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Nach der Sachsen-Anhalt-Wahl Die Alternativen zur Alternative

Der Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt war zu erwarten und ist unfassbar zugleich. Wie jetzt weitermachen?

S eit der Wahl in Sachsen-Anhalt denke ich jeden Tag an ein Gespräch mit der Autorin Mely Kiyak zurück. Anfang 2024 gingen gerade Millionen Menschen in Deutschland gegen die AfD auf die Straße. „Wir sind die Brandmauer!“, riefen sie. Viele Menschen schöpften Hoffnung. Für einen Moment gingen sogar die Umfragewerte der AfD zurück.

Aber Mely Kiyak sagte: „Politisch ist das, was aktuell passiert, unumkehrbar. Wir erleben eine entsolidarisierte, sich gegenseitig zutiefst mit Niedertracht begegnende Gesellschaft. Wenn ein Land nicht früh genug anfängt, zerstörerische Kräfte einzudämmen, wird es ein hartes Land mit einem harten Leben. Nach den Kipppunkten können Sie noch eine Weile protestieren und skandalisieren, dann werden diejenigen an die Macht kommen, die auch diese Möglichkeit tabuisieren werden.“

Wenn die AfD regiert, wolle sie mal sehen, wer noch offene Briefe unterschreibe, sich also weiter engagiere. Tatsächlich gibt es gerade wieder Straßenproteste, aber längst nicht mehr so viele wie vor anderthalb Jahren – obwohl die AfD in Sachsen-Anhalt so nah an der Macht ist wie nie. Sind die Kipppunkte also schon erreicht?

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43,8 Prozent der Wäh­le­r*in­nen in Sachsen-Anhalt haben eine rechtsextreme Partei gewählt, wollten sich besonders groß fühlen zum Preis der Erniedrigung anderer. Das sind deutlich mehr als die 20 Prozent „brauner Bodensatz“, von dem der Thüringer Verfassungschef einst sprach. Die Menschenverachtung der AfD ist anschlussfähig in immer mehr Milieus und breitet sich von Ost nach West aus.

Die entsolidarisierte Gesellschaft, die Mely Kiyak beschrieb, sie gedeiht. Zivilgesellschaftliche und parteipolitische Akteur*innen, die dagegenhalten, berichten derweil, dass sie längst über ihre Kraftgrenzen hinaus gegangen sind. Sie müssen jetzt in erster Linie finanziell abgesichert werden. Dafür wirbt etwa der neue Fonds für Demokratie.

Zu den Gründern des Fonds gehört Marco Wanderwitz, CDU-Politiker und ehemaliger Ostbeauftragter der Bundesregierung. Er warnte bereits 2021, dass ein Teil der Ostdeutschen für die Demokratie verloren sei. Um nicht noch mehr von ihnen zu verlieren und marginalisierte Gruppen zu schützen, braucht es demokratische Schutzräume. Für Debatte, Auseinandersetzung und Alternativkultur. Wir müssen uns schnell einrichten in dem, was Mely Kiyak ein „hartes Leben“ nennt.

Andersdenkende, Queers, Menschen mit Migrationsgeschichte, Menschen mit Behinderung – sie haben seit dem Wahlsonntag Angst. Währenddessen beleidigt der angeblich charmante Ulrich Siegmund nun ganz uncharmant die Hauptstadt- statt nur die Lokalpresse. Der Erfolg der AfD liegt aber nicht im Lächeln ihres sachsen-anhaltischen Spitzenkandidaten begründet. Eine Umfrage aus Thüringen legt nahe, dass auch ein unfröhlicher Björn Höcke dort weiterhin an Zustimmung gewinnt. Die AfD ist auf dem Vormarsch, übrigens egal unter welchem Kanzler.

Ländliche Raumnahme

In Sachsen-Anhalt konnte die Partei Menschen in allen Wäh­le­r*in­nen­grup­pen für ihr rassistisches Programm gewinnen, besonders auch Ar­bei­te­r*in­nen und Menschen mit niedrigem Bildungsniveau. Von beiden gibt es viele in Sachsen-Anhalt. Jeder Fünfte gilt hier als armutsgefährdet, das Wirtschaftswachstum ist niedriger als in jedem anderen Bundesland, deutschlandweit haben hier die wenigsten ein Abitur, gehen am häufigsten ohne Abschluss von der Schule. Die gut Ausgebildeten ziehen meist weg. Was bleibt, ist eine zerklüftete Infrastruktur und die Abwesenheit von Zukunft in einem zu 97 Prozent ländlich geprägten Raum.

Die AfD zielt genau auf dieses Ländliche, längst nicht nur in Sachsen-Anhalt. Das ist spätestens seit ihrem Strategiepapier zur „ländlichen Raumnahme“ bekannt. Um dagegen vorzugehen, hatten zivilgesellschaftliche Ak­teu­r*in­nen im Vorfeld der Wahl mehr als je zuvor das Hinterland bespielt und große Feste organisiert.

So auch in Mecklenburg-Vorpommern – zum Teil schon sehr lange. Jan Gorkow, bekannt als Monchi von Feine Sahne Fischfilet, organisiert seit zehn Jahren das Festival Wasted in Jarmen in seinem Heimatdorf. In seinem aktuellen Buch „Hinter der Brandmauer“ beschreibt er, wie er für die Vorbereitung möglichst viele Menschen vor Ort offen einbindet. Er bleibt im Gespräch, führt in seinem Dorf genau den politischen Diskurs, den andere aus der Ferne für wichtig halten.

Auch über das Festival hinaus engagiert sich Gorkow für sein Dorf, stellte gemeinsam mit dem parteilosen Bürgermeister einen Skatepark auf die Beine. Aber trotz allem wachte er nach der Bundestagswahl 2025 auf und sah, dass die AfD in Jarmen 54 Prozent der Stimmen bekommen hatte. Was hilft jetzt noch?

Vertrauen schaffen

Genau das ist die Lücke: Um die parlamentarische Demokratie zu retten, scheinen zivilgesellschaftliche Feste welcher Art auch immer das Wahlverhalten nicht zu beeinflussen. Zumindest nicht in dem nötigen Ausmaß. Das Angebot ist allerdings auch dürftig. Der CDU fällt es schwer, zu begründen, warum man sie statt des rechten Originals wählen sollte. Die SPD hat keine Antwort darauf, warum diese Gesellschaft immer unsozialer wird, trotz vieler Jahre mit ihr an der Macht. Eine glaubwürdige Ansprache von der Mitte bis links wäre dringend nötig.

Viele AfD-Wähler*innen treibt eine enorme soziale Wut an, die die AfD mit ihrem rassistischen Programm und vereinfachenden Feindbildern bedient und gleichzeitig verstärkt. Vielleicht ließe sich diese soziale Wut auch entlang eines anderen, noch zu definierenden Konflikts kanalisieren. Da die AfD gerade im ländlichen Raum stark ist, wird es sicher nicht der Mietenkampf sein. Und da AfD-Wähler*innen einer staatlichen Umverteilung eher kritisch gegenüberstehen, sind es auch keine Enteignungen.

Neben überzeugenden Inhalten fehlt den demokratischen Parteien, zumindest in Ostdeutschland, offenkundig auch das Vertrauen der Wähler*innen. Vertrauen entsteht durch Nähe – aber wo war die CDU in diesem Wahlkampf? In Sachsen-Anhalt dominierte die AfD die Plätze und Straßen. Die Hüpfburg auf den sogenannten Familienfesten steht exemplarisch für die vielen Orte der Begegnung, die so selten geworden waren – und die die AfD wieder geschaffen hat.

Wer überall eine Hüpfburg aufstellen und Bratwürste verteilen möchte, braucht Mitglieder vor Ort

Einsamkeit gewinnt zunehmend Bedeutung in den Wahlanalysen. Auf einem taz-Podium in Rostock beschrieb Christian Arnold Krüger, Gründer des Vereins Queer-Strelitz, das sehr präzise: Viele im ländlichen Raum stehen morgens auf, frühstücken, steigen in ihr Auto, fahren zur Arbeit, fahren zurück, essen Abendbrot, reden vielleicht noch mit der Partnerin, und das war’s. Kein Kontakt. Dann kommt die AfD und macht ein Angebot, das nichts verlangt. Kein Bekenntnis zur Demokratie, kein Verstehen der komplexen Weltlage, kein Mitmachen.

Präsenz in der Fläche kostet. Wer demokratische Institutionen stärken möchte, sollte deshalb beim Geldverteilen – wenn es die Möglichkeiten denn zulassen – auch an die Parteien denken. Um einen Ulrich Siegmund mit seinen 700.000 Tiktok-Followern einzuholen, braucht es enorme Summen. Wer überall eine Hüpfburg aufstellen und Bratwürste verteilen möchte, braucht auch Personal, authentische Mitglieder vor Ort, die sich mit ihrem Gesicht zeigen und die die parlamentarische Demokratie von innen retten wollen. Die Zeiten, in denen die AfD keine Kan­di­da­t*in­nen fand, sind längst vorbei. Noch schlimmer: Ihre Leute gelten als vertrauenswürdig.

wochentaz

Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!

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Vielleicht ist es nicht aussichtslos. 45 Prozent der AfD-Wähler*innen haben die AfD noch nicht aus Überzeugung gewählt und ließen sich womöglich für andere Parteien gewinnen, trotz historischer Parteienskepsis speziell in Ostdeutschland. Diese ist nicht in Stein gemeißelt. Lange Zeit war im Osten nicht nur die Parteien-, sondern auch die zivilgesellschaftliche Bindung deutlich geringer als im Westen. Mittlerweile sind beide Landesteile fast auf demselben Niveau. Reicht das aber für Hoffnung?

Es muss. Allein schon wegen der Menschen in Sachsen-Anhalt, die weiter kämpfen und Solidarität statt Entmutigung brauchen. Wenn Kiyak fragt, wer noch offene Briefe unterschreibe, selbst wenn die AfD regiert, kann ich antworten, dass auf die Engagierten vor Ort Verlass sein wird. Sie zeigen, dass ein anderes Miteinander, ein solidarisches, humanistisches Miteinander möglich ist. Das ist mein Lichtpunkt, egal wie dunkel es noch wird in diesem Land.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Katrin Gottschalk

Katrin Gottschalk Chefredakteurin

Zusammen mit Barbara Junge und Ulrike Winkelmann Chefredakteurin der taz. Zuvor stellvertretende Chefredakteurin (seit 2016) und Leiterin der digitalen Produktentwicklung (seit 2020). Initiierte 2017 den taz-Innovationsreport, der den Anstoß zur Seitenwende der taz lieferte. War bis 2016 Chefredakteurin des feministischen Missy Magazine. Studierte Kulturwissenschaften und -journalismus. Aufgewachsen in Dresden, Jahrgang 1985.
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22 Kommentare

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  • Philippo1000

    Danke.



    Ratlos zu sein, ist ehrlich.



    Es gibt eben auch keine einfachen Antworten auf die komplizierte Frage, warum Kreti und Pleti rechts wählen.



    Denn echte Argumente dafür gibt es nicht.



    Außer vielleicht, wie im Artikel erwähnt, mit einer aggressiven Klugscheißer Haltung gegen "die da Oben" , plötzlich Gehör zu finden .



    Das ist allerdings kein Ansatz, der eine Diskussion ermöglicht.



    Wer rechts wählt, will treten. Also erst komme ich, dann kommt die Moral. Ich ich ich ist erste Bürgerpflicht.



    Schuld - an Allem - sind praktischerweise stets "die Anderen".



    Die Illusion, dass ein Volk von Wutbürgern irgendwie zusammen findet, ist kurzfristig.



    Es reicht allerdings für eine Wahl.



