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NSDAP-MitgliederkarteiParteilose Mörder

Kommentar von

Gunnar Hinck

Es ist wichtig, dass die NSDAP-Kartei jetzt digital zugänglich ist. Das Problem ist aber: Viele Täter waren gar nicht Mitglied der Nazi-Partei.

Wer war damals schon dabei? Veranstaltung der NSDAP mit dem Führer in Berlin im Februar 1933 Foto: Keystone/Zuma/imago

W ar Opa ein Nazi? Die Frage beschäftigt derzeit viele Leute. Das US-Nationalarchiv, das die NSDAP-Mitgliederkartei (fast) vollständig verwahrt und nun digital zugänglich gemacht hat, verzeichnet seit dem Start bereits über 1,5 Millionen Aufrufe. Die Zeit bietet, begleitet von einer großen Marketingkampagne, ein ähnliches Such-Tool an – natürlich hinter der Bezahlschranke, um mit Vergangenheitsbewältigung fragwürdigerweise Geld verdienen zu können.

Zweifellos ist der einfache Zugang zur Nazi-Mitgliederkartei ein großer Fortschritt. Lügen und Selbstbetrug lassen sich jetzt leicht entlarven. In vielen deutschen Familien dürften Opa und Uropa, vereinzelt auch Oma und Uroma, jetzt in anderem Licht erscheinen, denn nach 1945 war die Beschönigung der eigenen Biografie Volkssport.

Eine Mitgliedschaft wurde geleugnet oder der Eintritt nach hinten verlegt, weil als Faustregel galt: Je später der Eintritt erfolgte, desto kleiner die eigene Überzeugung und desto größer der eigene Opportunismus. Und, so die Lesart, sind wir nicht alle irgendwie Opportunisten?

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So ganz falsch ist das mit Blick auf eine NSDAP-Mitgliedschaft nicht, und genau das zeigt den Schwachpunkt der derzeitigen Kollektivrecherche auf: Nicht jedes NSDAP-Mitglied war überzeugter Nazi, sondern Mitläufer, um etwa den kleinen Beamtenposten zu retten.

Umgekehrt waren viele, die monströse Schuld auf sich geladen haben, nie Mitglied: Da sind, nur als Beispiel, die eigentlich unpolitischen Polizeibataillone, die unter dem Dach der SS an der Ermordung von Tausenden Juden, Polen und Russen „im Osten“ beteiligt waren. „Ganz normale Männer“ waren das, wie der Historiker Christopher Browning schon vor über 30 Jahren nachwies. Zu nennen sind auch jene ganz normalen Wehrmachtssoldaten, die sich an Kriegsverbrechen und am Holocaust beteiligten.

Die Recherche in der NSDAP-Mitgliederkartei ist ein wichtiger Baustein, um Licht in das Dunkel der Biografien der Vorfahren zu bringen. Um die Frage von Schuld und Verstrickung umfassend zu beantworten, sind aber weitere Familienrecherchen nötig – und der Blick dahin, wo es richtig wehtut.

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ist Redakteur im taz-Ressort Meinung.
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9 Kommentare

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  • Wenn es uns nur das bringt, daran zu erinnern, wie auch nette Opas sich überanpassten oder auch überzeugt waren, wie sie an der Wolga wüteten, nach entsprechender jahrelanger Abrichtung und Abstumpfung ... Wie wir Gutes wie Böses als Potenzial in uns haben und Widersprüche die Regel sind.

  • ... denn nach 1945 war die Beschönigung der eigenen Biografie Volkssport.



    ----



    Bekannt! Von "Wenn DAS der Führer wüsste!" zum "Wir haben nichts gewusst!" war der Weg recht kurz! Nie viel länger als der Wechsel zw. Reichswehr & Alliierten! :-(



    Doch war eine NSDAP Mitgliedschaft gleich aus welchem Grund wichtig?



    Mal kurz die Zahlen der Nazis aus dieser Zeit:



    06.1932 = 37,3 % + 19 %



    11.1932 = 33,1 % - 4,2 %



    03.1933 = 43,9 % + 10,8 %



    Nachdem KPD usw. Abgeordnete "in Schutzhaft" kamen, die Mehrheit!



    11.1933 = 92,11 % NUR 7,89 % ungültige Stimmen!

    Bei aller "Rücksicht" auf die Parteien & Menschen die noch "widerstanden", lässt das o.a. NUR den Schluss zu:



    "Die Wahlbürger um die o.a. Zeit wollten die NSDAP & Hitler!"



    Unabhängig ob DIE innerhalb oder außerhalb der Nazipartei standen! :-(



    Btw: "Mein K(r)ampf" war schon im Handel zu kaufen. Die "Sprüche" bei den Wahlen waren auch bekannt, ...



    Also den Satz: "Konnten wir doch nicht ahnen!" mussten jeder "Glauben" wollen! :-)



    Ps. Scheint sich, wenn wir uns die Wahlergebnisse & Umfragen so anschauen, wieder möglich zu sein! :-(



    Pps. "Nur die aller dümmsten "Kälber wählen ihren Metzger selber!" (c) B.Brecht zugeschrieben,"Kälbermarsch!"

  • Was soll das bringen, von den wirklichen Tätern lebt keiner mehr. Ich wusste, dass meine Opas in der NSDAP waren, das war und ist mir immer egal - sie waren und sind immer noch meine Vorbilder (natürlich nicht wegen der Parteimitgliedschaft).

    • @FraMa:

      Ich verstehe nicht warum Familienmitglieder Vorbilder sein müssen. Sie sind ja nur Menschen nicht besser und nicht schlechter als andere. Ich finde man sollte daher kritischer und distanzierter seine Familie bewerten und sie nicht positiver sehen als sie sind, nur weil sie Teil deiner Familie sind.

  • Das die Zeit die Suche hinter der Bezahlschranke hat, ist verständlich, zumal sie den Zugang aufgearbeitet hat. Man kann aber auch ein Null Euro Probeabo starten und dann die Kündigung nicht vergessen.



    .



    Was macht die Suche mit den Leuten? Die die jetzt trotz „Blick dahin, wo es richtig wehtu[n könnte]“ keinen Nazi in der Familie finden, sind jetzt die Erhabenen, gegen die, die damals verstrickt waren. Ein Gefühl der moralischen Überlegenheit, wohlig genossen im Sessel mit Blick nach draussen. Oder?



    .



    Interesse ist da. Aber wer interessiert sich warum? Die Boomer wegen der Familienforschung, die Millenials sind gerade busy, die Gen Z hat was anders zu tun, als eine Schuld aus fast 100 Jahren alten Dateien abzuleiten. Oder?

    • @fly:

      ... die Gen Z hat was anders zu tun, als eine Schuld aus fast 100 Jahren alten Dateien abzuleiten. Oder?



      ----



      Richtig gesehen. Die o.a. wählen deshalb wieder die "gleichen Ansätze", weil sie aus unserer Geschichte nicht lernen können, wollen, oder die gar nicht mehr kennen! :-(



      Ist ja 100 Jahre her! Was interessiert mich das denn. Hat doch "keinen" realen Bezug mehr zu unserer Jetzt-Zeit! :-(((

  • 1. finde ich es ok, wenn die Zeit, einen Euro für ein Probeabo verlangt, durch das man dann Zugriff auf eine Datenbank hat, deren Bearbeitung und Bereitstellung bestimmt auch nicht umsonst war.



    2. Wenn man davon ausgeht, dass alle Menschen normal sind, ergibt der Hinweis, dass auch „normale Männer…normale Wehrmachtssoldaten“ an Ermordungen beteiligt waren keinen Sinn.



    Erschreckend ist doch, dass so viele bereit waren, sich an den Ermordungen zu beteiligen, die dann nie bestraft wurden.



    3. waren auch Frauen an den Ermordungen in der Nazizeit beteiligt.



    4. dürfte der Zeitpunkt für intensive Familienrecherchen ohne besonders großen für die meisten Familien verstrichen sein.



    5. habe ich nach meinem Einblick in die Kartei verstanden, warum mein Opa, ein eingefleischter Sozialdemokrat, keinen Kontakt zu seinem Bruder mehr hatte, der am 5.9.1939 in die NSDAP eingetreten war. Es wurde nie drüber gesprochen.

  • Danke. Greif nur mal das wg eigenem Erleben*45 post WK II heraus.



    “Umgekehrt waren viele, die monströse Schuld auf sich geladen haben, nie Mitglied: Da sind, nur als Beispiel, die eigentlich unpolitischen Polizeibataillone, die unter dem Dach der SS an der Ermordung von tausenden Juden, Polen und Russen „im Osten“ beteiligt waren. „Ganz normale Männer“ waren das, wie der Historiker Christopher Browning schon vor über 30 Jahren nachwies.…“



    So normal - zB Mitglieder PolizeiBtl - HH 101 - taten - wiede!! - wie zuvor ganz normalen Streifendienst - durch die Bank ausgewiesene Mörder - waren die “Hein Zackig“ Bullerei meiner Jugend!



    Das galt auch für die PoliizeiOffiziere als Polizeiräte.



    Einer - der Vater meiner Freundin, ich ging dort ein&aus holte seine Tochter mal ab.



    “Den bringst du bitte aber nicht wieder in die Familie “Küß die Hand Gnädige Frau & Hackenzusammenschlagen, nicht so meins!“



    Unsere alte Dame*04



    & damit aber nicht genug



    StA Böttcher (Sohn dann StA zu Barschel) ermittelte gegen “den Rat“ wg Partisanen Erschießungen in Yogoslavia!



    Das nahm meine spätere Tätigkeit als junger Richter für KriegsfolgenR vorweg:



    “Ich war dort nie!“ “Ich hatte Urlaub“ -



    Namensverwechslung ff

  • Immerhin haben die Amis damit im Gegensatz zu den hiesigen Dateiverwaltern einen einfachen basisdemokratischen Zugang zu den Parteiajten aus alten Zeiten geschaffen. Vielleicht führt das dann ja auch in unserer Bürokratierepublik noch zu einem Umdenken bei den Zugangsprozessen für öffentliche Archive. Wen interessiert noch wer was warum abfragt, wenn die Inhalte diverser Archive über ausländische Anbieter einfach per Mausklick geordert werden können?