Nobelpreis für Peter Handke

Am Arsch der Hölle

Peter Handke ist ein Kretin, ein Arschloch. Dass er mit dem höchsten Literaturpreis geehrt wird, hat aber etwas Gutes.

Eine Frau sitzt zwischen Grabsteinen und hält sich die Hände vor ihr Gesicht

Zwischen Gräbern im Potocari Memorial Center in der Nähe von Srebrenica, Juli 2015 Foto: Dado Ruvic/reuters

Peter Handke ist ein Kretin. Er hat die Opfer des schwersten Verbrechens im postfaschistischen Europa verhöhnt, das Verbrechen geleugnet, sich mit einem überaus unappetitlichen Regime gemein gemacht und seine Worte und Urteile weder in aller gebotenen Eindeutigkeit und Lautstärke zurückgenommen noch mit aller gebotenen Schamesröte im Gesicht bei den Opfern und ihren Angehörigen um Entschuldigung gebeten.

Peter Handke ist ein Kretin, ein Arschloch. Dennoch hat die Entscheidung, dem österreichischen Schriftsteller am 10. Dezember in Stockholm den Nobelpreis für Literatur zu verleihen, etwas ausgelöst, das gut war.

Für die Überlebenden des Massakers von Srebrenica im Jahr 1995 ist die Nobilitierung eines Mannes, der als „Genozidleugner“ bezeichnet wird, eine „existenzielle Kränkung“, so formuliert es der aus dem belagerten Sarajevo 1994 nach Deutschland geflohene Schriftsteller Tijan Sila.

Aber, und das ist das Gute, diese Entscheidung blieb nicht unkommentiert. Noch einmal musste die ganze Welt darüber reden, dass es mitten in Europa nach dem Ende des Nationalsozialismus einen Genozid gegeben hat. Noch einmal musste die ganze Welt sich fragen, wie das trotz der Losung „Nie wieder“ eigentlich passieren konnte. Noch einmal musste die ganze Welt zur Kenntnis nehmen, dass sie im Bosnienkrieg versagt hat.

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Dass es dazu kam, ist der Vehemenz, der Unerbittlichkeit und der Akribie zu verdanken, mit der dem Auszuzeichnenden seine eigenen Worte um die Ohren gehauen wurden.

Noch in den 1990ern und bis in die nuller Jahre hinein hätte ich das nicht ganz so gesehen. Ich bin in meinen Ansichten zum blutigen Zerfall Jugoslawiens gefühlt drei bis fünf Mal um den Block gelaufen. Und ich kann nicht ausschließen, dass ich vielleicht nochmal rummuss.

Ich hatte nie auch nur die leisesten Sym­pathien für den restjugoslawischen hyper­nationalistischen Autokraten, den serbischen Staatschef Slobodan Milošević. Aber genauso wenig hatte ich die für sein kroatisches Pendant Franjo Tuđman. Mein Vater hatte mir 1991 den jugoslawischen Pass abgenommen und durch einen kroatischen ersetzt.

Das aber ersetzte nicht meine Ansicht, dass das ursprüngliche jugoslawische Modell wesentlich friedlicher, kosmopolitischer, demokratischer und cooler war als diese von Nationalismus, Antisemitismus und ethnischem Testosteron aufgepumpte kroatische Unabhängigkeit.

Das war keine exklusive Haltung als deutsche Linke. Im Gegenteil. Während der eine Teil im wiedervereinigten Deutschland den Sieg über den Kommunismus feierte, kämpften die Nichtsodeutschen und Linken mit dem gesamtdeutschen Nationalismus, Rassismus und neonazistischer Gewalt – Baseballschlägerjahre ist das aktuelle Stichwort dafür. Diese Gruppe sah im neuen Deutschland das alte. Und dazu passte auch das Verhalten der deutschen Regierung in den jugoslawischen Zerfallskriegen ab 1991.

