Turbokapitalisten und Rechtspopulisten

Zur Freude der Klimaleugner

Der Klimawandel spielt den Klimaleugnern in die Karten: Er hilft, ihre Klientel zu mobilisieren. Dass dabei die Argumente fehlen, ist ihnen egal.

EIn Mann mit Sonnenhut steht am Strand, auf dem Arm trägt er ein kleines Kind. Vor ihm schippt ein Junge Sand. Die Sonne scheint und taucht alles in gelbes Licht. Die Menschen sind nur an ihren schwarzen Umrissen zu erkennen.

Sonne satt – Klimaleugner behaupten, mit dem Handeln der Menschen habe das nichts zu tun Foto: dpa/Mohssen Assanimoghaddam

Klimaleugner leugnen nicht das Klima, davon hätten sie nichts. Sie leugnen den menschengemachten Klimawandel. Das Wort ist eine falsche Verkürzung, die in den Sprachgebrauch hineingesickert ist: griffig, hart und kalt. Was sich im Sprachgebrauch verankert, ist jedoch gesetzt. Klimaleugner sind Leute, die damit hausieren gehen, dass es so bleiben kann, wie es ist – inklusive Ressourcenverschwendung, Raubbau an der Natur wie auch Konsum- und Wegwerfmentalitität. Turbokapitalisten sind oft Klimaleugner, Trump an vorderster Stelle. Und Populisten, vor allem Rechtspopulisten, sind es auch.

In Deutschland fährt die AfD auf dem Ticket. Viele ihrer Mitglieder leugnen den Klimawandel. Es ist eins der Themen, mit dem sie ihre Klientel mobilisieren. Versprochen wird diesem, dass die Welt besser bleibt, wenn man den Klimawandel ignoriere – und die Leute glauben es. Weil’s bequemer ist und weil die Populisten geschickt vorher geschürte Unrechtsgefühle ihrer Anhänger damit ansprechen.

Wer sich auf Foren von Rechtspopulisten umsieht (die mitunter als seriös getarnt sind), trifft auf eine überbordende Menge an Hassbotschaften gegen Klimaaktivistinnen und -aktivisten, gegen alle, die eine CO2-Steuer einführen, Benzin verteuern, Subventionen des Fliegens abbauen wollen. Klimawandel, das sei nur eine Methode, um neue Steuern zu erheben, die dann den Flüchtlingen zugutekämen, bekommt, wer mit Rechten spricht, schnell zu hören.

Kürzlich wollten AfD-Mitglieder des Bundestags in einer Kleinen Anfrage von der Bundesregierung wissen, wie diese überhaupt darauf käme, dass 97 Prozent aller Wissenschaftler behaupten können, dass der Klimawandel menschengemacht sei. Die Bundesregierung verweist in ihrer Antwort nun auf eine Metastudie von James Powell aus dem Jahr 2016 und die kommt zum Schluss: 97 Prozent ist falsch. Mittlerweile gehen 99,94 Prozent aller Studien davon aus, dass der Mensch die Erderwärmung verursacht hat. Der Faden, an dem sich die Klimaleugner festhalten, wird dünner und dünner.

Flucht und Tod sind auch Folgen des Klimawandels

Das ist ihnen aber egal. Denn Skeptiker des Klimawandels werden trotzdem viel öfter auch in seriösen Zeitungen wie der New York Times oder dem Guardian zitiert, befand eine Studie der University of California, die 100.000 Artikel analysiert hatte. Den Wissenschaftlern zufolge diskreditiere dies fortwährend die Arbeit seriöser Klimaforscher, die seit Jahrzehnten vor den Folgen der Erderwärmung warnen. Ein Punktsieg für die Klimaleugner, denn die Medien arbeiten ihnen damit zu.

Noch aus einem anderen Grund fahren Klimaleugner mit ihrem Mantra, dass Klima immer schon schwankend gewesen sei, gut. Denn der Klimawandel erledigt etwas, das sehr gut in ihre Ideologie passt. Tritt ein, was Wissenschaftler vorhersagen, sind die Folgen der Erderwärmung verheerend, sehr schlimm werden sie für Länder in Afrika und Asien, wo sich dies bereits zeigt. Überschwemmungen, Dürren, ausgetrocknete Flüsse, schrumpfende Gewässer, Desertifizierung, veränderte Niederschlagsverteilung, Missernten, Hunger, schmelzende Gletscher, Starkregen oder gar kein Regen, ein Monsun, der an manchen Orten ausbleibt, an anderen alles überschwemmt.

Zu den Folgen des Klimawandels gehören Flucht und Tod. Der Weltklimarat IPCC warnte schon 2014, dass Kinder und ältere Menschen aufgrund ihrer geringen Mobilität, aber auch ihrer geringeren Nahrungsaufnahme bei Dürren, Hitzewellen und Waldbränden körperlich gefährdet und vom Tod bedroht seien. Erwartet wird, dass viele Kinder an Mangelernährung, Durchfall, Malaria und bei Überschwemmungen sterben. In einem kürzlich veröffentlichten Bericht des UN-Menschenrechtsrats wird bereits davor gewarnt, dass der Klimawandel die Menschenrechte bedrohe und dass er, was in den letzten 50 Jahren in Bezug auf Weltgesundheit und Armutsreduktion erreicht wurde, zunichtemachen könnte.

Es wird Fluchtbewegungen geben aufgrund des Klimawandels, aber die wenigsten Klimaflüchtlinge werden es auf ihrer Odyssee bis in die Industrieländer schaffen. Das mag ein weiterer ein Grund sein, warum die Populisten in europäischen Ländern, die wie die AfD in Deutschland ihre Aussagen mit nationalsozialistischen Wortfindungen wie „Umvolkung“ und „Volksstod“ befeuern, den Klimawandel leugnen. Dies, obwohl Flüchtlingsbewegungen eines ihrer liebsten Bedrohungsszenarien ist.

Die Überbevölkerungsdebatte dient den Rechten

Und es gibt noch einen dritten Aspekt, der in diesen ganzen Brei aus billigen Parolen und falschen Argumentationen der Populisten hineinreicht: die Überbevölkerungsdebatte. Die immer weiter zunehmende Bevölkerung ist manchen Überlegungen zufolge die größte Bedrohung für das Klima. Heute leben laut UN etwa 7,7 Milliarden Menschen auf der Erde. Bis zum Ende des Jahrhunderts, prognostizieren die Vereinten Nationen im World Population Prospects 2019, werden es 10,8 Milliarden Menschen sein. Der Hauptanstieg werde in Afrika geschehen, wo jetzt etwa 1,3 Milliarden Menschen leben. Zum Jahrhundertende sollen es dort 4,1 Milliarden sein.

Es sind nicht nur Rechtsnationalisten und Populisten, die verbreiten, dass die Überbevölkerung eigentlich die größte Gefahr für das Klima sei. Diese Behauptung taucht auch in demokratiefreundlicheren Zusammenhängen auf. Im Sommer etwa machte sich Wolfgang Kubicki von der FDP diese Argumentation zu eigen. Denn solange Populisten den Klimawandel leugnen und damit gewählt werden, passen sich bürgerliche Parteien ihren Forderungen an. Sie erledigen wieder die Arbeit der Rechten.

Die Behauptung, der Bevölkerungszuwachs sei die größte Klimagefahr, ist jedoch widerlegbar. Dort, wo die Geburtenraten am höchsten sind, gibt es die wenigsten CO2-Emmissionen. Ein Mensch in Burundi produziert laut einer Studie von Christian Aid, der offiziellen Hilfs- und Entwicklungsagentur von 41 protestantischen und orthodoxen Kirchen in Großbritannien und Irland, im Jahr 0,027 Tonnen CO2 pro Person. Ein US-Amerikaner verursacht 581 Mal so viel. Ohnehin ist es eine fatale Volte, jenen Ländern nun die Verantwortung für die Klimaerwärmung zuschieben zu wollen, die am wenigsten dazu beigetragen haben. Historisch, so die große private Hilfsorganisation Care, sind die Industrieländer zu 99 Prozent für das Zuviel an CO2 in der Atmosphäre verantwortlich.

Dass sich die Behauptung, die Überbevölkerung sei die größte Gefahr für das Weltklima, dennoch hartnäckig hält, deutet darauf hin, dass es angenehm ist, andere für das Versagen verantwortlich zu machen, um bei sich nichts zu ändern. Der Klimawandel kommt den Klimaleugnern also ganz recht, weil er für die Populisten in den Industrieländern ein Problem löst. Er sorgt dafür, dass Menschen sterben. Und zwar dort, wo eurorassistischer Ideologie zufolge Menschen leben, die wegbleiben oder erst gar nicht geboren werden sollen.

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Seit 2002 bei der taz, erhielt 2005 den Theodor-Wolff-Preis für die Reportage „Schön ist das nicht“, 2011 wurde die Reportage „Die Extraklasse“  mehrfach ausgezeichnet. Mehr unter: www.waltraud-schwab.de

Die Erderwärmung bedroht uns alle. Die taz berichtet daher noch intensiver über die Klimakrise: von den weltweiten Streiks, den Aktionen von Ende Gelände und von der UN-Klimakonferenz. Alle Texte zum Thema unter taz.de/klimawandel.

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