Es laufen viele Mitarbeiter über den Parkplatz beim Amazon-Lager in Leipuig

Foto: Thomas Victor

Amazon-Mitarbeiter in Coronakrise:Die Angst geht um

Der Onlinehändler Amazon profitiert in der Coronakrise. Doch wie geht es den Mitarbeiter:innen? In Leipzig arbeiten Hunderte in einer Schicht.

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3.4.2020, 11:38 UHR

Eine Menschentraube steht auf dem vollen Parkplatz vor dem Amazon-Lager in Leipzig-Heiterblick, Amazonstraße 1. Ein grauer Flachbau inmitten eines Industriegebietes, umgeben von einem Zaun. Einige rauchen, andere genießen noch einen kurzen Moment die Frühjahrssonne, bevor sie zur achtstündigen Schicht in der grauen Lagerhalle aufbrechen. Den Mindestabstand von zwei Metern halten die wenigsten ein.

Es ist kurz nach zwei Uhr mittags, eine halbe Stunde bevor die Arbeiter:innen der Spätschicht jene ablösen, die seit sechs Uhr morgens in Frühschicht sind. Schon jetzt erreichen immer mehr Menschen das Werk. Aus der Straßenbahn, zu viert in Autos, mit dem Fahrrad.

Um 14.20 Uhr kommen auch die ersten Arbeiter:innen aus dem Lager geeilt. Der Betriebsrat hat erwirkt, dass man nun 10 Minuten vor Schichtende schon den Arbeitsplatz verlassen darf, statt der sonst geltenden 5-Minuten-Regel. Diese Zeit wird zwar vom Überstundenkonto abgezogen, dennoch schafft es die Möglichkeit, Distanz zu wahren. Denn Schichtwechsel bedeutet auch: ein Strom an Menschen, die durch die Schleuse ein und aus gehen.

Etwa 1.500 Menschen beschäftigt Amazon im Leipziger Lager. Mehrere hundert arbeiten gleichzeitig während einer Schicht. Ein Absperrband auf der Treppe trennt im gelben Turm mit dem Amazon-Logo, dem sogenannten Banana-Tower, diejenigen, die reinwollen, von denen, die rauswollen. Wer hochwill, geht links, wer runterwill, rechts. Ein paar von ihnen tragen Taschen oder Fleecewesten mit Amazon-Logo, andere orangene Warnwesten. Die ersten Ankömmlinge bemühen sich, Abstand zu halten. Später wird es unübersichtlicher: Je mehr Menschen zum Schichtwechsel kommen, desto voller wird die Brücke zum Werk.

Durch das metallene, mit Absperrband umwickelte Drehkreuz am Eingang müssen alle. Nur die wenigsten schieben es mit dem Ellbogen an. Die allermeisten fassen die Metallgitter mit den nackten Händen an und zwängen sich geübt durch den Eingang. Dutzende pro Minute. Bis zu 72 Stunden sollen sich Coronaviren auf Stahl und Kunststoff halten können.

„Das ist der natürliche Reflex“, sagt Markus Hedrich*. Die Leute seien es durch ihre tagtägliche Routine nicht anders gewöhnt. Auch er kommt gerade von seiner Frühschicht in der Kommissionierung. „Picken“, wie er es nennt. Er sucht die bestellten Waren aus den Regalen und stellt sie für diejenigen bereit, die sie in die Pakete packen.

Schon fast zehn Jahre arbeitet der 34-Jährige für den Großhändler Amazon, etwa genauso lange ist er Gewerkschaftsmitglied. Seit einigen Jahren ist er außerdem Betriebsrat. Er möchte anonym bleiben, aus Angst vor möglichen Konsequenzen.

Erst Ende März wurde in New York der Amazon-Mitarbeiter Christian Smalls entlassen, der einen Protest organisiert hatte. Er wirft dem Unternehmen vor, die Mitarbeiter:innen in der Corona-Krise nicht ausreichend zu schützen. Amazon bestreitet das und begründet die Kündigung damit, dass Smalls gegen Quarantäneauflagen verstoßen und dadurch Kollegen gefährdet hat.

Hedrich wählt nun scharfe Worte: „Das Ziel von Amazon ist es nicht, in der Krise zu helfen, sondern die Produktivität zu steigern.“ Überall auf den Straßen würden die Menschen weniger werden, „außer bei uns im Werk“.

Wie kaum ein anderes Unternehmen profitiert Amazon von der Coronakrise. Insgesamt 13 Logistikzentren mit mehr als 13.000 festangestellten Mitarbeiter:innen gibt es in Deutschland. Allein in den vergangenen zwei Wochen hat der Konzern weltweit rund 10 Milliarden Dollar Gewinn erzielt, die Amazon-Aktie ist mitten in einer der schwärzesten Börsenzeiten um 15 Prozent in die Höhe geschnellt. Das Unternehmen hält sich zu den genauen Zahlen des deutschen Umsatzmarktes zurück und spricht nur allgemein von „steigender Nachfrage“.

Seit Ausbruch der Pandemie in Europa reagierte es auch in Deutschland mit verschärften Sicherheitsmaßnahmen: Meetings wurden abgesagt, später Zettel mit der Aufforderung zum Händewaschen verteilt, Desinfektionsmittel und Seife aufgestockt, Stühle aus den Pausenräumen entfernt, der Boden mit Zwei-Meter-Abstandshaltern beklebt. Bald sollen außerdem die Spinde, die noch dicht an dicht im Umkleideraum aneinander stehen, auf verschiedene Räume verteilt werden.

Markus Hedrich*, Betriebsrat

„Das Ziel von Amazon ist es nicht, in der Krise zu helfen, sondern die Produktivität zu steigern“

Amazon bemüht sich um Entzerrung der Kontakte zwischen Arbeitenden. So sagen es Konzernsprecher:innen. Besichtigen darf man die Werke derzeit nicht, auch sonst hält sich Amazon mit Details bedeckt. Eine Sprecherin schickt auf verschiedene Fragen immer wieder den gleichen Link zum Unternehmensblog. Telefonisch Auskunft geben will man auch nach mehrfacher Anfrage nicht.

Zum Schichtwechsel in Leipzig sind es nur wenige, die der taz von ihrer Arbeit bei Amazon seit der Coronakrise berichten wollen. Gesenkte Gesichter, ablehnendes Kopfschütteln, schnelles Vorbeieilen. Diejenigen, die doch etwas sagen, wollen anonym bleiben. Sogar, wenn sie den Konzern loben. So, wie eine Mittvierzigerin, die gerade von ihrer Frühschicht kommt. Seit vielen Jahren ist sie zufriedene Festangestellte im Leipziger Amazon-Lager, gestreikt hat sie noch nie.

Natürlich mache sie sich Sorgen, weil hier so viele Menschen arbeiten. Lieber zu Hause bleiben würde sie jedoch nicht. „So weiß man wenigstens, dass man etwas Wichtiges tut“, sagt die Amazon-Beschäftigte. Sie fühle sich gut betreut, der Konzern setze tagtäglich Ideen um, die Schichten zu entzerren. Nur Mundschutz gebe es keinen, „aber die gibt es ja sowieso nicht“.

Markus Hedrich sieht das anders. Er sagt, man könne die Mitarbeitenden durchaus besser schützen. Zum Beispiel gebe es im Lager noch Atemschutzmasken, die die Mitarbeitenden aber erst bekämen „wenn es hart auf hart kommt“. Außerdem würden die Maßnahmen zur Entzerrung nur bedingt etwas nützen. Das Anfassen der Drehkreuze, die Schlange vor der Stechuhr, der rege Austausch von bloß mit Desinfektionstuch gereinigten Handscannern oder der Pausenbereich: In der Werksarbeit sei es kaum möglich, Kontakt zu vermeiden. „Schwer vorstellbar, dass bei uns im Werk niemand infiziert ist.“

Zwölf Coronafälle, Werk läuft weiter

Im Amazon-Werk in Winsen bei Hamburg ist die Lage eindeutiger. Es ist ein Vorzeigewerk, ein „Verkehrs- und wirtschaftlicher Knotenpunkt für Nordeuropa“, wie der Konzern es selbst nennt. Eine der wichtigen Nerven im System Amazon Deutschland. Doch einige Medien berichten, es habe in den vergangenen Tagen mindestens 3 bestätigte Coronafälle unter den knapp 1.800 Mitarbeitenden gegeben. Ein internes Schreiben, das an die Arbeiter:innen im Winsener Werk verteilt wurde und der taz vorliegt, belegt, dass es mehr sind: Insgesamt 12 Angestellte wurden positiv auf das Coronavirus getestet. Das sind 0,6 Prozent der Belegschaft. So der Stand am Montag. Zum Vergleich: 0,00012 Prozent positiv Getestete gab es zum gleichen Zeitpunkt unter den Hamburger Einwohner:innen.

