piwik no script img

Rückzug des Berliner RegierungschefsAuch Berliner Linke brauchen eine CDU

Kommentar von

Gunnar Hinck

Klar ist jetzt die Schadenfreude groß wegen Kai Wegner. Doch die CDU repräsentiert Milieus, die für linke Parteien unerreichbar sind.

D er politische Betrieb im Land Berlin ist erleichtert. Der Regierende Bürgermeister von der CDU, Kai Wegner, tritt bei der nächsten Wahl im Herbst nicht mehr an, weil er im Zusammenhang mit einem großflächigen Stromausfall mehrfach gelogen hat. Die Erleichterung und auch die zu vernehmende Schadenfreude gerade von links sollten dabei allerdings schnell abgehakt sein.

Stattdessen sollte der Blick auf etwas anderes, tiefer Liegendes gerichtet werden: Eine sich selbst zerlegende CDU ist nicht gut für die 3,7-Millionen-Metropole. Es gibt einen Anteil von rund 35 bis 40 Prozent BerlinerInnen, die wohl niemals SPD, Linke oder Grüne wählen würden (bei der für sie erfolgreichsten Wahl im Jahr 2001 erreichten sie knapp über 60 Prozent, von da an ging es bergab).

Es sind BerlinerInnen, die tendenziell nicht im Innenstadtring leben, sondern in eher unbekannten Stadtteilen wie Hakenfelde, Lichtenrade oder Kaulsdorf. Bei der vergangenen Wahl sah man die Teilung Berlins zwischen innen und außen eindrücklich auf Karten: Der Berliner Kern ist rot und grün eingefärbt, der – flächenmäßig viel größere – Rest schwarz und leider auch AfD-blau.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Crack und Matratzenberge

Es sind BerlinerInnen, die es nicht normal finden, dass nachts in U-Bahn-Zügen schon mal Crack geraucht wird und öffentliche Parks zu Verkaufsstellen von harten Drogen umgenutzt werden, während die Polizei wegsieht. Es sind BerlinerInnen, die auch mit ihrem Steuergeld eine Stadtreinigung finanzieren, die in den Straßen von Kreuzberg und Neukölln mehrmals in der Woche ausrücken muss, um die Bürgersteige von Elektroschrott-, Sofa- und Matratzenbergen zu befreien.

Die linke Antwort auf Regelverstöße und Kriminalität lautet dann immer: Prävention geht vor, wir müssen die sozialen Ursachen bekämpfen – so steht es auch im Wahlprogramm der Berliner SPD. Es ist immer gut, an soziale Ursachen heranzugehen, aber es dauert, bis sich Ergebnisse zeigen. In der Zwischenzeit wünschen sich – nicht nur – besagte 35 bis 40 Prozent der BerlinerInnen einen Staat, der handelt. Erwartbare linke Floskeln wie „gegen staatliche Repression“ sind dabei geradezu denkfaul: Es sind gerade ärmere Schichten, die auch bei der öffentlichen Sicherheit einen funktionierenden Staat brauchen, weil sie nicht die Mobilität und das Geld haben, den Zumutungen auszuweichen, und die sich keine Wohnung in Berlins Bullerbü, auch bekannt als Prenzlauer Berg, oder in Zehlendorf leisten können.

Wagner hatte seiner Klientel Law and Order versprochen und ist damit grandios gescheitert. Trotzdem bleibt seine CDU weiterhin die Repräsentantin eines Milieus, das für die linken Parteien einfach nicht erreichbar ist. Eine vitale, moderat konservative Berliner CDU ist auch im Interesse der linken Parteien, allein schon als potenzieller Koalitionspartner. Die Alternative steht ganz rechts, und die ist auf allen Ebenen keine Alternative.

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen

Gunnar Hinck

ist Redakteur im taz-Ressort Meinung.
Mehr zum Thema

11 Kommentare

 / 
  • Wenn die CDU denn wenigstens die von ihr ausgerufenen und betonten Ziele mit ihren Methoden erreichen würde!

    Berlin hatte mal absolute Mehrheiten der SPD, und seither sind noch hunderttausende Prenzlschwaben samt 'Apfelschnitz'-Behälter eingefallen.



    Auch die SPD könnte übrigens die Law&Orders aus der Mitte binden.

    Gleichwohl ist der Artikel ein wichtiger Erinnerer, dass die Union nötig ist, anders als gewisse Rechtsextremhetzers. Die von der Union tatsächlich Enttäuschten sollte zumindest die SPD einsammeln wollen.

  • Meine Güte ist das ein rechtspopulistischer Käse.

  • Das ist so rührend. Die unbekannten Stadtteile. (Lichtenrade - war das nicht in der DDR?) Die ärmsten, die dort leben müssen, weit entfernt von jeder Zivilisation, vulgo U-Bahn, in der sie Crack konsumierende Großstädter*innen erleben müssen. Die können dort ja nur CDU wählen. Und sich einen Staat wünschen, der handelt. Also z.B. die Schmarotzer dransaliert, den Klappsendoktoren das Geld wegnimmt und kräftig aufrüstet gegen... egal, Hauptsache, er handelt, der Staat. Und wer nicht spurt, fliegt raus.

