piwik no script img

Nach Terrorangriff im WestjordanlandSteht Israel vor der ersten Hinrichtung seit 1962?

Der rechtsextreme Minister Ben-Gvir drängt auf die Todesstrafe für einen palästinensischen Attentäter. Das Gesetz richtet sich nur gegen Palästinenser.

Ein Anschlag am Sonntag im Westjordanland könnte zur Probe aufs Exempel werden. Zum ersten Mal seit der Hinrichtung von Adolf Eichmann in Jerusalem im Jahr 1962 könnte die Todesstrafe in Israel vollstreckt werden.

Am Sonntag eröffnete ein Palästinenser an einer Wasserquelle im Westjordanland aus einem Fahrzeug heraus das Feuer. Dabei traf er einen Israeli in dessen Fahrzeug und verwundete ihn schwer. Der Vorfall ereignete sich in der Nähe der Siedlung Neve Tzuf nördlich von Jerusalem. Netanel Shukrun, der in der Siedlung Alei Zahav lebt, wurde dabei schwer verwundet. Shukrun erlag einige Stunden später in einem Krankenhaus in der israelischen Stadt Petah Tikva seinen Wunden.

Der Angreifer soll nach den von ihm abgefeuerten Schüssen aus dem Auto ausgestiegen, zu Fuß geflohen und dabei von einem Soldaten verwundet worden sein. Er kehrte dann wohl zu dem Auto zurück. Wenige Stunden später wurde er in einem Krankenhaus in der Nähe von Ramallah vom israelischen Militär gefasst. Auch das Auto, mit dem er gefahren war, wurde dort gefunden.

Derzeit grassiert im Westjordanland die Gewalt in wohl noch nie dagewesenem Ausmaß. In den meisten Fällen geht sie nicht auf Palästinenser zurück, wie in diesem Fall, sondern auf jüdische Siedler. Übergriffe durch radikalideologische Siedler auf Palästinenser haben seit dem 7. Oktober 2023 extrem zugenommen. Das Militär selbst zählt 2,4 Angriffe pro Tag.

Ben-Gvir trug eine goldene Schlinge am Revers

Der israelische Premier Benjamin Netanjahu erklärte kurz nach dem Anschlag, dass „kein Terrorist ungestraft bleiben“ würde. Er habe das Militär jenseits verschiedener Sicherheitsmaßnahmen angewiesen, das Haus des Attentäters unverzüglich abzureißen. Der Abriss der Häuser von Attentätern ist ein übliches Vorgehen in Israel; es trifft damit zumeist auch Menschen wie die Familien der Täter, die nichts mit der Tat zu tun haben.

Netanjahus Herausforderer Gadi Eisenkot, Vorsitzender der Partei Jaschar, die in einigen Umfragen zu den Parlamentswahlen Ende Oktober vorne liegt, blies in ein ähnliches Horn: „Wir werden weiterhin diejenigen verfolgen, die uns Schaden zufügen wollen, überall und zu jeder Zeit“, schrieb er. „Das Herz einer ganzen Nation schmerzt in dieser schweren Zeit.“

Jenseits dieser Reaktionen begann nach dem Anschlag auch die Debatte über weitere Folgen. Itamar Ben-Gvir, Minister für Nationale Sicherheit, forderte die Anwendung der Todesstrafe: „Dies ist der erste Fall, in dem das Gesetz zur Todesstrafe für Terroristen angewendet werden kann“, sagte er: „In diesem Fall ist die Strafe zwingend vorgeschrieben. Das Gesetz ist das Gesetz.“

Es wäre das erste Mal, dass das im März erlassene Gesetz in die Praxis umgesetzt würde. Schon lange war die Todesstrafe Ben-Gvirs Steckenpferd, immer wieder wurde er mit einer goldenen Schlinge als Anstecker am Revers gesehen – Teil seiner Kampagne für die Einführung der Todesstrafe, die im März schließlich Früchte trug.

Wenig Kritik am Gesetz zur Todesstrafe

Menschenrechtsorganisationen kritisierten im März nicht nur die Wiedereinführung der Todesstrafe an sich, sondern auch die Ausgestaltung des Gesetzes. Denn klar ist: Die Todesstrafe ist nur eine für Palästinenser, und zwar sowohl in der Version, die für das Westjordanland gilt, als auch in der für Israel. In beiden Fällen können damit Personen bestraft werden, die wegen eines terroristischen Mordes verurteilt werden, der vermeintlich oder tatsächlich mit der Absicht begangen wird, den Staat Israel auszulöschen.

