Massenproteste in Iran: Weder Mullah noch Schah!
Nicht nur das Regime, sondern auch Teile der Opposition verhindern demokratische Bestrebungen. Das Land darf nicht erneut zur Monarchie werden.
D ie Demonstrierenden in Iran fühlen sich gerade wie ein Blatt Papier in einem Tacker. Die islamische Regierung unterdrückt die Bevölkerung systematisch von innen, während die Angst vor einem Krieg von außen wächst. Über Jahrzehnte hinweg war die Gründung politischer Parteien in Iran aufgrund systematischer Unterdrückung unmöglich. Aktivist*innen befinden sich nach wie vor in Haft. Zwar existieren immer wieder einzelne Personen, Gruppen oder Organisationen, die gegen die islamische Regierung protestieren, doch agieren sie meist isoliert. In den letzten acht Jahren kam es alle zwei bis drei Jahre zu größeren Protestbewegungen, die jeweils mit äußerster Härte niedergeschlagen wurden.
Die bedeutendste Protestbewegung der letzten Jahre war die „Frau, Leben, Freiheit!“-Bewegung. Versuche monarchistischer Gruppen, diesen Slogan durch „Mann, Patriot, Wohlstand“ zu ersetzen, blieben, zumindest bislang, erfolglos. Mittlerweile haben die Monarchisten, die sich den Sohn des Schahs, Reza Pahlavi, als neues Staatsoberhaupt wünschen, erheblich an Einfluss gewonnen – insbesondere unter Exiliraner*innen im Ausland. Sie diffamieren, auch in Deutschland, ihre Gegner, sodass viele inzwischen aus Angst darauf verzichten, ihre Meinung öffentlich zu äußern.
Wo die Monarchistenbewegung ideologisch steht, ist eigentlich kein Geheimnis. Vor drei Jahren nahmen Monarchisten drei Gruppen in ihre Todeslisten auf – Jasmin Pahlavi, die Frau des Schah-Sohns, präsentierte ein Plakat mit der Aufschrift: „Tod den drei Verdorbenen: Mullahs, Linken, Mudschaheddin“. Die Monarchisten wollen also im Falle einer Machtübernahme ähnlich mit ihren Gegnern umgehen wie das aktuelle iranische Regime.
Vor ihrer Propaganda sollte man sich in Acht nehmen: Zu Beginn der aktuellen Bewegung am 28. Dezember 2025 manipulierten Monarchisten etwa Parolen in Videos, die im Netz kursierten. Inzwischen ist schwer zu unterscheiden, ob Rufe wie „Lang lebe der Schah“ tatsächlich von der iranischen Bevölkerung stammen oder ob sie künstlich über Videos von den Demonstrationen drübergelegt wurden.
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Reza Pahlavi und seine Monarchistenbewegung stehen in einer Tradition, die mit Freiheit und Demokratie wenig zu tun hat. Reza Schah, der Begründer der Pahlavi-Dynastie und Vater des letzten Schahs, kam 1920 mithilfe Großbritanniens durch einen Militärputsch an die Macht. Im Zweiten Weltkrieg wurde er wegen seiner Nähe zum deutschen Nazi-Regime von denselben Mächten wieder abgesetzt und ins Exil geschickt. Nach seiner Absetzung wurde sein Sohn Mohammad Reza Schah zum neuen Herrscher.
Nur für eine kurze Zeit, in den frühen 1950er Jahren, erlebte der Iran unter dem demokratisch gewählten Premierminister Mohammad Mossadegh mehr politische Freiheit. Doch Mossadegh wollte die iranische Ölindustrie verstaatlichen, die bis dahin vor allem von britischen Unternehmen kontrolliert wurde. Daraufhin stürzten die USA und Großbritannien seine Regierung im Jahr 1953.
Mohammad Reza Schah, der zuvor aus dem Land geflohen war, kehrte mit westlicher Unterstützung zurück und errichtete erneut eine autoritäre Herrschaft – ähnlich wie schon sein Vater zuvor. Viele Intellektuelle, Oppositionelle und Kritiker des Regimes wurden unter Mohammad Reza Schah verhaftet, gefoltert oder hingerichtet. Besonders hart ging er gegen linke und sozialistische Gruppen vor, die er als Gefahr für seine Macht betrachtete.
Auch von kultureller Freiheit konnte nicht die Rede sein. Bücher der Weltliteratur waren teilweise verboten. Wer trotzdem Romane bekannter Autor*innen las, riskierte Gefängnis oder Folter. Während der Revolution von 1979 wurden an Universitäten – die wegen der täglichen Proteste geschlossen waren – verbotene Bücher mit neutralen weißen Umschlägen verkauft.
Trump ist nicht unser Retter
Der Sohn Mohammad Reza Schahs, Reza Pahlavi, sieht heute Donald Trump und Benjamin Netanjahu als seine Verbündeten. So begrüßt er öffentlich Trumps Drohungen gegen den Iran und forderte ihn auf, den Iraner*innen zu helfen. Doch wie hätte diese Hilfe konkret aussehen sollen? Und warum sollten die USA überhaupt eingreifen? Die Erfahrungen aus Afghanistan, Irak, Syrien und anderen Ländern zeigen, dass US-Interventionen oft zu Krieg, Instabilität und auf lange Sicht zu neuen Diktaturen geführt haben. Sind wir wirklich so geschichtsvergessen oder mit Absicht blind für eine Geschichte, die zeigt, dass die USA uns nicht retten werden?
Israels Netanjahu-Regierung ist der zweite wichtige internationale Unterstützer Reza Pahlavis. Deshalb zeigen Monarchist*innen bei Demonstrationen nicht nur die alte iranische Königsflagge mit Löwe und Schwert, sondern auch die israelische Flagge.
Monarchistische Stimmen erhalten im Ausland, auch in Deutschland, überproportional viel Aufmerksamkeit. Linke und alternative Positionen kommen vergleichsweise wenig vor. Das beeinflusst auch die Berichterstattung in deutschen Medien auf eine gefährliche Art und Weise.
Trotz der harten Repression engagieren sich in Iran selbst weiterhin viele mutige Menschen im Widerstand gegen das islamische Regime. Es sind diese Aktivist*innen, die noch immer im Gefängnis sitzen oder nur unter internationalem Druck freigelassen wurden, die für das tatsächliche Veränderungspotenzial im Land stehen. Dennoch werden sie kaum als Bewegung anerkannt, aus der eine politische Führung hervorkommen kann – weder von der Regierung noch von Teilen der Opposition im Ausland.
Da die Mehrheit der iranischen Bevölkerung sowohl religiöse Herrschaft als auch die absolute Macht der Monarchisten ablehnt, sollte nach dem Ende des Mullah-Regimes zunächst eine Übergangsregierung gebildet werden. In Iran gibt es ausreichend kompetente Personen, die ein solches Provisorium führen könnten, bis freie, demokratischen Wahlen abgehalten werden können.
Die Iraner*innen brauchen keinen aus dem Ausland präsentierten Monarchen, sondern ein demokratisches System mit einem funktionierenden Rechtsstaat, der für alle gilt – für religiöse Minderheiten, politisch Andersdenkende und für Frauen, die selbst über ihr Leben und ihre Rechte entscheiden wollen.
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