Streik bei US-Versandhändlern: Corona-Protest bei Amazon & Co

Lieferdienste und Versandhäuser sind Corona-Gewinner. Aber die Beschäftigten sind kaum geschützt. Jetzt kommt es in den USA zu Streiks.

Ein Amazon Fahrer greift Pakete aus der geöffneten Tür eines Lieferwagens.

Viel zu tun, aber kaum geschützt: Amazon-Lieferfahrer in Kalifornien, USA Foto: Alex Gallardo/reuters

NEW YORK taz | „Unsere Gesundheit ist ebenfalls unentbehrlich“, stand auf dem Transparent, das Christian Smalls am Montagmittag vor einer Lagerhalle von Amazon hochhielt. Mit mehreren Dutzend KollegInnen verlangte er eine zweiwöchige Schließung der Anlage und eine sorgfältige Reinigung. Nachdem sich mehrere Beschäftigte in der Lagerhalle mit dem Coronavirus infiziert haben, geht die Angst um. Noch am selben Nachmittag feuerte Amazon den jungen Mann.

Der Konzern begründete die Entlassung damit, der 31-Jährige habe sich nicht an die Regeln von Social Distancing und Quarantäne gehalten. Christian Smalls betrachtet das als reine Vergeltungsmaßnahme. Und der Chef der Gewerkschaft „Retail, Wholesale and Department Store Union“, Stuart Appelbaum, erklärt: „Amazon sollte sein Covid-19-Problem lösen, anstatt Beschäftigte zu feuern.“

In der Lagerhalle im New Yorker Bezirk Staten Island sind beinahe 5.000 Menschen mit dem Verpacken und Verschicken von Waren für Amazon beschäftigt. Seit dem Ausbruch der Coronaepidemie in den USA explodieren ihr Arbeitsvolumen und -rhythmus. Zugleich wächst in der Halle die Angst vor Ansteckung. Der Konzern gibt zu, dass zwei Beschäftigte aus der Lagerhalle das Virus haben. Doch die Beschäftigten in Staten Island wissen von zehn Infizierten in ihren Reihen. Und sie befürchten, dass es zahlreiche weitere und bislang unerkannte Infizierte gibt.

Sie alle berühren dieselben Türklinken, Wasserhähne und Geländer. Seit Tagen sprechen sie über unzureichende Sicherheitsvorkehrungen und mangelnde Transparenz. „Ich berühre mindestens 2.000 Dinge pro Stunde, und ich habe keinen Schutz“, sagt der Beschäftigte Terrell Worm bei dem Protest am Montag, zu dem sich nur knapp 50 Beschäftigte trauten. „Das hat keinen Einfluss auf die Produktion“, verlautete aus dem Unternehmen.

Entlassungswelle hier, Einstellungsboom dort

Amazon beschäftigt rund 800.000 Menschen in den USA. Nach dem Beginn der Epidemie hat der Konzern angekündigt, mehrere Hunderttausend weitere anzuheuern. Mindestens eine seiner Lagerhallen in Kentucky musste bereits wegen des Virus geschlossen werden.

Fastfood-jobber in New York

„Wenn wir krank sind und arbeiten, werdet ihr krank“

Auch bei Instacart streikten Beschäftigte am Montag wegen der Arbeitsbedingungen und der Ansteckungsgefahr. Das Unternehmen lässt seine Mitarbeiter bei verschiedenen Supermärkten einkaufen, die Waren werden den KundInnen an die Haustür geliefert. Weil sie potenziell infizierte Einkaufswagen und Lebensmittel berühren müssen, verlangen die Beschäftigten Desinfektionsmittel und Handschuhe, wollen eine Gefahrenzulage und ein Mindesttrinkgeld von 5 Dollar pro Auftrag. Auch das Geschäftsvolumen von Instacart ist seit dem Ausbruch der Epidemie explodiert. Der Konzern spricht von 250.000 Menschen, die sich gemeldet haben, um für ihn zu arbeiten.

Auch in anderen Bereichen der krisengeplagten Wirtschaft rumort es. In einem Call-Center in Arizona, wo Menschen in 15-Personen-Gruppen zusammensitzen, obwohl selbst das Weiße Haus 10 Leute für die maximal vertretbare Größe hält, sprechen Beschäftigte von einem „großen Viruspool“. Und bei der Fastfood-Kette Chipotle skandierten Beschäftigte auf der 6th Avenue in New York: „Wenn wir krank sind und arbeiten, werdet ihr krank.“

Bei General Electrics, das Tausende entlassen will, weil die Düsentriebwerksproduktion gegenwärtig nicht funktioniert, sind Beschäftigte in Massachusetts am Montag mit einem anderen Slogan auf die Straße gegangen. Sie verlangen, die Produktion auf die Herstellung von dringend benötigten Beatmungsgeräten umzustellen.

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