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Obdachlosigkeit in DeutschlandNächstenliebe ist nicht die Lösung

Sean-Elias Ansa

Kommentar von

Sean-Elias Ansa

Statt auf die Güte einzelner Menschen zu setzen, muss die Politik dafür sorgen, dass Obdachlose besser geschützt sind – besonders im Winter.

Für Würde hat uns das Geld nicht mehr gereicht, für Polizeigesetze schon Foto: Tobias Steinmauerer/imago

D ie Würde des Menschen ist unantastbar. So steht es zumindest im Grundgesetz. Wenn aber Menschen auf der Straße schlafen müssen, ist das würdelos. Durch unser Föderalsystem gibt es 16 verschiedene Polizeigesetze, die wiederum die Unterbringung zum Schutz der Menschen unterschiedlich regeln. Dabei spielt es keine Rolle, welche Staatsangehörigkeit jemand hat. Das Ziel: ein Dach über dem Kopf.

Viele Behörden setzen dieses Gesetz unzureichend um. Ein Bericht im Auftrag des Bundesbauministeriums hat für das Jahr 2024 über 45.000 Obdachlose in Deutschland gezählt. Diese Menschen leben in unmittelbarer Gefahr, insbesondere im Winter. Dass die Bevölkerung sie in dieser Jahreszeit weniger auf der Straße sieht, bedeutet allerdings nicht, dass das System bei eisiger Kälte besser funktioniert. Eher ist es die Nächstenliebe, die hier greift: Da drückt der Sicherheitsmann im Einkaufszentrum mal ein Auge zu, die Bahnmitarbeiterin zeigt erst nach der dritten Ringbahnrunde in Berlin den Ausgang, der Nachbar ruft nicht sofort die Polizei.

Alle wissen: Obdachlose riskieren jeden Tag zu erfrieren – manchmal lassen Menschen mit Wohnungen Milde walten. Es darf aber niemals in der Hand Einzelner liegen oder von ihrer Tagesform abhängig sein, Menschen vor dem Tod zu bewahren. Dass die Verantwortlichen in den Ministerien die Bevölkerung zur Wachsamkeit aufrufen, ist eine Farce. Nein, es ist Aufgabe der Politik, eine solche Notlage abzuwenden.

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Kommunen und Städte stemmen den Kälteschutz für Obdachlose jedes Jahr aufs Neue, mit Spenden, Notbetten, Improvisation. Das kann kein Dauerzustand sein. Statt jährlicher Kämpfe um Förderungen braucht der gesamte soziale Bereich eine verlässliche Strukturförderung, damit nicht auch noch die sozialen Träger ums Überleben kämpfen müssen. Der Bund muss feste und planbare Mittel für die Wohnungslosenhilfe zusagen.

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Sean-Elias Ansa
CvD/ freier Redakteur
Gefördert durch die taz Panter Stiftung, wurde Sean-Elias Ansa in der taz ausgebildet. Sein Themenschwerpunkt ist Armut. Er recherchiert ausdauernd, hat seine Liebe für Datenanalysen entdeckt und beschäftigt sich mit neuen Ideen für den besten Leseservice. Aktuell arbeitet er am Nachrichtentisch bei taz.de als Chef vom Dienst. In dieser Funktion setzt er die Themen auf der Webseite und verantwortet die Ausspielung der Texte mit.
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9 Kommentare

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  • Kommentar Nummer 9: Es ist ja schon wieder alles gesagt. Weder wirtschaftliche noch moralische Argumente werden akzeptiert, es siegt wieder der Irrglaube, dass "Wohltätigkeit" und "Nächstenliebe" die angemessene Antwort auf diese Missstände sind. Ich unterstütze die Empfehlung des ersten Kommentators - das ist wohl der einzige Weg, um noch gegen Blindheit, Irrglauben und Eigennutz bei politischen Entscheidungträgern, die sich für die soziale Realität, die sie nicht betrifft, nicht interessieren, obwohl wir sie genau dafür bezahlen, und das nicht zu knapp. Es ist wichtig, etwas gegen deren Realitätsferne, Ignoranz, Selbstüberschätzung, gegen zunehmend unkontrollierte Meinungsmache und korrupten Lobbyismus einbringen zu können, um die weitreichenden Fehlentscheidungen zu korrigieren, die zu diesen Zuständen führen. Es ist auch wichtig, um Politker:innen dabei unterstützen zu können, die Interessen der Mehrheit zu vertreten, die solche Zustände nicht will.

  • Aber, aber - Nächstenliebe ist doch "christlich" und schenkt auch Supermärkten, die "Spendenverkauf" anbieten, zusätzliche Umsätze*. Habe versucht zu ermitteln ob die besagten Supermärkte auch spenden - bisher ohne Erfolg.



    *) vermute mal: - das "Erfolgsrezept" kommt aus den USA wo private Hilfe eine wesentlich höhere Priorität hat als staatliche Sozialsysteme - CDU/CSU versuche gerade wiedereinmal dem Privaten erste Priorität einzuräumen

  • Der NDR meldet, dass in diesem Jahr bereits 18 Wohnungslose in Hamburg gestorben sind.

    Mit "gemeinsam für ein Zuhause" nimmt die Stadt Hamburg Stellung zum Nationalen Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit 2024".



    An Zynismus ist diese Stellungnahme kaum zu überbieten, denn die Stadt verweist darauf, dass dieser Plan gar keiner sei, sondern eine Art Zusammenschau der Maßnahmen.



    Dabei kritisiert die Stadt mangelnde Planung beim Bund.



    Also Symbolpolitik beim Bund, Fake-Politik und keinem fällt es auf!

    www.bmwsb.bund.de/...ublicationFile&v=2

  • Seit einem halben Jahr kümmere ich mich um einen jungen Obdachlosen. Und man muss ehrlich sagen: Viele haben sich längst von der Gesellschaft und ihren Hilfsangeboten verabschiedet. Nicht aus Trotz, sondern weil sie oft nicht mehr können – oder nicht mehr wollen. Dieses „Ich komme allein durch“ ist für manche der letzte Rest Würde.

    Der wichtigste Punkt ist dabei nicht einmal das Materielle. Es ist die psychologische Unterstützung. Die Begleitung durch Ämter und Instanzen kostet Kraft, Geduld und seelische Stabilität – Dinge, die vielen längst fehlen.

    Geholfen wird am Ende vor allem von denen, die tatsächlich hinschauen: Freiwillige, Kirchen, soziale Verbände. Und von Menschen, die ein Auge zudrücken. Auffällig oft sind es jene, die selbst wissen, was prekär bedeutet.

    Ich würde Merz und Co. einmal empfehlen, einen Kaffee in einem Obdachlosencafé zu trinken oder sich bei der Tafel anzustellen. Mit Bonuskarte versteht sich, wenn er weiss, was das ist..

    Und wirklich bitter sind doch jene, die im Alltag wegschauen: im Auto an der Schlange vorbeifahren, den Blick abwenden – und glauben, ein Euro in der Fußgängerzone reicht fürs karma. Und im Grunde diese Politik wählen.

  • Nächstenliebe ist per se zu begrüßen, gerät aber leider in einer polarisierten Gesellschaft immer mehr in Vergessenheit.

    Richtig, die sozialen Träger müssen finanziell entsprechend ausgestattet sein.



    Dabei muss aber auch erkannt werden, dass gerade bei der Hilfe und Versorgung mit dauerhaftem Wohnraum, oftmals die eigenen finanziellen Interessen einer zunehmenden Sozialindustrie im Vordergrund stehen.

  • Wohnungen für Obdachlose sind eine Investition die den allermeisten eine Perspektive für den Neuanfang gibt und sich für die Gesellschaft langfristig lohnt. Die Polizei, Gefängnisse und Gerichten hätten weniger zu tun, wer es wieder in Arbeit schafft zahlt sogar wieder in das Sozialsystem ein.

    • @Thomas Koll:

      Genau!

      Housing first, andere Länder schaffen das doch auch!

  • Die Politik soll dafür sorgen ?



    Die Politik ?

    Die sorgen doch schon ... für sich selbst.



    Und sind damit vollauf ausgelastet.