Nachwahl in Großbritannien: Mülleimer fordert Rechtspopulisten heraus
Der Komiker Count Binface alias John Harvey geht gegen Nigel Farage, Chef der Partei Reform UK, ins Rennen. Die britischen Medien drehen durch.
Foto: Temilade Adelaja/reuters
In seinem satirischen Wahlprogramm verspricht er, mindestens eine Sozialwohnung bauen zu lassen, er will die britische Sängerin Adele und Modelleisenbahnen verstaatlichen. Und er will festlegen, dass in Zukunft das Eis „99 Flake“ für 99 Pence verkauft wird.
Die Rede ist von Count Binface mit Klarnamen John Harvey. Der Comedian, britische „intergalaktische“ Satirekandidat und selbst deklarierte Weltallheld hat den Spitznamen Graf Mülleimergesicht. Der Mittvierziger trägt einen Mülleimer mit Augenschlitz auf dem Kopf und einen schwarzen Motorradanzug. Derzeit dominiert er die gesamte britische Medienlandschaft. BBC, LBC und der Guardian widmeten sich Binface an prominenter Stelle.
Seit 2019 hat er sich bei sechs Wahlen aufstellen lassen – zuletzt bei der Nachwahl in Makerfield am 18. Juni, die den Manchesteraner Labour-Bürgermeister Andy Burnham ins Unterhaus beförderte. Binface selber kam auf 95 Stimmen.
Seinen bisher größten Erfolg feierte der angeblich über 5.900 Jahre alte Anführer der „Recyclons“ vom Planeten Sigma IX bei den Londoner Bürgermeisterwahlen 2021, als er 92.896 Stimmen erhielt und auf Platz 9 landete. Angetreten waren 20 Kandidat:innen.
Überweisung in Millionenhöhe
Der Grund für den Hype um Count Binface ist, dass er zum Hauptkandidaten bei der Nachwahl gegen Nigel Farage, Chef der rechtspopulistischen Partei Reform UK, im südostenglischen Clacton-on-Sea aufgestiegen ist.
Farage war während einer Untersuchung der Prüfstelle zur Einhaltung parlamentarischer Standards wegen einer nicht deklarierten Überweisung in Millionenhöhe zurückgetreten. Dies löste eine Nachwahl aus, der sich Farage selber stellen will.
Doch bis auf den rechten Demagogen und Schauspieler Lawrence Fox und den Kandidaten einer rechtsextremen Partei verweigern sich alle großen Parteien der Wahl. Einer, der sich aufstellen lassen möchte, sofern ihn zehn Personen nominieren, ist Count Binface.
Am Donnerstagnachmittag wurde bekannt, dass auch andere Satire-Kandidat:innen ins Rennen gehen werden. Sowohl der Tierschützer Rob Pownall, der in Makerfield in einem Fuchskostüm auftrat, als auch ein Kandidat der Monster-Raving-Loony-Partei, ebenfalls in Makerfield mit dabei, kündigten an, dass sie sich aufstellen lassen würden.
Seit der Ankündigung von Count Binface drehen auch die britischen sozialen Medien durch. Besonders oft erscheint eine Fotomontage des Hope-Plakates, das 2008 während der Wahlkampagne von Barack Obama auftauchte. Darauf ist nun Count Binface zu sehen. In den britischen Wettlokalen wird die Wahrscheinlichkeit, dass Binface gewinnen könnte, inzwischen auf bis zu auf 20 Prozent beziffert.
Auftritt im Affenkostüm
2002 kandidierte ein als Affe verkleideter Bürgermeisterkandidat in Hartlepool, Ostengland. Er berief sich auf eine alte Legende und versprach die Verteilung von kostenlosen Bananen an Schulkinder. Stuart Drummond wurde entgegen seinen eigenen Erwartungen zum Bürgermeister gewählt und 2005 sogar im Amt bestätigt. Ob Binface im Falle eines Sieges allerdings in einem Kostüm im Unterhaus auftreten kann, ist fraglich.
Die Liste derartiger Satire-Kandidaten in Großbritannien ist lang. Bereits 1951 trat Bill Boaks mit Plakaten auf seinem Fahrrad gegen Clement Attlee an. Ihm folgten Gestalten wie Screaming Lord Sutch von der Monster Raving Loony Party in den 1960er Jahren oder Mr. Blobby in den 1990ern, der für die „House Party“ antrat. Es gibt viele weitere Beispiele.
Zynische Anspielungen auf die hohe Politik, den vermeintlich so wichtigen Politiker:innen den Spiegel vorhalten und sich über sie lustig machen – das gehört untrennbar zum ur-britischen Humor und ist die Mission von Leuten wie Count Binface. Binnen nur weniger Tage ist er zum Symbol des britischen Anti-Establishments überhaupt geworden. Damit hat Count Binface in gewisser Weise Nigel Farage, der seit Jahren ähnliche Ambitionen hat, bereits geschlagen.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert