Coronamythen und Fakten (1): „Lockdown schadet mehr“

Kritiker argumentieren, der Lockdown koste mehr Lebensjahre, als durch die Politik gerettet würden. Das ist falsch.

Ein Mann geht an einem Schaufenster, das durch ein Rolltor abgesperrt ist, vorbei

Der Lockdown wie hier in der Innenstadt von Duisburg führt zu einem Konjunktureinbruch Foto: Fabian Strauch/dpa

Die These, dass der Lockdown mehr Lebensjahre koste, als dadurch gewonnen werden, hat einen prominenten Vertreter: den Finanzwissenschaftler Bernd Raffel­hü­schen. Er ist Professor in Freiburg, leitet das angeschlossene Forschungszentrum Generationenverträge und ist bekannt als Kritiker des Rentensystems und Sozialstaats.

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Pünktlich vor den Pandemiemaßnahmen im November griff die Bild-Zeitung Raffel­hü­schens Berechnungen mit der Schlagzeile auf: „Experte rechnet vor: Corona-Lockdown kostet uns 3,8 Mio. Lebensjahre. Der Lockdown im Frühjahr hat offenbar mehr gesundheitlichen Schaden angerichtet als verhindert!“ Verbreitet wurden die Berechnungen in den sozialen Netzwerken, auch der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer griff in politischen Diskussionen darauf zurück.

Hier lohnt, wie so oft, ein Blick in die genauen Ausführungen des Wissenschaftlers, veröffentlicht unter anderem im Wirtschaftsmagazin WiSt und im Blog „Wirtschaftliche Freiheit“. Raffel­hü­schens Berechnungen liegt eine statistische Korrelation zugrunde: In der Vergangenheit stieg in Deutschland die Lebenserwartung stetig an, während gleichzeitig die Wirtschaftsleistung zunahm. Diese Beobachtung nutzt Raffel­hü­schen, um einen konkreten Zusammenhang zu kalkulieren: 1 Prozent Wirtschaftswachstum würde eine zusätzliche Lebenszeit von 27 Tagen pro Person bedeuten. Woraus bei ihm umgekehrt folgt, dass es entsprechende Lebenszeit kostet, wenn die Konjunktur einbricht.

Die Coronakrise wird in diesem Jahr voraussichtlich zu einem Minuswachstum von 5,1 Prozent führen, wie das ifo-Institut am Mittwoch prognostizierte. In der Logik Raffel­hü­schens würde dies bedeuten, dass in Deutschland 83,1 Millionen Einwohner 137,7 Lebenstage pro Person verlieren, was dann kumuliert ergibt, dass 31,35 Millionen Lebensjahre abhanden kommen. Dass in der Bild nur von 3,8 Millionen fehlenden Lebensjahren zu lesen war, liegt daran, dass Raffelhüschen damals alternativ noch von einem „extrem optimistischen Konjunktureinbruchsszenario“ ausging.

Es ist eine absurde Situation: Die Corona-Infektionen und -Todesfälle in Deutschland steigen auf immer neue Höchststände. Doch ob bei Demonstrationen oder im Internet: Weiterhin werden wissenschaftliche Fakten angezweifelt oder komplett bestritten.

Die taz hat sich darum die wichtigsten Behauptungen der Corona-Skeptiker und -Leugner noch einmal vorgenommen und erklärt in diesem Dossier knapp und verständlich, warum diese nicht überzeugend sind. Wir wollen damit allen, die selbst Zweifel haben, Fakten präsentieren, die helfen, diese zu zerstreuen.

Alle Texte gesammelt finden Sie unter taz.de/coronamythen.

Das Dossier kann man sich hier auch kostenlos als PDF downloaden.

Am Freitag, 18. Dezember, werden wir Ihnen ab 19 Uhr zudem in einem Video-Talk Fragen zum Thema beantworten.

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Raffelhüschen glaubt, dass es nicht zu einem Konjunktureinbruch gekommen wäre, wenn man weltweit auf Lockdowns verzichtet hätte. Aus seiner Sicht hat man also durch die Pandemiemaßnahmen in Deutschland 31,35 Millionen Lebensjahre geopfert – um nur einen Bruchteil von Lebensjahren zu retten. Raffelhüschen hat nämlich berechnet, was der Frühjahrs-Lockdown in der Bundesrepublik gebracht hat. Sein Ergebnis: Damals habe man maximal 556.000 zusätzliche Lebensjahre ermöglicht, weil vor allem ältere Menschen nicht an Covid-19 gestorben seien.

