Netzplattformen und Corona: Danke für nichts

Ein Ex-Google-Chef fände Dankbarkeit angemessen, gerade gegenüber Amazon, gerade in dieser Krisenzeit. Was für ein absurdes Ansinnen!

Demonstranten vor dem Amazon Gebäude in Staten Island

Demonstranten vor dem Amazon-Gebäude in Staten Island Foto: Jennah Moon/reuters

Wir sollten Unternehmen wie Amazon „auch mal ein bisschen dankbar sein“, denn die hätten uns „während der Coronakrise große Dienste erwiesen“, ließ der ehemalige Google-Chef Eric Schmidt gerade die Welt wissen. Wie bitte? Jetzt sollen wir einem der widerlichsten Unternehmen der Welt auch noch dankbar dafür sein, dass wir bei ihm einkaufen dürfen? Während wir Amazon so zu einem der wenigen Profiteure der Coronakrise machen, dessen Umsätze genauso schnell steigen wie sein Aktienkurs?

Zur Erinnerung: Dafür, dass Amazon für viele gleichbedeutend mit Online-Einkauf geworden ist, zahlen viele einen hohen Preis. Dazu gehört zunächst der deutsche Einzelhandel, dem das Unternehmen seit Jahren die Kundschaft abspenstig macht. Zugestellt werden die Waren oft von einem Präkariat rechtloser Tagelöhner, die Bürgersteige und Radwerke zuparken und nicht so aussehen, als würden sie etwas vom großen Amazonkuchen abbekommen.

Seinen „Marketplace“ überlässt Amazon windigen Anbietern aus Indien und China, für deren Angebot das Unternehmen keine Verantwortung übernimmt. Dort gibt es Handys, deren Akkus spontan in Flammen aufgehen. Auch die Fluglaternen, wie jene mit denen zu Silvester das Affenhaus des Krefelder Zoos in Brand gesteckt wurde, wurden bei Amazon Marketplace noch angeboten, als sie in Deutschland schon längst verboten waren.

Die Logistikzentren von Amazon waren schon vor der Coronakrise berüchtigt für zum Teil ausbeuterische Arbeitsbedingungen. Dort werden die Einpacker mit Hilfe einer Effizienzsoftware durch die Gänge gehetzt. Wer nicht schnell genug ist, fliegt raus; in den USA oder in Polen werden oft sogar die Pinkelpausen reglementiert. Betriebsräte und Gewerkschaften sind unerwünscht.

Lieber lokal shoppen

Während Geschäfte rund um den Globus geschlossen sind, macht Amazon-Chef Jeff Bezos das Geschäft seines Lebens. Sein Vermögen ist seit Jahresbeginn um 23,6 Milliarden auf 138 Milliarden Dollar gestiegen. Warum er seine Mitarbeiter in in einer Halle am Stadtrand einsperren darf, während der Rest der Welt „Social Distancing“ übt, bleibt allerdings unklar. In Frankreich hat gerade ein Gericht wegen fehlenden Schutzes der Mitarbeiter ein Amazon-Lager schließen lassen. In den USA feuerte Amazon einen Angestellten, der einen Streik in einem Lager organisierte, in dem weitergearbeitet werden sollte, obwohl es Corona-Infektionen gegeben hatte.

Es ist vollkommen unverständlich, warum Leute, die bei jedem Jogurt auf die Biozertifizierung gucken, bei Amazon einkaufen, als wäre das ethisch in Ordnung. Gerade jetzt ist die Zeit, um an den freundlichen Nachbarschaftsbuchhändler und anderen lokale Läden denken, die meist Bestellungen aufnehmen und oft sogar nach Hause liefern.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben