @dummdidumm:

      Wenn wir jetzt aber auch betrachten, dass der Großteil des Umsatzes aus der GKV kommt und damit die Räumlichkeiten und das Personal finanzieren, mit dem die vermeintlichen gewinne aus der pkv überhaupt nur generieren werden können, erkennen wir den Fehler in der Rechnung und auch den Unterschied zwischen BWL und VWL.

      • @Powow:

        Ihnen ist aber schon klar, dass eine Arztpraxis keine Volkswirtschaft ist, oder?

        Vielmehr ist sie ein Betrieb, der in der Regel häufig auf einer Mischkalkulation beruht. Da ist es schwer, einen Faktor allein für das Geschäftsmodell verantwortlich zu machen. Der Punkt ist, dass die GKV-Umsätze viel zu häufig genau NICHT schaffen, was Sie behaupten, nämlich die Praxis zu finanzieren - zumindest nicht so, das für den Arzt noch nennenswert etwas übrigbleibt. Dafür braucht es das "Rüberschwappen" der höheren Marge der Privatumsätze. Der Geldfluss ist also klar vom PKV- ins GKV-System.

        Es mag umgekehrt richtig sein, dass ohne das Grundrauschen des Kassenbetriebs die meisten Ärzte nicht genug an Privatpatienten verdienen würden, um die Fixkosten zu stemmen, aber das ist ein Problem der Skalierung, während der unzureichende Ertrag aus GKV-Entgelten eines der Umsatzrendite ist. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass, wenn es die Mischung nicht mehr gäbe sondern nur Kassen- ODER Privatpraxen, die Kassenpraxen im Vergleich zu den Privatpraxen nichts abwerfen und von den Ärzten aufgegeben werden würden. Da möge der Volkswirt mal sagen, wie man das schönrechnet...

    • @dummdidumm:

      Danke, dass sie dies aus Sicht eines Arztes erklären. Alles absolut nachvollziehbar. Die Kommentare hier sind ja größtenteils von Patienten, die natürlich eine andere Sicht auf die Dinge haben als die "überbezahlten, abzockenden, kapitalistischen" Ärzte

    • @dummdidumm:

      GKV subventioniert PKV massiv.



      Die meisten PKVler sind eh Versorgungsempfänger, d.h, Beamte usw.

      • @Johann63:

        Warum soll das eine massive Subvention der PKV sein?

        Die Beihilfe wird ja nicht als Zuschuss zum monatlichen Beitrag an die PKV gewährt, sondern es werden nur die Kosten im Krankheitsfall anteilig aus Steuermitteln übernommen.

        Man könnte höchstens argumentieren, dass dieses System der PKV (gute) Kunden zuspielt und diese der GKV entzieht. Aber Geld wandert nicht von der GKV in die PKV.

  • Die politischen Entscheidungen über das Gesundheitssystem strotzen dermaßen von Fehlern dass man dahinter nur Korruption vermuten kann.

    Lobbyisten jeder Couleur setzen den Entscheidern ihre Flöhe ins Ohr die natürlich alles wunderbar in ihre Richtung lobbiieren und dabei mit der Parteispendenbüchse lautstark klappern

  • Es gibt nicht nur ein Zweilklassensystem sondern ein Dreiklassensystem. Zuerst kommen die Privatpatienten, danach die "Selbstzahler" und danach die Kassenpatienten. Wer als Kassenpatient geschickt und vor allem durchsetzungsfähig ist kann die Warteschlange überholen. Wer das nicht ist - alle besonders Hilfsbedürftigen - bleibt auf der Strecke. Ich bin "Selbstzahler", habe einen rel. hohen Kassenbeitrag und zahle trotzdem das meiste selbst.

    • @Barbara Merkel:

      Was soll der Unterschied zwischen Privatpatient und Selbstzahler sein?



      Aus Ärztesicht ist das das gleiche.

      • @ChristianAn:

        Der "Selbstzahler" zahlt gleich cash im Gegensatz zum Privatpatienten, d.h. privat Versicherten - da fließt die Kohle der Privatversicherungen erst viel später - oder sehe ich das falsch?



        Ansonsten:



        - es lebe die Mär vom selbstlosen Arztberuf indem nur, wie angeblich zB. bei Mönchen/Nonnen, nur für gute Taten für das Wohl der Menschen, ohne eigenem persönlichen materiellem Vorteil, gelebt und gehandelt wird.

  • Das wird für gesetzlich Versicherte nicht besser werden, solange es das Zweiklassensystem gibt.

  • Hier in Jena mehren sich die Schilder an den Fachpraxentüren, in denen gleich darauf hingewiesen wird, dass keine neuen Patienten aufgenommen werden, außer mit der Dringlichkeitsempfehlung des Hausarztes. Aber um eine solche Dringlichkeitsempfehlung zu bekommen, braucht man erst einmal einen Hausarzt, auch sind die Praxen dicht. Eine Folge ist, dass die Notaufnahme der einzigen Akutklinik, der Uniklinik, überlaufen ist und echte Notfälle oft lange warten müssen.



    Selbst wenn man schon einmal bei einem Facharzt war, bekommt man zu hören, die letzte Behandlung sei ja vor 8 Jahren gewesen und nach fünf Jahren ohne Termin fliegt man aus der Patientenliste raus. Man wird also "bestraft" dafür, dass man 8 Jahre gesund war.

    • @Hans aus Jena:

      Das mit den Hausarztpraxen ist ein wichtiger Hinweis. Sprach ich beim Thema „Hausarztzentrierte Versorgung“ kürzlich auch schon an. Auch in manchen Großstädten werden die Hausärzte knapp! Ein Großteil der taz-Kommune ist schon älteren Semesters und hat vermutlich feste Hausärzte. Aber versuchen Sie mal bspw. hier in Bremen, insbesondere in den dichter besiedelten, weniger gut situierten Stadtteilen einen neuen Hausarzt zu finden, gerade als junger oder „mittelalter“ Mensch. Habe ich beruflich Menschen bei geholfen. Viel Spaß. Jetzt ist in „meiner“ Hausarztpraxis einer der beiden Docs ersatzlos in Rente gegangen. Die saufen da ab. Keine Chance, dort außer Krankschreibung am Tresen, Akutbehandlung nach 2 Std. Wartezimmer oder wegen schwerer chronischer Sachen was zu kriegen. Ein vertrauensvolles Beratungsgespräch wegen dies und jenem? Irgendwas abchecken lassen? Keine Chance. Aber außer drei Stadtteile weiter habe ich noch keine andere Hausarztpraxis gefunden, die noch Neupatienten aufnimmt. Und das ist bald flächendeckend so.

      Bei Kinderärzten und Gyns übrigens genauso, meiner Erfahrung nach.

  • Man kommt sich wie ein Bittsteller vor, ist oft schon unwürdig.

    Tipp: Wenns was Akutes fachspezifisches ist, ggf. direkt zum Facharzt und vor Ort (nicht tlf., per mail oder online!) die akuten (neuen augetretenen!) Symptome schildern, um Behandlung bzw. Termin bitten, klappt fast immer binnen 1 maximal 2 Tagen!

    Müssen die Ärzte auch so machen, Stichwort Akutsprechstunde:



    www.draco.de/blog/...fuer-akute-faelle/

    >>>



    Wer ist verpflichtet, offene Sprechstunden anzubieten?

    Ärzte der folgenden Fachrichtungen müssen mindestens fünf Stunden pro Woche als offene Sprechstunde ohne Terminvereinbarung anbieten:

    Augenärzte



    Chirurgen



    Gynäkologen



    HNO-Ärzte



    Hautärzte



    Kinder- und Jugendpsychiater



    Nervenärzte



    Neurologen



    Neurochirurgen



    Orthopäden



    Psychiater



    Urologen

    Hausärzte müssen natürlich auch Akutsprechstunden anbieten, erst recht Zahnärzte. Nicht so hingegen etwa Radiologie, Kardiologie, Onkologie, Gastroenterologie ua. Dort ist es wirklich sinnvoll nur mit Überweisung.

  • Ja sehr viele Fachärzte in Berlin behandeln neuerdings überhaupt nur noch mit diesem Dringlichkeitüberweisungsschein.

    Zudem wurde die Budgetierung für die Hausärzte abgeschafft. Kein Wunder dass die Kassenbeiträge steigen. Wer hat diesen Unsinn erfunden? Wer kontrolliert das Missbrauchskartell der Ärzte?

