NSDAP-Mitgliederkartei: Parteilose Mörder
Es ist wichtig, dass die NSDAP-Kartei jetzt digital zugänglich ist. Das Problem ist aber: Viele Täter waren gar nicht Mitglied der Nazi-Partei.
W ar Opa ein Nazi? Die Frage beschäftigt derzeit viele Leute. Das US-Nationalarchiv, das die NSDAP-Mitgliederkartei (fast) vollständig verwahrt und nun digital zugänglich gemacht hat, verzeichnet seit dem Start bereits über 1,5 Millionen Aufrufe. Die Zeit bietet, begleitet von einer großen Marketingkampagne, ein ähnliches Such-Tool an – natürlich hinter der Bezahlschranke, um mit Vergangenheitsbewältigung fragwürdigerweise Geld verdienen zu können.
Zweifellos ist der einfache Zugang zur Nazi-Mitgliederkartei ein großer Fortschritt. Lügen und Selbstbetrug lassen sich jetzt leicht entlarven. In vielen deutschen Familien dürften Opa und Uropa, vereinzelt auch Oma und Uroma, jetzt in anderem Licht erscheinen, denn nach 1945 war die Beschönigung der eigenen Biografie Volkssport.
Eine Mitgliedschaft wurde geleugnet oder der Eintritt nach hinten verlegt, weil als Faustregel galt: Je später der Eintritt erfolgte, desto kleiner die eigene Überzeugung und desto größer der eigene Opportunismus. Und, so die Lesart, sind wir nicht alle irgendwie Opportunisten?
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So ganz falsch ist das mit Blick auf eine NSDAP-Mitgliedschaft nicht, und genau das zeigt den Schwachpunkt der derzeitigen Kollektivrecherche auf: Nicht jedes NSDAP-Mitglied war überzeugter Nazi, sondern Mitläufer, um etwa den kleinen Beamtenposten zu retten.
Umgekehrt waren viele, die monströse Schuld auf sich geladen haben, nie Mitglied: Da sind, nur als Beispiel, die eigentlich unpolitischen Polizeibataillone, die unter dem Dach der SS an der Ermordung von Tausenden Juden, Polen und Russen „im Osten“ beteiligt waren. „Ganz normale Männer“ waren das, wie der Historiker Christopher Browning schon vor über 30 Jahren nachwies. Zu nennen sind auch jene ganz normalen Wehrmachtssoldaten, die sich an Kriegsverbrechen und am Holocaust beteiligten.
Die Recherche in der NSDAP-Mitgliederkartei ist ein wichtiger Baustein, um Licht in das Dunkel der Biografien der Vorfahren zu bringen. Um die Frage von Schuld und Verstrickung umfassend zu beantworten, sind aber weitere Familienrecherchen nötig – und der Blick dahin, wo es richtig wehtut.
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