Diskussion um Hamburger Bismarck-Denkmal: V-Effekt gesucht

Hamburg setzt das größte Bismarck-Denkmal instand – und laut wird die Forderung, es abzureißen. Die Stadt wirbt für einen differenzierten Umgang.

Steinbock-Skulptur auf dem Kopf des Hamburger Bismarck-Denkmals

Temporäre Irritation: 2015 platzierten Wiener Künstler einen Steinbock auf dem Hamburger Bismarck Foto: Markus Hoetzel/imago

HAMBURG taz | Wer den Glauben illustrieren will, Geschichte werde durchweg gemacht von einzelnen, besonders großen Männern: Am Rand des Hamburger Hafens findet sich ein eigentlich nicht zu übersehendes Beweisstück. 34 Meter hoch – mit Sockel – ist das nicht nur weit und breit, nein, gleich weltgrößte Denkmal für den Politiker Otto von Bismarck (1815–1898). Geleistet haben es sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die ach so bürgerlich gesinnten Hamburger*innen (oder waren es hier doch vor allem: Hamburger?).

Spätestens mit der auch hierzulande an Fahrt aufnehmenden „Black Lives Matter“-Bewegung ist all die Ehre für den Fürsten Gegenstand von Diskussionen: Darf Hamburg einen (hohen einstelligen) Millionenbetrag ausgeben für die nötige Sanierung des Steinernen? Gehört der nicht vielmehr abgebaut und eingemottet?

„Erinnern auch an dunkle Kapitel“

Nein, findet zum Beispiel Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda: „Wir müssen aufpassen, dass wir uns als Gesellschaft keine geschichtslose Oberfläche bauen“, sagt der Sozialdemokrat der taz. „Sondern dass wir uns die Widerhaken erhalten, die uns an die dunklen Kapitel in unserer Geschichte erinnern. Wir brauchen auch die Relikte solcher Zeiten, um uns dazu aus dem Jetzt heraus zu verhalten.“

Das habe seine Grenzen bei Hakenkreuzen oder Hitlerbüsten, aber, so Brosda: „An dem Denkmal lässt sich eine Menge erzählen: Das ist einmal die Ambivalenz der historischen Figur. Das ist aber auch die Haltung der Hamburger Kaufleute, die nach seinem Tod diesen Bismarck errichtet haben, durchaus auch aus Dank für das Schaffen der Kolonialgebiete des Deutschen Reichs, mit denen sich für einige dieser Kaufleute ja durchaus ökonomische Vorteile verbunden haben.“

Ehrung erfuhr der „Reichseiniger“ im späten 19. Jahrhundert Land auf, Land ab (und sogar in Übersee). Mal gab man Statuen in Auftrag, mal ließ man Türme bauen, auch Bäume wurden gepflanzt. Reichte irgendwo der wenig subtile Symbolwert einer „Bismarck-Eiche“ – vom schnöden Zeitgeist so wenig zu beeindrucken wie durch das Wetzen der sprichwörtlichen Wildsau – noch nicht, griff man zu Findlingssteinen, die noch mehr für urwüchsiges Beharrungsvermögen stehen dürften.

Nur ein Denkmal von mehreren

In Hamburg finden sich bis heute Beispiele für beinahe all diese Vorgehensweisen, das markante große Denkmal ist nur eines von mehreren. So steht, grob gesagt, am anderen, westlichen Ende der Reeperbahn, im seinerzeit preußischen Altona, ein sehr viel bescheideneres: Nur etwa lebensgroß wurde Bismarck dort 1898 dargestellt, im Stil auch all der reitenden zeitgenössischen Kaiser-Wilhelm-Figuren. Im ebenfalls erst seit 1937 zu Hamburg gehörenden Bergedorf dagegen entschied man sich 1906 für einen Granitstein mit Bronzemedaillon und Inschrift, ruhend auf drei Säulen.

1906 ist auch das große Hamburger Denkmal eingeweiht worden, errichtet aus 100 Blöcken Schwarzwälder Granits nach Plänen des Architekten Emil Schaudt und des Bildhauers Hugo Lederer.