    Aber ja, die hungern ja alle...

  • Die Terminwartezeiten haben sich durch diese Praxis (haha…) vermutlich schon verändert: sie werden länger für diejenigen, die diese Dreistigkeit (als Patient*innen) frech finden und die Hausärzt*innen eben nicht bequatschen zwecks vermeintlicher Dringlichkeit.

    • @Kawabunga:

      Dachte ich mir auch. Klingt wie eine Einladung an die Leute, die Sonntag mit ihrem Husten in die Notaufnahme rennen und dort das Personal ankeifen, weil sie zu lange warten müssen.



      Das Einleitende Beispiel hat ja genau solche Qualitäten. Ichichich.

  • Verwaltungsgericht: Verfahrensdauer fünf Jahre. Also Eilverfahren. Es gibt praktisch nur noch Eilverfahren - alles andere macht keinen Sinn.

    Bei Ärzten ist es anscheinend genau das Gleiche.

    Deutschland hat fertig.

  • Mensch, wer hätte das gedacht. So ne Überraschung aber auch.

  • Alte Weisheit: Staatlich gesteuerte Wirtschaftsbereiche neigen dazu, planwirtschaftliche Strukturen und große Berge an Regeln zu entwickeln. Und je durchregulierter und planwirtschaftlicher ein System organisiert ist, desto mehr (und schamloser) wird das optimierte Bespielen seines Regelkorsetts zur Hauptdisziplin des Broterwerbs.

    Dass sich die einzelnen Spieler dabei an die hehren Zwecke halten, die mit den jeweiligen Regeln verfolgt werden, gehört zu jenen herzallerliebsten Bürokraten-Illusionen, die schon ganze Volkswirtschaften in die Pleite getrieben haben. Bei anderen stark staatlich gesteuerten Bereichen wie Landwirtschaft, öffentlicher Bau, Wehrbeschaffung oder auch Steuererhebung hat die Disziplin "System-Austricksen" übrigens noch ganz andere Dimensionen. Da sind die Ärzte relativ gewissenhaft, nur ist der Effekt bei Ihnen immer sehr nah am eigenen Leib zu spüren, trifft an verletzlicher Stelle und ist daher in unserer anekdotischen Nachrichtenwelt besonders gut zu skandalisieren...

    • @Normalo:

      "...Staatlich gesteuerte Wirtschaftsbereiche neigen dazu, planwirtschaftliche Strukturen und große Berge an Regeln zu entwickeln. Und je durchregulierter und planwirtschaftlicher ein System organisiert ist, desto mehr (und schamloser) wird das optimierte Bespielen seines Regelkorsetts zur Hauptdisziplin des Broterwerbs..."

      Das mag richtig sein, aber es ist die Durchmischung einer staatlichen Steuerung mit dem rein marktwirtschaftlichen Prinzip der Gewinnabsicht, die das System mehr und mehr an die Wand fahren lässt. Gut und ehrlich arbeitende Praxen und Krankenhäuser kommen in finanzielle Schieflage, wenn sie nicht die Möglichkeiten der Gewinnoptimierung nutzen. In Praxen in erster Linie die Bevorzugung von Privatpatienten, in Krankenhäusern die Bevorzugung besser vergüteter Leistungen. Die privaten Häuser sind da keine Vorbilder, im Gegenteil. Neben der stärkeren Ausbeutung der Mitarbeiter gibt es dort das höhere Gewinnziel (bis 25% des Umsatzes, bezahlt aus Krankenkassenbeiträgen).

      Dass Privatwirtschaft besser wirtschaftet und zu niedrigeren Kosten / Preisen führt, zeigt sich z.B. bei der Energieversorung, Wasserwirtschaft und Wohnungsvermietung auch nicht unbedingt.

      • @Sisone:

        Es ist immer eine Gratwanderung. Ein vollständig privatwirtschaftlich organisiertes Gesundheitssystem wäre natürlich auch keine Lösung. Aber der Reflex, Alles regeln zu wollen und bei Fehlgehen von Regelungen lieber noch mehr Regeln draufzusetzen, statt mal zu schauen, ob eine "privatautonomere" Lösung nicht vielleicht auch eine Alternative wäre, führt eben zum anderen Extrem.

        Mir ist zum Beispiel ein Dorn im Auge, dass im deutschen GKV-System der Patient als Kostenkontrollfaktor völlig außen vor gehalten wird. Ein Privatpatient bekommt mehr von seiner Kasse bezahlt, und das ist natürlich auch hübsch für ihn, aber er bekommt auch auf Euro und Cent vorgerechnet, was er da an Kosten verursacht. Für Kassenpatienten ist das völlig intransparent. Entsprechend schwierig ist es für sie, Kostenbewusstsein und ein entsprechendes Verantwortungsgefühl gegenüber der Solidargemeinschaft zu entwickeln. Die Devise "Nimm, was du kriegen kannst" erscheint so natürlich am ökonomischsten. Aber gegen das Kostenerstattungsmodell, das theoretisch im Gesetz als Wahlmöglichkeit vorgesehen ist, wehren sich die Kassen mit Händen und Füßen (sprich: lassen die Patienten auf dem Großteil der Kosten sitzen).

    • @Normalo:

      Aber wie der im Beitrag zitierte HNO-Arzt schon schrieb: eine Win-Win-Situation für Hausärzte, Fachärzte und Patienten.



      Nur offensichtlich für die Krankenkassen nicht und das fällt letztlich wieder den Patienten vor die Füße. 500 Mio. Euro mehr für Terminvermiiflungen sind keine kleine Hausnummer, die werden schließlich von allen gesetzlich Versicherten bezahlt.



      Der schnelle Facharzt-Termin aufgrund eines schnell mal eben verordneten Dringlichkeitscodes - also nur eine schale Freude für den Patienten, wenn nicht tatsächlich eine medizinisch begründete Dringlichkeit dahintersteckt.

      • @Abdurchdiemitte:

        Ja, klar. Wie bei einem gewissen anderen System auch, das auf dem Gedanken der Solidarität fußte, aber diese letztlich nur durch ein oktroyiertes System Pflichten und Ansprüchen auszudrücken in der Lage war, entfernen sich hier die Identitäten des Individuums als Teil des Ganzen einerseits und als einzelnes Rechtssubjekt andererseits zunehmend voneinander, und letzteres bereichert sich auf Kosten des ersteren. Kürzer gesagt: Obwohl oder gerade weil den Leuten klar ist, dass sie den Kuchen mitfinanzieren, schauen sie, dass sie das größtmögliche Stück davon abstauben, selbst wenn ihr Verhalten den Kuchen insgesamt teurer macht. Hauptsache ist, man zahlt nicht mehr ein als man rausholt. Dann ist die Freude auch durchaus nicht schal.

        Ich sage nicht, dass diese Denke besonders weitsichtig oder edel ist. Es ist einfach real und beliebig reproduzierbar. Deshalb muss man halt aufpassen, dass man es nicht mit der Steuerung übertreibt. Solche Stilblüten wie die "Dringlichkeit" sind ein Indikator dafür, dass es so weit sein könnte. Aber ehrlich gesagt wird im Gesundheitssystem schon lange viel mehr Geld durch solche Tricks verbrannt - nur halt nicht beim Steckenpferd "Terminvergabe".

  • Dass man durch kostenaufwendige Mangelverwaltung den Mangel selbst nicht beseitigen kann, sollte eigentlich jedem klar sein. Problematisch ist hier, dass die relevanten Entscheidungen von Beamten getroffen werden, also Privatpatienten, für die "alles nicht so schlimm" ist.

  • Als "Insider" lässt sich das Gesamtproblem relativ leicht runterbrechen. 1. Die Beiträge der GKV sind für ihre berufstätigen Versicherten jetzt schon extrem teuer. 2. Mit diesen Beiträge müssen zu viele Versicherte mitversorgt werden, die nicht/kaum einzahlen. 3. Der medizinische Standard in Deutschland ist hoch und für die eigene Gesundheit will jeder nur das Beste. Diese ganzen Maßnahmen wie Dringlichkeitscodes u.Ä. sind nur Augenwischerei, solange die Grundprobleme nicht angegangen werden.

    • @Tränentier:

      Diese Dringlichkeitscodes führen auch in die falsche Richtung, wenn sie vom Hausarzt „mal eben so“ oder auf Wunsch des Patienten in die Überweisung geschrieben werden, ohne stichhaltige medizinische Begründung. Gerade wegen der Kostenexplosion im Gesundheitssystem..



      Dass Ärzte dafür bekannt sind, auch in dieser Hinsicht „locker mit dem Rezeptblock“ umzugehen, empfinde ich schon als alarmierend und nicht als normal.



      Bezahlen müssen diese Zeche wir alle.

  • Ich gehe bei Erkrankungen immer erst zu meiner Hausärztin. Sie soll ja den Überblick behalten. Wenn diese nicht helfen kann oder die Verantwortung nicht allein tragen möchte, gibt es eine Überweisung - (natürlich) mit Dringlichkeitsvermerk. Sie kennt meine Ängstlichkeit (oder auch Ungeduld). Danach ein Versuch mit der Nummer 116117. Geht meistens schief. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als alle in Frage kommenden Fachärzte anzurufen. Meistens klappt es dann nach dem 10ten Anruf. Wenn nicht, melde ich mich als Privatpatient an. Die 60-90 € für eine Diagnose z.B. beim Hautarzt (es gibt kaum noch welche, die Kassenpatienten behandeln) zahle ich dann halt. Werfe genug Geld für irgendeine "Kacke" aus dem Fenster - warum nicht mal für etwas Sinnvolles!

    • @Il_Leopardo:

      Na ja, für mich sind schon diese 60 - 90 Euro nicht zu wippen. Schlechte Aussichten also für einen Facharzt-Termin ohne Dringlichkeit.



      Der Skandal liegt doch darin, dass - wie Sie richtigerweise schreiben - ohne diese Dringlichkeitscodes Facharzt-Termine überhaupt nicht mehr zu bekommen sind. Und dass mit dieser Regelung sowohl Fach- als auch Hausärzte zusätzlich abkassieren. Auf Kosten der GKV.

      • @Abdurchdiemitte:

        Ich schwimme auch nicht gerade im Geld - speche von1 bis 2 privaten Konsultationen. Und jedes Mal ärgere ich mich, dass ich, obwohl ich Krankenversicherungsbeiträge zahle, dieses Geld ausgeben muss.



        Ja, es ist ein Skandal, dass man ohne Dringlichkeitscode keine Chance hat. Mein Bruder, privat versichert, erhält nach einem kurzen Anruf sofort einen Termin. Das heißt doch, dass diese Ärzte schon Zeit haben, um Patienten zu sehen - nur eben nicht für Pflichtversicherte. Scheiß Typen!

        • @Il_Leopardo:

          Auch Ärzte haben Rechnungen, finanzierte Geräte und Angestellte zu bezahlen und möglicherweise Kinder zu ernähren. Was macht denn Ihr Bruder mit einem Arzt, der für ihn - Privatpatient - KEINE kurzfristigen Termine freihat (weil er keinen Unterschied macht und ihm die Kassenpatienten längst den Kalender zugesetzt haben)? Nicht mehr anrufen, oder? Und währenddessen behandelt dieser Arzt dann so viele Kassenpatienten, dass er in den letzten Wochen des Quartals wegen Budgeterfüllung auf eigene Rechnung arbeitet.

          Ist man gleich ein "Scheiß Typ", weil man nicht hinten runter fallen will?

          Tatsächlich ermöglicht das Privatgrschäft auch eine teil des Angebotes, das Ärzte ihren Kassenpatienten machen können. Viele Geräte und Material würden sich gar nicht refinanzieren, wenn sie nur auf Kasse abgerechnet werden könnten. Dafür muss man aber die Privatpatienten auch bekommen und halten können.

          • @Normalo:

            Also sollen sich die Kassenpatienten Ihrer Meinung nach mal nicht so anstellen und geduldig warten.

            • @Il_Leopardo:

              Hab ich das irgendwo geschrieben? Ich fand lediglich Ihre "Aburteilung" unberechtigt (von der Ausdrucksweise ganz zu schweigen). Die Logik, die davon zu Ihrem "messerschafen" Schluss führt, erschließt sich mir nicht. Ist man in Ihrer Welt immer gleich zum gefügigen Erleiden verdammt, wenn man mal kein Feindbild findet, an dem man seine Unzufriedenheit entladen kann?