EIngangsbereich zum Amazon Versandzentrum in Leipzig, ein gelbes Gebäude ist zu sehen, auf dem oben der Schriftzug amazon.de steht

Der Amazon-Bananatower in Leipzig Foto: Thomas Victor

Ein Video, das der taz vorliegt, zeigt das Werk von innen: Auf dem Weg hinein sind etliche Absperrungen und Abstandshalter, die jedoch nur hüfthoch sind. Wenn jemand hustet, können die Keime frei herumfliegen.

Die dicht an dicht gestellten gelben Spinde in den Umkleiden erinnern an eine Gepäckstation am Bahnhof. Nur ein kleiner Zettel klebt vor ihnen auf dem Boden: „Bitte nutzt die Spinde nur, wenn unbedingt nötig.“ Das Video zeigt auch, dass die Sitzbänke im Raucherbereich mit rot-weißen Ketten abgesperrt sind, sodass nur noch ein einzelner Platz übrig bleibt.

Über die Maßnahmen kann Anika Rast* nur den Kopf schütteln. Die 38-Jährige ist seit August 2017 in der Kommission tätig. Auch sie will vorsichtshalber anonym bleiben. Die Absperrung der Bänke im Raucherbereich führe nur dazu, dass Menschen in Grüppchen beieinanderstünden. Sie sorgt sich über die Situation im Werk.

Über 300 Krankmeldungen habe es bis letzte Woche Donnerstag allein in Winsen gegeben. Auch Rast selbst hat sich krankschreiben lassen, aufgrund eines Infektes. Sie will so lange zu Hause bleiben, wie es geht. Denn die Stimmung im Werk sei miserabel. Fast 14 Tage habe man den ersten positiv getesteten Fall im Werk verheimlicht. Alle hätten Angst.

Viele Angestellte in Winsen werden mit Bussen zur Arbeit gefahren. Oft dicht an dicht gedrängt stehen sie dann an Haltestellen und in den Bussen, fassen Griffe an, können Kontakt kaum vermeiden. Der Konzern hat nun mehr Busse eingesetzt, um den Kontakt zwischen den Mitarbeiter:innen zu entzerren. „Sie denken, sie könnten das Virus so aufhalten und das Werk am Laufen halten“, sagt Rast. Sie glaube daran nicht.

Amazon sagt, man würde die Reinigungsmaßnahmen erhöhen, öfter putzen, mehr desinfizieren. Rast sagt, ein Kollege aus der Nachtschicht habe ihr erzählt, er habe die ganze Nacht über keine Reinigungskraft gesehen. Den Managern wirft sie vor, sie würden sich aus der Verantwortung ziehen, „schön sicher in ihrem Homeoffice, während das Fußvolk sich infiziert“.

Drehkreuz im Eingangsbereich zum Amazon Versandzentrum in Leipzig

Amazonlager in Leipzig: Die meisten Mitarbeiter:innen fassen das Drehkreuz mit nackten Händen an Foto: Thomas Victor

Der Onlinehändler gibt alles, um eine Systemrelevanz zu verdeutlichen. Auf dem konzerneigenen Blog heißt es, man ermögliche den Zugang zu Waren, an die viele sonst nicht herankommen würden. Amazon leiste „weltweit große Unterstützung“, indem es Verbraucher:innen ihre „dringend benötigten Artikel direkt vor die Haustür liefer[e]“. Zu konkreten Vorwürfen will Amazon nicht Stellung beziehen. Eine Sprecherin zitiert den Blog: „Wir halten uns genau an die Richtlinien der lokalen und internationalen Gesundheitsbehörden und haben eine Reihe von präventiven Gesundheitsmaßnahmen an Standorten auf der ganzen Welt eingeführt.“

Franziska Ulbricht vom Deutschen Händlerbund, einem Netzwerk für Onlinehandel, kennt diese Strategie. Amazon sei in der Kommunikationspolitik „sehr verschlossen“ und äußere sich meist gar nicht. Sie sagt, Amazon habe „für alle Seiten Maßnahmen getroffen, um der Extremsituation gerecht zu werden“. Inwiefern die Maßnahmen aber ausreichend seien, sei nur schwer zu beurteilen.

