Haltung von Haustieren: „Wir genießen, dass wir überlegen sind“
Haustiere waren uns nie näher, dennoch bleiben sie uns unterworfen. Der Kulturwissenschaftler Roland Borgards will eine Haltung ohne Herrschaft.
taz: Herr Borgards, große Kulleraugen, ein rundes Gesichtchen und eine winzige Nase. So sehen viele Haustiere aus. Was gefällt uns daran?
Roland Borgards: Darauf gibt es eine angenehmere und eine weniger angenehme Antwort. Die angenehme Antwort kommt aus der Biopsychologie: Die Haustiere sehen aus wie Kinder, deshalb wollen wir uns um sie kümmern. So gut wie alle kleinen Nachkommen von Wirbeltieren haben kurze Beine, sehen rundlich und ein bisschen pummelig aus.
Dass wir unsere Kinder süß finden, hilft uns, für sie zu sorgen und sie zu schützen. Es ist empirisch gut belegt, dass diese Merkmale ihre Wirkung nicht verfehlen. Man könnte also sagen, dass es in unserer Natur liegt, armen kleinen Dingern helfen zu wollen, zum Beispiel den Möpsen.
taz: Und die weniger angenehme Antwort?
Borgards: Es gibt diese Tiere nur, weil wir sie so gezüchtet haben. Das betrifft nicht nur den Mops und andere überzüchtete Hunderassen, sondern alle Haustiere. Wir haben sie nicht in der Natur vorgefunden, sondern selbst hergestellt, so wie ein Werkzeug. Insofern ist die Niedlichkeit, die wir empfinden, nicht unschuldig.
Was finden wir schön, wenn wir uns in eine weggezüchtete Mops-Nase verlieben? Wir genießen dabei wahrscheinlich immer auch, dass wir diesen hilfsbedürftigen Kreaturen überlegen sind und unsere Macht über die Natur so groß ist, dass wir sogar etwas fabrizieren können, das leidet.
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taz: Das ist eine ziemlich düstere Vorstellung. Woran machen Sie das fest?
Borgards: Es gibt eine Ambivalenz, die in jeder Niedlichkeit steckt. Stellen Sie sich vor, Sie wollen mit süßen Hundewelpen knuddeln. Wenn wir jemand oder etwas cute finden, geht es dabei nicht nur um zärtliches Kuscheln, das Fürsorgliche kann übergehen in einen gewaltsamen Zugriff, etwa ein Quetschen. Die sehen zum Reinbeißen aus, sagt man. Auch da spielt Aggressivität eine Rolle.
taz: Sollten wir also damit aufhören, niedliche Haustiere zu züchten?
Borgards: Wir sollten das jedenfalls niemals auf eine Weise tun, die Qualen verursacht. Ob es einem Tier gut geht oder nicht, ist messbar. Bestimmte Züchtungen folgen ausschließlich kurzfristigen menschlichen Interessen, seien es kapitalistische, soziale oder ästhetische. Wie es den Tieren dabei geht, ist völlig egal.
Das Züchten solcher zwar niedlicher, aber in Qual lebender Haustiere ist für mich die Spitze des menschlichen Egoismus. Denn dabei geht es nur um den eigenen Spaß, sogar um ein Vergnügen an der Herrschaft über das Tier.
taz: Wäre es da nicht konsequent, Haustiere ganz abzuschaffen, so wie viele radikale Tierschützer:innen es fordern?
Borgards: Nein, das sehe ich anders. Es ist nicht nur unmöglich, die Verbindung der Menschen zu den Tieren zu kappen, es ist auch nicht wünschenswert. Wir brauchen den Kontakt mit Tieren. Wir sind zwar gefährlicherweise eine besonders mächtige Spezies. Aber genau deshalb sollten wir diese Rolle verantwortungsvoll annehmen.
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taz: Gerade wegen dieser Macht wollen radikale Tierschützer:innen Tiere befreien. Sie sehen sklavereiähnliche Zustände.
Borgards: Haustiere sind keine wilden Tiere, sondern gemischte Wesen. Sie sind Produkt einer Domestizierung durch den Menschen. Bevor sie das erste Mal miaut oder gebellt haben, ist unser Verhältnis zu ihnen schon durchzogen von Macht. Nicht jeder Haustierbesitz ist automatisch ein sklavereiähnlicher Zustand. Aber es besteht ein hohes Risiko, dass es zu solchen Verhältnissen kommt.
taz: Wie könnte eine gute Mensch-Haustier-Beziehung denn aussehen?
