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Linke DebattenkulturLasst uns wieder richtig streiten

Gastkommentar von

Lars Schneider

Die sozialen Medien belohnen als Debattenraum Schnelligkeit, klare Zuschreibungen und eindeutige Haltungen. Linke sollten sich dieser Logik entziehen.

Aktionstag am Flughafen Frankfurt, 31. Mai 2013: Rückblickend wirkt Blockupy wie einer der letzten größeren Versuche, kollektive Debatte und Praxis zusammenzudenken Foto: Christian Mang

I ch erinnere mich an einen Raum im zweiten Stock eines autonomen Zentrums. Zu klein für die zwanzig Leute, die dort saßen, Stühle im Kreis, Jacken über Heizkörpern. Die Fenster waren beschlagen, jemand hatte die Kaffeemaschine angelassen. Einer redete zu lange, zwei hörten demonstrativ nicht mehr zu, jemand widersprach erst, als der Gedanke eigentlich schon vorbei war. Es wurde unruhig, dann wieder erstaunlich konzentriert. Niemand hatte recht, alle rangen. Am Ende war man sich nicht einig – aber klüger.

So habe ich Politik kennengelernt: in selbstverwalteten Räumen, bei Küfas, auf offenen Treffen, in Diskussionen, die anstrengend waren und gerade deshalb produktiv. Streit galt nicht als Gefahr, sondern als Voraussetzung dafür, die Welt überhaupt verstehen zu können. Vielleicht fällt mir deshalb heute so stark auf, dass sich etwas verändert hat. Vielleicht bilde ich mir diese Veränderung auch teilweise ein – Erinnerung ist bekanntlich selektiv, und Nostalgie ein bequemer Filter. Aber selbst mit diesem Vorbehalt bleibt das Gefühl, dass etwas fehlt.

Ich erlebe politische Debatten zunehmend als moralisch, zugespitzt und kurzatmig. Gespräche brechen schnell ab, Positionen werden früh festgelegt, Widersprüche werden eher als störend wahrgenommen und nicht als klärend. Das ist kein persönlicher Vorwurf und keine „Abrechnung mit der Linken“. Es beschreibt eher eine Verschiebung der politischen Kultur, die viele betrifft – mich eingeschlossen.

Eine politische Bewegung, die Konflikte vermeidet, verliert ihre Fähigkeit, gesellschaftliche Konflikte zu verstehen. Wer nicht mehr streitet, kann auch nicht gemeinsam lernen
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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.

Lars Schneider

Lars Schneider ist 30 Jahre alt und arbeitet als Gesundheits- und Krankenpfleger auf der Intensivstation für Chirurgie und Neurochirurgie am Städtischen Klinikum Karlsruhe. Seit seiner Jugend ist er in autonomen selbstverwalteten linken Räumen sozialisiert worden – und sorgt sich um die Verschiebung der innerlinken Debattenkultur.

Auch wenn es schnell wie eine nostalgische Verklärung wirkt, lohnt ein Blick zurück. Der Konkret-Kongress 1993 der gleichnamigen linksradikalen Zeitschrift gilt bis heute als legendär: laut, polemisch, voller Reibung. Sicher nicht harmonisch, oft chaotisch – aber getragen von der gemeinsamen Annahme, dass politische Erkenntnis aus Auseinandersetzung entsteht. Es wurde gestritten, zugespitzt, widersprochen. Nicht alles war klug, manches wahrscheinlich verletzend. Aber eine konfliktreiche Debatte war hier kein Makel, sondern Kern linker Politik.

Irrtümer müssen erlaubt sein

Ereignisse wie der Konkret-Kongress waren keineswegs Ausnahmen, sondern Ausdruck einer Zeit, in der politische Sozialisation vor allem in realen Räumen stattfand. Dort lernte man, dass man Widersprüche aushalten muss, um gesellschaftliche Widersprüche überhaupt bearbeiten zu können. Dass Erkenntnis nicht am Anfang steht, sondern erst in einem Prozess entsteht, in dem um Positionen gerungen wird.