Tatsächlich ist es so, dass Mitarbeiter:innen, die Krankheitssymptome am Arbeitsplatz zeigen oder aus einem Risikogebiet zurückkommen, zwei Wochen mit Lohnfortzahlung in Heimquarantäne geschickt werden. Auch Andreas Gangl, der im Lager Bad Hersfeld in der Kundenrücksendung arbeitet. Der 47-Jährige ist aktiver Gewerkschaftler. Vor zwei Wochen war er auf einem selbstorganisierten Treffen von Amazon-Arbeiter:innen in Madrid, „um den Arbeitskampf international zu organisieren“. Donnerstags sei er nach Madrid geflogen. Auf dem Treffen hätten die Gewerkschaftler:innen Aktionen zur Pandemie besprochen. Einen Tag später wurde Madrid zur Krisenregion erklärt.

Gangl flog zurück, ist seitdem in Quarantäne. Er sagt, Amazon nutze die Chance, um sich noch eine stärkere Machtposition auf dem Markt zu erarbeiten. Das Lager im hessischen Bad Hersfeld sei keinesfalls systemrelevant. „Wir verschicken Schuhe, Klamotten und Alkohol“, sagt Gangl. Alles keine lebensnotwendigen Produkte.

Er selbst hat erst vor wenigen Tagen etwas bei Amazon bestellt. Ein Reinigungsmittel für einen Kaffeeautomaten, weil es praktisch sei. Dennoch haben er und die „Amazon Workers International“ Forderungen an den Konzern erarbeitet: die Übergabe eines Teils der Milliardengewinne an die Gesundheitssysteme, voll bezahlte Freistellung für Kranke und solche, die sich um Angehörige oder Kinder kümmern müssen, eine Gefahrenzulage, Reduzierung der Arbeitszeit und Produktivitätssanktionen sowie die sofortige Schließung aller Amazon-Warenlager und -zentren bei voller Lohnfortzahlung bis zum Ende der Pandemie.

Die Forderungen sind radikal, die politische Handlungsfähigkeit gering. Denn um die Gewerkschaft ist es vergleichsweise ruhig in Zeiten von Corona. Alle Treffen und Streiks sind vorerst ausgesetzt. Niemand will sich in der aktuellen Situation in gelber Weste und Trillerpfeife in eine Menschenmasse stellen und streiken.

Für viele Menschen ist Amazon zudem ein wichtiger Arbeitgeber. So auch in Bad Hersfeld. „Viele Leute sind einfach nur zufrieden, dass sie Arbeit haben“, sagt Gangl. Auch deshalb würden die meisten sich an Streiks oder Protestaktionen nicht beteiligen. Man müsse den Leuten klarmachen: „Die Wahrscheinlichkeit, dass bei 2.500 Leuten irgendjemand den Virus hat, ist relativ groß.“

Die „Amazon Workers International“ geben Amazon eine Mitschuld an der Verbreitung des Virus. Auch, weil der Onlinehändler seit dem 16. März bis Ende April 2 Euro mehr Stundenlohn für alle Arbeiter:innen im Dienst zahlt. Nicht jedoch an jene, die krank zu Hause bleiben. Der Konzern sagt, man wolle den Mitarbeiter:innen in der Krisenzeit dadurch „Anerkennung zeigen“.

Die Gewerkschaft Verdi hingegen nennt die temporäre Lohnerhöhung eine PR-Aktion. Schon seit knapp sieben Jahren fordert sie eine Lohnangleichung an die Tariflöhne des Einzelhandels, während Amazon sich auf die Löhne der Logistikbranche beruft. Dass man die Löhne nun erhöhe, führe dazu, dass sich Beschäftigte krank zur Arbeit schleppen und damit eine Gesundheitsgefährdung darstellen, kritisiert der Verdi-Bundesfachgruppenleiter für Einzel- und Versandhandel Orhan Akman.