    So Leute dürfen gerne weiter CDU wählen. Die braucht sonst niemand. Aber die waren ja nur meine Fiktion. So wie die Zustände, die der Text beklagt.

    • @Birne Helene:

      Wie schön die Welt sein muss, wenn man seinen Mitbürgern einfach die Lüge bezichtigen kann, wenn dessen Lebensrealitäten einen nicht passt.

      Dabei müssen deren Lebensrealitäten nicht mal heißen, dass man jetzt eine harte Law and Order Politik braucht, um sie zu helfen.



      Was ich mir wünschte wäre, dass man sich dann zumindest versucht sich in den anderen hineinzuversetzen.

      Wie der Artikel sagt, die Law and Order Politik von Wagner ist grandios gescheitert.



      Das Grundproblem besteht dabei immer noch, dass die typisch linken (und vermutlich auch korrekten) Lösungen ihre Zeit brauchen werden bis sie fruchten.



      Dass die betroffen Menschen dort aber schon früher ein schönes Leben haben wollen, kann man ihnen sicherlich nicht übel nehmen.



      Deswegen braucht es auch Lösungen für diese Menschen, die nochmals anders davon betroffen sind, da sind keine Mittel zum Ausweichen der Probleme haben.

      Und dafür muss man sie Ernst nehmen statt sie sie bagatalisieren und der Lüge zu bezichtigen.

    • @Birne Helene:

      "So wie die Zustände, die der Text beklagt." Wenn sie einem nicht ins Weltbild passt, dann wird die Realität halt geleugnet, oder was? Schön wie Menschen wie sie dafür sorgen, dass die AfD immer mehr Zulauf bekommt...

    • @Birne Helene:

      Dieser Kommentar zeigt eindringlich (a) wie notwendig dieser Artikel ist und (b) das die Akzeptanz abweichender Lebensrealitäten immer noch nicht selbstverständlich ist.

    • @Birne Helene:

      Die Leute in den Außenbezirken haben CDU und AFD gewählt. So wie der Text es sagt.



      Es wurde Law and Order versprochen aber es kam nix. So wie der Text es sagt.



      An welcher Stelle der Artikel "Zustände beklagt" wird mir nicht ganz klar.

      Das Problem das der Artikel formuliert: Es ist schlecht, wenn die in Teilen als gesichert demokratisch geltende CDU nicht mehr von den Law und Order Fans gewählt wird. Denn diese Leute wählen nicht Linkspartei. Die wählen im Zweifel AFD.

      Und dann kommen Sie am Ende ihres schwer nachvollziehbaren Kommentar zum selben Ergebnis wie der Artikel: Die Leute die vorher schon CDU gewählt haben, sollen das bitte weiter tun.

    • @Birne Helene:

      Genau, Lichtenrade in der DDR, wo Jungpionier Wowereit noch fleißig Altpapier gesammelt hat. Schön, wenn so Posts den Artikel vollumfänglich bestätigen.

  • Da klingt ganz so, als könne ein Fusion von Berlin mit Brandenburg einen Sinn haben: Das unmittelbare Umland der Metropole und die Peripherie Berlins haben diesen Erkenntnissen nach nämlich evtl. mehr miteinander gemein als die Berliner Peripherie mit Berlin. Die Gründung eines suburbischen Gemeindeverbandes Berlin, zu dem äußere Berliner Stadtteile ebenso gehören wie eng an dieser Peripherie anliegende Ortschaften. Sowas wie hier in Rhein-Neckar: Eine Metropolregion definieren und lokalpolitische Kompetenzen teilweise auf sie auslagern. Wäre das alles in einem Bundesland Berlin/Brandenburg, wäre manches in der Verwaltung so eines Regionalverbundes einfacher.

  • "...Eine vitale, moderat konservative Berliner CDU ist auch im Interesse der linken Parteien, allein schon als potenzieller Koalitionspartner..."







    Als Juniorpartner in einer Koalition darf sich die CDU ja gerne bewerben.

    Minimalbedingungen für eine Koalition:







    - Der Görlitzer Park bleibt offen (schon aus Prinzip)







    - In der Ollenhauer Straße werden nicht sinnlos über 100 gesunde Bäume für eine "Sanierung" der Straße gefällt







    - Ablehnung der Energie-"Reformpläne" von Katharina Reiche







    - Umwandlung von leerstehenden Büroflächen in Wohnungen







    - Funktionierende Maßnahmen für bezahlbare Mieten und für sozialen Wohnungsbau







    - forcierter Ausbau der Solarenergie







    - Unverhandelbar: Tennisverbot bei Stromausfall

  • Ein wahrer Artikel.

    Mit viel Weitblick.