Der Aufruhr in der israelischen Bevölkerung hält sich angesichts von Ben-Gvirs Äußerung in Grenzen. Die Menschenrechtsorganisation Association for Civil Rights in Israel (Acri) hingegen warnt davor, das Gesetz umzusetzen. Überrascht sei sie nicht angesichts von Ben-Gvirs Forderung, sagt Debbie Gilad-Hayo, Anwältin bei Acri. Sie hofft darauf, dass das Gericht einer Petition folgen wird, die die Menschenrechtsorganisation eingereicht hat. Und dass es das Gesetz für verfassungswidrig erklärt.

Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

15 Kommentare

 / 
  • festus

    Volle Zustimmung für Klabauta.



    Auf dem Bild ist allerdings kein Militär zu sehen, sondern Polizisten.

  • chris black

    ein rassistisches Gesetz, mal wieder ohne Reaktion unserer Regierung, was es Israel defacto ermöglicht, fast jeden Palästinenser legal zu töten schaun wir mal was es bedeutet:

    "Für tödliche Terrorakte im besetzten Westjordanland und im Gazastreifen wird die Todesstrafe durch Erhängen zur Standardstrafe erhoben. Die Vollstreckung muss innerhalb von 90 Tagen erfolgen, Begnadigung oder Revision ist ausgeschlossen."



    Dies Gesetzt betrifft nur Palästinenser.

    nach Einschätzung internationaler Rechtsexperten, der VN und Menschenrechtsorganisationen haben Palästinenser vor den israelischen Militärgerichten keine Chance auf ein faires Verfahren:



    - laut AI ist die Verurteilungsrate 97-99%



    - bedeutet Anklage=schuldig=tot



    (erinnert mich an mittelalterliche hexenprozessse)

  • Klabauta

    Mit diesem Gesetz hat sich Israel endgültig aus den Reihen der zivilisierten Staaten verabschiedet.



    Sollte die Netanjahu-Regierung im Oktober abgewählt werden, gäbe es die Chance, es umgehend wieder abzuschaffen. Ich betrachte das als Prüfstein jeder neuen israelischen Regierung.

    • rero

      @Klabauta:

      Wäre es eventuell auch ein bisschen kleiner gegangen?

      Großbritannien hat die letzte Hinrichtung 1964 vollzogen. Ich glaube, 1969 wurde sie abgeschafft.

      Frankreich schaffte die Todesstrafe 1981 ab. 1977 wurde der letzte geköpft.

      Großbritannien war 1963 kein zivilisierter Staat?

      Und Frankreich 1976 auch nicht?

      Die USA haben sie bis heute.

      Lauter Wilde?

      In Israel ist Argument für die Einführung recht rational, dass palästinensische Attentäter durch Entführungen von Israelis freigepresst werden.

      Die Entführungen, bei denen Israelis sterben, sollen so verhindert werden.

      Wer tot ist, den kann man nicht freipressen.

      Das muss man nicht gutfinden.

      Im Judentum ist die Todesstrafe verpönt.

      Dieses Dilemma aber mit "aus der Reihe zivilisierter Staaten verabschieden" ist recht unterkomplex geframt.

      Zumal diese Reihe zivilisierter Staaten ja keine relevante Unterstützung leistet, wenn 10.000 Unzivilisierte in Israel einfallen und bestialisch morden.

      Die Idee, dass man im Kampf gegen Unzivilisierte sich selbst in den Abgrund führte, wenn man wegen ethischer Skrupel hilflos ist, ist nicht völlig neu.

      Heißt nicht, dass sie richtig ist.

      • Klabauta

        @rero:

        + @Pawel_ko

        Interessant, wie schnell manche Leute bereit sind, ihre menschenrechtlichen Standards zu senken und sogar die Todesstrafe wenn nicht zu befürworten, dann zumindest die vermeintliche Logik dahinter zu verteidigen.



        Der Verweis, "Die anderen machen es doch auch" ist immer billig und eines Erwachsenen nicht würdig.



        Im 21. Jahrhundert die Todesstrafe einzuführen *ist* ein Zivilisationsbruch. Und Israel setzt noch einen drauf, indem es die Todesstrafe ausschließlich für eine bestimmte Bevölkerungsgruppe vorsieht und den Militärrichtern (!) keinen Ermessensspielraum lässt. Damit will ich übrigens nicht sagen, wenn schon, dann für alle, sondern Todesstrafe für niemanden!



        Und wenn manche Staaten der USA (es sind zum Glück nicht alle) die Todesstrafe immer noch beibehalten und vollstrecken, dann setzen sie sich selbst mit Saudi-Arabien oder China oder Iran usw. auf eine Stufe.



        Im Übrigen empfehle ich Ihnen den Beitrag von Itamar Mann in der LTO:



        www.lto.de/recht/m...icksal-gefaehrlich

    • Pawel_ko

      @Klabauta:

      "Mit diesem Gesetz hat sich Israel endgültig aus den Reihen der zivilisierten Staaten verabschiedet."

      ALLE Nachbarn von Israel haben schon lange die Todesstrafe und setzen diese auch durch. Also alles unzivilisierte Staaten um Israel herum?

      • O.F.

        @Pawel_ko:

        In diesen Punkt: ja. Allerdings ist sie in keinem der umliegenden Staaten gezielt gegen eine ethnische Gruppe gerichtet. Warum verteidigen Sie das?

      • Klabauta

        @Pawel_ko:

        Finden Sie, dass das Einführen und Verhängen der Todesstrafe ein Zeichen von Zivilisation ist?

        • rero

          @Klabauta:

          Ja, ist es.

          Weil in komplett „unzivilisierten“ Gesellschaften lediglich das Recht zur Rache eingeräumt wird. Die muss dann nicht mal 1:1 sein, sondern kann auch mehr Tote umfassen.

          Was die Staaten mit Todesstrafe halt nicht sind, ist menschenfreundlich.

          (In meinen Ohren klingt „zivilisiert „ ohnehin latent rassistisch, ist aber ein anderes Thema.)

          Damit sind Sie beim Menschenbild.

          Die israelische Gesellschaft lässt sich aufgrund ihres religiösen Hintergrundes leichter überzeugen, von der Todesstrafe abzusehen, als andere.

          • Klabauta

            @rero:

            Aus dem von mir an anderer Stelle verlinkten Artikel von Itamar Mann:

            "Es geht nicht um mehr Bestrafung, sondern um Rache



            In der Gesetzesbegründung wird zudem behauptet, dass lebenslange Haft "Terroristen nicht abschreckt". Viele von ihnen hätten vermeintlich eine Freilassung im Rahmen von Gefangenenaustauschen zu erwarten. Die Gesetzesänderung wird damit als eine Maßnahme der Abschreckung gerechtfertigt.

            Es gibt keine empirische Evidenz, die diese Behauptung stützen würde. Vielmehr fügt der Gesetzestext durch die Passage "die Wiederbelebung des jüdischen Volkes in seinem Land" noch eine theologisch-nationale Dimension hinzu. Damit soll die Todesstrafe nicht mehr der Bestrafung für ein Verbrechen dienen, sondern der Verteidigung des kollektiven Schicksals."

            Und ob der religiöse Hintergrund wirklich hilfreich ist und nicht im Gegenteil als Begründung dient? Immerhin heißt es "Auge für Auge, Zahn für Zahn", was zu biblischen Zeiten vielleicht ein Fortschritt war, heute jedoch ein Anachronismus.

        • Pawel_ko

          @Klabauta:

          Nein. Hab ich auch nicht geschrieben. Ich bin gegen jede Form von Mord.

          Meine Frage war, ob nun alle Nachbarn unzivilisiert sind? Oder trifft es nur auf Israel zu?

          Oftmals wird nämlich gerne mit zweierlei Maß gemessen.

          Trotz Folter, Todesstrafe, systematischer Verfolgung von LGBTQ+ etc. reisen jährlich etwa 1,6 bis 1,75 Millionen deutsche Touristen nach Ägypten.

          Auch bei der Taz finden alleine die Verbrechen von Ägypten kaum Raum. Von Syrien und dem Hamas Regime in Gaza ganz zu schweigen.

          Daher einfach die Frage ob nur Israel unzivilisiert ist oder alle Länder für Sie?

          • Klabauta

            @Pawel_ko:

            Vielleicht bin ich mit meiner Formulierung über das Ziel hinausgeschossen. Mea culpa.



            Besser wäre wie von O.F. geschrieben, in diesem Punkt: ja. Und ja, das gilt ausnahmslos für alle Staaten, die die Todesstrafe vorsehen oder, viel schlimmer noch, anwenden.

        • Budzylein

          @Klabauta:

          Nach dem Recht, das im Machtbereich der Palästinensischen Autonomiebehörde gilt, ist sogar der private Verkauf eines Grundstücks durch einen Palästinenser an einen israelischen Juden als "Zusammenarbeit mit dem Feind" mit der Todesstrafe bedroht. Von Seiten der deutschen Palästinenser-Solidaritätsbewegung habe ich allerdings bisher keinen Protest gegen diese Regelung, die ebenfalls nur für (bzw. gegen) die Gruppe der Palästinenser gilt, vernommen. No Jews, no news.

    • Schottl

      @Klabauta:

      Davon hat unsere Regierung allerdings nichts mitbekommen oder schaut einfach weg.

      • rero

        @Schottl:

        Die USA haben auch die Todesstrafe. China ebenfalls.

        Da guckt keiner weg.

        Warum sollte unsere Regierung unterschiedliche Standards setzen?