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Illustration: Linda Lee Wölfel

Standortteilen im HandyIch will wissen, wo du bist!

Ob Freund*innen, Paare oder Eltern und ihre Kinder: Viele Menschen teilen via Smartphone ihren Standort. Wie Tracking das Zusammenleben verändert.

A gentenfilmmusik, wechselnde Personen im Fadenkreuz, eine Frauenstimme sagt: „Verfolgung aufnehmen, Standort ermitteln, alarmieren bei Gefahr“: Was im ersten Moment wie ein James-Bond-Film anmutet, ist ein Beitrag des SAT.1-„Frühstücksfernsehens“. In diesem begleitet der Sender die vierköpfige Familie Sill beim Test von Überwachungs-Apps. Vater Ronny und Mutter Christiane wollen wissen, wo sich ihr Nachwuchs so herumtreibt. Die Kinder sind sichtlich genervt. Von Rund-um-die-Uhr-Kontrolle spricht Tochter Joline und davon, dass das Ganze was von einer Fußfessel habe.

Die Reportage ist über zehn Jahre alt. Und so klingt nicht nur der Titel „Kinderkontrolle extrem“, sondern auch die Kommentare unter dem Video sind es: „Wer so etwas nutzt, hat einfach nur einen an der Klatsche“; „richtig krank“; „Vertrauenskiller pur“.

Der Blick auf die Technik hat sich seitdem grundlegend verändert. „Vor zehn, zwanzig Jahren war das Tracking in Deutschland ein totales No-Go, heute ist es Normalität“, sagt Sabine Trepte. Sie ist Professorin für Medienpsychologie an der Universität Hohenheim und forscht unter anderem zu Privatheit und Selbstoffenbarung im Social Web. Nicht nur in Familien gehöre das Teilen der eigenen Standortdaten inzwischen zum Alltag, sondern auch in Freund*innenschaften und romantischen Beziehungen.

Die Palette passender Apps und Funktionen ist dabei groß: Es fängt an bei Google Maps und der iPhone-Funktion „Wo ist?“, die das dauerhafte Standortteilen mit anderen ermöglichen. Speziell zu diesem Zweck entwickelte Apps wie Life360 oder GeoZilla locken vor allem mit dem Versprechen, das eigene Leben und das der Liebsten sicherer und einfacher zu machen. Apps wie Bump wiederum werben mit dem Spaß- und Spontaneitätsfaktor.

Wenn ich sehe, wo meine Leute sind, dann zahlt das in der Regel in meine Beziehungen ein

Sabine Trepte, Forscherin

Daneben bieten große soziale Plattformen inzwischen eigene Funktionen zum Standortteilen an. Auf Snapchat können Nutzer*innen seit 2017 auf ihrer Snap Map die Wege ihrer Freund*innen nachverfolgen, auf Instagram ermöglicht das seit 2025 die Friend Map.

Zwar sind in den letzten Jahren einige Studien erschienen, die untersucht haben, auf welche Weise Menschen in ihren Beziehungen digitale Tools wie die Standortfreigabe nutzen. Repräsentative Erhebungen dazu, wie viele Menschen in Deutschland ihre Positionsdaten mit anderen teilen, gibt es aber nicht.

In den USA weiß man schon etwas mehr: Bei einer Online-Umfrage des Marktforschungsinstituts CivicScience unter rund 1.200 US-Amerikaner*innen im Jahr 2025 gaben 41 Prozent an, ihren Standort mit mindestens einer Person zu teilen. Das Nutzungsverhalten ist in den Altersgruppen unterschiedlich: Von den 18- bis 29-Jährigen teilten zwei Drittel ihren Standort, bei den Über-54-Jährigen ist es nur jeder Vierte. Die Ergebnisse der Umfrage weisen auch darauf hin, dass es relativ verbreitet ist, den eigenen Standort nicht nur mit einer, sondern mit zwei oder mehreren Personen zu teilen.