Borgards: Ich finde es hilfreich, sich Haustiere als Mitbewohnende vorzustellen. Wohngemeinschaften handeln ständig aus, wie sie die Grundbedürfnisse aller Parteien im Zusammenleben berücksichtigen können. Wie sauber wollen wir es haben, wie laut, wie viel Zeit verbringen wir zusammen? Haustiere sollten Teil dieser Aushandlungsprozesse sein, als mitbewohnende Personen einer Interspezies-WG.
taz: Heute schlafen Hunde und Katzen mit im Bett, bekommen künstliche Hüftgelenke und professionelle Beerdigungen. Die Abgrenzung von Mensch und Haustier bröckelt. Steckt darin nicht auch eine Chance für ein herrschaftsfreies Miteinander?
Borgards: Eine sehr große Chance sogar. Genau dieses menschenähnliche Zusammenleben mit uns macht es möglich, sie als Mitbewohnende anzuerkennen. „Make kin, not babies“, sagt die Philosophin Donna Haraway, auf Deutsch: Knüpft Verwandtschaften, statt Babys zu machen. Dabei hat sie die Tiere im Sinn.
taz: Was verändert sich im Zusammenleben mit einem Hund, den ich als meinen Verwandten betrachte?
Borgards: In einer authentischen Beziehung verändern sich beide Leben, also nicht nur das Leben des Tieres, sondern auch mein eigenes. Joshua Vassilakis, der bei mir eine Arbeit über cute Hunde geschrieben hat, formuliert es so: Alles, was der Hund an Vermenschlichung mitmacht, die Hundekleidung, das Schlafen im Bett, fordert auch eine Vertierlichung des Menschen.
Denn wenn ich meinen Hund dazu animiere, sich meiner Lebensweise anzunähern, sollte ich umgekehrt auch dazu bereit sein, mich seiner Lebensweise anzunähern. Das erwarten wir auch von menschlichen Freund:innen und Verwandten.
taz: Wie kann ich mir das vorstellen?
Borgards: Ich habe neulich eine schöne Szene beobachtet, in einem Park in Stockholm. Ein junger Hund ließ seinem Besitzer, der mit Freunden gemütlich auf einer Picknickdecke saß, keine Ruhe – er wollte spielen.
Der Hundebesitzer hat dann nicht nach einem Stöckchen gesucht, das er werfen kann, sondern ist seinem Hund auf allen Vieren hinterhergerannt. Dann hat sich der Mann auf den Rücken gelegt und seinen Hund freudig angebellt. Mich hat beeindruckt, wie stark der Hundebesitzer sich an den Spielregeln des Hundes orientiert hat.
taz: Das wäre mir ziemlich peinlich. Was spricht gegen das Stöckchenwerfen?
Borgards: Nichts, denn es macht den Tieren ja Spaß. Ich würde es auf keinen Fall verbieten wollen. Aber achten Sie auf die Choreografie: Der Mensch bleibt aufrecht stehen, der Hund rast hin und her. Beim Stöckchen werfen führen wir die jahrtausendealte Geschichte von Mensch und Hund auf.
taz: Inwiefern?
Borgards: Stellen Sie sich einen großen Schäferhund vor, dem Sie einen riesigen Stock in einen Fluss werfen. Der Hund rast los, springt mehrere Meter weit ins Wasser und kommt nass wieder heraus – mit dem Stock im Maul. Genau so fühlt sich Naturbeherrschung an, und darum geht es in der Geschichte von Mensch und Hund.
Der Mensch hat den Wolf, ein Wesen aus der Natur, zu sich geholt und ihm Dinge beigebracht, die er selbst nicht konnte, vor allem bei der Jagd. Mit ihren feinen Nasen spüren Hunde Wild auf und können ihm besser als wir durch den Busch nachrennen. Und der Mensch hat es geschafft, dass dieses Wesen das Wild wieder zu ihm zurückbringt, da es eine Belohnung erwartet.
taz: Dass wir die Natur als etwas sehen, das wir bändigen und nach Belieben nutzen können, steckt tief in unserer kulturellen DNA. Können wir von Haustieren lernen, die Natur mit anderen Augen zu sehen?
Borgards: Ich bin als Mensch immer auch ein Tier. Das ist selbstverständlich, das wissen wir aus dem Biologieunterricht. Haustiere geben uns aber die Gelegenheit, das eigene Menschsein auch als etwas Tierliches zu erfahren.
Dank ihnen kann ich spüren, dass ich als Mensch nicht einsam auf der Welt bin, weil ich sie mit anderen Tieren teile, mit denen ich zusammenlebe. Im Kontakt mit ihnen können wir am eigenen Leib erleben, dass wir in das große Netz des Lebens eingebunden sind, und wir können dieses Netz bereichern und erweitern. So ist es nicht nur mit unseren eigenen Haustieren, sondern auch mit den Vögeln im Garten, denen ich Futter gebe, oder der Nachbarskatze, die bei mir vorbeischaut.
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