Orhan Akman von Verdi

„Dass man die Löhne bei Amazon temporär erhöht, führt nur dazu, dass sich Beschäftigte krank zur Arbeit schleppen“

Immer wieder hört man in den Hallen ein Husten oder Niesen, sagt der Leipziger Betriebsrat Hedrich. Erst vor wenigen Tagen sei eine Person mit starken Grippesymptomen zur Arbeit gekommen. Zu groß der Anreiz von rund 320 Euro brutto mehr im Monat für Vollzeitbeschäftigte. Man habe im Betriebsrat überlegt, ob man der Lohnerhöhung unter den aktuellen Umständen zustimmen wolle oder nicht. Schließlich sah man sich gezwungen. „Die meisten können das Geld wirklich gebrauchen.“ Die Forderung ist nun, die Lohnerhöhung auch auf die Zeit nach der Krise auszuweiten.

Vorvergangene Woche hat der Amazon-Gründer Jeff Bezos sich in einem Brief eigens an seine Mitarbeiter:innen weltweit gewandt. In seinem mit „Dear Amazonians“ eingeleiteten und in eigener Handschrift mit „Jeff“ unterschriebenen Text spricht Bezos über Stress und Unsicherheiten in der Coronakrise und Amazons Rolle darin. Man stelle wichtige Dienstleistungen bereit – insbesondere für die Älteren und Schwächeren. Die Kernaussage des Schreibens: Amazon werde in dieser Zeit mehr gebraucht denn je: „People are depending on us.“ (Die Menschen sind auf uns angewiesen.)

Das Vermögen von Amazon-Gründer Jeff Bezos liegt nach aktueller Schätzung bei 119,9 Milliarden US-Dollar. Tendenz: steigend. Allein der deutsche Ableger von Amazon hat im zweiten Halbjahr 2019 einen Umsatz von 15,6 Milliarden Euro erzielt. Theoretisch könnte der Händler den Versand von nicht systemrelevanten Produkten bis zum Ende der Pandemie einstellen – und so eine weitere Verbreitung des Virus unter Mitarbeitenden eindämmen. Doch niemand hat an der Coronakrise bislang mehr verdient als der reichste Mann der Welt.

Warten auf den „worst case“

Ob es Pläne gibt, was passiert, wenn Corona sich vermehrt unter den Mitarbeitenden ausbreitet, lässt sich nicht klären. Der Konzern gibt keine Auskunft. Auch Betriebsräte sagen, sie würden keine Pläne kennen. Die Angestellten arbeiten weiter. Ohne Mundschutz, ohne Handschuhe laufen sie tagtäglich durch das Drehkreuz, an die Spinde und in den Pausenraum.

Auch Markus Hedrich wird in den kommenden Tagen weiter als Kommissionierer durch die Hallen gehen. Vorbei an sogenannten „Pick Towern“, riesigen Regalen mit Dutzenden Ebenen, an denen mehrere hundert Menschen am Tag Artikel einsammeln. Unmöglich, das alles zu reinigen, sagt Hedrich. „Dafür müsste man den kompletten Betrieb lahmlegen.“ Was würde passieren, wenn es in Leipzig einen Corona-Fall gäbe? „Man würde reinigen, desinfizieren, schauen, mit wem die Person Kontakt hatte.“

Zurückverfolgen ließe sich das jedoch nicht, sagt Hedrich. Zu viel Kontakt pro Tag. Der Leipziger Betriebsrat sagt, man warte auf den „worst case.“ Darauf, dass der Ernstfall eintritt. „Erst dann werden wir sehen, wie Amazon reagiert.“ Anika Rast aus Winsen sagt, sie sei froh, dass sie ihr eigenes Desinfektionsmittel habe. Und auch Andreas Gangl aus Bad Hersfeld wird nach dem Ende seiner zweiwöchigen Quarantäne wieder arbeiten gehen.

Ebenso wie in der Gesamtbevölkerung ist es auch bei dem Onlinehändler unüberschaubar, wie hoch die Dunkelziffer der Infizierten tatsächlich ist. Klar ist nur: Das Coronavirus wird auch um Amazon keinen Bogen machen.

*Namen von der Redaktion geändert

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■ Das neuartige Coronavirus trägt die offizielle Bezeichnung SARS-CoV-2. Es ruft die Krankheit mit dem offiziellen Namen Covid-19 hervor. Der Virus ist von Mensch zu Mensch übertragbar.

Ab Januar 2020 hatte sich das Virus von der Stadt Wuhan in der chinesischen Provinz Hubei her ausgebreitet – inzwischen weltweit.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Ausbreitung des Coronavirus am 11. März 2020 zur Pandemie erklärt, also zu einer weltweiten Epidemie.