              Zugegeben ist die Alternative zum gefügigen Erleiden ein ziemlich dickes Brett. Das System ist, wie es ist, weil noch niemand die gesundheitspolitische Quadratur des Kreises geschafft hat, ein Gesundheitssystem auf die Beine zu stellen, das trotz geringer Kosten alle Patientenwünsche und -bedürfnisse erfüllt. Gesundheitsminister ist entsprechend seit Jahrzehnten ein Schleudersitz-Posten, und wo auch immer jemand am System schraubt, stellt er fest, dass es dann sofort an anderer Stelle anfängt zu wackeln.

              Die genial einfache Lösung, Privatsprechstunden zu verbieten (und am besten die Ärzte auch gleich in ihrem Behandlungszimmer anzuketten, damit sie keine Kassenpatienten abweisen können), stößt jedenfalls an ganz klare verfassungsrechtliche Grenzen. Ähnliches gilt für andere vermeintlich offensichtliche Auswege.

              • @Normalo:

                "Drücken Sie die "1", wenn Sie Kassenpatient sind".



                Keiner hebt ab.



                "Drücken Sie die "3", wenn Sie Privatpatient sind".



                Es wird sofort abgehoben.



                Der Gedanke, dass da ein Patient mit vielleicht geringeren Problemen an einem Patienten mit schwereren Problemen "vorbeizieht", kann einen schon erregen.



                Und Sie regen sich über meine Ausdrucksweise auf. Aber Okay - wenn Sie diese verletzt hat, entschuldige ich mich.

          • @Normalo:

            Das wäre alles gut zu finanzieren, wenn die Gutverdiener sich nicht aus der allgemeinen KV abmelden dürften. Diese Beiträge fehlen den GKV. Solidarität in der KV gilt nur für die Ärmeren untereinander, die Reichen (und einige Sondergruppen wie Beamte und geringverdienende Selbständige) halten sich fein raus.

            • @moonwatcher:

              So das Klischee. Tatsächlich zahlen Privatversichterte in aller Regel über ihre ganze Lebenszeit hinweg deutlich mehr in ihre Versicherungen ein als die GKV-Spitzensätze ergäben, und dieses Geld fließt auch im Wesentlichen ins System und subventioniert den Kassenbetrieb quer. Andere Länder ohne Pflichtversicherungsgrenze zeigen, dass der Mangel dort keineswegs geringer ist. Er trifft halt dort nur Alle (wiederum natürlich außer Jenen, die sich trotz Pflichversicherung noch die Privatbehandlung obendrauf leisten können). Das mag man "gerechter" finden - wenn man unter "Gerechtigkeit" leistungsunabhängige Ergebnisgleichheit versteht -, aber besser versorgt ist davon niemand.

              • @Normalo:

                Mag sein, dass die Privaten Krankenversicherungen die Gesetzlichen Krankenversicherungen mitfinanzieren, aber die PKVs werden, zu einem großen Teil, durch Steuern finanziert. Die Hälfte der privat Versicherten sind Beamte oder Angehörige von Beamten.



                Das bedeutet bei der Hälfte der privat Versicherten zahlt der Staat direkt, in Form von Beihilfe im Krankheitsfall, und indirekt, die Beiträge aus dem Beamtensold, in die PKV ein.

                • @John L.:

                  Wie der Staat seine Mitarbeiter entlohnt und an sich bindet, ist aber nunmal eine eigene Geschichte. Die Bonbons im Leistungspaket der Beamten stehen meist einem Gehalt gegenüber, dass in der freien Wirtschaft höher ausfiele und das der Staat entsprechend auch - wieder aus Steuermitteln - zahlen müsste, um sich personell in gleicher Qualität mit pflichversicherten Angestellten auszustatten. Solidarisch im Gesundheitssystem würde diese Geld im Zweifel also noch weniger landen.

  • Keine Sorge, das ist nur eine Übergangsphase! Sobald der Ärztemangel so groß ist, dass die Praxen allein mit Privatpatienten und Selbstzahlern voll werden, lohnt es sich für Niedergelassene gar nicht mehr überhaupt einen Kassensitz zu haben. Und voilà: Problem gelöst - alle bekommen dieselben Termine. Oder etwa nicht? Herzlich willkommen in der echten Zwei-Klassen-Medizin.