    Bekannterweise eint nichts so stark, wie ein gemeinsamer Feind.



    Die Rechten haben praktischerweise gleich eine Handvoll anzubieten, wodurch die Trefferquote hoch ist.



    Dass sich dahinter keine einzige Lösung verbirgt, ist egal, denn: dabei sein ist Alles!



    " Denen haben wir es gezeigt", scheint zu reichen, egal dass das "Was" hier gezeigt wird, völlig unklar ist.



    BLAU sein war ja schon immer ein seltsam vereinigender Faktor.



    Und ich?



    "Heut' mach' ich mir kein Abendbrot, heut' mach' ich mir Gedanken"!

  • Martin Rees

    "Der CDU fällt es schwer, zu begründen, warum man sie statt des rechten Originals wählen sollte. Die SPD hat keine Antwort darauf, warum diese Gesellschaft immer unsozialer wird, trotz vieler Jahre mit ihr an der Macht."



    An diesem Rückstand nach Punkten und der Abstiegsgefahr ist aber auch der Umstand ursächlich zu benennen, dass beide in den vergangenen Jahren erheblich Eigentore produziert haben und ihr Personal oft wenig überzeugend oder authentisch wahrgenommen wurde. Stattdessen wurde der demokratisch aufgestellte und durch seinen Einsatz für Menschenrechte legitimierte politische Mitbewerber desavouiert und diffamiert, wurden erfolgreiche Formeln mit Parolencharakter kopiert und wesentliche Gruppen der Meinungsbildung innerparteilich amputiert.



    Die CDU krankt an männlicher Dominanz, eine eigene "Frau gegen Blau" wäre schon ein erster Ansatz. Wer wird für das Amt des Staatsoberhauptes als erste Bundespräsidentin kandidieren?



    Für die Zeit nach den Wahlen in einer Woche stehen die Prognosen einiger der beobachtenden Seismometer-Kundigen auf erhebliche Erschütterungen mit tektonischen Auswirkungen.



    Wahlkampfhilfen aus Berlin stehen derzeit nicht hoch im Kurs, verständlicherweise.

  • Desdur Nahe

    Ein Anfang könnte sein, die AfD-Wählenden ernst zu nehmen. Immer wieder wird festgestellt, dass das Thema Migration wahlentscheidend ist. Und immer wieder sagt man diesen Menschen "Nein, eigentlich habt ihr keine Sorgen wegen der Migration. Es ist nur eure "enorme soziale Wut", die Ihr falsch kanalisiert, Ihr Dummerchen. Und weil Ihr dumm seid, wählt Ihr eine Partei, die "kein Verstehen der komplexen Weltlage, kein Mitmachen" erfordert".

    • Il_Leopardo

      @Desdur Nahe:

      Wir wollen aber nicht vergessen, dass die Zahlen im Osten wesentlich geringer sind als im Westen.

  • Il_Leopardo

    Wenn jeder Fünfte als armutsgefährdet gilt und das Wirtschaftswachstum niedrig ist, muss man wohl eher an diesen Punkten arbeiten - Hüpfburgen und kostenlose Bratwürste helfen da wenig.

    • Sam Spade

      @Il_Leopardo:

      Das Bundesland Bremen hat eine starke Wirtschaft und ein hohes Wirtschaftswachstum. Hier gilt offiziell jeder vierte Einwohner als arm, das ist noch eine Stufe unter armutsgefährdet und dennoch liegt die AfD in Umfragen bei "nur" 17%.

      Es ist eine Frage der Mentalität. Menschen mit einer gesunden Gesinnung tendieren auch dann nicht zu einer rechtsextremen Partei, wenn die eigene wirtschaftliche Situation schlecht ist oder es gefühlt vor Polykrisen nur so wimmelt.

      Imaginären Ängsten ist nur mit einer ehrlichen Realpolitik beizukommen, die mit den Menschen klar kommuniziert.

      Die AfD Wähler in ihren Sorgen ernst nehmen, wie im Kommentar oben gefordert, würde am Beispiel Migration in SA bedeuten, das bei gerade einmal 193.000 Bürgern mit Migrationshintergrund, wovon die Gruppen der Ukrainer und Polen alleine 50.000 ausmachen, ein eingebildetes Problem die Realpolitik dominieren, aber in keinem Sektor zu Verbesserung der Lebenssituation der Bürger führen würde, wenn den Forderungen der AfD Wähler nachgegeben würde.

      Die etablierten Parteien haben es leider versäumt die Vorteile die Migration mit sich bringt in den Vordergrund zu stellen. Eine solche Erzählung hätte es gebraucht.

  • Bürger L.

    Das Wahlergebnis aus Sachsen Anhalt lässt sich nicht rückgängig machen.



    Zu resignieren und die Rechtsnationale Partei samt ihrer Wähler*innen möglichst fantasievoll zu beschimpfen ist auch keine Lösung.



    Was bleibt ist, die engagierten demokratischen Kräfte im Land von außen zu unterstützen und für die weitere politische Entwicklung in gesamt Deutschland die richtigen Schlüsse zu ziehen.



    Die Linke hat offenbar inzwischen verstanden, dass es notwendig ist "in der Fläche" mehr präsent zu sein und an die Erfahrungen als "Kümmerer-Partei" anzuknüpfen.

    Wenn es jetzt noch der Bundes-SPD gelänge, sich daran zu erinnern wofür der Begriff Sozialdemokratie mal stand und offen zu kommunizieren, dass sie konkret für die Interessen der arbeitenden Bevölkerung eintritt, wäre schon viel erreicht.

    Trotz der aktuellen Entwicklungen habe ich doch noch die Hoffnung, dass es längerfristig anstelle des aktuellen "CDUSPDCSU- Einheitsbreis" mit rot/rot/grün eine linke Mehrheit jenseits von AFD und Union geben kann.

    Wenn Wähler*innen wieder eine echte demokratische Alternative sehen, von der sie sich wahrgenommen fühlen, sinkt zumindest die Wahrscheinlichkeit, dass sie rechten Rattenfängern folgen.

    • EchteDemokratieWäreSoSchön

      @Bürger L.:

      Sie schreiben "Wenn Wähler*innen wieder eine echte demokratische Alternative sehen, von der sie sich wahrgenommen fühlen, sinkt zumindest die Wahrscheinlichkeit, dass sie rechten Rattenfängern folgen." Damit haben Sie recht.

      Aber dass "rot/rot/grün eine linke Mehrheit jenseits von AFD und Union geben kann" ist falsch. Die SPD ist schon lange keine Partei mehr, die sich vor allem um die normalen Steuerzahler kümmert. Vor allem kümmert sie sich um die Wirtschaft und damit auch um die reichsten. Nur ab und zu mal ein Brotsamen für die normalen Steuerzahler. Und die Grünen haben sich unter der Ampel auch nicht viel besser verhalten. Also wenn beide Parteien nicht radikal ihre Politik ändern, wird das nichts.

      • Bürger L.

        @EchteDemokratieWäreSoSchön:

        "Also wenn beide Parteien nicht radikal ihre Politik ändern, wird das nichts."

        Genau das ist es, worauf ich längerfristig hoffe. Dass die SPD sich darauf besinnt, was mal sozialdemokratische Politik war und dass sich innerhalb der Grünen die noch verbliebenen linken Kräfte stärker durchsetzen.



        Das ist nichts, was von heute auf morgen passiert, scheint mir aber der einzige gangbare Weg zu sein, um die rechts-nationalen Rassisten zu stoppen.

  • Tiene Wiecherts

    "Vielleicht ließe sich diese soziale Wut auch entlang eines anderen, noch zu definierenden Konflikts kanalisieren."

    Ist das wirklich die Lösung? AfD-Wähler wollen auf anderen herumtrampeln, um sich selbst besser zu fühlen. Sollen das jetzt die übrigen 75% der Gesellschaft auch machen? Was bietet sich da an?

    Ausländer - hat schon die AfD



    Behinderte - dto



    Lügenpresse - dto



    Eliten - dto



    Intellektuelle - dto



    Vermieter



    Reiche



    Unternehmer



    Landbevölkerung



    Boomer



    Polizei



    Autofahrer



    Raucher



    Übergewichtige



    ...

    Erfolgversprechend wären vielleicht Ostdeutsche. Das ist eine Minderheit und Hass auf sie lässt sich in Westdeutschland ja leicht schüren. Das könnte also klappen. Aber wollen wir wirklich die AfD mit ihren eigenen Mitteln schlagen?

  • DiMa

    Eine entsolidarisierte "Gesellschaft" ist doch das Ergebnis des Zerfalls einer Gesellschaft in viele Parallelgesellschaften. Aus meiner Sicht gibt es "die Gesellschaft" als Basis für eine Solidarität schon nicht mehr. Ein Mindestmaß an Heterogenität wäre halt notwendig gewesen.

    Nur hat diese Entwicklung aus meiner Sicht nichts mit der AfD zu tun. Und auch Hüpfburgen werden uns die Gesellschaft nicht wieder bringen, geschweige den die Solidarität.

  • rero

    Eindeutig einer der besseren Artikel, der mehrere Punkte, die in anderen Betrachtungen runterfallen.

    „Dann kommt die AfD und macht ein Angebot, das nichts verlangt. Kein Bekenntnis zur Demokratie, kein Verstehen der komplexen Weltlage, kein Mitmachen.“

    Exakt das ist es, was die Menschen emotional anspricht.

    Man kann weiß und männlich sein, einen Hauptschulabschluss haben, vom Dorf sein und den neuen Sprachcode nicht kennen.

    Die AfD heißt einen willkommen und man darf sein, wie man ist.

    Dabei ist die AfD ja in ein Vakuum vorgestoßen.

    Das liefert keine andere Partei.

    Am krassesten war es in Ostdeutschland bei den Grünen.

    Die waren so eine Art Flußdelphin.

    Man sieht im Fernsehen, dass es sie geben soll.

    Sie sind auch ganz putzig.

    Aber man kennt niemanden, der schon mal einen gesehen hat.

    Anschein haben die Grünen es begriffen und versuchen es zu ändern.

    Früher haben Linke die Welt dialektisch betrachtet.

    Danach wäre es gut, dass es die AfD gibt.

    So entsteht auch der Nicht-AfD-Seite Druck, sich mal zu bewegen.

    • Klabauta

      @rero:

      "Man kann weiß und männlich sein, einen Hauptschulabschluss haben, vom Dorf sein und den neuen Sprachcode nicht kennen.

      Die AfD heißt einen willkommen und man darf sein, wie man ist."

      Und wie sieht es aus, wenn man nicht *weiß*, nicht hetero und weiblich ist, oder in der Sonnenallee wohnt - heißt einen die AfD dann auch willkommen? Darf man dann auch sein, wer man ist?

  • EchteDemokratieWäreSoSchön

    Die Autorin schreibt: "Wir erleben eine entsolidarisierte, sich gegenseitig zutiefst mit Niedertracht begegnende Gesellschaft. "



    Ja, das ist richtig.



    Die SPD hat keine Antwort darauf, warum diese Gesellschaft immer unsozialer wird, trotz vieler Jahre mit ihr an der Macht.



    Ernsthaft?

    Kleiner Hinweis: Eine Gesellschaft, in der die Politik und insbesondere die SPD seit Schröder, den reichsten immer mehr zuschanzt und dafür die ärmeren 70-80% immer mehr auspresst,



    Ergebnis davon ist, dass alleine das Vermögen der 5000 Superreichen (>100 Mio. $) und Milliardäre seit 2024 um 400 Mrd. $ gestiegen ist, während sich Regierung um 10 Mrd. € streiten und deswegen die Rente mit 63 abschaffen wollen, das Gesundheitssystem und Pflegesystem verschlechtern, und viele Menschen wegen der gestiegenen Kosten kaum noch über die Runden kommen.