Bei einer Online-Umfrage im Auftrag der Tracking-App Life360 gaben sogar 95 Prozent der 1.000 Teilnehmenden an, die Standortfreigabe in irgendeiner Form in Beziehungen zu nutzen. Paare, die dies direkt über Life360 taten, schauten demnach durchschnittlich siebenmal am Tag nach, wo ihre Liebsten waren.

Forscherin Sabine Trepte wundert es nicht, dass das Standortteilen so beliebt geworden ist. Zum einen sei es praktisch. „Wenn die Partnerin auf einer langen Autofahrt unterwegs ist, muss sie nicht mehr am Steuer telefonieren oder eine Nachricht ins Handy tippen, um Bescheid zu geben, wann sie zu Hause ist“, sagt Trepte. Der Partner könne einfach ihren Standort checken. Zum anderen sei aus der Forschung bekannt, dass jede Form der Nähe, die digitale Anwendungen erzeugten, bei den Nutzenden das Gefühl der Verbundenheit stärke. „Wenn ich sehe, wo meine Leute sind, dann zahlt das in der Regel in meine Beziehungen ein.“

Hinzu komme, dass es beim Standortteilen wie beim Posten eines Reels oder einer Story immer auch um Selbstoffenbarung gehe. Je mehr ein Mensch online von sich preisgebe, sagt die Wissenschaftlerin, desto mehr soziale Unterstützung erfahre er von seinen Mitmenschen.

Im Fall des Standortteilens kann das beispielsweise bedeuten: Stecke ich im Verkehr fest und meine Freund*innen bekommen das auf ihrem Smartphone mit, melden sie sich möglicherweise und nehmen Anteil – was sie ohne den geteilten Standort nicht getan hätten.

Andere blicken kritischer auf das Thema. So warnten Silke Meyer und María Atiénzar Prieto von der Griffith University in Australien beispielsweise in einem Artikel in dem Online-Magazin The Conversation Ende 2024 vor den Gefahren, die vom Standortteilen ausgehen können. Zwar bieten entsprechende Dienste Bequemlichkeit und ein Gefühl von Sicherheit, sie erleichterten aber auch Stalking und andere Formen von kontrollierendem Verhalten. Viele User*innen unterschätzten diese Risiken. Zudem könne es misstrauisch machen, wenn jemand seinen Standort nicht teilen wolle. Das wiederum könne dazu führen, dass es Menschen schwerfalle, dazu Nein zu sagen.

Medienpsychologin Sabine Trepte bestreitet nicht, dass das Standortteilen auch zu Problemen führen kann. Die Forschung habe aber gezeigt, dass sich Menschen im Privaten im Großen und Ganzen gut über ihre Bedürfnisse verständigten, wenn es um digitale Anwendungen gehe, sagt sie. „Im Zeitalter der sozialen Medien müssen wir genau hinschauen, generelle Warnungen funktionieren nicht mehr“, betont Trepte. Es komme immer darauf an, wer die digitalen Dienste wie und nach welchen Absprachen nutze. Eine App sei auch nie der alleinige Auslöser für missbräuchliches Verhalten. Dazu komme es nur, wenn es ohnehin schon Probleme in der Beziehung gebe. „Da ist die App nicht schuld, sie ist ein Symptom“, sagt Trepte.

Bleibt die Frage, was noch privat ist, wenn wir nicht nur unsere Urlaubsfotos auf Instagram teilen und unsere Laufstrecken auf Strava, sondern auch unseren Standort. Darauf hat Sabine Trepte ebenfalls eine diplomatische Antwort: „Es gibt keine menschenübergreifende Definition von Privatheit.“ Da verhalte es sich wie im analogen Raum. „Es gibt Leute, die schließen ihre Haustür nie ab und leben gut damit. Andere wiederum finden das nicht so gemütlich.“

Wie unterschiedlich Menschen Privatheit definieren, Vertrauen und Kontrolle, Freiheit und Verbundenheit, zeigen die folgenden Erfahrungsberichte.

