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Correctiv und NSDAP-MitgliederkarteiCopy and Waste

Ann-Kathrin Leclère

Kommentar von

Ann-Kathrin Leclère

Katapult und Correctiv wollten die Suche im NSDAP-Archiv schnell zugänglich machen – ohne Bezahlschranke. Dabei haben sie die Quellenprüfung vergessen.

Ein NSDAP-Mitgliedsbuch Foto: Steinach/imago

D as Ende des „Dritten Reichs“ ist jetzt 81 Jahre her. Datenjournalist*innen, Ent­wick­le­r*in­nen und Ar­chi­va­r*in­nen spielen eine große Rolle dabei, die Erinnerungen daran für die Nachwelt zu erhalten und erfahrbar zu machen. Dass es ein großes Interesse an digitalen Archiven gibt, zeigen die Zugriffszahlen in Millionenhöhe, seitdem das US-Nationalarchiv im März die NSDAP-Mitgliederkartei digital zugänglich gemacht hat. Obwohl das Archiv nicht User-freundlich gestaltet ist, man in die Akten zoomen muss, um überhaupt zu erkennen, um wen genau es hier jetzt eigentlich geht, war die Seite immer wieder wegen Überlastung nicht erreichbar.

Als die Zeit und der Spiegel jeweils eigene Datenbanken mithilfe von KI-Tools aufbauten, die die Millionen an US-Daten dann besser durchsuchbar machten, erhofften sie sich vermutlich eine ähnliche Resonanz. Und sie erhielten international viel Aufmerksamkeit. Unter anderem berichteten BBC, CNN und CBC über die Möglichkeit, nun danach zu suchen, ob die eigene Großmutter oder der Nachbar Mitglied bei der NSDAP war. „Das Tool wurde millionenfach aufgerufen und tausendfach geteilt. Wir haben dazu Nachrichten im vierstelligen Bereich erhalten“, schreibt eine Verlagssprecherin der Zeit auf Anfrage.

Die Datenbanken werden als wichtiges Tool für Erinnerungsarbeit angesehen. Auch das Bundesarchiv stellt schon lange Unterlagen zur Verfügung, wenn man eine Anfrage zu einer konkreten Person stellt – kostenlos. Die digitalen Suchfunktionen von Spiegel und Zeit senken aber die Hürden. Gleichzeitig gibt es auch Kritik: Die Suche steht nur hinter der Bezahlschranke zur Verfügung. Deshalb ist die Idee von Correctiv und Katapult, gemeinsam eine NSDAP-Mitgliederkartei aufzubauen, die kostenfrei zugänglich ist, erst einmal ein begrüßenswerter Schritt. Aber gut gewollt ist nun mal nicht immer gut gemacht.

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Denn kurz nachdem Correctiv und Katapult am 11. Mai die Datenbank veröffentlicht hatten, mussten sie sie auch schon wieder runternehmen. Die Zeit teilte Correctiv nämlich mit, dass die Daten vermutlich von ihnen stammten. Wie konnte das passieren? Katapult und Correctiv haben die Aufbereitung der Daten von dem externen Entwickler Christoph Reith und seinem „brownarchive“ verwendet, das derzeit nicht online zugänglich ist. Es gab „deutliche Hinweise auf Übereinstimmungen“ etwa bei Datensätzen und Kartenbildern, schreibt die Zeit-Verlagssprecherin auf taz-Anfrage.

Vertrauen in journalistische Arbeit sinkt

Correctiv entschuldigte sich inzwischen in einer ausführlichen Mitteilung auf ihrer Website. „Die Veröffentlichung in dieser Form entspricht nicht unseren journalistischen und dokumentarischen Standards“, schreibt Correctiv. Bei Katapult lässt sich bisher keine Erklärung finden, im Newsletter wolle das Magazin darauf aber noch eingehen, schreibt der Herausgeber Benjamin Fredrich der taz. Wie immer bei Fehlern, die Medien machen, ist eine transparente Fehlerkultur besser als nichts, aber: The damage is done.

