Debatte um Denkmalstürze: Wenn Steine beleidigen

Allein die Tatsache, dass Denkmäler ein gestriges Geschichtsbild vermitteln, kann kein Grund für ihre Zerstörung sein. Manchmal ist es aber richtig.

Das Denkmal desSklavenbesitzers Robert Milligan in London kurz vor seinem Abriss

Manches gehört auf den Müll der Geschichte, anderes muss bleiben, um an Geschichte zu erinnern Foto: dpa

Jefferson Davis ist der Name des einzigen Präsidenten der abtrünnigen amerikanischen Südstaaten. Der Mann bezeichnete Menschen mit schwarzer Hautfarbe „als Geschöpfe einer minderwertigen Rasse“ und verteidigte ihre Entrechtung als „die mildeste und humanste aller Einrichtungen der Sklaverei“. Bis heute steht eine Statue Davis’ in den Hallen des US-Kongresses.

Manche Denkmäler haben das Zeug dazu, auch die heute Lebenden zu beleidigen und zutiefst zu verletzten. Das Abbild Davis’ ist dafür ein Beispiel. Ein Staat, der auf die Gemeinsamkeit seiner Bürger setzt, tut gut daran, solche Statuen zu beseitigen. Denn das Abbild Davis’ und zehn weitere Statuen im Kongress verherrlichen die blutige Unterdrückung eines Teils der Bevölkerung durch einen anderen Teil. Es ist kein Zufall, wenn die Demokraten nun die Beseitigung dieser elf Denkmäler und die Umbenennung von US-Militärbasen verlangen, während US-Präsident Donald Trump genau das verweigert. Es ist ein Akt der Befreiung, wenn solche Denkmäler auf den Müllhaufen der Geschichte landen, statt in einem demokratisch gewählten Parlament zu glänzen.

Denkmäler vermitteln die Geschichte so, wie sie die Herrschenden zu ihrer Zeit interpretiert haben. Sie können selbst zum Teil der Historie werden wie die ägyptischen Pyramiden, sie können, umgestaltet, ein Stein des Anstoßes sein wie das Reichssportfeld in Nürnberg, und manchmal bilden sie eine merkwürdige Heldenverehrung für höchst umstrittene, aber nicht verbrecherische Figuren ab, etwa die Bismarck-Türme. Diese sind aber deshalb nicht antidemokratisch, sondern ermöglichen erst einmal eine schöne Aussicht. Aber schließlich gibt es auch hier Denkmäler, die beleidigen, etwa die steinernen „Judensauen“ an manchen Kirchen. Immer dann ist es angemessen, über ihre Beseitigung nachzudenken.

Aber allein die Tatsache, dass Denkmäler ein gestriges Geschichtsbild vermitteln, kann kein Grund für ihre Zerstörung sein. Alle diese Monumente zu schleifen würde bedeuten, Geschichte zu entsorgen, sobald diese uns nicht mehr passt. Es wäre der unsinnige Versuch, die Welt widerspruchslos entsorgen zu wollen und heutige Maßstäbe an die Vergangenheit anzulegen. Aber manche Statuen sollten fallen – in Auftrag gegeben nicht von einer Obrigkeit, sondern im Rahmen eines demokratischen Verfahrens.

„Unseren Helden“, diese oder ähnliche Aufschriften sind auf Kriegerdenkmälern überall in Deutschland zu finden, darunter die Namen der Gefallenen des Ersten und, nach 1945 hinzugefügt, des Zweiten Weltkriegs. Kaum jemand stößt sich an dieser Sinngebung für sinnlos im Auftrag eines Verbrechers gestorbene Menschen. Ihre flächendeckende Verbreitung ist akzeptiert. Dabei verbreiten sie Lügen bis ins kleinste Dorf.

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Jahrgang 1957, ist Leiter von taz.eins, dem Ressort, das die Seite eins und die Schwerpunktseiten plant und produziert. Er ist seit den 1980er Jahren bei der taz und war u.a. Chef vom Dienst und Ressortleiter im Inland. Seine Themenschwerpunkte sind Zeitgeschichte und der Nahe Osten. Hillenbrand ist Autor mehrerer Bücher zur NS-Geschichte. Zuletzt erschien von ihm herausgegeben: "Das Amulett und das Mädchen", Hentrich & Hentrich 2019

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