„Je mehr wir uns im Digitalen verbinden, desto schwerer fällt der Kontakt im Analogen“

Elisa Mende, 24, Tierpflegerin:

Das einzige Mal, dass ich dauerhaft meinen Standort mit jemandem geteilt habe, war mit meinem Ex-Freund. Die Idee kam von ihm, als wir relativ frisch zusammen waren, und wir machten das die ganze Beziehung lang, die allerdings nur ein paar Monate hielt. Ich war damals erst 18, ich habe nicht weiter darüber nachgedacht und einfach mitgemacht.

Ich erwischte mich immer wieder dabei, wie ich nachschaute, wo mein damaliger Freund gerade steckt. Nicht, weil ich ihm nicht vertraut hätte, sondern eher aus Langeweile. Wahrscheinlich auch, weil ich plötzlich die Möglichkeit dazu hatte. So wie man eben Instagram öffnet, obwohl man eigentlich etwas anderes am Handy machen will. Das hat mich irgendwann total genervt, ich fragte mich: Warum tue ich das?

Letztlich ging es meinem Ex-Partner, glaube ich, auch nicht darum, mich zu kontrollieren. Trotzdem würde es genau dieses Gefühl heute in mir auslösen. Deshalb würde ich meinen Standort nicht mehr mit irgendwem dauerhaft teilen, erst recht nicht in meiner Partnerschaft. Für mich gibt es eigentlich keinen vernünftigen Grund, das zu tun. Vertrauen stärkt das Standortteilen meiner Meinung nach auch nicht. Wenn jemand wissen will, wo ich bin, soll die Person mich fragen.

Auch in Freundschaften sehe ich keinen Nutzen. Im Gegenteil: Es würde bei mir eher Fomo auslösen, also die Angst, etwas zu verpassen. Wenn ich immerzu auf meinem Handy sähe, Freund A ist gerade hier und Freundin B dort, der macht dies, die macht das, dann würde ich denken: Scheiße, und ich bin nicht dabei. Ich würde noch mehr Zeit am Handy verbringen, als ich es ohnehin schon tue.

wochentaz

Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

Ich glaube auch, dass Trends wie das Standortteilen dazu führen können, dass wir uns weniger beieinander melden, weil sie eine Scheinverbundenheit erzeugen. Weil man beispielsweise denkt: Der andere war ja gerade schon im Café, da brauche ich nicht zu fragen, ob er mit mir heute noch einen Kaffee trinken geht.

Das ist eine Tendenz, die ich seit einer Weile beobachte: Je mehr wir uns im Digitalen verbinden, desto schwerer fällt der Kontakt im Analogen. Ich kenne so viele Leute, die es nicht schaffen, irgendwo anzurufen oder im Supermarkt nachzufragen, wo etwas steht.

So viele in meiner Generation verlassen sich so krass auf ihr Handy. Und wenn das mal weg ist, bricht die Hölle los. Da frage ich mich schon, wie es anders ginge. Meine Generation ist zwar mit dem Smartphone groß geworden, aber niemand hat uns einen gesunden Umgang damit gelehrt.

Das heißt nicht, dass ich digitale Tools komplett verdamme. Ich habe viele Freunde in anderen Städten, und ohne Whatsapp oder Instagram würde es mir wahrscheinlich schwer fallen, auf Dauer mit ihnen in Kontakt zu bleiben.

Grundsätzlich halte ich persönlich aber nichts davon, jede Sekunde des eigenen Lebens mit anderen zu teilen. Man will ja auch noch etwas zu erzählen haben, wenn man sich in echt trifft.

„Den Standort zu teilen, war eine Möglichkeit, meiner Partnerin ein Stück Sicherheit zu geben“

Konstantin Schmied*, 26, Mitarbeiter einer Security-Firma:

Vor zwei Jahren habe ich das erste Mal davon erfahren, dass Leute dauerhaft ihre Standorte miteinander teilen. Ich mache das aktuell mit meiner Schwester und meiner Partnerin, aber auch mit sehr engen Freund*innen könnte ich mir das grundsätzlich vorstellen. Vor allem für Frauen sehe ich darin einen Mehrwert, weil sie sich so sicherer fühlen können, wenn sie unterwegs sind.