Alle Artikel der taz zum Thema finden sich im Schwerpunkt Coronavirus.

Eine Pandemie ist eine weltweite Epidemie, also regional nicht begrenzt. Bei einer Pandemie überträgt sich ein neuartiger Virus von Mensch zu Mensch.

■ Da es keine Grundimmunität gibt, keine spezifischen Medikamente und keine Impfung, führt das zu einer hohen Zahl an teils schweren Erkrankungen und Toten. Dies kann unter anderem zu einer Überlastung des Gesundheitssystems führen, wie es beispielsweise in Italien bereits regional zu beobachten war. Deshalb ist das Ziel, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, damit nicht zu viele Menschen gleichzeitig schwer erkranken.

Auf eine weitreichende Beschränkungen sozialer Kontakte hatten sich am 22. März 2020 die Bundeskanzlerin und Regierungschefs der Länder geeinigt. Damit sollte der Anstieg der Fallzahlen verlangsamt und eine Überlastung des Gesundheitssystems möglichst verhindert werden. Im April sowie im Mai beschlossen Kanzlerin und Länderchefs dann schrittweise Lockerungen. Die Kontaktbeschränkungen bleiben grundsätzlich bis zum 29. Juni bestehen. Details regeln weiterhin die Länder. (Hier eine Übersicht der Bundesregiergung zu Regelungen in den Ländern). Im Fall regionaler schneller Anstiege der Infektionszahlen sollen die Behörden vor Ort sofort mit neuen Beschränkungen reagieren.

■ Einen Abstand von mindestens 1,5 Metern soll man weiterhin draußen zu allen anderen Menschen außer der Begleitung einhalten.

■ Ein Mund-Nasen-Schutz muss in ganz Deutschland beim Einkaufen und im Öffentlichen Personennahverkehr getragen werden.

■ Seit Anfang Mai gilt: Angehörige zweier Haushalte dürfen sich grundsätzlich treffen – beispielsweise also zwei Familien oder zwei Wohngemeinschaften. In einzelnen Bundesländern gibt es darüberhinaus Spezialregelungen.

Schulen und Vorschulen sollen unter Auflagen noch vor dem Sommer wieder für alle Kinder öffnen.

■ In Kliniken und Pflegeeinrichtungen wurden die Regeln gelockert: PatientInnen oder BewohnerInnen können wieder durch eine bestimmte Person besucht werden.

Alle Geschäfte in Deutschland dürfen unter Auflagen wieder öffnen – ohne Quadratmeterbegrenzung der Verkaufsfläche.

Im Sport ist das Training unter freiem Himmel wieder erlaubt. Freizeitsportler müssen sich aber an bestimmte Auflagen halten. So muss eine Distanz von mindestens 1,5 Metern gewährleistet sein.

Die Fußball-Bundesliga hat die Saison seit Mitte Mai mit Geisterspielen fortgesetzt – zumindest die erste und zweite Liga der Männer. Die Fußballbundesliga der Frauen bleibt hingegen zunächst ausgesetzt. Vor Publikum werden in dieser Saison in jedem Fall keine Spiele mehr stattfinden.

Großveranstaltungen bleiben bis zum 31. August verboten.

Bei Restaurants sollen die Bundesländer eine schrittweise Öffnungen selbst regeln. Auch für Kinos, Theater, Hotels oder Kosmetikstudios haben die Ländern die Lockerungen eigenständig zu verantworten.

■ Spielplätze sind unter Auflagen wieder geöffnet – darauf einigten sich Kanzlerin und Länderchefs bereits am 30. April.

Gottesdienste und Gebetsversammlungen sind wieder zugelassen – unter besonderen Anforderungen des Infektionsschutzes. Taufen, Beschneidungen und Trauungen sowie Trauergottesdienste sollen im kleinen Kreis möglich sein.

Museen, Ausstellungen, Gedenkstätten, Zoos und botanische Gärten können unter Auflagen wieder öffnen.

Aktuelle Fallzahlen zum Coronavirus in Deutschland veröffentlicht das Robert-Koch-Institut (RKI).

Eine ausführliche Darstellung der COVID-19-Fälle in Deutschland bis auf Landkreisebene hat das RKI in einem Corona-Dashboard zusammengestellt. Auch gibt es tägliche Situationsberichte heraus.