Der Lockdown im Frühjahr sei daher unverhältnismäßig gewesen, findet Raffelhüschen. „Wir leben nicht davon, dass wir uns gegenseitig umeinander kümmern, sondern wir leben davon, dass wir ökonomischen und technischen Fortschritt generieren“, sagte er der rechtskonservativen Preußischen Allgemeinen Zeitung im Sommer in einem Interview.

In der Wissenschaft haben Raffelhüschens Berechnungen keinerlei Widerhall gefunden. Dafür gibt es Gründe. Erstens: Der Zusammenhang zwischen Wirtschaftsleistung und Lebenserwartung ist keineswegs so eng, wie Raffelhüschen es suggeriert. So sind die USA das reichste Land der Welt, dennoch stagniert die Lebenserwartung dort schon seit Jahren. Umgekehrt gibt es relativ arme Staaten wie Portugal oder Chile, wo die Lebenserwartung dennoch sehr hoch liegt.

Zweitens: Es ist falsch zu unterstellen, dass es ohne Lockdown keinen Konjunktureinbruch gegeben hätte. Dies zeigen Studien über den Verlauf der Spanischen Grippe ab 1918. Städte, die damals auf einen rigiden Lockdown setzten, kamen ökonomisch besser durch die Pandemie als Orte, die den Laissez-faire praktizierten.

Drittens: Raffelhüschens Rechnung basiert darauf, dass die deutsche Wirtschaft durch den Lockdown auf Dauer geschädigt bleibt. Das ifo-Institut prognostiziert aber, dass es 2021 zu einem überdurchschnittlichen Wachstum von 4,2 Prozent und 2022 zu einem beachtlichen Plus von 2,5 Prozent kommen wird. Raffel­hü­schen kann also ganz entspannt bleiben. In seiner Logik büßen die Bundesbürger nicht etwa 137,7 Lebenstage ein – sondern gewinnen bis 2022 insgesamt 35,1 Tage hinzu. Trotz Coronakrise.

Die Schäden eines Lockdowns fallen aber nur dann relativ gering aus, wenn man, wie die Industrieländer, die nötigen Kredite für Konjunkturpakete aufnehmen kann und ein soziales Netz hat. Die ärmeren Staaten im globalen Süden werden hingegen hart getroffen. Die Entwicklungsorganisation Oxfam schreibt, dass ein Drittel der Weltbevölkerung in der Pandemie keinerlei finanzielle Unterstützung erhalte. Von 100 Dollar, die reiche Länder für die Unterstützung ihrer Bevölkerung aufwendeten, gingen gerade einmal 5 Cent in Entwicklungsländer.

Oxfam-Ernährungsexpertin Marita Wigger­thale spricht von einer „Krise in der Krise“, die Welternährungsorganisation FAO von einer „toxischen Kombination aus Konflikten, ökonomischem Abschwung, Klimaextremen und der Pandemie“ und warnt vor Hungersnöten in Burkina Faso, dem Nordosten Nigerias, Südsudan und Jemen. Oxfam warnt, dass zusätzlich in Somalia, Äthiopien, Kenia, Tansania, Ruanda und Uganda aufgrund des Wetterphänomens „La Niña“ bald Niederschläge fehlen. Die Regionen kämpfen immer noch mit den Folgen schwerer Überschwemmungen und der schwersten Wüstenheuschreckenplage seit Jahren. Das Zusperren lokaler Märkte habe bereits in der ersten Welle zahlreiche Menschen in Not gestürzt, etwa weil bäuerliche Produzenten auf ihren Lebensmitteln sitzen blieben, wie Wigger­thale schreibt.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, nämlich fehlende Impfungen etwa gegen Masern. Diese können sich in Entwicklungsländern schnell tödlich auswirken. Bereits im Juli warnten Unicef und die WHO, dass zahlreiche Impfprogramm ausfielen. Davon seien nun zwar einige wieder angelaufen, sagt eine Sprecherin von Unicef, doch noch immer hätten 45 ärmere Länder ihre Impfprogramme unterbrochen. Im vergangenen Jahr kam es in der Demokratischen Repu­blik Kongo zu einem Masernausbruch, weil die Impfraten wegen der Konflikte dort nach unten gingen. Binnen wenigen Wochen starben 6.000 Kinder. Unicef fürchtetet, dass durch geplante Impfungen gegen Covid-19 die Kapazitäten für herkömmliche Impfungen nicht mehr ausreichten. Man dürfe im Kampf gegen die eine tödliche Krankheit nicht den Kampf gegen andere vergessen, warnte kürzlich Unicef-Exekutivdirektorin Henrietta Fore.

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