Ich wiederum kann nachschauen, wo eine Person ist, von der ich länger nichts gehört habe und um die ich mir anfange, Sorgen zu machen. Ansonsten schaue ich eigentlich kaum nach, wo die Leute sind, mit denen ich meinen Standort teile. Deswegen sehe ich hier den Punkt der Kontrolle auch nicht wirklich.

In meiner letzten Beziehung haben meine Ex-Partnerin und ich unsere Standorte nur temporär miteinander geteilt. In meiner jetzigen Partnerschaft machen wir das dauerhaft. Unsere Kennenlernphase war schwierig. Ich machte zwischendurch einen Rückzieher, was bei meiner Freundin zu einem Vertrauensverlust führte. Von ihr kam dann der Vorschlag, wir könnten doch unsere Standorte miteinander teilen. Ich sah das als Möglichkeit, ihr ein Stück Sicherheit zu geben, zu zeigen, dass ich nicht einfach wieder verschwinde. Unter anderen Umständen hätten bei mir wohl die Alarmglocken geläutet, aber in dem Fall konnte ich das Bedürfnis meiner Partnerin verstehen.

Illustration: Linda Lee Wölfel

Inzwischen hat das Standortteilen für uns vor allem einen praktischen Nutzen, für Absprachen, für spontane Verabredungen oder wenn einer sein Handy im Kino liegen gelassen hat.

Ich denke, Vertrauen und die Standorte miteinander zu teilen, schließen sich nicht aus. Sicher gibt es auch Fälle, in denen es dem Partner oder der Partnerin um Kontrolle geht. Es hängt meiner Meinung nach immer total vom jeweiligen Kontext ab. Bisher sind wir uns bei der Nutzung immer einig gewesen.

Wir können über das Thema gut und offen sprechen und würden jederzeit mit dem Standortteilen aufhören, wenn das einer von beiden nicht mehr will. Ohne diese Basis geht es nicht.

* Name geändert

„Ich kriege bei diesem Thema sofort Beklemmungsgefühle“

Stephanie Henkel, 33, Informatikerin und Netzaktivistin unter anderem beim Dresdner Chaos Computer Club:

Würde mir eine Freundin erzählen, dass ihr Freund mit ihr Standorte teilen will, würde ich sagen: Red Flag, lauf weg, so schnell du kannst! Ich kriege bei diesem Thema sofort Beklemmungsgefühle, weil ich vor allem daran denke, welche Möglichkeiten das potenziell gewalttätigen Männern gibt. Letztlich geht es dabei ja um Kontrolle. Ich will mir nicht ausmalen, wie viele Typen ausspionieren, wo ihre Partnerin oder Ex-Partnerin gerade steckt.

Selbst wenn nur gute Absichten hinter dem dauerhaften Standortteilen stecken, kann ich nicht nachvollziehen, warum Leute das machen. Ich möchte gar nicht wissen, wo mein Freund die ganze Zeit ist. Was habe ich gewonnen, wenn ich sehe, dass er gerade aus dem Supermarkt raus und auf dem Weg nach Hause ist? Vor allem: Was, wenn er dann doch nicht zu Hause aufkreuzt, weil er einen Kumpel getroffen hat und mit ihm noch was unternimmt? Und wenn der keinen Bock hat, dass sein Freund die ganze Zeit das GPS laufen lässt, weil damit ja indirekt auch Informationen über ihn preisgegeben werden? Da entsteht so viel Raum für Missverständnisse, der Stress ist vorprogrammiert.

Ich habe früher mit meiner Mutter meinen Standort geteilt, nie dauerhaft, aber immer mal wieder für ein paar Stunden. Damit sie wusste, ob ich schon auf dem Heimweg bin oder wo ich mit der Mitfahrgelegenheit gerade auf der Autobahn stehe. Ich habe das nur gemacht, um meine Mutter zu beruhigen, wirklich gesund erscheint mir das heute nicht. Ich frage mich, mit welchem Recht Eltern verlangen zu wissen, wo ihr Kind die ganze Zeit steckt.

