„Querdenker“-Protest in Leipzig: Triumph der Coronaleugner:innen

Zehntausende Demonstrierende widersetzen sich in Leipzig der Polizei und den Infektionsschutzmaßnahmen – auch mit Gewalt.

Demonstrierende gegen die Corona-Maßnahmen am Samstag in Leipzig

Gegen die Corona-Maßnahmen, gegen die Polizei: Demonstrierende am Samstag in Leipzig Foto: Sebastian Kahnert/dpa

LEIPZIG taz | Keine Angst vor dem Virus, das ist der Konsens bei den Demonstrierenden in Leipzig am Samstag. Zehntausende sogenannte Querdenker haben sich auf dem zentralen Augustusplatz eingefunden, angereist aus Städten in ganz Deutschland. Zahlreiche weitere sind über das Stadtgebiet verteilt. Etwa 45.000 Menschen will die Forschungsgruppe „Durchgezählt“ gezählt haben. Die Polizei spricht von mindestens 20.000 – Tendenz „eher mehr“.

Die Menschen stehen nah beieinander. Eine Mund-Nasen-Bedeckung trägt hier kaum jemand, und wenn, dann mit Aufdrucken wie „Nötigung“ oder „Maulkorb“. Manche tragen Schilder, rufen nach „Frieden, Freiheit, keine Diktatur“, fordern „Merkel muss weg“. An einem Stand werden Anstecker und Flyer verteilt, eine kleine Bibel liegt neben einer Broschüre, die ein „Ende der Corona-Diktatur“ fordert. Aus mobilen Lautsprechern dröhnt Xavier Naidoo.

Am Leipziger Hauptbahnhof kommen am Mittag immer mehr Menschen an, die dem Aufruf der Querdenken-Demonstration folgen. Darunter sind junge Menschen in Outdoor-Klamotten, Hippies in Pluderhosen und mit Trommeln, Esoteriker:innen, Reichsbürger, Familien, Senior:innen. Viele beziehen sich auf Verschwörungsideologien. Nur schwer lässt sich kategorisieren, was das hier für eine Melange ist, die eine Gemeinsamkeit haben: Die Verharmlosung oder gar Leugnung der Coronapandemie.

Reihenweise Neonazi-Kader angereist

Eindeutiger sind die anderen: Bekannte Neonazis aus ganz Deutschland, die eigens für die Demonstration angereist sind. Hooligangruppen mit breiten Nacken und Vollvermummung, sportliche Jungnazis, verurteilte Rechtsextremisten, Führungskader der AfD, NPD, Die Rechte, der Dritte Weg. Hunderte Rechtsextreme mischen sich unter die Versammlung.

Später am Abend werden sie Journalisten zu Boden prügeln, die Polizei mit Leuchtgeschossen abschießen, Flaschen werfen. Die Polizei wird überfordert sein, die Aggression nicht eindämmen können. Die ursprünglich aufgelöste Versammlung wird Polizeiketten durchbrechen. Zehntausende Menschen werden ohne Genehmigung über den Leipziger Innenstadtring laufen, sich in der Tradition der Friedensgebete von 1989/90 sehen, die Revolution proklamieren. Die Polizei wird dabei einfach zuschauen.

Fragt man den Soziologen und Rechtsextremismusexperten David Begrich, was an diesem Tag in Leipzig passiert ist, spricht er von einer „Katastrophe mit Ansage“. Es sei absehbar gewesen, wer zu dieser Veranstaltung kommt und was dort passieren wird. „Dass man davor zurückgewichen ist, war ein politischer Fehler.“

Oberverwaltungsgericht gestattete Demo in der Innenstadt

Zuvor hatte die Stadt Leipzig die Anmeldung der Demonstration in der Innenstadt nicht genehmigt, kurzfristig wurde sie auf die Neue Messe weit außerhalb der Stadt verlegt. Die Veranstalter klagten – und bekamen Recht. Am Samstagmorgen entschied das Oberverwaltungsgericht Bautzen, dass die Querdenken-Kundgebung mit 16.000 Personen in der Innenstadt stattfinden darf.

Roxane Müller ist eine derjenigen, die extra aus Nordrhein-Westfalen angereist ist. Müller, 30 Jahre, mit blonden Dreadlocks und Piercings im Gesicht, verteilt rosa und weiße Luftballons gegen Spenden für die Querdenken-Organisatoren. Sie ist mit ihrem Sohn und ihrer Mutter gekommen. „Ich demonstriere gegen die Maßnahmen und die Maskenpflicht – vor allem für die Kinder“, sagt sie. An ihrem Pullover mit Querdenken-Aufdruck hängt ein Button mit dem Gesicht der Widerstandskämpferin Sophie Scholl. „Der Hass ist sehr extrem“, sagt Müller. Ihr Sohn, ebenfalls blonde Dreads, höchstens 10 Jahre alt, nickt heftig. Müller sagt, er kriege von der Maske ständig Nasenbluten und Ausschlag. „Die Kinder werden traumatisiert.“ Es ist eine häufige Erzählung an diesem Tag: Man demonstriere für die Kinder, die unter der Maskenpflicht leiden würden.

Unter den Demonstrierenden sind viele Frauen und Familien, Menschen mit Regenbogenflagge und esoterisch anmutender Kleidung. Manche tragen ein Pro-Trump-Shirt, andere schwenken eine Reichsflagge. Der ehemalige NPD-Vorsitzende Udo Voigt posiert mit einem Transparent „Deutschland gegen den Corona-Wahnsinn“. Auf Schildern werden die „Mainstream-Medien“ mit „Holocaustkomplizen“ verglichen und „Kindermasken“ mit „Kinderschändern“. Eine Frau mit einem Blumenstrauß in der Hand schreit Polizisten an: „Schützt euch und eure Kinder.“ Auf der Bühne leitet eine Rednerin eine gemeinsame „spirituelle Übung“ an. Eine andere Rednerin hingegen zitiert Hermann Göring und ruft „Hooligans, Gangs und Clans“ zur Unterstützung auf den Straßen auf.

90 Prozent ohne Maske

Schon am Nachmittag wird die Versammlung nach einem „juristischen Tauziehen“, wie Polizeisprecher Olaf Hoppe sagt, für beendet erklärt. 90 Prozent der Teilnehmenden hätten keine Maske getragen, auch gegen andere Auflagen wurde verstoßen. Viele zweifeln die medizinischen Fakten an. Ein Mann aus Thüringen sagt, es gebe nichts, was diese Maßnahmen begründe. Die Leute bräuchten einfach ein gesundes Immunsystem. Eigentlich habe er in die grüne Partei eintreten wollen– „aber bei der Politik ist mir einfach nur schlecht geworden“.

Auf der Bühne redet nun Christoph Wonneberger. Früher koordinierte er die Friedensgebete in der Nikolaikirche, die zum politischen Umbruch 1989/90 beitrugen. Für viele Menschen der Wende-Generation war der lutherische Pfarrer ein Vorbild. Er sagt, es gebe keine Covidkrise, sondern eine „Kapitalismusinsolvenzverschleppung“. Die Masse jubelt, Wonneberger heizt sie an: „Vorwärts immer, rückwärts nimmer.“

„Erben der friedlichen Revolution“? Foto: Sebastian Willnow

Soziologe Begrich sagt, es sei ein „tragischer politischer Fehler“, dass jemand wie Wonneberger hier rede. „Diese Leute sagen, sie seien die Erben der friedlichen Revolution.“ Die „Politik der Bilder“ von Menschen, die vor dem ehemaligen Stasi-Gefängnis Kerzen abstellen, würde funktionieren. Begrich warnt davor, dass man die Wirkungsmacht der rechten Narrative jedoch nicht unterschätzen dürfe. An diesem Tag habe sich genau die Mischszene gezeigt, die es schon bei vorigen Demonstrationen gab: Reichsbürger, Esoteriker, Hippies. Und die Nazi-Hooligans, „die am Ende des Tages das Zepter übernommen haben“.

Auf die Anordnungen der Polizei, den Versammlungsort zu verlassen, reagieren die Demonstrieren nicht – sie wollen laufen. So wie damals, 1989/90, als in Leipzig die sogenannte „Friedliche Revolution“ begann. Viele Demonstrierende heute vergleichen das politische Klima mit dem DDR-Regime, nicht selten sprechen sie davon, dass die Coronapandemie eine Erfindung der Eliten sei – eine „Plandemie“. Ein verschwörungsideologisches Narrativ, das viele hier ungefiltert übernehmen.

Keine Ahnung, wo die Polizei ist

Auch Corinna Wulle benutzt dieses Wort. Die 56-jährige Apothekerin im Wollpulli und ihr Mann sind aus Freiburg zu der Demonstration gereist. Sie trägt eine Kerze in der Hand. Fragt man sie, was mit den Hunderttausenden Menschen sei, die weltweit an der Pandemie sterben, sagt Wulle, das hänge mit Grippeimpfung und 5G-Strahlung zusammen. Ihr Mann ist Lehrer – beide sagen, sie hätten keine Angst vor dem Virus. Man müsse für seine Grundrechte einstehen – und für die Kinder auf die Straße. „Wenn die Rechten hier mitlaufen, kann man das eben nicht ändern.“

Nur eine Stunde zuvor haben Hooligans und Neonazis am Hauptbahnhof Polizeikräfte angegriffen und Absperrungen rausgerissen, viele Querdenken-Demonstrierenden sind der aggressiven Stimmung gefolgt. Die Polizei ist zu diesem Zeitpunkt völlig unterbesetzt, wirkt handlungsunfähig gegenüber dem immer aggressiven auftretenden Mob. Ein Polizist sagt: „Wenn das hier hochgeht, können wir auch nichts machen. Wir sind zu wenige.“

Zur gleichen Zeit gibt es eine Blockade von Gegendemonstrant:innen auf dem Innenstadtring. Sie ist eingekesselt, zahlreiche Polizeikräfte bewachen hier ein paar Hundert Gegendemonstrant:innen. Am selben Abend noch werden Räumpanzer und Wasserwerfer durch das linksalternative Viertel Connewitz rollen, weil hier Barrikaden errichtet und angezündet werden.

Hundeführer der Polizei sperren bei Ausschreitungen im Stadtteil Connewitz eine Straße.

Wieder im Blick der Polizei: Connewitz Foto: Sebastian Willnow/dpa

Am Hauptbahnhof jedoch fehlt von Wasserwerfern oder Räumpanzern jede Spur. So können die aggressiven Querdenken-Demonstrierenden durch die Polizeikette brechen, skandierend und schnellen Schrittes auf den Innenstadtring laufen. Sie haben bekommen, was sie wollten. Die Demonstration zieht knapp drei Stunden nach offizieller Auflösung der Versammlung durch die Polizei ohne Genehmigung über die großen Straßen. Vertreter:innen der Ordnungsbehörde stehen am Rand und schauen ratlos zu. „Wir haben keine Ahnung, warum die laufen dürfen“, sagt einer. „Und keine Ahnung, wo die Polizei ist.“

Leipzigs Polizeipräsident Torsten Schultze erklärt später, die Polizei habe drei Ziele verfolgt: Einen friedlichen Verlauf aller Veranstaltungen sicherstellen, Gewalttaten verhindern und den Infektionsschutz durchsetzen. Die ersten beiden Ziele habe man „weitestgehend erreicht“.

Die Linksfraktion fordert dagegen eine Sondersitzung im Innenausschuss, welche die Geschehnisse aufarbeiten soll. Von Seiten der mitregierenden Grünen heißt es, Innenminister Roland Wöllers (CDU) „Nichthandeln als Innenminister“ sei „nicht mehr tragbar“. Die Geschehnisse müssten Konsequenzen haben.

Für die Querdenken-Bewegung war dieser Tag ein Triumph. Am Ende des Abends haben die Demonstrierenden ihre Runde drehen können und sammeln sich wieder am Ausgangspunkt. Aus einem Lautsprecher läuft „We are the Champions“ von Queen. Eine einsame Reichsflagge schwingt im Takt dazu. Mitten auf dem Leipziger Augustusplatz.

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