Meine eigene Politisierung begann Ende der 2000er-Jahre: mit dem globalen Finanzcrash, den Protesten gegen die Krisenpolitik, mit der Blockupy-Bewegung gegen die Frankfurter Börse – und mit dem gleichzeitigen Erstarken rechter Strukturen, gerade auch im Südwesten Deutschlands. Politik war plötzlich keine abstrakte Frage mehr, sondern Teil des Alltags. Wie viele andere suchte ich nach Antworten. Als Teenager war das zunächst eine ziemlich grobe, im Rückblick auch etwas peinliche Nähe zu autoritären kommunistischen Vorbildern – weniger Analyse als das Bedürfnis nach Klarheit und Wut mit System. Später folgten andere Stationen: antideutsche Debatten, anarchistische Zusammenhänge, schließlich rätekommunistische Perspektiven. Nicht als Identität, sondern als Lernprozess.

Politik bedeutete für mich immer, Positionen zu prüfen, zu verwerfen, neu zu denken – und dabei auch Irrtümer auszuhalten. Blockupy war für viele aus meiner Generation ein prägender Moment. Unterschiedliche linke Strömungen kamen zusammen, stritten über Strategie, Ziele und Formen des Protests – oft hart, aber selten moralisch. Es ging darum, wie man gemeinsam handlungsfähig wird. Rückblickend wirkt Blockupy wie einer der letzten größeren Versuche, kollektive Debatte und Praxis zusammenzudenken. Vielleicht ist das eine Überzeichnung, aber sie drängt sich auf.

Heute entstehen politische Gespräche oft unter anderen Bedingungen. Viele werden über soziale Medien angestoßen oder dort weitergeführt. Diese Räume funktionieren als Debattenräume anders als analoge: Sie belohnen Schnelligkeit, klare Zuschreibungen, eindeutige Haltungen. Wer zögert, fragt oder differenziert, gerät leicht ins Hintertreffen. Das prägt aber nicht nur Onlinedebatten, sondern wirkt spürbar in analoge politische Räume hinein.

Von Social Media in die analoge Welt

Ich erlebe immer wieder, dass Diskussionen gar nicht richtig eröffnet werden. Vieles bleibt unausgesprochen, weil Unsicherheit als Schwäche gilt oder weil die Sorge besteht, Konflikte könnten spalten. Gespräche enden, bevor sie beginnen – nicht aus bösem Willen, sondern aus Zeitdruck, Erschöpfung, Vorsicht. Ob man das sofort „problematisch“ nennen muss, ist offen. Aber es ist politisch unproduktiv – und auf Dauer ermüdend.

Eine politische Bewegung, die Konflikte vermeidet, verliert ihre Fähigkeit, gesellschaftliche Konflikte zu verstehen. Wer nicht mehr streitet, kann natürlich auch nicht gemeinsam lernen. Moralische Eindeutigkeit ersetzt dann Analyse, und dadurch geht politische Tiefe zunehmend verloren. Das ist auch gar keine ganz neue Erkenntnis, aber eine, an die offenbar wieder erinnert werden muss.

Natürlich wäre es weder möglich noch richtig, einfach wieder zu der alten Debattenkultur zurückzukehren. Früher war nicht alles besser, vieles war härter, ungerechter, schroffer, lauter. Aber es gab zumindest ein gemeinsames Verständnis davon, dass das Pochen auf politische Klarheit uns an einem produktiven gemeinsamen Denken hindert. Vielleicht brauchen wir heute genau das wieder: Räume – reale wie digitale –, in denen Debatten Zeit haben dürfen. In denen man widersprechen kann, ohne aussortiert zu werden. In denen man nicht sofort wissen muss, wo man steht, sondern es gemeinsam herausfinden kann.

Die Frage ist nicht, wie wir zu alten Formen zurückkehren, sondern wie wir unter heutigen Bedingungen wieder lernen zu streiten – nicht gegeneinander, sondern miteinander.

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25 Kommentare

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  • "Lasst uns wieder richtig streiten" Gerade verweigerten sich Spitzengrüne aus Bund und EU einem Zeit-Streitgespäch zum Abstimmungverhalten der EU-Grünen zur Überprüfung des Mercosur-Abkommens durch den Europäischen Gerichtshof.

    Statt sich wie früher zu streiten und ihre Position zu klären, kasteien sich die Spitzen-Grünen medial für ihr angebliches Fehlverhalten bei der EU-Parlamentabstimmung zu Mercosur.

    Grund: die machtvollen neoliberalen Handelsinteressen. Über Kritik von 450 NGO's hieran findet sich bei den Grünen in Punkto Mercosur und im medialen Diskurs fast nichts, denn unsere Autoexporte, unser Zugriff auf seltene Erden, die EU als machvolleres geopolitisches Vorbild für andere Staaten steht im Vordergrund des politischen und medialen Diskurses.