Natürlich kann ich verstehen, wenn Frauen zum Beispiel mit ihren Freund*innen ihren Standort teilen, weil sie sich auf dem Nachhauseweg durch den Park oder in der U-Bahn sicherer fühlen. Aber dafür gibt es Alternativen wie zum Beispiel das Heimwegtelefon, bei denen man nicht mit Bewegungsdaten bezahlt. Davon geben wir ohnehin schon so viele preis, allein über jedes WLAN, in das wir uns einloggen.

Als jemand aus der Tech-Szene sehe ich das als eine der größten Gefahren unserer Zeit. Schließlich besteht immer das Risiko, dass Daten missbraucht werden. Auch wenn der Standort anonymisiert getrackt wird: Jeder Mensch hat in der Regel nur wenige Orte, die er regelmäßig aufsucht. Wenn solche Daten geleakt werden, was schon mehrfach passiert ist, dann wird auf einmal klar: Person A geht regelmäßig ins Bordell, und Person B sucht jede Woche die Selbsthilfegruppe für Menschen mit Depressionen auf. Im schlimmsten Fall landen die Bewegungsdaten in der Polizeidatenbank. Angesichts all dessen macht es mich ganz nervös, dass so viele Leute dauerhaft ihren Standort tracken lassen.

Es gibt auch andere, die darauf keinen Bock haben, die sich aktiv diesem Überwachungs- und Erreichbarkeitstrend verwehren. Manche Teenager wollen nicht einmal mehr ein Smartphone. Sicher bilden sie nur eine Minderheit. Trotzdem macht mir das Hoffnung.

„Einmal habe ich gesehen, dass mein Sohn abends noch im Büro saß“

Mareile Flatt, 62, Steuerberaterin:

Als meine Kinder vor etwa zwei Jahren mal bei mir zu Besuch waren, haben sie mir auf meinem iPhone die „Wo ist“-Funktion gezeigt. Sie haben mir erklärt, dass sie damit immer sehen könnten, wo ich stecke. Ich fand, das klang super, und so haben wir uns entschieden, zu dritt jeweils unsere Standorte miteinander zu teilen. Meine Kinder sind 25 und 28 und wohnen beide in Wien, ich in Dresden. Die zwei sind viel unterwegs, mein Sohn beruflich, meine Tochter reist viel oder ist mit Freunden auf Achse.

Ich finde es schön, jederzeit erfahren zu können, wo meine Kinder gerade sind. Dadurch bekomme ich eine Vorstellung von ihrem Alltag. Wenn ich zum Beispiel sehe, dass mein Sohn bei einem Konzert war, freue ich mich mit ihm. Ich frage ihn in solchen Fällen auch, wie ihm der Abend gefallen hat.

Bevor ich meine Tochter anrufe – wir telefonieren beinahe täglich – schaue ich nach, ob sie schon zu Hause oder beispielsweise noch an der Uni ist. Ich will sie nicht stören. Das hat für mich nichts mit Kontrolle zu tun. Wir haben eine sehr enge Beziehung. Da nehme ich das Standortteilen als etwas wahr, das diese Verbundenheit zwischen uns weiter stärkt.

Ich würde schätzen, dass ich ein- bis zweimal am Tag den Standort meiner Kinder nachschaue. Als ich dabei einmal gesehen habe, dass mein Sohn abends noch im Büro saß, habe ich ihn angerufen und gesagt, er soll mal lieber Feierabend machen. Ganz selten schaue ich nachts, wenn ich zufällig noch wach bin, auf den Standort. Wenn ich dann sehe, dass meine Tochter noch Party macht, meldet sich schon die besorgte Mutter in mir. Aber dann sage ich mir, dass es ja ihr Leben ist.

Meine Kinder interessieren sich wahrscheinlich weniger für meinen Standort als ich für ihren. Einmal war ich über Nacht bei jemandem in der Pampa zu Besuch. Danach dachte ich: Oh Gott, was, wenn die beiden das gesehen haben und fragen, wo ich mich herumgetrieben habe? Da wäre ich in Erklärungsnot gekommen, aber am Ende gab es keine Nachfragen.

