Linke Debattenkultur: Lasst uns wieder richtig streiten
Die sozialen Medien belohnen als Debattenraum Schnelligkeit, klare Zuschreibungen und eindeutige Haltungen. Linke sollten sich dieser Logik entziehen.
I ch erinnere mich an einen Raum im zweiten Stock eines autonomen Zentrums. Zu klein für die zwanzig Leute, die dort saßen, Stühle im Kreis, Jacken über Heizkörpern. Die Fenster waren beschlagen, jemand hatte die Kaffeemaschine angelassen. Einer redete zu lange, zwei hörten demonstrativ nicht mehr zu, jemand widersprach erst, als der Gedanke eigentlich schon vorbei war. Es wurde unruhig, dann wieder erstaunlich konzentriert. Niemand hatte recht, alle rangen. Am Ende war man sich nicht einig – aber klüger.
So habe ich Politik kennengelernt: in selbstverwalteten Räumen, bei Küfas, auf offenen Treffen, in Diskussionen, die anstrengend waren und gerade deshalb produktiv. Streit galt nicht als Gefahr, sondern als Voraussetzung dafür, die Welt überhaupt verstehen zu können. Vielleicht fällt mir deshalb heute so stark auf, dass sich etwas verändert hat. Vielleicht bilde ich mir diese Veränderung auch teilweise ein – Erinnerung ist bekanntlich selektiv, und Nostalgie ein bequemer Filter. Aber selbst mit diesem Vorbehalt bleibt das Gefühl, dass etwas fehlt.
Ich erlebe politische Debatten zunehmend als moralisch, zugespitzt und kurzatmig. Gespräche brechen schnell ab, Positionen werden früh festgelegt, Widersprüche werden eher als störend wahrgenommen und nicht als klärend. Das ist kein persönlicher Vorwurf und keine „Abrechnung mit der Linken“. Es beschreibt eher eine Verschiebung der politischen Kultur, die viele betrifft – mich eingeschlossen.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.
Lars Schneider ist 30 Jahre alt und arbeitet als Gesundheits- und Krankenpfleger auf der Intensivstation für Chirurgie und Neurochirurgie am Städtischen Klinikum Karlsruhe. Seit seiner Jugend ist er in autonomen selbstverwalteten linken Räumen sozialisiert worden – und sorgt sich um die Verschiebung der innerlinken Debattenkultur.
Auch wenn es schnell wie eine nostalgische Verklärung wirkt, lohnt ein Blick zurück. Der Konkret-Kongress 1993 der gleichnamigen linksradikalen Zeitschrift gilt bis heute als legendär: laut, polemisch, voller Reibung. Sicher nicht harmonisch, oft chaotisch – aber getragen von der gemeinsamen Annahme, dass politische Erkenntnis aus Auseinandersetzung entsteht. Es wurde gestritten, zugespitzt, widersprochen. Nicht alles war klug, manches wahrscheinlich verletzend. Aber eine konfliktreiche Debatte war hier kein Makel, sondern Kern linker Politik.
Irrtümer müssen erlaubt sein
Ereignisse wie der Konkret-Kongress waren keineswegs Ausnahmen, sondern Ausdruck einer Zeit, in der politische Sozialisation vor allem in realen Räumen stattfand. Dort lernte man, dass man Widersprüche aushalten muss, um gesellschaftliche Widersprüche überhaupt bearbeiten zu können. Dass Erkenntnis nicht am Anfang steht, sondern erst in einem Prozess entsteht, in dem um Positionen gerungen wird.
Meine eigene Politisierung begann Ende der 2000er-Jahre: mit dem globalen Finanzcrash, den Protesten gegen die Krisenpolitik, mit der Blockupy-Bewegung gegen die Frankfurter Börse – und mit dem gleichzeitigen Erstarken rechter Strukturen, gerade auch im Südwesten Deutschlands. Politik war plötzlich keine abstrakte Frage mehr, sondern Teil des Alltags. Wie viele andere suchte ich nach Antworten. Als Teenager war das zunächst eine ziemlich grobe, im Rückblick auch etwas peinliche Nähe zu autoritären kommunistischen Vorbildern – weniger Analyse als das Bedürfnis nach Klarheit und Wut mit System. Später folgten andere Stationen: antideutsche Debatten, anarchistische Zusammenhänge, schließlich rätekommunistische Perspektiven. Nicht als Identität, sondern als Lernprozess.
Politik bedeutete für mich immer, Positionen zu prüfen, zu verwerfen, neu zu denken – und dabei auch Irrtümer auszuhalten. Blockupy war für viele aus meiner Generation ein prägender Moment. Unterschiedliche linke Strömungen kamen zusammen, stritten über Strategie, Ziele und Formen des Protests – oft hart, aber selten moralisch. Es ging darum, wie man gemeinsam handlungsfähig wird. Rückblickend wirkt Blockupy wie einer der letzten größeren Versuche, kollektive Debatte und Praxis zusammenzudenken. Vielleicht ist das eine Überzeichnung, aber sie drängt sich auf.
Heute entstehen politische Gespräche oft unter anderen Bedingungen. Viele werden über soziale Medien angestoßen oder dort weitergeführt. Diese Räume funktionieren als Debattenräume anders als analoge: Sie belohnen Schnelligkeit, klare Zuschreibungen, eindeutige Haltungen. Wer zögert, fragt oder differenziert, gerät leicht ins Hintertreffen. Das prägt aber nicht nur Onlinedebatten, sondern wirkt spürbar in analoge politische Räume hinein.
Von Social Media in die analoge Welt
Ich erlebe immer wieder, dass Diskussionen gar nicht richtig eröffnet werden. Vieles bleibt unausgesprochen, weil Unsicherheit als Schwäche gilt oder weil die Sorge besteht, Konflikte könnten spalten. Gespräche enden, bevor sie beginnen – nicht aus bösem Willen, sondern aus Zeitdruck, Erschöpfung, Vorsicht. Ob man das sofort „problematisch“ nennen muss, ist offen. Aber es ist politisch unproduktiv – und auf Dauer ermüdend.
Eine politische Bewegung, die Konflikte vermeidet, verliert ihre Fähigkeit, gesellschaftliche Konflikte zu verstehen. Wer nicht mehr streitet, kann natürlich auch nicht gemeinsam lernen. Moralische Eindeutigkeit ersetzt dann Analyse, und dadurch geht politische Tiefe zunehmend verloren. Das ist auch gar keine ganz neue Erkenntnis, aber eine, an die offenbar wieder erinnert werden muss.
Natürlich wäre es weder möglich noch richtig, einfach wieder zu der alten Debattenkultur zurückzukehren. Früher war nicht alles besser, vieles war härter, ungerechter, schroffer, lauter. Aber es gab zumindest ein gemeinsames Verständnis davon, dass das Pochen auf politische Klarheit uns an einem produktiven gemeinsamen Denken hindert. Vielleicht brauchen wir heute genau das wieder: Räume – reale wie digitale –, in denen Debatten Zeit haben dürfen. In denen man widersprechen kann, ohne aussortiert zu werden. In denen man nicht sofort wissen muss, wo man steht, sondern es gemeinsam herausfinden kann.
Die Frage ist nicht, wie wir zu alten Formen zurückkehren, sondern wie wir unter heutigen Bedingungen wieder lernen zu streiten – nicht gegeneinander, sondern miteinander.
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