    Und da wundert sich die SPD?



    Es wäre sehr einfach: Die Steuern für Milliardäre und Superreiche um 1,5-3,5% ihres Vermögens erhöhen. Das wären 50-100 Mrd. €, da das Vermögen 3400 Mrd. $ beträgt. Damit könnte man eine Politik machen, mit der 80-90 % der Bevölkerung zufrieden sind. Und das würde AfD-Wähler wieder zurückbringen - nicht alle, aber viele.

  • Abdurchdiemitte

    45% der AfD-Wählenden würden sich also für andere Parteien entscheiden, wenn diese ein für sie überzeugendes Angebot hätten. Aber es werden von Wahl zu Wahl weniger, die noch von besseren Argumenten und vor allem besserer Politik überzeugt werden könnten.



    Hier kann natürlich die Kritik an der ‚etablierten‘ Politik ansetzen - und natürlich nicht ganz zu unrecht. Wir reden schon seit Jahrzehnten - schon vor der Wiedervereinigung und lange vor Gründung der AfD - über Politik- und Parteienverdrossenheit, die schliesslich in Demokratieverdrossenheit einmündet. Und dann zur Demokratieverachtung wird.



    Das soll jetzt keine Rechtfertigung dafür sein, AfD zu wählen. Die Wähler handeln gan aus eigenem Antrieb. Die Wut dahinter kann ich schon verstehen (mir geht es oft genauso).



    Aber es ist ein Rückfall in die Regression und Unmündigkeit, sich von seinen Affekten leiten zu lassen. Auch bei der Wahlentscheidung.

  • Axel Schäfer

    "... Da die AfD gerade im ländlichen Raum stark ist, wird es sicher nicht der Mietenkampf sein. Und da AfD-Wähler*innen einer staatlichen Umverteilung eher kritisch gegenüberstehen, sind es auch keine Enteignungen. ..." Warum braucht man einen Mietenkampf? Grund ist doch auch die niedrige Wohneigentumsquote, das könnte man doch damit lindern in dem man im ländlichen Raum auch für Menschen mit niedrigen Einkommen den Neubau oder Erwerb und Renovierung von Bestandsbauten ermöglicht und in der Stadt den Erwerb von Eigentumswohnungen. Das setzt voraus, das gerechtere Löhne gezahlt werden und alle nach Leistungsfähigkeit zu Steuern und Sozialabgaben herangezogen werden, wo wir wieder bei der Umverteilung werden. Was die vergangenen Jahrzehnte komplett aus den Gleichgewicht geraten ist muss dringend korrigiert werden und die exponentiellen Steigerungen der Vermögen der Superreichen müssen z.b. über einen Lastenausgleich mindestens linear wieder zurückgeführt werden.

  • Jalella

    Ob der Kipppunkt schon erreicht ist, oder ab wann das der Fall sein könnte, kann jeder selbst testen.



    Ich arbeite in einer großen Firma. Wenn wir eine Mitarbeiterversammlung haben, sagen nicht viele etwas gegen idiotische oder arbeitnehmerfeindliche Bemerkungen der Geschäftsführung. Genauer gesagt: so gut wie niemand. Von 100 Leuten finden sich außer mir höchstens noch einer oder zwei, die die Klappe aufreißen. Und da wäre nicht groß mit Repressalien zu rechnen.

    Dann kann man sich ausrechnen, wie viele sich in einer Gesellschaft, in der man sogar mit körperlicher Gewalt rechnen muss, trauen, etwas zu sagen oder dazwischen zu gehen, wenn jemand rassistisch oder queerfeindlich angepöbelt wird. Das ist unfassbar schwer, mit fällt das schwer. Aber ich denke, wir alle müssen versuchen, die Zivilcourage aufzubringen. Hilft ja nix. Schon vorher konnten diese Menschen nicht wirklich darauf vertrauen, dass ihnen die Polizei hilft; jetzt noch viel weniger.

