Corona-Epidemie in Deutschland: Der Disput der Virologen

Der eine hat tolle News aus der Forschung im besonders vom Virus betroffenen Kreis Heinsberg. Der andere zerreißt diese Neuigkeiten in der Luft.

Aufnahme eines menschenleeren Städtchens.

Forschungsobjekt: die Gemeinde Gangelt im Kreis Heinsberg Foto: Oliver Berg/dpa

BERLIN taz | Es war der Gründonnerstag der Naturwissenschaftler. Virologen, Infektiologen, Hygieniker, Pharmakologen, Epidemiologen – bald keine der zahlreichen digitalen Pressekonferenzen am letzten regulären Arbeitstag vor dem Osterwochenende kam ohne sie, ihre neuesten Forschungsdaten, Einschätzungen und Prognosen zur Verbreitung des Coronavirus in der Bevölkerung, seiner Gefährlichkeit, aber auch seiner möglichen Beherrschbarkeit durch das Gesundheitswesen aus.

Aus gutem Grund: Nach Ostern will die Bundesregierung bekannt geben, ob und in welchem Umfang die seit bald drei Wochen andauernden, drastischen Einschränkungen des öffentlichen Lebens gelockert werden. Diese politische Entscheidung wird – auch – von den Daten der Wissenschaftler beeinflusst werden. Doch diese Daten sind, dies vorweg, noch unvollständig und vor allem: unterschiedlich interpretierbar.

Klingt unbefriedigend? Nicht unbedingt. Der Reihe nach.

Zunächst das Neue: Am Donnerstagmorgen trat in Düsseldorf der Virologie-Professor Hendrik Streeck vor die Presse und stellte, wie er betonte, „Zwischenergebnisse, deren Verallgemeinerung sehr schwierig ist“ zu dem Forschungsprojekt „Covid-19 Case-Cluster-Study“ vor. Diese Studie hatten Streeck und ein interdisziplinäres Team des Universitätsklinikums Bonn in den vergangenen Wochen durchgeführt in der Gemeinde Gangelt im Kreis Heinsberg.

Heinsberg gilt als so genannter Corona-Hotspot und ist einer der am frühesten und stärksten von der Pandemie erfassten Gebiete in Deutschland. Streeck und seine Kollegen untersuchen dort zurzeit rund 1.000 Einwohner in 400 Haushalten; sie testen diese Menschen per Rachenabstrich einerseits auf akute Infektionen, mittels Blutuntersuchungen aber auch darauf, ob die Personen bereits eine Infektion durchgemacht haben und folglich immun sind.

Der Zwischenstand, den Streeck nun am Donnerstag präsentierte, und den die Politik bei ihren anstehenden Entscheidungen zumindest im Hinterkopf haben dürfte, beruht auf den Auswertungen der Ergebnisse von 509 untersuchten Personen, also etwa der Hälfte aller Probanden.

Eine super Botschaft, könnte man meinen

Für die Gemeinde Gangelt seien die Daten „repräsentativ“, so Streeck; bundesweit allerdings besäßen sie wenig Aussagekraft, jede Region sei zu verschieden. In Gangelt aber, so viel sei klar, hätten 15 Prozent aller Einwohner eine Infektion mit dem Virus – bemerkt oder unbemerkt – bereits durchlaufen und seien nun für mindestens 6 bis 18 Monate immun. Sie seien damit weder ansteckend, noch könnten sie angesteckt werden. Eine super Botschaft, konnte man meinen, zumindest auf den ersten Blick.

Virologe Hendrik Streeck mit Ministerpräsident Armin Laschet vor der Verkündung seiner Ergebnisse Foto: Federico Gambarini/dpa

Dann aber erklärte Streeck: Die so genannte Herdenimmunität, also die Rate durchgemachter Infektionen in der Bevölkerung, ab der Virologen davon ausgehen, dass die Epidemie verschwindet, weil Ansteckungen kaum noch möglich sind, liege mit 60 bis 70 Prozent natürlich und weitaus höher als die für Gangelt festgestellten 15 Prozent. Also keine Entwarnung.

Doch immerhin: die Zuwachsraten der Neuinfektionen wiesen eine fallende Kurve aus, was zusätzlichen Mut mache und auf eine verlangsamte Verbreitung des Virus schließen lasse. Auch habe man herausgefunden, dass Kinder kaum ernsthaft erkrankten. Noch eine gute Nachricht also. Und bei Erwachsenen habe die Zahl der übertragenen Erreger offenbar einen Einfluss auf den Schweregrad der Erkrankung, sagte Streeck. Heißt so viel wie: Wer konsequent Abstand hält und, sollte er dennoch angehustet werden, entsprechend nur wenige Erreger aufnimmt, kann auf einen milderen Verlauf hoffen.