    Die Verankerung der Debattenkultur der Grünen in die Zivilgesellschaft ist seit Lützerath nur noch ein Stoff für's Märchenbuch.



    Stattdessen zählt das Bekenntnis zur Aufrüstung, neoliberaler und für eine machtvollere EU-Handelspolitik, wie sie Kanzler Merz einfordert.



    Direkter Diskurs, wie Lars Schneider ihn zurecht tobt, ist allenfalls ein Fall für's Geschichtsbuch.

  • Die Formen ändern sich, manchmal wird auch das Rad neu erfunden. Ich weiß noch, wie ich mich über das Auftauchen von Blockupy freute. Ich, damals schon nicht mehr zu den Jungen gehörend, fand manches fremd (so z.B. wurde Zustimmung durch Wedeln mit den erhobenen Händen anstatt durch Klatschen signalisiert), anderes (endlos diskutieren, um am Ende einen möglichst für alle tragbaren Konsens zu finden) war mir vertraut. Neu war für mich die Zugewandtheit, mit der die Leute sich begegneten. Ich spürte nicht die Verbissenheit und den Dogmatismus, mit dem in den Siebzigern und Achtzigern teils diskutiert wurde. Aber vielleicht wurde da auch mancher Streit zugunsten der Harmonie vermieden, wer weiß.

    Menschen kommen seit jeher zusammen, ob auf dem Thingplatz, der Agora oder dem Forum, um Argumente auszutauschen und bestenfalls gemeinsam und auf Augenhöhe Entscheidungen zu treffen. Die Fähigkeit, einander zuzuhören und auch konträre Ansichten zu ertragen darf unter keinen Umständen verloren gehen.

  • „Sie belohnen Schnelligkeit, klare Zuschreibungen, eindeutige Haltungen.“

    Hinzuzufügen wäre noch: durch begrenzten Platz (z.B. taz: 1200 Zeichen) werden Verkürzung der Argumentation und damit häufig einhergehend Zuspitzung geradezu zwingend, auch wenn ich natürlich nachvollziehen kann, dass niemand längere Abhandlungen in der Kommentarspalte lesen möchte.

    Insgesamt empfinde ich die Diskussionskultur hier in der taz als recht zivilisiert (sicher auch dank der Moderation), auch wenn häufig erbittert und sicher nicht immer sachlich gestritten wird.

  • Viele Diskussionen leiden darunter, daß jede:r eben nur (s)einen begrenzten Blickwinkel hat. Was oft dazu führt, daß jede:r die andere Seite für "dumm" hält.



    Klassisches Beispiel: Wirtschaftsvertreter denken in (z.B. Verwertungs-) Kategorien..Menschen mit vor allem sozialen Anliegen an Fragen der Gleichheit und Gerechtigkeit.



    Was in der Praxis nicht selten dazu führt, die Argumente der andereren Seite als (im schlimmsten Fall): "Schwachsinn" zu bezeichnen.



    Nun..beide Seiten haben aber *sowohl recht wie unrecht*, denn zu einer umfassenden Weltsicht gehören eben immer alle Perspektiven.



    Insofern sollten sich alle Diskutierenden immer ihrer *Begrenztheit* bewusst sein..

    Verstärkt wird dieser Trend durch Blasen und Echokammern im Internet. Daher ist eine direkte Diskussion mit Menschen im gleichen Raum immer authentischer und wir sollten diesen Teil der politischen Kultur wieder mehr schätzen und aktiver betreiben.







    Kurzum wir brauchen wieder mehr *Vereinigendes*, mehr *direkten Kontakt*, mehr *wirkliches Zuhören*, mehr *Respekt*, mehr *Demut und Bescheidenheit*.







    Danke für diesen Artikel..und wie ein berühmter Philosoph einmal sagte:







    - "Ich weiß, daß ich nichts weiß" -

  • Wer wissen will, „wie wir unter heutigen Bedingungen wieder (?) lernen zu streiten – nicht gegeneinander, sondern miteinander“, sollte sich womöglich zunächst einmal klar machen, wozu Streit dient.

    Der vorliegende Text hat einiges gesagt dazu: Wenn Debatten abbrechen, bevor sie überhaupt begonnen haben, ist es sehr unwahrscheinlich, dass sie helfen, eine ungute Situation dauerhaft zu verbessern. Nur: Wollen das überhaupt alle? Und was ist „besser“?