Ich könnte mir auch vorstellen, den Standort mit meinem Partner dauerhaft zu teilen, einfach weil ich jemand bin, der sich schnell Sorgen macht und dem diese Möglichkeit ein Gefühl von Sicherheit gibt. Aber mein Lebensgefährte hält nichts davon. Er findet das, was meine Kinder und ich machen, ziemlich merkwürdig. Er ist auch nicht so der Technikfan, das spielt vielleicht auch eine Rolle.

Vielleicht wirkt es so, aber ich zwinge meine Kinder zu nichts. Ich bin mir sicher, dass sie es mir sagen würden, wenn sie ihren Standort lieber für sich behalten wollen. Das wäre für mich in Ordnung.

Aber ich denke nicht, dass es so weit kommen wird. Im Gegenteil: Meine Tochter geht bald für ein halbes Jahr nach Australien. Da freue ich mich schon darauf, mitverfolgen zu können, wo sie gerade so unterwegs ist.

„Manchmal vergesse ich, dass ich mit so vielen Leuten meinen Standort teile“

Lukas Hoch*, 22, Student:

Was ich denn auf der Polizeiwache mache, wollte mein Vater einmal von mir wissen. Sein Handy hatte ihm angezeigt, dass ich dort war, aber das war ein Fehler der App, ich war gar nicht bei der Polizei. Das war schon ein bisschen lustig, aber auch krass, weil ich in dem Moment das Gefühl hatte, mich nicht mehr frei bewegen zu können. Aber das stimmt ja eigentlich nicht.

Ich teile meinen Standort mit meiner ganzen Familie als Gruppe. Ich möchte meinen Eltern zeigen, wo ich bin, ohne dass sie nachfragen müssen. Bei meiner Oma geht es mir um Sicherheit. Sie ist 88 Jahre alt, und wenn sie einen Spaziergang macht und wir ihren Standort sehen können, gibt das meiner Familie ein gutes Gefühl. Sie vergisst auch öfter mal, wo ihr Handy liegt, wir können es orten.

Mit meinem Cousin teile ich den Standort eher als Gag, genauso wie mit meinen Freund*innen von der Hochschule. Das ist ein bisschen wie Pokémon-Karten sammeln. Wenn ich auf meinem Handy daddel, aber nicht auf Instagram hängen will, dann öffne ich ab und zu „Wo ist“ und schaue, welche Freund*innen gerade wo unterwegs sind. Da sehe ich dann, Freund A ist jetzt zum Beispiel im Museum.

Streng genommen fange ich mit dieser Info dann nichts weiter an. Aber manchmal erwische ich mich dabei, wie ich mir Geschichten überlege, warum die Person jetzt gerade wohl dort oder dort ist. Man wird halt mit Informationen gefüttert, die man eigentlich nicht braucht, und manchmal denke ich auch, ich hätte lieber bei einem Treffen von dem Ausflug ins Museum erzählt bekommen.

Das Standortteilen kann aber auch ganz praktisch sein. Wenn ich zum Beispiel in einer Bar sitze und auf meinen Kumpel warte, dann schaue ich, wo er gerade steckt. Ich kann mir einen Anruf oder eine Nachricht sparen, weil ich sehe, okay, er ist auf dem Weg.

Aktuell nutze ich die Apps „Wo ist“ von Apple, „Bump“ und „Life360“, je nachdem, was die anderen Leute nutzen. Am Anfang habe ich ziemlich viel in die Anwendungen reingeschaut. Nach einer Zeit verlor die Sache ein bisschen ihren Reiz. Manchmal vergesse ich sogar, dass ich mit so vielen Leuten meinen Standort teile und die ihren mit mir.

Wäre ich in einer romantischen Beziehung, wäre es für mich grundsätzlich denkbar, meinen Standort zu teilen, auch wenn das natürlich Diskussionen rund ums Thema Vertrauen auslösen könnte. Gleichzeitig finde ich, dass es ein Akt des Vertrauens ist, wenn man seinen Standort mit einer anderen Person teilt. Weil man davon ausgeht, dass diese Person mit den Informationen sensibel umgeht und sie nicht missbraucht. Ob sie das wirklich tut, weiß ich natürlich nicht. Aber darum geht es ja bei Vertrauen.

Ich kenne auf jeden Fall auch Leute in meinem Alter, die auf all das keinen Bock haben und ihren Standort nicht teilen wollen oder sich ganz aus dem Digitalen zurückziehen. Ein Freund von mir nutzt inzwischen nicht einmal mehr ein Smartphone. Das macht er vor allem aus Datenschutzgründen.

Ich, wie wahrscheinlich die meisten Menschen in meinem Umfeld, weiß nicht, was mit meinen Daten am Ende so genau passiert. Gründlich hinterfragt habe ich das ehrlicherweise aber bislang nicht.

* Name geändert

„War ich an einem vermeintlich gefährlichen Ort, erhielt ich Kontrollanrufe“

Marietta Schiemer*, 19, Studentin:

Als ich 13 war, hat meine Mutter meinen Standort getrackt. Dafür aktivierte sie auf meinem Handy eine Funktion für Eltern, auf die ich selbst keinen Zugriff hatte und die ich dementsprechend nicht abstellen konnte. Sie hat mich dann dauerhaft getrackt. Heute denke ich, dass meine Mutter damals aus großen Verlustängsten und einem Kontrollzwang heraus gehandelt hat.

Damit gingen auch Verbote einher. Ich durfte zum Beispiel das vermeintlich gefährliche Szeneviertel in meiner Stadt, wo sich damals mein ganzer Freund*innenkreis aufhielt, nicht betreten. War ich doch mal dort, erhielt ich Kontrollanrufe oder wurde zu Hause befragt, was ich denn in dem Viertel gemacht habe.

Meine Mutter verbot mir auch, auf Demonstrationen zu gehen, sie hatte meinen Standort zu den jeweiligen Terminen entsprechend im Blick. Wenn sie mich auf ihrem Smartphone in der Nähe einer Demonstration gefunden hatte, musste ich danach mit einer Standpauke und Hausarrest rechnen. Dabei steht das Grundrecht zu demonstrieren auch Kindern und Jugendlichen zu. Ich versuchte mich damals regelmäßig gegen meine Mutter zu wehren, aber das brachte nichts.

Das ging so lange, bis ich 18 war. Da habe ich mir relativ schnell einen neuen Handyvertrag geholt, um aus dieser Dauerüberwachung rauszukommen. Meine ältere Schwester hatte das Glück, dass Smartphones in ihrer Jugend noch gar kein Thema waren.

Rückblickend hätte ich mir gewünscht, dass mir meine Mutter damals mehr vertraut hätte, aber auch, dass ich mehr rechtliche und technische Möglichkeiten gehabt hätte, mich aus dieser Überwachung zu lösen. Ab einem gewissen Alter haben Kinder ein Recht auf Autonomie. Klar, wenn es darum geht, dass der eigene Sohn zum ersten Mal alleine von der Schule nach Hause läuft, ist das was anderes. Aber grundsätzlich würde ich anzweifeln, dass Eltern ein Recht darauf haben, ihre Kinder dauerhaft zu tracken.

Wenn das Kind freiwillig und gerne seinen Standort mit den Eltern teilt, kann das auch was total Schönes sein, weil es von einem großen Vertrauen zeugt. Deshalb lehne ich das Standortteilen auch nicht kategorisch ab.

Heute teile ich meine Bewegungsdaten dauerhaft mit zwei Personen. Einmal mit meinem Stiefvater, der für mich wie ein richtiger Vater ist. Es gibt mir ein Gefühl von Sicherheit, wenn er meinen Standort hat, im Fall, dass mir etwas passiert. Ich vertraue ihm sehr, deshalb hat das für mich nichts mit dem zu tun, was ich mit meiner Mutter erlebt habe.

