„Time“ ehrt Elon Musk: Clown des Jahres

Der Tesla-Chef ist nicht nur reichster Mensch der Welt, sondern nun auch Person des Jahres. Das „Time Magazine“ hat ihn dazu gekürt. Warum?

Das Cover des Time-Magazine

Elon Musk: „Person of the Year“ auf dem Cover des aktuellen „Time Magazine“ Foto: Time/ap

Alle Jahre wieder kürt das US-amerikanische Nachrichtenmagazin Time eine Auswahl aus Personen, Gruppen, Ideen oder Objekten, die das vergangene Jahr am stärkste geprägt haben. Elon Musk ist nicht nur der reichste Mensch der Welt, sondern nun auch „Person of the Year“.

Der 50-jährige Entrepreneur, der neben Tesla auch das private Raumfahrtunternehmen SpaceX führt, verfügt über ein geschätztes Vermögen von mehr als 300 Milliarden Dollar. Er sei eine Mischung aus Clown, Genie, Visionär, Showman und Unternehmer, sagte Time-Chefredakteur Edward Felsenthal. Manch ei­ne:r mag sich fragen, wie genau Elon Musk wohl das Jahr geprägt hat, indem er Raketen in den Weltraum schoss. Das Time Magazine betont, man wähle aus, wer nach Ansicht der Redaktion die Welt maßgeblich verändert oder bewegt hat – zum Guten oder zum Schlechten.

„Die Person des Jahres ist ein Zeichen für Einfluss, und nur wenige Menschen haben mehr Einfluss auf das Leben auf der Erde und möglicherweise auch auf das Leben außerhalb der Erde als Musk“, schreibt Felsenthal zur Begründung. Im zugehörigen Artikel heißt es, Musk „schießt Satelliten in die Umlaufbahn und macht sich die Sonne zunutze; er fährt ein von ihm geschaffenes Auto, das kein Benzin verbraucht und kaum einen Fahrer braucht. Mit einer Bewegung seines Fingers steigt der Aktienmarkt in die Höhe oder fällt in Ohnmacht.“

Seit fast einem Jahrhundert wählt Time eine Person des Jahres aus. Blickt man auf die lange Liste der ehemaligen Titel­träger:in­nen, begegnen einem lauter alte weiße Männer, oftmals Politiker. Das ist insofern nicht verwunderlich, als in einer rassistischen, sexistischen Welt nun einmal bis zuletzt die Herren die Machtpositionen ausfüllten. Wie bezeichnend, dass die Auszeichnung bis 1999 noch „Man of the Year“, also Mann des Jahres, hieß. Die erste Verleihung des Titels ging im Jahr 1927 an den ersten Alleinüberquerer des Atlantiks mit dem Flugzeug, Charles Lindbergh.

Das Time Magazine hat wohl etwas übrig für Männer, die mit Flugkörpern hantieren, siehe Musk. Hitler war schon Person des Jahres, Stalin auch. So viel dann zur „Veränderung der Welt zum Schlechten“. Zu den wenigen Frauen, die geehrt wurden, gehörten unter anderem Kamala Harris, Greta Thunberg und Angela Merkel. 2017 zierten Ver­tre­te­r:in­nen der #MeToo-Bewegung das Time-Cover, die eine weltweite Diskussion über Sexismus ins Rollen gebracht hatten.

Elon Musk ist Twitter-Alleinunterhalter für seine Millionen Follower und globaler Wirtschaftspopstar. Immer wieder geriet er zuletzt in die Kritik für die Arbeitsbedingungen in seinen Tesla-Fabriken.

Musk ist die Arbeitsatmosphäre des Silicon Valley gewohnt, zu der nicht nur Tischtennisplatte und Bällebad im Büro gehören, sondern auch die 80-Stunden-Woche. Er selbst ist Workaholic, arbeitet nach eigenen Angaben 120 Stunden in der Woche und hat mal gesagt: „Es gibt viel einfachere Orte, um zu arbeiten, aber niemand hat je die Welt mit 40 Stunden pro Woche verändert.“ Über seinen Arbeitswahn hat sogar seine Ex-Frau Claire Elise Boucher einen Song geschrieben.

Geld ins All

Den gleichen Aufwand erwartet der Gründer auch von seinen Mitarbeitern: Fließ­band­ar­bei­te­r:in­nen im Tesla-Werk San Francisco sollen 12 Stunden am Stück arbeiten. Musk selbst soll von einer „Produktionshölle“ gesprochen haben, auch gewerkschaftliche Organisation lehnt er ab: Nachdem 2019 ein US-amerikanisches Gericht entschied, dass er einen Mitarbeiter wieder einstellen müsse, der eine Gewerkschaft gründen wollte und deshalb von Musk gekündigt wurde, legte der Gründer sich dieses Jahr in Deutschland mit der IG Metall an.

Und nicht nur das: Zum zweiten Mal in weniger als einem Monat klagte eine Mitarbeiterin wegen sexueller Belästigung. In beiden Klagen wird eine „feindliche Arbeitsumgebung“ Frauen gegenüber im Werk festgestellt.

Musk als Person des Jahres zu bezeichnen, ist ähnlich weit hergeholt wie seine Besiedlungspläne für den Mars. Sie gelten als umstritten, werden von Ex­per­t:in­nen als Utopien abgetan. Allein der Transport von Menschen und Material zu dem Planeten dauere mehr als ein halbes Jahr. Und die Reise dorthin sei gefährlich.

Was die Menschen auf diesem Planeten wohl 2021 mehr beschäftigt haben mag als ihren potenziellen Umzug auf den Mars, das ist eine globale Pandemie, die auch über ein Jahr nach ihrem Ausbruch nicht besiegt ist und Menschenleben fordert. Im Zuge der Ebolapandemie 2014 wurden Ärz­t:in­nen und Pflegepersonal im Kampf gegen das Virus zu Personen des Jahres gewählt.

Warum ehrt man nicht auch in diesem Jahr, in dieser historischen Lage, Menschen, die jeden Tag ihr Leben für andere riskieren?

Das Time Magazin macht die Wegbereitenden von Covid-19-Impfstoffen, Kizzmekia Corbett, Barney Graham, Katalin Karikó und Drew Weissman, immerhin zu „Heroes of the Year“ im Schatten Musks. Indem man sie auf das Hel­d:in­nen­po­dest stellt und einrahmt, wird ihnen etwas von ihrem Einfluss genommen, der doch viel größer ist als der von Kryptowährungen und Memes es je sein sollte. Forschende retten Leben, Elon Musk schießt Geld ins All.

Während eines Live-Interviews fragte der populäre amerikanische Podcaster Joe Rogan: „Wenn ich sehe, wie du all dieses Zeug machst, denke ich: Woher nimmt dieser Motherfucker all die Zeit, all die Energie, all die Ideen?“ Musk antwortete: „Weil ich ein Außerirdischer bin.“ Weniger Weltraum und mehr irdischer Realitätsbezug würden der Auswahl der Person des Jahres guttun.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de