Nachwahlen Großbritannien: Andy Burnham macht das Rennen
Der Bürgermeister von Manchester sichert sich einen Parlamentssitz im Wahlkreis Makerfield. Jetzt greift er nach dem Vorsitz der Labour-Partei.
Etwas bizarr und typisch britisch mutete es am Freitagmorgen an, als in einer Halle im englischen Süd-Wigan das Ergebnis der Nachwahl im Wahlkreis Makerfield verkündet wurde. Beobachter:innen hatten von der bedeutendsten britischen Nachwahl seit dem Zweiten Weltkrieg gesprochen.
Um genau sieben Minuten nach drei Uhr morgens war es für Andy Burnham so weit. Der bisherige Oberbürgermeister des Großraums Manchester trug ein schwarzes Sakko, sein Markenzeichen, daran eine Anstecknadel mit dem Wappen der Biene von Manchester, ein schwarzes T-Shirt und im Gesicht eine dicke schwarze Hornbrille.
Burnham stand zwischen zwei Mitbewerbern, dem Scherzkandidaten „Count Binface“ (Graf Mülleimergesicht) und Robert Pownall, einem unabhängigen Tierschutzkandidaten, der in einem Fuchskostüm auftrat. Die Wahlleiterin las, sichtlich erschöpft, das Ergebnis der Wahl vom Donnerstag vor. „Burnham Andrew Murray, commonly known as Andy Burnham, The Labour and Co-operative Party, 24.937.“ Durch die Halle ging ein großes Aufatmen, unter Burnhams Unterstützer:innen brach Jubel aus. Mit insgesamt 54,81 Prozent aller abgegebenen Stimmen war es für Burnham ein eindeutiges Ergebnis.
Schwere Niederlage
Burnhams größter Kontrahent in Wahlkampf, Robert Kenyon von der rechten „Reform UK“-Partei, kam nur auf 15.696 Stimmen. Für Farages Partei, die seit über einem Jahr in den Meinungsumfragen führt, ist dies eine schwere Niederlage. Sie folgt auf die Schlappe im Wahlkreis Gorton und Denton.
Aber es ist auch ein genereller Sieg Labours über alle rechten Kräfte. Denn selbst wenn man die Stimmen für Rebecca Shepherd, Kandidatin der ultrarechten Partei „Restore UK“ (3.111 Stimmen) und für den konservativen Kandidaten Michael Winstanley (997 Stimmen) zusammenrechnet, kamen die Rechten gemeinsam auf nur 19.804 Stimmen. Damit blieben sie mit 5.133 Stimmen bzw. ganzen 11,27 Prozent hinter Labour. Die Wahlbeteiligung lag bei knapp 60 Prozent.
In seiner Ansprache erklärte Burnham, dass diese Wahlnacht einen Wendepunkt für alle darstellen könne, die glaubten, dass die Politik nicht liefere und das Land nicht dort sei, wo es sein sollte. Das Ergebnis symbolisiere einen lauten und finalen Ruf nach einer Veränderung. „Es wird keine zweite Chance geben. Dies ist die Möglichkeit, eine neue Politik auf der Basis von Einheit und Hoffnung aufzubauen“, sagt er.
Gleichzeitig bedauerte Burnham, dass seine Zeit als Bürgermeister von Manchester beendet sei. Eins seiner Ziele sei es, dem Norden Englands die Möglichkeit zu eröffnen, sein ganzes Potenzial zu entwickeln. Dafür wolle er alles geben. „Ohne Veränderungen in der nationalen Politik, kann das Nord-Süd-Gefälle Englands nicht aufgehoben werden, so Burnham. Dafür wolle er alles geben. Am Freitagvormittag wiederholte er diese Aussagen vor seinen Anhänger:innen.
Griff nach der Macht
Auch auf die Kritik vor allem von Reform UK in den vergangenen Wochen, dass die Nachwahl nur ein Griff nach der Macht sei, reagierte Burnham, dessen Nickname „König des Nordens“ ist. Sein Sieg diene vielmehr dazu, Westminster mit den Menschen in Makerfield zu verbinden.„Meine Wahl wird sicherstellen, dass solche Orte, die das Westminster-Parlament abgehängt hat, endlich mit Fairness behandelt werden.“
Wann genau Andy Burnham den Kampf um die Führung von Labour aufnehmen wird, ist derzeit noch nicht bekannt. Mitstreiter Wes Streeting, ehemaliger Gesundheitsminister, forderte einen sofortigen Beginn des Rennens. Einige Mitglieder des Kampagnenteams um Burnham hatten in den vergangenen Tagen durchblicken lassen, dass Burnham Starmer etwas Zeit geben wolle. Am kommenden Montag wird Burnham als Abgeordneter bestätigt werden.