Daneben teile ich meinen Standort mit meiner besten Freundin. Sie wohnt in einer anderen Stadt, und wenn ich weiß, dass sie in meiner ist und wir uns spontan treffen wollen, schauen wir nach, wo die jeweils andere ist, und machen einen passenden Treffpunkt aus. Der Standort hilft uns auch, uns dann zu finden. Orientierung ist nicht so unsere Stärke.

Ich kenne Leute, die teilen ihren Standort auf Snapchat oder bei Instagram mit vielen anderen. Mein Eindruck ist, dass die meisten diese Funktionen einfach aus Spaß nutzen, für diesen Spontaneitätskick, wenn man sieht, der andere ist gerade im Café nebenan und man geht mal hin, um Hallo zu sagen. Es geht darum, auf dem Laufenden zu sein und sich connectet zu fühlen – und vielleicht auch darum, beim nächsten Treffen ein Gesprächsthema zu haben. Für mich käme das nicht infrage, mir würde dafür das nötige Vertrauen fehlen. Ich fände die Vorstellung, dass 10 oder 20 Leute wissen, wo ich bin, ziemlich befremdlich.

* Name geändert

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4 Kommentare

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  • Kann ja jeder halten - wie der Pfarrer Assmann oder du klein Geld.



    Solange das ab&anzuschalten geht!



    Anders als bei 🚁 …& andere!



    Bleibt es aus - falls es einen mich überzeugenden Anlaß gibt - mal temporär an •

    ps gehöre der kriegs-nachkiegs Generation an



    Weder Uhr noch sonst - unser Mutter *04 ein Gesicht zog “Wieso? Wußt ich doch.



    Als die Nebel aus den Saalewiesen stiegen -



    Bin ich losgelaufen!“ Großes Bruderherz



    So & ähnlich bin ich meinen zwei Runden Kindern immer umgegangen. Newahr



    Der 28-jährige Studi mal unlängst: “Dafür werd ich dir immer dankbar sein!



    Daß du mich immer & durch die Bank so an der langen Leine hast laufen lassen!



    Wenn ich meune Kommilitonen so btw erlebe.



    Da bin ich längst schon mit durch & weiter.



    Da haben dies umständlich & immer noch nicht gebacken gekriegt!“

    kurz - Wie in der Physio - 🩼 🩼 Hilfsmittel - ff



    Schonn. But.



    Nur necessry-temporär & ab dafür!



    Je eher je besser •



    Normal Schonn

    Diese keineswegs nur latente Erziehung zu/mit



    Überwachen & Unselbstständkeit! Woll



    Ist & macht schlicht “krank“ & ist ein lebensfeindlicher Irrweg!

  • "Je mehr wir uns im Digitalen verbinden, desto schwerer fällt der Kontakt im Analogen" - genau diese Erfahrung mache ich seit längerem. Manchen Menschen reicht das Spielen mit eventuellen Möglichkeiten, clicken sich durch, sind aber scheinverbunden. Fragte mal einen FB-Freund, seit 3 Jahren in regem "Kontakt" und Austausch, nach seiner Telefonnr. aber die wurde verweigert, als ich ganz analog in seine Stadt kam. Nie wieder länger virtuell, immer so schnell wie möglich ein persönliches Treffen vereinbaren, sonst Kontakt löschen, bzw. das ankündigen.

  • Interessante Kombination: Interview mit Fachfrau und Meinungen von Betroffenen hinterher. Finde ich gut, denn ich Teile meinen Standort mit niemandem, habe mir aber auch keine Gedanken dazu gemacht; andere Menschen aber schon. War in meiner Peergroup bisher kein Thema.

  • Es gab mal einen Science-Fiction Roman in dem dieses Tracking+Tracing auch beschrieben wurde. Die Steigerung war dann, daß jeder einen mit Sprengstoff gefüllten Halsreif tragen mußte mit dem er jederzeit von den Kontrolleuren getötet werden konnte. In den Diktaturen wie Russland, China, Nord-Korea und den USA wird das auch bald kommen.