Die These: Wer Parks vermüllt, knechtet andere

Das Leben in der Coronazeit spielt sich draußen ab. Und dort ist es dreckig geworden. Die Menschen haben kein Verhältnis mehr zu ihrer Außenwelt.

Müll liegt auf einer Wiese

Ende eines Picknicks im Park Foto: Peter Steffen/dpa

Es muss Gründe geben, warum Leute sich in Parks legen, mitunter mitten hinein in ein Meer von Müll: Flaschen, Büchsen, Plastikbecher. Pappteller, auf denen der Ketchup klebt, Grillreste in Alu, Krähen stochern darin herum. Plastikdosen mit Kartoffelsalat, angebissenes Brot, Zigarettenschachteln, Hundekottüten. Schon die Aufzählung ist eine Zumutung.

Straßen und Parks, vor allem in deutschen Städten, sind vermüllt. Auch Picknickplätze im Wald. Menschen verbringen ihre Zeit dort, bringen Essen und Getränke mit, spielen, rauchen, reden – und wenn sie gehen, lassen viele ihren Müll zurück. Auch Sperrmüll wird wild abgeladen. Auf Plätzen, am Straßenrand. Sofas, Kühlschränke. Kanister mit irgendwas. Niemand sieht’s. Wenn doch, scheint es zwecklos, zu intervenieren. Der Selbstgerechtigkeitspegel derer, die Müll abladen, ist hoch. Jetzt in der Pandemie sei es mehr geworden, klagen viele Kommunen.

Kürzlich postete der Pianist Igor Levit auf Twitter eine Filmsequenz: Auf und entlang einer halbhohen Mauer, die eine Skateanlage umgibt, liegt Müll, abgestellt, als wäre es urbane Deko. Im Hintergrund Spatzengezwitscher und Glockengeläut. Die Sequenz, vermutlich aus Berlin, („Paris“? fragt auch jemand), ist nur einer von vielen Posts in sozialen Medien, die Abfall in der (Stadt-)Natur zeigen.

Unter den fast 400 Kommentaren zu Levits Post sind etliche, die das Video, wie Knightly_Chris, als „Outdoor-Shaming 2.0“ deklarieren und so zu verstehen geben: Nicht der zurückgelassene Müll ist das Problem, sondern Levit, weil er es postete. Viele Kommentierende entschuldigen die Vermüllung, weil im Filmausschnitt kein Mülleimer zu sehen ist.

800 Millionen Euro jährlich für die Müllbeseitigung

Und wären doch welche da, die aber voll sind, sei es okay, den Müll daneben zu stellen, schreiben manche. Einige schimpfen auf die Kommunen, die nicht adäquat sauber machen. Dass diese bereits 800 Millionen Euro für die Beseitigung jährlich zahlen, steht nicht da.

Wenige stellen die Frage, warum der anfallende Müll nicht wieder mitgenommen wird. Einer verweist auf ganz große Widersprüche: Atommüll in die Landschaft kippen sei okay, sich dann aber über abgestellte Flaschen aufregen. Diese Überlegung ist opportun – und eine Rechtfertigung fürs Vermüllen, die nicht weiterbringt. Als wäre die Vermüllung die Rache der Machtlosen.

In vielen Kommentaren jedenfalls klingt es so: Es gibt ein Recht auf Vermüllung des öffentlichen Raums, wenn auch unterschiedlich begründet. Die Frage, warum, – warum verdrecken Menschen ihre Stadt, ihre Parks, ihre Natur? – wird nicht gestellt. Und auch die Forschung dazu scheint mager.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Laut Studien der Humboldt-Universität sind es vor allem junge Erwachsene bis 30 Jahre, die Müll in die Gegend werfen. „Littering“ heißt das im Fachjargon. Bei Menschen über 50 sei die Tendenz, dies zu tun, aber auch wieder steigend.

Manche Vertreter der kommunalen Verwaltungen sagen, mehr Müll lande im öffentlichen Raum, weil der Verpackungswahn zugenommen habe. Das erklärt aber nicht, warum die Leute in der Lage sind, ihr Zeug in die Parks zu tragen, nur die Reste eben nicht zurück. Allein der Gedanke, es sei normal, den Abfall mitzunehmen, wirkt schon wie eine Anmaßung. Als würde erwartet, dass die Gemeinschaft, der der Müll vor die Füße gekippt wird, dazu da ist, ihn wegzuräumen.

Immerhin die Theorie des „broken window“, des Mitmacheffekts im Negativen, wurde wissenschaftlich untersucht. Wo ein Fenster zerbrochen ist, ziehe dies weitere Verwüstung nach sich. Als wäre das zerbrochene Fenster eine Einladung, sich unsozial zu verhalten. Dieser Effekt komme auch zum Tragen, wenn Menschen ihren Unrat neben schon herumliegenden Müll legen. Wo eine Tüte Abfall steht, kann auch eine zweite stehen. So wird das Tun gerechtfertigt. Und immerhin, das ist schon mal eine Antwort auf die Frage, warum die Stadt so vermüllt ist.