Internationale Zahlen hat unter anderem die Weltgesundheitsorganisation WHO in einer interaktiven Grafik aufbereitet.

■ Ebenso weltweite Fallzahlen stellt die Johns Hopkins University auf einer interaktiven Karte dar.

■ Die Unterschiede bei den Fallzahlen von RKI, WHO und Johns Hopkins University bedeuten nicht, dass die Zahlen falsch sind. Differenzen ergeben sich vielmehr aus Melde-Verzögerungen und unterschiedlichen Quellen: Dem RKI werden die Fallzahlen von den Gesundheitsämtern über das jeweilige Bundesland übermittelt. Es meldet die Zahlen nach einer Prüfung dann weiter an die WHO – so kommt es zu Verzögerungen. Die Daten der Johns Hopkins University kommen nach eigenen Angaben aus verschiedenen öffentlich zugänglichen Quellen und können daher von jenen Zahlen von RKI und WHO abweichen.

Eine Erkrankung an Covid-19 nach einer Infektion mit dem Coronavirus äußert sich laut Bundesgesundheitsministerium durch grippeähnliche Symptome, wie trockenem Husten, Fieber, Schnupfen und Abgeschlagenheit. Auch über Atemprobleme, Halskratzen, Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit, Durchfall sowie Schüttelfrost sei berichtet worden.

Die Inkubationszeit beträgt nach aktuellen Erkenntnissen wohl bis zu 14 Tage: Das heißt, dass es nach einer Ansteckung bis zu zwei Wochen dauern kann, bis Symptome auftreten.

■ Wichtig: Infizierte können den Virus schon übertragen, wenn sie selbst noch keine Symptome bemerken.

Der Coronavirus wird vor allem mit einer Tröpcheninfektion übertragen. Laut Robert-Koch-Institut sind theoretisch auch eine Schmierinfektion (über kontaminierte Oberflächen) und eine Ansteckung über die Bindehaut der Augen möglich. Nach bisherigen Erkenntnissen verlaufen mehr als 80 Prozent der Erkrankungen vergleichsweise mild. Wer meint, sich mit dem Coronavirus angesteckt zu haben, sollte unbedingt

zu Hause bleiben und zum Telefon greifen. Dann entweder

■ beim Hausarzt anrufen

oder beim

■ Ärztlichen Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117.

Telefonisch gibt es zudem noch weitere Stellen für Informationen:

■ Die Unabhängige Patientenberatung ist zu erreichen unter: ☎ 0800 – 011 77 22

Ein Bürgertelefon hat das Bundesgesundheitsministerium eingerichtet unter: ☎ 030 – 346 465 100

Für Gehörlose und Hörgeschädigte ist ein Beratungsservice des Gesundheitsministeriums per Fax zu erreichen: ☎ 030 – 340 60 66 07, sowie per Mail unter info.deaf@bmg.bund(dot)de und info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Ein Gebärdentelefon mit Videotelefonie findet sich unter: www.gebaerdentelefon.de/bmg/

Die aktuellen Risikogebiete für Ansteckungen hat das Robert-Koch-Institut bis zum 10. April 2020 veröffentlicht. Mittlerweile hat sich Covid-19 weltweit ausgebreitet. Ein Übertragungsrisiko bestehe daher „sowohl in Deutschland als in einer unübersehbaren Anzahl von Regionen weltweit“, schreibt das RKI.

Für Reisende gibt es weitere Informationen zu Covid-19 und Reisewarnungen beim Auswärtigen Amt.

■ Zum Infektionsschutz gibt es auf den Seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) umfassende Anleitungen zum richtigen Händewaschen, zu den angemessenen Regeln beim Niesen sowie auch Merkblätter zu allgemeinen Hygiene- und Verhaltensregeln.

■ Niesen oder Husten soll man möglichst in die eigene Armbeuge und versuchen, sich seltener ins Gesicht zu fassen.

Händwaschen sollte man regelmäßig und zwar mindestens 20 Sekunden mit Wasser und Seife.

■ Reduzieren sollte man den Kontakt zu anderen Menschen derzeit so stark wie möglich, empfiehlt die BGzA. Wenn man doch in der Öffentlichkeit unterwegs ist, soll man möglichst einen Abstand von zwei Metern zu anderen Menschen einhalten.