Die Veröffentlichung von vermutlich geklauten Daten schadet dem Vertrauen in journalistische Arbeit. Gerade bei historischen Archiven und großen Datensätzen müssen Herkunft, Aufbereitung und Kontrolle der Daten nachvollziehbar sein. Wer Millionen Dokumente veröffentlicht, übernimmt Verantwortung für Genauigkeit und Transparenz. Die Daten müssen eingeordnet werden, die Ergebnisse überprüft, besonders wenn sie wie bei diesem 80-Millionen-Karteikarten-Datensatz auch mit KI erzielt wurden. Hat sie die handschriftlichen Namen, Geburtsorte, Tage des Parteieintritts wirklich korrekt entschlüsselt?

Diese Checks sind aufwendig und es braucht Ressourcen: Ent­wick­le­r*in­nen bauen die Datenbanksysteme, Da­ten­jour­na­lis­t*in­nen suchen die Geschichten in den Daten. Vi­sua­li­sie­r*in­nen bereiten die Informationen verständlich auf. Das ist Teamarbeit. Und nur wenige Redaktionen verfügen über die notwendigen Ressourcen. Die Lehre aus dem Fall lautet deshalb: Datenjournalismus muss ausgebaut und finanziert werden. Gute Datenrecherchen entstehen nicht nebenbei. Sie brauchen Fachwissen, technische Infrastruktur und genügend Zeit für Kontrolle. Nur dann können solche Projekte Geschichte zugänglich machen, ohne neues Misstrauen zu erzeugen.

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Ann-Kathrin Leclère
Aus Kassel, lange Zeit in Erfurt gelebt und Kommunikationswissenschaft studiert. Dort hat sie ein Lokalmagazin gegründet. Danach Masterstudium Journalismus in Leipzig. Bis Oktober 2023 Volontärin bei der taz. Jetzt Redakteurin für Medien (& manchmal Witziges).
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16 Kommentare

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  • Aber die US Datenbank war doch schon per OCR erschlossen?Sonst hätte man darin gar nicht suchen können.

  • So schwer kann das ja eigentlich nicht sein, das was die US-Datenbanken da zur Verfügung stellen ist ist ja nichts kryptisches, was die Dateiformate angeht, wenn man da jetzt eine gute Text- und Handschrifterkennung drüber laufen lässt dauert das halt aber KI könnte hier mal helfen.

    • @Axel Schäfer:

      Handschriftlich und Sütterlin stellt für Texterkennung ein großes Problem dar.

  • Mir erschließt sich Sinn und Nutzen dieser großspurig gehypten Veröffentlichungen nicht so recht. Natürlich müssen die Daten zwecks Aufarbeitung der NS-Zeit ausgewertet werden. Aber bitte von Historiker/innen und Sachkundigen und nicht von Freizeitdenunzianten. Okay. Wie sich mein Vater und meine Großeltern in der NS-Zeit verhalten haben weiß ich. War nie ein Geheimnis in der Familie. Alles Weitere interessiert mich nicht. Oder soll ich darüber hinaus meine Vettern und Freunde darüber "aufklären", was ihre Vorfahren evtl getan haben? Oder werden jetzt demnächst Personen des öffentlichen Lebens, die einem persönlich unliebsam sind, mit möglichen Nazi-Verwandten herabgewürdigt?

    • @Thomas Müller:

      Schwamm-Drüber meinen Sie hoffentlich jetzt aber nicht?

      Dass jemand nichts für Naziverwandte kann, ist bekannt. Er/Sie ist allein verantwortlich für den eigenen Umgang mit etwaigen Privilegien dadurch (Familie Quandt-Klatten) oder das eigene Betragen.



      Wenn jetzt der Mythos vom harmlosen Opa endet, kann das nur hilfreich sein für einen gesund realistischen Blick auf damals. Begleitend empfehle ich gute historische Bücher und Einordnungen, etwa bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

    • @Thomas Müller:

      Abwiegeln sein Metier - wa!

      Darum allein gehts ehna doch? Newahr



      Normal

    • @Thomas Müller:

      Ähnliche Gedanken hatte ich auch, als ich das großkotzige SPIEGEL-Titelblatt gesehen habe: "Die Nazi-Kartei / Ist Ihr Opa dabei? / Wie ein Archiv das Land aufrüttelt", und innen dann: "... ein Land muss seine Vergangenheit prüfen": Erinnert ein bissl an den STERN mitte der 1980er, als es anlässlich der Veröffentlichung der angeblichen Hitler-Tagebücher hieß, die Geschichte müsse neu geschrieben werden.

      Darüber hinaus weiß ich von den für mich relevanten Vorfahren "was war", und von wem ich nicht weiß, ob er Mitglied in der NSDAP war oder nicht, ist es mir nach nun mittlerweile 80 Jahren auch scheißegal.

  • Dazu stellt sich noch die Frage, ob jede/r über jeden Auskunft erlangen darf oder ob ggf. noch Persönlichkeitsrechte entgegen stehen?

    • @gundi:

      ich würde sagen:

      1) Fast alle sind nicht mehr am Leben



      2) Öffentliches Interesse.



      3) Schutz persönlicher Geschichte erlischt mit der Zeit - hier über 80 Jahre.

      • @JK83:

        Ob die Neugierde des Nachbarn unter "Öffentliches Interesse" fällt?

      • @JK83:

        Ganz so einfach ist es nicht. Schließlich haben Vorwürfe vom Kaliber "Dein Opa hat..." durchaus Konjunktur, obwohl natürlich niemand etwas für die Taten seiner Vorfahren kann.

  • Was mich stört, ist nicht der Wunsch, Geschichte sichtbar zu machen, sondern der Eindruck, dass bei Correctiv in diesem Fall über Eile und missionarischen Eifer die journalistischen Standards gestellt wurden. So etwas schadet letztlich nicht nur dem eigenen Ruf, sondern dem Vertrauen in die Presse insgesamt – besonders bei Themen wie Rechtsextremismus und Nationalsozialismus, bei denen Genauigkeit und Quellenklarheit elementar sind

    Fehler passieren – und es ist richtig, dass Correctiv inzwischen Fehler einräumt und das Tool überarbeitet. Aber eine medienkritische Öffentlichkeit hat zu Recht Fragen danach, wie oft journalistischer Übereifer zu Ungenauigkeiten führt und wie daraus gelernt wird. Gerade bei historisch wertvollen Daten sollte der Anspruch auf Transparenz und saubere Quellenprüfung immer im Vordergrund stehen.

  • Alles soll immer einfacher, schneller, billiger gehen. Sorgfalt, Gewissenhaftigkeit, Mühen, - bah. Langwierig, teuer, braucht kein Mensch. Und dann in Nullkommanix durch die Social-Media Kanäle. In einem Internet, das nie vergisst.



    Umso wichtiger muss gutes journalistisches Handwerk heute sein. Schnelle Klick-Events bekommt man überall.

  • Die Daten gehören allen. Dass Spiegel und Zeit hier ein Abo-Geschäft daraus machen - geschenkt. Katapult und Correctiv haben nur das gemacht, was man seit Jahren vom Bundesarchiv erwarten könnte.

    • @Hannes Hegel:

      Genau und wenn die das nicht hinbekommen hätte man Landesarchive oder die Bundeszentrale für politische Bildung fragen können ob die das nicht hinbekommen.

  • Kommt der Hype um die Nazikartei nicht so und so ein paar Jahrzehnte zu spät? Ist ja nicht so, dass es nicht genug aktuelle Nazis gibt, mit denen wir uns umschlagen müssen.



    Die Toten sind zwar nicht uninteressant, aber aktuell nicht das große Problem.