War es jemals ein Wahrzeichen für die Stadt? Oder gefiel sich die Hanseatenschar doch immer viel zu gut in ihrer angeblichen Distanz zu jenem Reich, das Otto da schmiedete? Hartnäckig jedenfalls hält sich die Fabel, es sei subversiver Humor im Spiel gewesen, als man den alten grauen Mann nun so herum aufstellte, wie er steht: den Blick nach Westen gerichtet – und den Hintern in Richtung Stadt.

Diskussionen gab es von Anfang an: Mit Aby Warburg und Alfred Lichtwark stritten damals allergrößte Namen der Kunstvermittlung darüber, ob dieser abstrahierte, monumentale Bismarck nun gelungener Modernismus sei oder gerade dessen Gegenteil. Andere zankten sich darum, ob Bismarck mit seiner Pose des mittelalterlichen Ritters Roland nicht bestens passe zu einer stolzen Stadt wie Hamburg – oder ob damit ausgerechnet der Bezwinger des Erbfeinds als „französischer Vasall“ dargestellt sei.

Der Hamburger Kunsthistoriker Jörg Schilling hat sich 2006, um das 100-jährige Jubiläum der Statue herum, gründlich mit dem Denkmal beschäftigt. Seine auch als Buch erschienene Dissertation “Distanz halten“ (Wallstein Verlag) zeichnet nach, wie Bismarck insgesamt, und also auch all die ihm gewidmeten Orte und Objekte, nach dem Ersten Weltkrieg zu Projektionsflächen wurden für nationalistische und völkische Kräfte.

Nicht erst die Nationalsozialisten behaupteten später eine angebliche Traditionslinie, indem sie Hitler zum Verwirklicher Bismarck’scher Ideen erklärten. Ist der Hinweis nötig, dass heute so mancher AfD-Promi Bismarck-Devotionalien auf dem Schreibtisch oder an der Wand hat?

Bismarcks letzte Verbündete

Hamburgs Ableger jener Rechtsaußenpartei suchte sich jüngst zu Bismarcks letztem Verbündeten zu stilisieren: Da war das kleine Altonaer Standbild von unbekannten Kritiker*innen mit roter Farbe versehen worden; auch einen Sack bekam er schon über die Pickelhaube gestülpt und einen Strick um den Hals geknüpft. Die AfD nun drehte prompt ein Video, in dem, von sanften Gitarrenklängen begleitet, einer der Ihren diverse Angriffe beklagt: auf „den Kanzler der Einheit“ (!) und überhaupt: unser aller Identität.

Anfällig für derlei Pathos zeigte sich aber auch die örtliche CDU. Die fand es unerträglich, dass die Altonaer Grünen Bismarcks Ehre nicht unverzüglich mit dem Schrubber wiederherstellen lassen wollten. Gereinigt wurde dann doch – und prompt fiel der kleine Bismarck der nächsten Attacke zum Opfer: „Fuck you!“ steht seit einigen Tagen darauf gesprüht.

Symposium später im Jahr

Eine ums Entscheidende andere Vorgehensweise schwebt Hamburgs Kultursenator für den großen Bismarck vor: „Ich habe immer gesagt, wir sollten die Zeit nutzen, in der der Bismarck saniert wird, um einen Umgang mit dem Denkmal zu entwickeln.“ Ende des Jahres soll ein Symposium stattfinden, um „in die inhaltliche Arbeit zu gehen“, so Brosda: „Welches sind die Dimensionen, die berücksichtigt werden können und müssen? Wir haben die Diskussion stark über den Kolonialismus begonnen, aber der ist ja nicht das einzige Thema.“

Folgen soll dann ein künstlerischer Wettbewerb und eine Jury, nicht die Stadt, wird am Ende entscheiden.

Mehr zum Bismarck-Gedenken (nicht nur) in Hamburg lesen Sie in der taz nord am Wochenende – oder hier.

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