    „Autoritäten“, die sich nicht auf sachliche Kompetenz stützen, sondern auf die diversen Formen von Gewalt, finden den Ist-Zustand offenbar ziemlich okay. Das Problem ist nämlich, dass unsere Gesellschaft auf Konkurrenz basiert - und diese kaum noch vernünftig reguliert wird.

    Es siegt, wer schneller höher weiter kommt und zum Beweis dafür die größeren Zahlen präsentiert. Der Weg ans Ziel ist bestenfalls sekundär, weil die Geschichte von Siegern geschrieben wird, nicht von Toten.

    Streiten ist toxisch. Immer schon. Trotzdem begründet es Macht. Macht, die kein Miteinander zum Ziel hat, sondern eine gewisse Friedhofsruhe, die nur die Sieger genießen. Die aber sehr.

    Manchmal ist Sozialisation ein Problem, keine Lösung, scheint mir.

  • Vielen Dank für diesen Gast-Kommentar! Selten hat mir etwas so aus der Seele gesprochen. Ich blicke nicht zurück auf die 90er, da war ich mit Kindererziehung beschäftigt und habe hinterher die Welt nicht mehr wiedererkant, sondern auf die 60er/70er. Da konnte man wunderbar diskutieren, ohne sich dabei zu zerstreiten. Es war jedem klar, dass das Ergebnis aus einem Sowohl -Als auch entstehen würde, und Totalitarismus jeder Art war völlig indiskutabel.

  • Definitiv ein guter Artikel.

    Zu ergänzen wäre vielleicht noch, dass viele Leute in einer Bubble leben. Und reinem Dilettantismus frönen. Das ist ein echtes Problem. Lesen die Leute noch Texte über 3 Minuten?

    Z. B. die Palästina-Bubble. Festzustellen ist, dass diejenigen, die auf dem Islamisten=Freiheitskämpfer-Trip sind, keinen blassen Schimmer von der Geschichte Israels/Palästina haben und nur dem Teheraner Islamo-Faschismus zuarbeiten.

    Tatsächlich braucht es vielerlei Informationen. Gut erhältlich von FAZ bis taz. Und zwischendurch die Wirtschaftswoche zu lesen kann wahrhaftig nicht schaden. Es braucht tatsächlich das Vergegenwärtigen wirtschaftlicher Eckdaten um zu erkennen wo wir überhaupt stehen.

    Der Debattenkultur enorm geschadet hat sicherlich die Cancel-Culture. Die ursprünglich gute Intentionen hatte aber dann in eine Verbotsorgie abgerutscht ist. Ein Debatten-Debakel.

    Weiterhin gilt Rosa Luxemburgs großartiger Satz:

    "Zu sagen was ist, bleibt die revolutionärste Tat."

    Kompromisslos.

  • Oh wie gerne würde ich im echten Leben mal mit einem Antideutschen diskutieren!



    Stattdessen vertieft sich die Spaltung, sodass man sich wünscht, im klischeehaften Kapitalistenkostüm lachend an der Stelle zu sitzen, wo die pro-palästinensische und die pro-israelische linke Demo sich wütend gegenüber stehen.

    Aber ich habe auch den Antirassismusworkshop verpasst und bin nicht zum [Anti-]Antisemitismusworkshop gegangen. Vielleicht wäre ich viel überzeugter, wäre ich zu genau einem dieser Angebote gegangen. Leider habe ich das Gefühl, wenige haben beide Workshops besucht. Falls das jemand, der das hier liest getan hat, würde mich eine fundierte Meinung zum Einfluss von Workshops derart und zum Palästinakonflikt interessieren :)

  • Werfen Sie mal einen Blick in die Kommentarspalten zu Kolumnen von Deniz Yücel oder Hengameh Yaghoobifarah. Aufschlussreich können auch generell ältere Kommentare zum Thema Nahost sein.



    Auch vor den sozialen Netzwerken waren die Debatten von den oben beschriebenen Problemen beeinflusst.

    • @aujau:

      Ich habe aber meine Zweifel, dass eine Kolumne wie "Schämt euch, ihr Schlampen" von Deniz Yücel heute überhaupt noch erscheinen würde :-)

  • Sehr guter Kommentar.