    Eine Arztpraxis ist eben auch ein wirtschaftliches Unternehmen mit Angestellten und hohen Fixkosten. Wenn die Krankenkassen die Leistungssätze kürzen, zu wenig Sitze anbieten und diese dann auch noch budgetieren, sodass nach Erschöpfung der Kapazitäten Leistungen nicht mehr entlohnt werden, stellen sich die Ärzte selbstverständlich darauf ein. Die Alternativen bestehen darin, sich als Arzt entweder gar nicht erst niederzulassen (machen viele - man bekommt die Praxen heute kaum noch verkauft) oder eben überhaupt keine Kassenpatienten mehr zu behandeln und eine reine Privatpraxis aufzumachen, wie es jedem Arzt zusteht.



    Fazit: auch Kassenpatienten müssen sich für eine Praxis lohnen, sonst findet man irgendwann keinen Arzt mehr, der ausreichend schlecht rechnen kann um sie zu behandeln.

  • Meine Mutter starb vor 20 Jahren, weil der Hausarzt sich zu lange geweigert hatte, sie zum Facharzt zu überweisen. Damals gab es für Kassenpatienten eine Überweisungspflicht. Auf der Intensivstation waren -abgesehen von akuten Sachen wie Unfällen und Infarkten- ausschließlich Patienten, die zu spät von ihrem Hausarzt überwiesen wurden. Ich war damals dreimal am Tag mit meinem Vater bei meiner Mutter, die noch 6 Wochen wegen eines OP Fehlers im Koma lag und kannte deshalb alle Angehörigen, weil man vor der ITS immer warten muss. Eine Überweisungspflicht macht nur Sinn, wenn Hausärzte Götter in weiß wären und keine Fehldiagnosen produzieren.

  • Natürlich sind die durchschnittlichen Wartezeiten nicht gesunken, wie denn auch? Die Kapazitäten haben sich ja nicht verändert. Sie waren vorher komplett ausgelastet und sind es auch jetzt noch. Nur die Reihenfolge hat sich geändert: "Dringlich" wird vorgezogen, "normal" dann halt zurückgestellt.



    Das gilt für jeden Bereich: Man kann sich ganz viel tolle und gerechte Verteilungen überlegen, aber der gesamte Kuchen bleibt gleich.



    Wenn man das möchte, dann muss man Maßnahmen ergreifen, die den Kuchen vergößern. Das ist aber deutlich schwieriger und zeitaufwändiger, siehe Wohnungsmarkt.

    • @Desdur Nahe:

      Die Kapazitäten sind nur für gesetzlich Versicherte "komplett ausgelastet". Termine für Privatpatienten sind ausreichend und zeitnah verfügbar. Die Gesamtkapazität ist also mitnichten komplett ausgelastet.

      • @T-Rom:

        Und wenn nicht genügend Privatpatienten auftauchen, dann lässt die ganze Praxis die Timeslots verfallen und spielt in der Zeit Skat?



        Ihr Beispiel ist eine Bestätigung meines Beispiels: Wenn jemand vorgezogen wird, dann müssen andere länger warten. Lediglich die Reihenfolge ändert sich. Ob die Vorgezogenen jetzt Dringlichkeitspatienten oder PKV-Patienten sind, es ändert nichts an der Systematik.

      • @T-Rom:

        Aber Ärzte sind halt auch keine (Lohn-)Sklaven. Als Vertragsarzt schuldet man der Kasse x Stunden Kassensprechstunde pro Woche (in der Regel 20). Die meisten Ärzte über dieser Anforderung, aber zwingen, vollzeit zu Kassensätzen Kassenpatienten zu behandeln, kann man sie nicht. Viele könnten sich das auch gar nicht leisten, weil ihr Kostenapparat nunmal auf x% besser zahlende Privatpatienten ausgerichtet ist.

        • @Normalo:

          Komisch, dass das anderen Ländern dann doch trotzdem funktioniert. Ob das jetzt die Niederlande oder Skandinavien ist. Und die haben dort auch noch niedrigere Kosten im Gesundheitssystem.

          • @T-Rom:

            Das niederländische System ist deutlich schlechter als das Deutsche sowohl was Verfügbarkeit als auch Qualität angeht.