Von Bild bis Joschka Fischer, deutsche Medien und Politiker sahen in Serbiens Präsident Hitlers Wiedergänger, im Kosovo ein neues Auschwitz und bombardierten zum dritten Mal in diesem Jahrhundert Belgrad (1999). Und das alles, nachdem man den Massakern im Bosnienkrieg (1991 bis 1995) quasi zugeguckt hatte und der deutsche Außenminister Kroatien im Alleingang als unabhängigen Staat anerkannt hatte (1991).

Hans-Dietrich Genscher ist in Kroatien der einzige Politiker, nach dem zu Lebzeiten Straßen und Plätze benannt wurden. Schützenhilfe alter Verbündeter aus faschistischen Zeiten – so redeten wir damals.

Das war suspekt

Dass diese Dinge einer Linken suspekt waren, ist nur allzu verständlich. Gleichzeitig konnte man spätestens in den Neunzigern von „der Linken“ sowieso nicht mehr sprechen. Belgrader Linke forderten die Bombardierung Belgrads, weil sie das Milošević-Regime für faschistoid hielten. Deutsche Linke lehnten die Bombardierung ab, weil sie darin die Wiederholung des Angriffs durch die Nazis 1941 sahen.

Wer war also jetzt Herrscher und wer war Beherrschter? Mit wem sollte man jetzt solidarisch sein? Mit der Bevölkerung, die auf den Brücken gegen die Bombardierung ihrer Stadt mit Target-Schildern demonstrierte, oder mit den Leuten, die das Ende dieses Regimes mit besten Gründen herbeisehnten?

In jedem Krieg ist die größte Herausforderung, bei der Wahrheit zu bleiben. Die Schwierigkeit im Verstehen der Jugoslawienkriege bestand nicht darin, dass es mehr als zwei Parteien gab und man zu dem Schluss kommen musste, dass sich da unten alle gegenseitig die Köpfe einschlagen.

Die Unübersichtlichkeit resultierte auch daraus, dass der Jugoslawienkrieg ein Testfeld für die konkurrierenden Weltmächte nach dem Wegfall der Blockkonfrontation war und ein Testfeld alter und neuer linker Weltsichten.

Von Nato bis Russland, von Peter Handke bis Jürgen Elsässer – alle waren da und alle quatschten mit. Ahnung aber hatten die wenigsten. Und die, die Ahnung hatten, wie Monika Hauser von medica mondiale, die sich dafür einsetzte, dass Vergewaltigung als Kriegsverbrechen gelten müsse, wurden lange nicht gehört. Die einen witterten überall die Relativierung deutscher Verbrechen und die anderen den Einfluss des imperialistischen Westens.

Raus aus dem Schlamassel

Ich wollte irgendwann von diesem ganzen Schlamassel nichts mehr wissen. Und damit war ich, obwohl ich zu der Zeit keine deutsche Staatsbürgerin war, Teil der deutschen Mehrheit. Dass die Belagerung von Sarajevo die längste Belagerung im 20. Jahrhundert war und die Versorgungsbrücke länger dauerte als die Berliner Luftbrücke, wer weiß das außerhalb Sarajevos schon? Der Bosnienkrieg ist ein dunkler Fleck in der Geschichte Europas. Bis heute.

Die Vehemenz, mit der Peter Handke heute weltweit für seine Haltung zu Serbien angegriffen wird, ist auch mit der Überforderung von damals zu erklären. Man holt nach, was ausgeblieben ist, als die Verbrechen geschahen.

Heute ist Bosnien wieder am Arsch der Hölle. Flüchtlinge erfrieren dort, wo selbst die ansässige Bevölkerung nicht weiß, wo sie Holz, Öl oder Gas herkriegen soll, um die eigenen Wohnungen zu heizen. Solange Bosnien nicht vollwertiges Mitglied Europas, und das heißt: der EU ist, so lange gibt es keine Gerechtigkeit für Bosnien. Und das ist das Mindeste, was dieser Gesellschaft widerfahren sollte. Passiert das nicht, können wir kein friedliches Europa propagieren, ohne dass uns die Schamesröte ins Gesicht tritt.

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seit 2008 Redakteurin der taz, seit 2012 taz.am Wochenende, davor Redakteurin bei „Jungle World“ und „Sport-BZ“

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