    Am einfachsten lässt sich diese Entwicklung an einer Formulierung beschreiben: "einordnen". Es wird nicht mehr analysiert, es wird nur noch eingeordnet. Und zwar in zwei mögliche Schubladen: "Progressiv" und "faschistisch".

    Dass die Linke, die seinerzeit zu Recht viel auf ihre politische Analyse gegeben hat, so weit gekommen ist, macht selbst mich als Nichtlinken traurig. Ich habe die geistige Entkernung der Konservativen in den Merkeljahren miterlebt, jetzt folgt die Linke im Abstand von 10 Jahren.

    Und es bestehen Parallelen. Die Konservativen haben sich damit zufrieden gegeben, an der Macht zu bleiben. Die Linken geben sich damit zufrieden, auf der richtigen Seite zu stehen. Was es nicht besser macht: gleichzeitig allen anderen zuzuschreiben, ja nur "einfache Lösungen" anzubieten.

  • Danke für den Kommentar!



    Mein Erleben ist ähnlich. Es geht der ganzen Gesellschaft so, nicht nur "den Linken".



    Meiner Ansicht nach ist eine Hauptursache der übertriebene Handygebrauch, wo man fake-news und negativer Berichterstattung aufgrund der Gewinnorientierung (Aufmerksamkeit => Gewinn) ausgeliefert ist.



    Dazu kommen verschärfend gezielte Störaktionen von diversen Ländern. Beispielsweise aus Russland, von wo aus millionenfach Verunsicherung gestreut wird. LLM ("KI") sollten reguliert werden!

    In diesem Bombardement ist es schwierig, sich seine Menschlichkeit zu erhalten. Vor allem für Kinder!! Wer uns etwas Luft verschaffen will und aktiv Kinderschutz betreiben, der stimmt für ein Verbot von personalisierter Werbung bzw. "Handy ab 18".

    Das verschafft uns ein wenig Luft um uns zu besinnen, einen Schutzraum sozusagen!

    Nebenbei: In der taz sehe ich auch diese Tendenz von mehr Spaltung, Sexismus usw... jede Woche.

  • Ich glaube nicht, dass die Analyse korrekt ist. Wenn ich mich heute beispielsweise mit ehemaligen Mitschülern treffe, die politisch konservativ sind, diskutieren wir genauso konstruktiv wie vor Jahrzehnten. Nichts hat sich da geändert. Wir wissen, dass wir unterschiedlicher Meinung sind, und gegenseitiger Respekt "diktiert" den Ton.



    In diesen Diskussionen erlebe ich nicht, dass Leute völlig ohne jede Kenntnis des Sachverhaltes irgendwelche Sprechblasen produzieren. Das ist IMO die reale Ursache der Änderung der Diskussionskultur: Man musste damals nicht über Fakten diskutieren. Und es war absolut "normal", sich durchgängig für die Welt außerhalb des eigenen Tellerrandes zu interessieren.

    • @Kaboom:

      Ihren alten Klassenkameraden treten Sie aber niemals unvoreingenommen gegenüber. Das sind ja Menschen die Sie persönlich kennen.



      Diskutieren Sie auch mit völlig Fremden ist die Frage?



      Hegen Sie ein Interesse daran den Blickwinkel von anderen Standpunkten erfahren zu wollen?



      Würden Sie mit einem überzeugten FDPler diskutieren? Einem CSUler? Einem AfDler?



      Und gestehen Sie diesen Menschen auch ihre Meinung zu, auch wenn sie der Ihrer konträr gegenübersteht?



      Das sind doch die entscheidenden Fragen. In diesen Themen hat die Toleranz aller Menschen massiv abgenommen.

    • @Kaboom:

      Ich glaube, Sie haben es eben gelernt und man verlernt es dann nicht mehr. Andere haben es aber nie gelernt.

  • "Die Frage ist nicht, wie wir zu alten Formen zurückkehren, sondern wie wir unter heutigen Bedingungen wieder lernen zu streiten – nicht gegeneinander, sondern miteinander."

    Dieser eine letzte Satz und das darin enthaltene Wort "wieder" sind doch der Dreh- und Angelpunkt des Ganzen. Es gehört doch zur DNA "der Linken" sich stets und immer zu zerstreiten. Das galt doch bereits vor dem Zeitalter der sozialen Medien.

    Es gibt eine konservative Partei und stets und immer irgendwelche linken Parteien, die sich genüsslich zerstreiten, konkurrieren, miteinander koalieren (dabei oftmals eher schlechts als recht) und im Zweifel am Ende gerne auch mal wieder verschwinden.

