Debatte Rechte Klimaleugner

Klimawandel kennt keine Grenzen

Warum leugnen Rechtspopulisten eigentlich so gern die Erderwärmung? Klimawandel ist der empirische Beweis, dass Nationalismus Zivilisation zerstört.

Aus einem Auto werden rechte Flaggen gehalten, dahinter eine schwarze Wolke

International steht die AfD mit ihrer Anti-Klima-Haltung nicht allein da Illustration: Ivonne Kroese

Würde die AfD Wissenschaft als Grundlage für politisches Handeln anerkennen, wäre sie ziemlich doof. Dann verlöre sie nämlich ein echtes politisches Alleinstellungsmerkmal: Die Rechtspopulisten halten die Klimawandel für eine Fiktion und glauben, dass sich die globalen Temperaturen seit den 90ern nicht erhöht hätten. Das ist Quatsch, damit steht die AfD unter den in Parlamenten vertretenen Parteien in Deutschland deshalb auch allein da. Bei anderen unique selling points droht ihr dagegen Konkurrenz: Bei der Elitenfeindlichkeit von der Bild-Redaktion, bei der EU-Feindlichkeit von der Linken, bei der Dieseltrunkenheit von Andreas Scheuer, bei der Xenopohobie von der CSU.

International steht die AfD mit ihrer Anti-Klima-Haltung allerdings nicht allein da, wie eine Studie des Thinktanks Adelphi zeigt. Viele Rechtspopulisten in Europa leugnen den Klimawandel oder scheren sich nicht weiter darum. Extrem ist die Lage in den USA, wo das Land in zwei Lager zerfallen ist. Rechte Republikaner um Präsident Trump und Medien um Fox News auf der einen Seite leugnen den Klimawandel. Auf der anderen Seite stehen große Teile der Demokraten, des Militärs, der Wissenschaft und Medien wie der New York Times oder CNN, die den Klimawandel für eine Bedrohung halten.

Es ist ein ausgeprägtes Phänomen in Industrieländern, dass rechte Parteien Klimawissenschaft ablehnen. Der Kampf gegen die globale Erwärmung enthält zwei Erkenntnisse, die nach ihrer Weltsicht falsch sein müssen. Die erste ist, dass kein Land sein Schicksal allein, ohne Rücksicht auf den Rest der Welt, in die Hand nehmen kann. Denn der Klimawandel kennt keine Grenzen. Ihn zu bekämpfen heißt, in der Kategorie Menschheit, nicht in der Kategorie Volk zu denken. Es bedeutet, für eine Welt einzutreten, in der Staaten Souveränität abgeben, sich helfen und kooperieren, im besten Sinne solidarisch sind, nicht konkurrieren. In dieser Welt müssen Grenzen zwangsweise überwunden werden, weil sie sonst im Chaos versinkt. Der Klimawandel ist der empirisch-naturwissenschaftliche Beweis, dass Nationalismus Zivilisation zerstört und nicht erschafft.

Die zweite Erkenntnis ist für Rechtspopulisten ebenso inakzeptabel: Der Klimawandel bedeutet eine historische Schuld der Industrieländer. Deren Wohlstand und die Geilheit des Materialismus verursachen die größten Klimaschäden ausgerechnet bei denen, die kaum vom Reichtum des Zeitalters fossiler Energien profitierten. Das macht den Klimawandel zu einem generationenübergreifenden ökologischen Kolonialismus: Westlicher Konsum, der von denen bezahlt wird, die künftig oder aktuell unter Dürren, Sturmschäden und steigendem Meeresspiegel leiden. Getroffen werden davon die Bewohner*innen des globalen Südens, die schon unter dem historischen Kolonialismus litten.

Was für eine deprimierende Erkenntnis für jemanden, der in rechten Bahnen denkt: Nicht die nehmen uns was weg. Nein, es verhält sich seit Jahrhunderten andersherum. Und der Klimawandel führt die alten Ungerechtigkeiten in die Zukunft fort. Besser also den Klimawandel als eine Erfindung globaler Eliten abtun, wer auch immer die sein mögen und was auch immer die damit bezwecken. Sonst müsste man die historische Schuld anerkennen und damit die moralische Pflicht einer Wiedergutmachung. Ein echter Kampf gegen die Erderwärmung etwa, unter grausamsten Opfern für uns alle: Urlaub auf Rügen statt auf Sansibar, blaue Solardächer statt Ziegel, lieber mal Gemüse statt Steak, weniger Autos und saubere Luft in den Städten.

Die Skepsis zur Wissenschaft

Wenn man diese Aspekte in einer Diskussion mit Klimaleugnern vorbringt, wird man sie vermutlich vor den Kopf stoßen: Niemand will als unmoralischer Mensch dastehen. Und nicht jeder Klimaleugner wählt AfD. Ich habe schon oft mit ihnen diskutiert. Und meist folgt ein Bombardement mit Studien und Publikationen, die den Klimawandel widerlegt haben wollen. Mal widerspricht er angeblich dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, mal gibt’s eine NASA-Messreihe aus den 90er Jahren, nach der sich die Welt angeblich abkühlt, nicht erwärmt. Manchmal kommen sogar neue Studien, in renommierten Wissenschaftszeitungen wie nature publiziert.

Diese Leute nehmen nur wahr, was zum eigenen Weltbild passt, die ehrliche Skepsis der Wissenschaft wird missbraucht als Beweis, dass der ganze Klimawandel Mumpitz ist. Sie sind extrem elitenskeptisch, das macht sie für rechte Parteien so interessant. Unsere Debatten laufen immer auf einen Kern hinaus: Sie glauben meinen Quellen nicht. Sie haben ihre eigenen Helden, Buchautoren, Blogger, die ihnen eine geschlossene, eigene Welt präsentieren, die irgendwie auch sehr wissenschaftlich klingt. Dass sämtliche wissenschaftlichen Einrichtungen der Welt, egal ob in muslimischen, christlichen oder buddhistisch geprägten Ländern, egal, ob in Ein-Parteien-Diktaturen, Demokratien oder Monarchien, zu der Erkenntnis kommen: Ja, wir haben dieses Klimaproblem – das ist diesen selbst ernannten „Skeptikern“ nicht bewusst. Klimawissenschaft ist keine globale Verschwörung, das wäre angesichts der extrem unterschiedlichen Menschen, die sie betreiben, auch unmöglich. Die haben nur eine gemeinsame Sprache: die der Wissenschaft. Und die ist eben eindeutig.

In den USA sagen Klimaleugner gern Sachen wie: „Ich bin kein Klimawissenschaftler, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Gas mit so geringer Konzentration in der Atmosphäre wie CO2 die Erde erwärmt.“ Barack Obama hat den Satz immer wieder aufgegriffen und sinngemäß erwidert: Ich bin kein Klimawissenschaftler, aber die, die es sind, sagen, dass wir ein fucking großes Problem haben. Diese Erkenntnis zu einer Grundlage seines eigenen politischen Denkens zu machen tut wirklich nicht weh.

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Schreibt seit 2008 für die taz. Beschäftigt sich mit der Frage, ob Kapitalismus auch öko kann. War Korrespondent in Baden-Württemberg, gründete erfolglos ein Magazin und besuchte eine Journalistenschule. Ist außerdem Elektroingenieur.

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