Aber wieso wird, was allen gemeinschaftlich gehört, derart gering geschätzt? Wieso ist es den Leuten egal, wie die, die nach ihnen kommen, den Ort vorfinden? Auf der Suche nach Erklärungen schreibt Andrea Seibel einen bemerkenswerten Satz dazu in der Welt: „Der Müll, das Wegwerfen, ist ein Sinnbild des instrumentellen Verständnisses vieler zum Leben, unter Inkaufnahme der Hässlichkeit.“

Die gesellschaftliche Entwicklung hin zum Individualismus, mit gepredigter Selbstoptimierung und Selbstverantwortung fördert jene Form des Egoismus, des „instrumentellen Verhältnisses zum Leben“, die es möglich macht, das andere und die anderen auszublenden, sie nicht als Gegenüber, bestenfalls als Funktionsträger wahrzunehmen. Wer den anderen Müll vor die Füße wirft, wirft ihnen im übertragen Sinne den Fehdehandschuh zu. Der Stärkere siegt. Hierarchische Muster spiegeln sich in dieser Haltung: Die Gemeinschaft ist der Knecht. Ein Gefühl, Teil der Gesellschaft zu sein, für die Verantwortung übernommen werden muss, fehlt.

Nur, noch einmal: Wie konnte es soweit kommen? Die Ökonomisierung aller Lebensbereiche mag damit zusammenhängen. Jeder ist sich selbst der Nächste. Und everybody is a star. Man könnte jetzt sagen: Verfehlte Integrationspolitik, die ganze Gruppen in eine Parallelwelt katapultiert, könnte ebenfalls eine Antwort sein. Das mag auch für die Parallelwelten gelten, in der sich ganze Hartz-IV-Generationen eingerichtet haben. Denn wer sich mit dem Ort, wo er lebt, nicht identifizieren kann, braucht auch dessen Schönheit nicht.

Aber diese Argumentation könnte eine Denkfalle sein, denn es sind doch vor allem junge Erwachsene – egal welcher Herkunft und Schicht – die als Hauptgruppe der Vermüller ausgemacht wurden.

Ob diese den herumliegenden Dreck überhaupt wahrnehmen, ist ohnehin unklar. Möglicherweise sehen sie den Müll nicht, weil sie sich die Umgebung, in der sie sich aufhalten, auf dem Smartphone anschauen. Da kann Störendes entfernt werden. Sei es durch Software oder den Ausschnitt, der gewählt wird. Ein Klick und die Umgebung ist rein. Wem das zur Gewohnheit wird, der kann vermutlich auch mental retuschieren.

Die Offline-Außenwelt ist weniger interessant

Laut einer aktuellen Studie nutzen 97 Prozent aller Jugendlichen das Internet. Ihre durchschnittliche tägliche Verweildauer: 258 Minuten. Manche Jugendliche sind länger online statt offline. Die starke Überlappung der digitalen und nichtdigitalen Erlebnisweisen verschiebe dabei die Wahrnehmung von Raum und Zeit, Nähe und Distanz, Innen und Außen, meint die Sozialpsychologin und Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts Vera King. Oftmals werde die Online-Innenwelt als emotional bedeutsamer und näher wahrgenommen; die Offline-Außenwelt als weniger interessant. Vernetzt sein stelle nun Verbundenheit her. Das verändere auch die Verbundenheit in der Präsenz, sagt King.

Vielleicht ist das die heißeste Spur, die zeigt, wie die Gesellschaft sich ändert und wie sich in der Folge auch unser Bezug zur ihr wandelt. Es muss ein neues Verständnis dafür geschaffen werden, dass es eine Außenwelt gibt, die mitgestaltet werden muss. Damit Außenwelt nicht gleichgesetzt ist mit Abwesenheit. Denn nur im Abwesenden ist es egal, ob der Park eine Mülldeponie ist.

Und ja, es gibt auch eine Gegenbewegung gegen die Vermüllung. Da sind Leute, die den Dreck nicht mehr sehen können. Junge Leute sind darunter. Digital natives auch. Die Facebook-Gruppe „Die Aufheber“ dokumentiert das, was diese Leute tun: eben den Müll aufsammeln. Eigentlich könnten sie mit ihrer Zeit auch etwas Schöneres anfangen. In der Hierarchie der Vermüllung der Umwelt sind sie die Loser. Aber solche, die einen Schritt weiter sind.

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Seit 2002 bei der taz, erhielt 2005 den Theodor-Wolff-Preis für die Reportage „Schön ist das nicht“, 2011 wurde die Reportage „Die Extraklasse“  mehrfach ausgezeichnet. Kürzlich erschien ihr Roman "Brombeerkind" im Ulrike Helmer Verlag. Denn Schwab wollte wissen, wie Fiktion Wirklichkeit wird. Es ist ein Hoffnungsroman, ein Roman, der in der Innen- und Außenwelt spielt. Und einer, der einen Journalisten nicht unbedingt sympathisch dastehen lässt mit seiner Anmaßung, Wirklichkeit abbilden zu können. Mehr unter: www.waltraud-schwab.de

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