    Und die Tatsache, dass die politische Debatten in der beobachteten Form zuspitzen, trifft ja nicht nur auf "die Linken" zu; ein guter Beleg, dass "die Linken" hierfür zumindest auch anfällig sind, ist das Verhalten der Sprecher der grünen Jugend.

  • Ein riesiges Dankeschön für diesen Artikel, der mir zu 100% aus der Seele spricht. Wir brechen als Gesellschaft gerade auseinander. Alle suchen nach Identität per Abgrenzung und wir haben gelernt, dass wir erst eine Meinung haben, wenn wir jemand anderen richtig scheisse finden.



    Fehler sind nicht erlaubt. Das machen uns die Politiker*Innen vor. Bei kleinsten Vergehen werden Rücktrittsforderungen laut und so verschwimmt die Grenze zwischen wirklich problematisch und eigentlich diskutabel.



    Wir müssen wir uns wieder mehr austauschen, uns uneinig sein und dann auf die Gemeinsamkeiten schauen. Nur so sind wir gefeit vor den dauerhaften Spaltungsversuchen aus der Politik und im privaten Raum durch die sozialen Medien. Wir müssen Räume finden in denen wir unsere extremen Positionen auch mal testen können, aber auch bereit sein, gezeigt zu bekommen, dass sie eben genau das sind. Extreme Positionen.



    Wir müssen aufhören politische Meinungen zu benutzen um unsere Selbstwertprobleme zu kaschieren und uns selbst zu überhöhen.



    Ich will wieder den Mut haben Fehler zu machen und dafür belohnt werden. Und umgekehrt

  • Was ein kluger Gastkommentar. Zustimmung vom ersten bis zum letzten Wort.



    "Niemand hatte recht, alle rangen. Am Ende war man sich nicht einig – aber klüger." - wenn das mal wieder das Mantra heutiger Debatten wäre. Nicht nur in diesem Forum, nicht nur in der linken Gesellschaft, sondern allumfassend, national und international.



    Ich blicke wie der Autor wehmütig zurück auf die 90er. Die Positionen waren nicht mehr und nicht weniger gespalten als heute, aber man diskutierte noch miteinander - auch mit politischen Gegnern.



    Heute nicht mehr. Heute schließen sich gleiche Meinungen zu kleinen Bubbles zusammen. Soziale Medien filtern Fremdstimmen weg. Diskussion unerwünscht. Gegenseitiges Beweihräuchern. Kurzer Weg zum Belohnungszentrum im Hirn. Heute gibt es Brandmauer und Unvereinbarkeitsbeschluss.



    So schlüssig sich diese Abgrenzungen für die jeweiligen Befürworter anhören mögen, unterm Strich wird so doch jede dritte abgegebene Stimme quasi als 'nicht vermittelbar' eingestuft.



    Wo soll das hinführen?



    Wie soll das gutgehen?



    Wir laufen im Windschatten der USA auf die gleiche Zuspitzung zu, wenn wir nicht endlich wieder alle miteinander diskutieren.



    Bedingungslos aufgeben wird keine Seite

  • Alles was der Autor an der heutigen Debattenkultur beklagt, sind Dinge, die ich Zeit meines Lebens hauptsächlich als von links verwendete Diskussionsstrategien etabliert gesehen habe.

    Inzwischen verstehen sich auch die Rechten wieder verstärkt drauf. Allerdings wäre es klüger gewesen, dieses Abrutschen in die Welt der klaren Feindbilder gar nicht erst salonfähig werden zu lassen.

    Deutsche Talkformate sind seit Jahren praktisch unerträglich. Weil elementare Regeln des Diskurses, unter anderem das Zuhören in Ruhe und das Aufeinander-Eingehen, zwecks Austauschs von Argumenten, nicht mehr stattfinden. Es wird übereinander geplappert, alle buhlen um die knappe Sendezeit, jede Position wird ins Unkenntliche verkürzt und entstellt, bis ein selbst errichteter Strohmann, der nicht mal mehr Ähnlichkeit mit Christian Lindner hat, abgefackelt werden kann und am Ende gehen alle auseinander und fühlen sich als Gewinner der an sich traurigen Veranstaltung.

    Wer das noch guckt, verzweifelt zwangsläufig und baut Politikverdruß auf.