    Die Hoffnung ist, dass wenn nur einer mal aufsteht und kontra bietet, andere daneben, die sich nur nicht getraut haben, auch aufstehen.

    Nicht hilfreich ist es natürlich, wenn solche Menschen dann als Linksterroristen bezeichnet werden.

  • amigo

    ​Dieses Ergebnis in Sachsen-Anhalt lässt einem den Atem stocken. Doch Schockstarre ist genau das, worauf die Feinde unserer Demokratie hoffen! Wer jetzt kapituliert, überlässt unser Land kampflos denjenigen, die Grundrechte schleifen und die Gesellschaft spalten wollen.



    ​Jetzt gilt erst recht: Zivilcourage zeigen, Haltung bewahren und laut werden! Demokratie ist kein Zuschauersport, bei dem man frustriert den Fernseher ausschaltet. Sie lebt von Menschen, die sich auf der Straße, in Vereinen, Betrieben und Kommunen den Hetzern entgegenstellen.



    ​Die parlamentarischen Brandmauern mögen bröckeln, doch unsere Haltung als Zivilgesellschaft muss unerschütterlich stehen. Schließen wir uns zusammen, unterstützen wir die Opfer rechter Hetze und organisieren wir den Widerstand. Dieses Wahlergebnis ist kein Schlusspunkt, sondern der lauteste Weckruf für uns alle. Wer die Freiheit liebt, kämpft jetzt!



    ​Mit entschlossenen Grüßen,



    Ein kampfbereiter Leser

  • Pico

    Ich halte die "Brandmauer" für einen großen Fehler. Es ist auch nicht richtig, z.B. alle AfD-Kandidaten für einen Posten im Bundestagspräsidium abzulehnen und nicht zu wählen. Das zeigt doch nur eins: Mit euch und mit allen euren Wählern wollen wir nichts zu tun haben. Also Ausgrenzung pur. So jetzt auch in Sachsen-Anhalt. ALLE Parteien (außer das BSW) verweigern jedes Gespräch mit der AfD. Jener AfD die immerhin von 44% gewählt wurde. Miteinander reden, heißt doch nicht miteinander zu regieren. Aber es sollte doch noch möglich sein, wenigstens ein Gespräch zu führen. Solange die AfD so behandelt wird, werden letztendlich nur jene gestärkt, die auch in der AfD evtl. zu Kompromissen bereit wären. Es gab mal einen Meuthen und Lucke. Viele wären vielleicht froh, wenn die heute noch da wären und mehr Einfluss in der AfD hätten. Aber auch mit denen wollte man nicht reden.

  • Dobro

    Erwartbar und unfassbar zugleich: d.h. nur, dass man nicht in der Lage war und ist, zu verstehen, was vor sich geht. Dann gewinnt man natürlich auch nichts.



    Es ist ein unhaltbarer Zustand, in dem man auf keinen Fall verbleiben darf, wenn man irgendwas sein und werden will.



    Mit Empörung wird man gar nichts.

  • Tom Farmer

    Sehr gute Analyse.



    Hoffentlich lesen und verstehen das auch die meinungsstarken Leute die in den großen Städten wohnen und glauben ernsthaft ihre Probleme und theoretischen Problemlösungen dort seien repräsentativ für die 70% der DE Bevölkerung die eben nicht in den großen Städten wohnen.

    Und wenn man dann noch substanzielle Erkenntnisse gewinnt, dass das Grundproblem ist: Ich bezahle in jedwede Systeme Geld ein und bekomme dafür zu wenig raus. (Krankenkasse, Steuer, Rente, Pflege) und daran was ändert.... wirds auch wieder besser.

  • Hannes Hegel

    Würden SPD, Linke und sich als links verstehende Grüne konsequent eine Umverteilung von oben nach unten propagieren - Besteuerung von großen Vermögen und Erbschaften - würde der Deckmantel der Faschisten, sie würden Politik für die kleinen Leute und nicht für das Kapital machen, in kürzester Zeit fallen müssen.



    Tun sie aber nicht.