          • @T-Rom:

            Tatsächlich funktioniert "es" (wir reden von einem hochkomplexen billionenschweren Wirtschaftszweig mit zig Kriterien, an denen sich "funktionieren" bemisst) anderswo gar nicht mal wirklich besser. In den Niederlanden und Skandinavien ist z. B. die Arztwahl weit weniger frei als bei uns, es gibt Selbstbehalte, teilweise Rationierung der Leistungen und obendrauf fast durchweg längere Wartezeiten - insbesondere im gelobten Skandinavien.

  • Das System ist einfach nur noch kaputt.



    Jeder weiss, dass Privatpatienten überall sofort Termine bekommen, ungeachtet der medizinischen Dringlichkeit. Natürlich liegt das an den höheren Vergütungssätzen, woran denn sonst?



    Auch sollten Facharzttermine nur noch mit Überweisung möglich sein, das funktioniert ja zB in den Niederlanden auch gut.

    • @T-Rom:

      "Jeder weiss, dass Privatpatienten überall sofort Termine bekommen"

      Ach weiß das jeder? Das kann ich als Privatpatient jedenfalls nicht bestätigen...meine Wartezeiten bei Fachärzten letztes Jahr betrugen 2 mal 5 Monate. Und ein Hautarzt hat mich abgewiesen...und sicher nicht weil er schon zu viele Privatpatienten hatte. Ich wohne nämlich in einer Gegend, in der Privatpatienten eher selten sind und daher den Aufwand einer gesonderten Terminvorhaltung nicht lohnen...Die Kinderärztin ist sogar gänzlich mit Privatabrechnungen überfordert.

    • @T-Rom:

      das funktioniert ja zB in den Niederlanden auch gut.

      und was ändert es? Der Privatpatient wird auch dort bevorzugt. Normale menschliche Gier.

      • @Donni:

        In den Niederlanden gibt es keine PKV neben der gesetzlichen. Dementsprechend auch keine höheren Honorare für die Behandlung bestimmter Gruppen

        • @T-Rom:

          "In den Niederlanden gibt es keine PKV"



          Das ist nicht ganz korrekt. Es gibt diverse private Krankenversicherungen, die allerdings eine vorgeschriebene Basisversicherung für alle anbieten müssen. Und wer mehr möchte, muss Zusatzversicherungen abschließen.



          Ein Erfolgsfaktor der Niederlande ist übrigens die Selbstbeteiligung: Im letzten Jahr mussten die ersten 385 Euro Jahresbehandlungskosten selbst bezahlt werden, erst danach zahlte die Versicherung.

        • @T-Rom:

          Wußte ich nicht. Danke für die Info.

          • @Donni:

            Die Niederlande hatten auch ein zweigeteiltes System, haben es aber anders als wir (bzw. unsere Politiker) geschafft, eine Pflichtversicherung für alle einzuführen und die PKV in eine Zusatzversicherung umzuwandeln. So wie es Spanien auch hat. Wir sind da ganz hinten dran. Weil es viele Profiteure in der PKV gibt und viele gesetzlich Versicherte offensichtlich gar nicht verstehen, wie sie abgezockt werden.

            • @moonwatcher:

              Und was hat sich durch diesen "Meilenstein der sozialen Gerechtigkeit" verbessert? Kommt man in den Niederlanden leichter an Facharzttermine? Ist es für die Versicherten günstiger geworden - insbesondere wenn man die 385 EUR Selbstbehalt einrechnet? Werden weniger (nicht überlebensnotwendige) Leistungen verweigert?

              Der Trick am deutschen System ist, dass es eine recht breite Schicht - immerhin 10% - dazu bewegt, effektiv deutlich mehr Geld ins Gesundheitssystem zu pumpen, als sie es im Rahmen einer Pflichtversicherung tun würden. Als Anreiz bekommen sie eine bessere, aber im Vergleich zu dem Geld, das sie mitbringen, nur unterproportional umfangreichere Leistung angeboten. Ergebnis ist, dass das deutsche Gesundheitssystem den Patienten effektiv mehr bietet: Kaum Selbstbehalte, freiere Arztwahl, kürzere Wartezeiten auf Termine, weniger Beschränkungen, was geleistet werden darf. Im Vergleich zu den deutschen Privatpatienten mag das immer noch zweitklassig aussehen, in Wahrheit ist es im Vergleich zu anderen staatlichen Systemen die bessere Versorgung.