  • Das Problem geht meiner Erfahrung nach weit über das linke Spektrum hinaus, treibt dort aber die schönsten Blüten. Ganz allgemein ist die Fähigkeit andere Meinungen auszuhalten erheblich geschwunden und die Fähigkeit zu differenzieren gleich mit. Statements, die Einschränkungen oder Zugeständnisse enthalten, werden als entlarvend empfunden ("Ich bin dafür/dagegen, aber...").

    Umso stärker werden moralische Kategorien in Anschlag gebracht um Menschen vom Diskurs auszuschließen. Wer nicht ohne Murren noch die lächerlichsten Maximalforderungen unterschreibt, ist ein Faschist oder Hassverbrecher. Gewalt geht immer nur von den anderen aus, man selbst übt lediglich Widerstand.

  • Sehr gute Idee! Leider leidet die Linke schon immer an Spalter- und Rechthaberritis. Volksfront Judeas oder so

  • Wir müssen vor allem wieder Ambiguität zulassen. Eine Situation kann aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln komplett unterschiedlich bewertet werden und dabei können beide Sichtweisen trotzdem korrekt sein und koexistieren. Dieser Totalitarismus in den meisten Diskussionen und der Glaube an die eine allein glückseligmachende Wahrheit hat zu steigender Intoleranz geführt und muss dringend überwunden werden. Es ist ja derzeit kaum noch möglich irgendwo eine ergebnisoffene Debatte zu führen.

  • Widersprüche auszuhalten, dialektische Betrachtung oder Wahrheiten abseits von akademischen/theoriebasierten Überzeugungen zu finden, wäre wirklich wichtig wieder zu erlernen. Da fielen in den letzten 15 Jahren, vielleicht auch schon länger, Entwicklungen technischer Natur mit Entwicklung auch in Theorien und dem Umgang mit ihnen unheilsam zusammen. Ohnehin auf Polarisierung zielende Theorien zirkelten verstärkt um sich selbst, diskursive Zwischentöne gingen in die Binarität von Zustimmung/Widerspruch auf, vereinende Elemente wurden negiert, sobald Widerspruch gelesen wurde.



    Das Internet - und daraus abgeleitet die sozialen Medien - hätte ein demokratischer und vordemokratischer Raum sein können. Vielleicht haben auch hier die Beharrungskräfte des Kapitalismus (Neoliberalimus, what ever...) wieder einmal ihre Wirkung gezeigt und mit Katzenbildern, innerer Zerrüttung und Amazon geschickte Einhegung betrieben

    • @Harmonie ist eine Strategie:

      ich glaube, dass weniger das Internet und die sozialen Medien die Wurzel des Übels sind, sondern nur "Verstärker" - die Wurzel sehe ich eher darin, dass Positionen, die früher für eine gewisse Ausgewogenheit und Neutralität standen, von Personen besetzt wurden, die sie für die Verbreitung ihrer Wahrheit missbrauchten.

      Ich habe in der Schule - auch von explizit linken Lehrern - noch gelernt, dass man aus verschiedener Perspektive eine strittige Frage verschieden beantworten kann und es da kein "richtig" und "falsch" gibt. Teilweise sollten wir Aufsätze schreiben, die dem Gegenteil unserer Meinung enstprachen und dazu argumentieren.

      Inzwischen habe ich den Eindruck, dass zu viele Leute verlernt haben, andere Positionen als legitim anzusehen, das gilt speziell auch für Teile des Journalismus. ZDF-Magazin und Monitor gab es zwar immer als klare Meinungsformate, aber "Kienzle & Hauser" könnte ich mir heute kaum noch vorstellen und wenn Mitarbeiter des NDR sich von einem Format distanzieren, das ihrer Haltung widerspricht, scheinen sie mir im falschen Bereich zu arbeiten.

  • Sehr gute Analyse. Reale Debatten sind nach meinem Empfinden beides: Härter aber auch humaner, weil im persönlichen Gespräch dem anderen face to face selten gleich die physische Vernichtung angedroht wird, was online laufend passiert. Außerdem spielen offline viel mehr Wahrnehmungsebenen mit hinein, wie Kleidungsvorlieben, Aussehen, Gerüche, Redestil, Stimmlage. Deshalb konnte mich 2002 eine glühende Kommunistin ad hoc von ihrem Manifest überzeugen, was online kaum möglich gewesen wäre.