Sein Sieg löst eine sofortige Nachwahl für das Amt des Oberbürgermeisters von Manchester aus. Bei der vorherigen Nachwahl in Gorton und Denton im Februar, die die Grüne Hannah Spencer gewonnen hatte, verwehrte die Führung Labours Burnham eine Kandidatur. Offiziell hieß es, seine Kandidatur könne negative Konsequenzen für den Bürgermeisterposten in Manchester haben. Doch bereits damals, ja schon beim Parteitag im Oktober 2025 war Burnham von zahlreichen Labour-Genoss:innen als potenzieller Herausforderer und Nachfolger Starmers angepriesen worden.
Sein sicheres und charismatisches Auftreten, seine Stimme für den Norden des Landes und seine Erfolge als Oberbürgermeister Manchesters sehen viele als Hoffnungsschimmer für Labour. Die Labour-Partei und das Ansehen Starmers haben seit dem Wahlerfolg bei den Nationalwahlen 2024 stark gelitten.
Verheerende Verluste
Seitdem häufen sich verheerende Verluste – an Reform UK, die SNP und die walisische Nationalpartei bei den englischen Kommunalwahlen sowie den Wahlen zum schottischen und walisischen Nationalparlament im vergangenen Mai. Trotzdem hatte Starmer erst diese Woche angekündigt, seine Führung der Partei verteidigen zu wollen. Für Burnham sehe er eine große Rolle in seiner Regierung, sagte Starmer am Mittwoch.
Starmer warnte am Freitagvormittag in einer Dankesrede an die Labour-Mitglieder, die sich für Burnham eingesetzt hätten: Die Partei und die Bewegung müssten sich jetzt zusammenreißen. Er wiederholte einen Appell aus den vergangenen Wochen. „Das Einzige, was wir jetzt vermeiden müssen, ist, unsere Partei und unser Land ins Chaos zu stürzen, indem wir gegeneinander kämpfen und unsere Partei und Bewegung auseinanderreißen.“ Derartiges habe bereits die konservative Vorgängerregierung getan und man müsse daraus lernen, sagte Starmer.
Anders als in England gingen zwei Nachwahlen an der Ostküste Schottlands aus. Auch hier konnte Reform UK nicht genug punkten und kam nur auf 8 Prozent. In Aberdeen South war das Ergebnis jedoch beachtlich, denn es war der erste Wahlerfolg der Tories in 50 Jahren.
Der konservative Douglas Lumsden holte sich den Sitz mit 49,52 Prozent der Stimmen. Aberdeen South wurde vorher vom ehemaligen Fraktionschef der schottischen Nationalpartei (SNP) im Westminster-Parlament, Stephen Flynn, gehalten. Zur Nachwahl kam es, da Flynn sich für das schottische Parlament hatte aufstellen lassen.
Mehr Erdöl fördern
Der Sieg der Tories ist zum einen auf ihre Befürwortung einer Erweiterung der Erdölförderung zurückzuführen, denn Aberdeen ist wirtschaftlich eng mit dieser verbunden. Andererseits spielte das Geständnis von Peter Murrell Anfang Juni eine Rolle. Murrell, der einstige Ehemann der ehemaligen SNP-Parteiführerin Nicola Sturgeon und ehemaliger Geschäftsführer der SNP, hatte eingeräumt, umgerechnet 460.000 Euro Parteispendengelder tausender Mitglieder für eigene Zwecke ausgegeben zu haben. Das Geld war für die Finanzierung einer Kampagne für die schottische Unabhängigkeit gedacht. Murrell erwartet nun eine langjährige Haftstrafe.
Dennoch konnte sich bei einer weiteren schottischen Nachwahl Lara Bird, die SNP-Kandidatin für Arbroath and Broughty Ferry mit 41 Prozent der Stimmen gegen den konservativen Herausforderer Jack Cruickshanks (19 Prozent) behaupten. Labour stürzte um 18 Prozent ab und kam hinter SNP, Tories und Reform mit nur 15 Prozent auf den vierten Platz.
Doch vor allem der Sieg Andy Burnhams bei den Nachwahlen am 18. Juni ist von besonderer Bedeutung. Inwiefern dieser Sieg tatsächlich zu einem Wendepunkt wird, werden die nächsten Wochen und Monate zeigen.
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