■ Das Infektionsschutzgesetz (IfSG) gilt bundesweit einheitlich und bisher richten sich die Maßnahmen der Behörden nach diesem Gesetz, schreibt unser rechtspolitischer Korrespondent Christian Rath in seinem Überblick zur Rechtslage.

■ Die Katastrophenschutzgesetze der Länder sind anwendbar, sofern sich die Lage zur Katastrophe zuspitzen sollte.

■ Die Bundeswehr kann im Rahmen der Amtshilfe heute schon tätig werden, etwa im Sanitätsbereich oder zur logistischen Unterstützung. Im Extremfall kann sie auch im Inland eingesetzt werden, um (gemeinsam mit der Polizei) die öffentliche Ordnung zu bewahren oder wiederherzustellen, etwa wenn geplündert wird oder Krankenhäuser belagert werden.

■ In den „Notstandsgesetzen“ ist das geregelt, zu denen die Artikeln 35, 87a und 91 des Grundgesetzes zählen. Die „Notstandsgesetze“ wurden 1968 gegen den Widerstand der Außerparlamentarischen Opposition (APO) beschlossen.

■ Gerüchte, Falschmeldungen und Verschwörungstheorien über das Coronavirus kursieren derzeit viele.

■ Aufklärung über viele Corona-Falschmeldungen bietet unter anderem der Verein Mimikama.at.

■ Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in englischer Sprache eine eigene Seite zur Aufklärung von Mythen über den Coronavirus veröffentlicht.

■ Zu den häufigsten Fragen hat das Robert-Koch-Institut ein FAQ zu Corona veröffentlicht.

■ Weitere Fachinformationen finden sich ebenso auch auf einer Überblicksseite des Robert-Koch-Instituts.

■ Verhaltens- und Hygienetipps und ebenso in einem FAQ die häufigsten Fragen beantwortet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf ihrer Corona-Übersicht auf infektionsschutz.de.

■ Umfassend informieren kann man sich auch beim Bundesgesundheitsministerium.

■ Eine weltweite Übersicht bietet die Weltgesundheitsorganisation WHO.

Bundesweite Telefonnummern im Überblick:

Ärztlicher Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117

Unabhängige Patientenberatung: ☎ 0800 011 77 22

■ Bürgertelefon des Bundesgesundheitsministeriums: 030 346 465 100

Beratungsservice für Gehörlose und Hörgeschädigte: Fax: 030 / 340 60 66 – 07 sowie per Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de / info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Gebärdentelefon (Videotelefonie): www.gebaerdentelefon.de/bmg

■ Bei Sorgen ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar unter: 116 123 sowie 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222.

■ Infos über Corona auf Türkisch hat die taz in ihrem Text „Koronavirüs Almanya'da“ zusammengestellt.

■ In weiteren Sprachen sammelt die taz Info-Texte under taz.de/coronainfo

■ Hygiene-Infos in weiteren Sprachen bietet die BZgA in Hygiene-Merkblättern unter anderem auf Türkisch “Viral enfeksiyonlar – hijyen korur!“ (PDF) sowie auf Englisch “Viral infections – hygiene works!“ (PDF)

Leichte Sprache: Informationen zum Coronavirus in Leichter Sprache stellt das Bundesgesundheitsministerium zur Verfügung.

Gebärdensprache: Das Bundesgesundheitsministerium beantwortet Fragen mittels Videotelefonie und ist dafür über ihr Gebärdentelefon zu erreichen. Dazu gibt es hier noch mehr Infos. Das Gebärdentelefon ist von Montag bis Donnerstag von 8 bis 18 Uhr sowie am Freitag von 8 bis 12 Uhr erreichbar. Ebenso möglich sind Fragen per Fax: 030 / 340 60 66 – 07 oder per E-Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de oder info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de.

■ Weitere Sprachen: Kurze Info-Flyer der Johanniter auf Englisch (PDF), Dari (PDF), Arabisch (PDF), Farsi (PDF), Türkisch (PDF), Russisch (PDF), Italienisch (PDF) und Französisch (PDF) hat der Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bereitgestellt.

International: Informationen zum Coronavirus in verschiedenen Sprachen stellt zudem die Weltgesundheitsorganisation WHO bereit.

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Bis dahin wünschen wir Euch eine gute Zeit!
Eure taz