Demografie und Wohlstand: Gehet hin und mehret euch
Mit vielen Kindern die alternde Gesellschaft vor Armut zu retten, ist ein Mythos. Nicht die Zahl der Kinder ist entscheidend, sondern ihre Bildung.
D ie alternde Gesellschaft ist das bequemste Schreckgespenst der Neuzeit. Mit ihr lässt sich alles erklären und nichts verantworten. Steigen die Beiträge, fehlt Personal oder schließt die Dorfkneipe, ist die Demografie schuld. Sie ist anonym, gesichtslos, schicksalhaft. Doch die Angst vor Alter und Niedergang ist vor allem eine Erzählung, die regelmäßig politisch aufgeladen wird, eine Leinwand für Verteilungskonflikte, Abstiegsängste und der Sehnsucht nach einfachen Antworten.
Schon der Ökonom Julius Wolf schrieb vor fast 100 Jahren, dass die Bevölkerungsfrage von heute in ihrem tiefsten Grund „eine Frage der Ordnung der Welt ist“. Das gilt bis heute. Demografischer Wandel ist nicht neu. Er begleitet die Moderne seit Beginn der Industrialisierung, und stets sagten Stimmen, dass mit dem Volk etwas nicht stimmen würde. Mal waren es zu viele Menschen, mal zu wenige, mal bekamen Reiche zu wenige Kinder, mal Arme und Fremde zu viele.
Den Anfang der modernen Katastrophenlyrik machte Thomas Malthus. 1798 erklärte der Pfarrer und Ökonom in seinem „Bevölkerungsgesetz“, es gebe zu viele Menschen. Er sah sie in einem ungleichen Wettlauf, denn die Nahrungsmittel würden langsamer wachsen, als die Zahl der Menschen. Ein Naturgesetz, glaubte er. Unabänderlich. Mehr Wohlstand, mehr Hilfe für die Armen führe nur zu mehr Kindern. Ein Kreislauf des Elends.
Nur: Das Naturgesetz gab es nicht. Als Malthus seinen Essay schrieb, lebten auf der Erde etwa 1 Milliarde Menschen, heute gut 8 Milliarden. Damals litten 85 Prozent an extremer Armut, heute etwa 9 Prozent. Damals bekam eine Frau im globalen Durchschnitt 6 Kinder, heute – dank besserer Bildung und mehr Frauenrechten – etwa 2,2. Mehr Wohlstand erzeugt nicht mehr Kinder, sondern weniger. Er stabilisiert Gesellschaften.
Aber Malthus war nützlich. Er entlastete die Herrschenden. Gilt Armut als Naturgesetz, fragt keiner, wem das Land gehört, warum die Löhne niedrig sind oder wer an der Macht ist. Als in den 1840er Jahren in Irland wegen einer schlechten Kartoffelernte über eine Million Iren starben, lobte ein britisches Regierungsmitglied die Katastrophe als ein „effektives Instrument gegen die Überbevölkerung“.
Mit Zahlen Angst schüren
Armut wurde dank Malthus privatisiert. Ein Gedanke, der auch heute in der Debatte um den Sozialstaat mitschwingt. Soziale Probleme werden zu Bevölkerungsfragen umgeschrieben und sind so augenscheinlich keine Folgen von Verteilungspolitik und Machtverhältnissen. Malthus war einer der Ersten, der Angst schürte und dafür Zahlen nutzte. Das war neu, im 18. Jahrhundert rechnete kaum jemand. Erst im 19. Jahrhundert begannen Wissenschaftler zu ermitteln. Menschen, Tote, Geburtenraten.
Zahlen machten Soziales sichtbar, aber sie machten auch Angst. Apokalyptiker mögen Zahlen, denn nichts ist besser als eine Angst, die sich auf die Kommastelle berechnen lässt. Später im 19. Jahrhundert, als Rassismus und Nationalismus aufstiegen, wurden Zahlen zum politischen Instrument. Es wurde klassifiziert und sortiert, nach guten und schlechten Genen. Wer zum Volk gehört, wer nicht, war entscheidend geworden. Das erinnert an die Gegenwart und den Kulturkampf, den Rechtspopulisten inszenieren.
Die Armen waren erneut schuld, diesmal, weil ihre angeblich schlechten Gene die Nation dahinsiechen lassen würden. Und der entstehende Sozialstaat, weil er die natürliche Auslese verhindern würde. Nicht viel anders als heute, wo nicht wenige den Staat für marode halten, weil sich zu viele in die „soziale Hängematte“ legen würden. Der Sozialstaat als teurer Ballast.
Nicht die Menge macht´s, sondern der Konsum
Nach dem Zweiten Weltkrieg verlagerte sich die Angst. Die reichen Nordländer fürchteten den erstarkenden Süden. Der Planet könne nicht alle Menschen aushalten, hieß es, und schuld waren erneut die Armen, und zwar jene, die im Süden lebten und mit ihren vielen Kindern das Überleben des Homo sapiens gefährdeten. Dieser Gedanke taucht heute in der Klimadebatte auf, wie vor einiger Zeit die frühere Entwicklungsministerin Svenja Schulze bewies, meinte sie doch „damit eine nachhaltige Entwicklung möglich wird, muss das Wachstum der Bevölkerung abgeschwächt werden“.
Doch die Welt hat kein Bevölkerungsproblem, die Welt hat ein Lifestyle-Problem. Nicht die vielen Afrikanerinnen lassen den Planeten schwitzen, sondern der Lebensstil reicher Nationen. Deutschland kommt auf 8 Tonnen Kohlendioxid pro Kopf und Jahr, Burundi, wo jede Frau im Durchschnitt fünf Zöglinge zur Welt bringt, im gleichen Zeitraum auf 0,07 Tonnen Kohlendioxid. Nicht zu viele Kinder schaden der Zukunft, sondern zu viel Konsum.
Die Demografie war in diesen Debatten nie eine neutrale Dienstleisterin. Sie saß meist an der Seite der Macht. Mit Zahlen lässt sich leicht regieren, sie waren und sind, wie der Historiker Jürgen Osterhammel sagt, „eine Redeweise politischer Rhetorik“. Statistiken werden zu Machtinstrumenten, sind äußert praktisch, weil sie objektiv wirken.
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Besonders Frauen bekamen das zu spüren. Wenn sie für ihre Rechte kämpften, tauchten stets Männer auf, die für den Staat Kinder forderten und Geburtenkontrolle untersagten. Wer Anfang des 20. Jahrhunderts in den Niederlanden oder Italien Verhütungsmittel verkaufen wollte, wurde bestraft. „Demografische Debatten waren immer schon verdeckte Debatten über die Rolle der Frau“, sagte einmal Alice Schwarzer.
Der Frauenkörper als Staatsangelegenheit
Daran hat sich erstaunlich wenig geändert. Wenn ein FAZ-Autor vor einiger Zeit die Nachwuchsfrage als Kernproblem der Gesellschaft bezeichnete, weil davon der „zukünftige Aufstieg oder Niedergang dieses Landes abhängen“ würde, klingt das wie ein Echo aus der Kaiserzeit. 1912 sah der Mediziner Carl Tönniges den Geburtenrückgang als „eine Krankheit des deutschen Staatsorganismus“. Damals sollten Frauen das Vaterland retten. Heute mindestens das Renten-, Pflege- und Gesundheitssystem sanieren, plus den Fachkräftemangel beheben und für Wachstum sorgen. Der Frauenkörper wird zur Staatsangelegenheit.
Doch nicht die Zahl der Kinder entscheidet über die Zukunft, sondern ihre Bildung. Wären Geburtenraten der Schlüssel zum Glück, müsste in Staaten wie Afghanistan, Nigeria oder Mali das Paradies herrschen. Frauen bekommen dort im Durchschnitt vier, fünf oder mehr Zöglinge. Aber mir ist kein Experte begegnet, der je von der afghanischen Rente geschwärmt hätte.
Überhaupt die Rente. Ihr Untergang gehört seit bald 100 Jahren zum festen Spielplan der Republik. Begonnen hat der Politiker Gustav Hartz, der bereits 1932 vor der „immer größer werdenden Zahl von Alten„ warnte, seitdem beschwört ein Heer von Schwarzsehern regelmäßig ihr Ende, aber die Rentenversicherung lebt weiter. Und sie lebt nicht schlecht. Wie unverschämt. Die Arbeitnehmer ächzen nämlich nicht unter mehr, sondern weniger Rentenlasten.
Der Rentenbeitrag fiel von 20,3 Prozent des Bruttolohns im Jahr 1999 auf 18,6 Prozent im Jahr 2025, und das, obwohl wir seit der Jahrtausendwende drei Millionen mehr Ruheständler haben, die fast fünf Jahre länger leben. Es zahlen auch nicht weniger Menschen in die Rentenkasse ein, sondern mehr. Zuletzt lag die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten bei 35 Millionen Menschen. Das ist Rekord. Das Verhältnis zwischen Beitragszahlern und Rentnern liegt bei zwei zu eins, weitgehend stabil seit bald 30 Jahren.
Die Mythen entzaubern
Und der Staat? Zahlt auch nicht mehr. Relativ gesehen. Der Bundesfinanzminister überwies um die Jahrtausendwende ähnlich wie heute etwa ein Viertel seines Etats an die Rentenkasse. Mehr Rentner, die länger leben und ein niedrigerer Beitrag. Deutschland kann altern, ohne dass das Land kollabiert. Wir sind produktiver geworden, haben mehr Migranten, die arbeiten. Die Zuwanderung stabilisiert den Sozialstaat. Eine Erfolgsgeschichte. Eigentlich. Aber sie will keiner hören. Sie passt nicht zur Untergangs-Saga.
Warum die Mythen der Demografie so hartnäckig sind? Weil sie so oft erzählt worden sind, dass sie als gefühlte Wahrheiten gelten. Weil sie disziplinieren und sich vermarkten lassen. Wer will nicht vorsorgen, wenn ihm ständig eingeredet wird, dass er im Alter unter Brücken schläft? Die Erfolgsbilanz von Banken und Versicherern ist allerdings überschaubar. Überschaubar schlecht. Seit der Jahrtausendwende hatten wir drei Reformen: Riester-Rente, Rürup-Rente, Pflege-Bahr.
Alle drei waren Flops, die einzige Gewinnerin hieß Finanzindustrie. Oder man denke an die Berliner Zahnärzte, deren Pensionskasse vermutlich eine Milliarde Euro für die Alterssicherung verzockte. Darüber wird leiser geredet, dafür mehr über die bösen Boomer, und dass wir alle länger arbeiten sollen. Doch die Rente mit 67 hat der Rentenkasse wenig gebracht, genau genommen 3,2 Milliarden Euro – acht Jahre nach der Einführung. Da die Rentenkasse etwa 1 Milliarde Euro pro Tag ausgibt, reicht das Geld für eine halbe Woche. Reine Symbolpolitik. Keine Stütze für die Zukunft.
Nein, die alternde Gesellschaft meistern wir nur, wenn die Mythen der Demografie entzaubern. Die Rente ist nicht so schlecht wie sie Ökonomie-Professorinnen reden, und die Nöte von Kranken- und Pflegeversicherung liegen vor allem am politischen Management, nicht daran, dass die Alten die Kliniken und Wartezimmer stürmen. Die Prognosen waren von jeher schlecht. Seit 100 Jahren soll Deutschland schrumpfen und ist gewachsen, trotz Millionen Toter im Zweiten Weltkrieg.
Der Rentenbeitrag sollte heute bei 27, 28 Prozent liegen, waren sich die „Experten“ um die Jahrtausendwende sicher. Er liegt bei 18,6 Prozent. Den demografischen Wandel schaffen wir nicht mit mehr Zumutungen und weniger Staat. Sondern nur mit einem besseren Staat. Einem Staat, der sich um Arbeitsmarkt und Bildung kümmert, und so das Fundament unseres Sozialwesens sichert. Einem Staat, der Hürden abbaut, damit mehr Migranten, Frauen und Ältere arbeiten.
Einem Staat, der die Schulen reformiert, damit weniger Bildungsverlierer zurückbleiben. Und mit Gelassenheit gegenüber der apokalyptischen Zahlenmystik. Die alternde Gesellschaft ist kein Schicksal. Sie ist eine Ausrede. Und Ausreden haben immer einen Zweck.
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