Hitze, Klima, Wohnen: Was das Kapital nicht schafft
Die Erzählung vom Kapital als scheuem Reh schützt eine Ordnung, in der die einen am privaten Pool liegen, während die anderen an Hitze sterben.
R rrrr“, vibriert mein Smartphone kurz. Ich hebe den Kopf und gucke aufs Display. Eilmeldung. In Deutschland, so meldet die „Tagesschau“, wurde eine neue Höchsttemperatur gemessen: 41,7 Grad. In Neißemünden-Coschen in Brandenburg. Eine so hohe Temperatur wie dort an der polnischen Grenze, so lese ich auf dem viel zu heißen Handy (Hitzetipp Nr. 829: nur in der Nacht aufladen), wurde in Deutschland noch nie zuvor gemessen. Es ist Sonntag, der 28. Juni 2026, ich sitze am Schreibtisch und beginne, meine erste Kolumne für die taz in die Tasten zu tippen.
Vor Kurzem hat das Institut des Deutschen Kapitals, in der Selbstbezeichnung Institut der Deutschen Wirtschaft (IW), eine Studie publiziert. Auch die taz berichtete. Es ging darum, welche Auswirkungen die Vergesellschaftung von Immobilienkonzernen für die Stadt Berlin hätte. Die Partei Die Linke möchte sie umsetzen. In drei Monaten wählt die Hauptstadt ihre neue Regierung. Aktuell ist die Linke in Umfragen stärkste Kraft – deutlich vor der CDU vom Regierenden Bürgermeister Kai Wegner und der koalierenden SPD.
Die Bild destillierte daraus: „Schockstudie warnt: Linken-Plan für Berlin provoziert Trumps nächste Rache.“ Die Logik: Vonovia ist Berlins größter Wohnkonzern, 140.000 Wohnungen, die nach einem demokratischen Volksentscheid dem Wohnen dienen sollen, statt der Kapitalvermehrung. US-Vermögensverwalter Blackrock hält Anteile an Vonovia. Verliert Blackrock Geld, verhängt US-Präsident Donald Trump Zölle. Das Institut selbst nennt das Spekulation, aber als Drohkulisse taugt es.
Sabine Nuss hat die zwölfte Klasse abgebrochen, Bürokauffrau gelernt, das Abitur nachgeholt, bei Springer als Journalistin volontiert, Politikwissenschaft studiert und über Privateigentum promoviert. Bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung war sie Leiterin der Politischen Kommunikation und Geschäftsführerin des Karl Dietz Verlags. Heute lebt sie als freie Autorin, Publizistin und Podcast-Host in Berlin. In ihrer Kolumne führt sie uns regelmäßig durch die Nebelregion des Kapitalismus. Sie lüftet den Schleier der Verhältnisse, in denen es scheint, als seien wir alle frei und gleich.
Zwei Erzählungen gehen damit einher. Erstens: Nur privates Kapital baut effektiv, alles andere führt zu Nordkorea, Venezuela, DDR 2.0. Zweitens: Wenn Privatinvestoren verschreckt werden, wird Berlin zur Wüste. Was uns hier implizit eingeflößt wird, ist die wirkmächtigste Ideologie unserer Zeit: Es gibt nur eine beste aller möglichen Welten – die des Privateigentums oder, was dasselbe ist, die des Kapitals.
Dabei zeigen gerade diese Extremhitzetage, dass es anders geht. Wie selbstverständlich öffneten Bibliotheken, Museen, Kirchen und Rathäuser ihre Türen als Kühlorte. Paris richtete Badestellen an der Seine ein, andernorts gab es Tränken für Hunde, Städte verteilten Trinkwasser. Viele Hilfseinsätze ehrenamtlich organisiert, niemand fragt nach Rendite.
Die Coronapandemie hat schon einmal gezeigt, wie schnell eine andere Logik möglich ist. Es gab solche Beispiele überall: In einer 4.800-Einwohner-Gemeinde bei Hamburg meldeten sich innerhalb von 18 Stunden 100 Freiwillige, um für ältere Nachbarn einzukaufen. Hamburger Spitzenköche, deren Restaurants geschlossen waren, kochten kostenlos für Krankenhäuser, Frauenhäuser und Obdachlose.
Tausende nähten zu Hause Masken und verschickten sie auf eigene Kosten. Eine Gruppe Studierender gründete innerhalb einer Woche eine Plattform, sie vermittelte Tausende Freiwillige, die kostenlos Nachhilfe gaben. Und eine kleine italienische Firma druckte nachts Beatmungsventile für ein überlastetes Krankenhaus – ohne Gewinnabsicht. Wie erstaunt wir alle waren, was plötzlich ging.
Das Problem ist nicht, dass wir es nicht können. Das Problem ist, dass wir es uns danach immer wieder ausreden lassen. Als Ausnahme. Als Sonderfall. Back to normal, heißt es dann. Und das hat einen Grund: Die Erzählung vom Kapital als scheuem Reh ist nicht naiv. Sie verschleiert Interessenpolitik und schützt eine Ordnung, in der die einen am privaten Pool liegen, während die anderen an Hitze sterben. Back to normal ist nicht die Lösung. Es ist das Problem.
Und was passiert Anfang Juli? Als hätte ich’s für die Dramaturgie dieser Kolumne bestellt: Die Berliner Immobilienlobby plant vor der anstehenden Wahl eine Kampagne gegen Vergesellschaftung. Und im Koalitionsausschuss einigt sich Schwarz-Rot darauf, Vergesellschaftung faktisch bundesweit zu verbieten. Die Argumente? Siehe oben.
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