Dazu komme: Wer einmal eine Infektion durchgemacht habe, dessen Körper sei – anders als etwa bei dem Aids-Erreger HIV – das Virus ein für allemal los. Auch das fanden die Wissenschaftler heraus. Lediglich etwa 0,37 Prozent der Infizierten in Gangelt starben ihrer Studie zufolge; die Johns-Hopkins-Universität geht dagegen für Deutschland von einer fünffach höheren Quote aus (1,98 Prozent).

Spätestens da konnte man zaghafte Hoffnung schöpfen, dass Licht am Ende des Coronatunnels zu sehen sei.

Noch mehr gute Nachrichten

Aber es kam noch besser: Streeck, der Wissenschaftler, ging sogar so weit, anzudeuten, dass angesichts der nun vorliegenden Daten aus seiner Sicht und möglicherweise mit einer Rücknahme der ersten strengen Auflagen begonnen werden könne, sofern, ja sofern die Bürgerinnen und Bürger weiterhin konsequent die Hygieneregeln (Hände waschen, Husten-Etikette, Zwei-Meter-Abstand) einhielten.

Aber dazu, dachte man, wäre man ja sowieso, gern und immer bereit, wenn, ja wenn denn damit verbunden eine Lockerung in Aussicht sei. Und ganz gewiss würden die Worte des Wissenschaftlers ja von der Politik gehört werden.

Die zaghafte Euphorie hielt sich aber nur exakt eine Stunde.

Die Gegenmeinung des Professor Drosten

Da nämlich wandte sich, in einer anderen digitalen Pressekonferenz, organisiert vom Kölner Science Media Center, Christian Drosten, der Chefvirologe der Berliner Charité und daneben Berater der Bundesregierung, an die Öffentlichkeit. Und er zerstörte nun mit wenigen kleinen, vernichtenden Sätzen, vorgetragen mit der ihm eigenen, charmanten Unaufgeregtheit, das kleine Fünkchen Hoffnung, das sein Kollege Streeck von der Uni Bonn (dort übrigens Drostens Nachfolger) zuvor verbreitet hatte.

Satz eins ging so: „Man kann aus dieser Pressekonferenz (gemeint war die von Streeck) gar nichts ableiten.“ Satz zwei lautete: „Man braucht erstmal ein Papier.“ (Diese Kritik bezog sich auf den Umstand, dass Streeck seine Zwischenergebnisse einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt hatte, ohne zuvor offenbar der Scientific Community einen Bericht vorgelegt zu haben.) Die weiteren Sätze säten sodann Zweifel an der Seriosität der Untersuchung bezogen auf das Sample, die Testung und die Interpretation der Daten.

Immerhin bei einer Aussage stimmte Drosten Streeck zu: Wer die Infektion überstanden habe, von dem gehe kein Erkrankungsrisiko und keine Ansteckungsgefahr mehr aus. „Da wäre ich schon so mutig zu sagen, ab jetzt kriegt diese Person den grünen Armreif“, sagte Drosten und lachte. Wer immun sei, könne beispielsweise „ohne Vermummung“ an der Rezeption einer Klinik arbeiten.

Bleibt skeptisch: Deutschlands mittlerweile bekanntester Virologe Christian Drosten Foto: Michael Kappeler/reuters

Was Forschung leisten muss, die Drosten befürwortet (und an der er sich beteiligt), konnte man, wiederum eine Stunde später, aus der beim Nachrichtensender Phoenix übertragenen Bundespressekonferenz aus Berlin erfahren.

Dort verlas Lothar Wieler, der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI) zunächst wie bald jeden Tag öffentlich die „schnöden Zahlen“ (Wieler über die Forschungsdaten seiner Behörde) zu Gesamt-Infizierten (108.202), Neu-Infizierten (4974) und Todesfällen (2107). Dann aber konnte er vermelden: Das RKI wird ab der kommenden Woche in Zusammenarbeit mit der Berliner Charité und dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung aus Braunschweig mit groß angelegten, bundesweiten repräsentativen Untersuchungen beginnen.

Diese sollen, so Wieler, Antworten auf drei drängende Fragen geben. Erstens: Wie viele Menschen in Deutschland haben die Infektion mit dem Coronavirus, bemerkt oder unbemerkt, bereits durchgemacht – und sind insofern immun? Zweitens: Wie hoch ist der Anteil so genannter asymptomatischer Fälle, also Erkrankungen, die unbemerkt verlaufen? Und drittens: Wie viele Menschen sind tatsächlich an der Infektion gestorben – und nicht etwa an einer anderen, parallelen Erkrankung?

Suche nach lebensrettenden Informationen

Mit den Antworten, so Wieler, werde sich nicht bloß der Verlauf und die Schwere der Epidemie besser beschreiben lassen. Auch die Effektivität der getroffenen, strikten Maßnahmen wie social distancing oder Schulschließungen könne so besser bewertet werden. Nicht zuletzt wäre dann klar, wer – weil er selbst andere nicht mehr anstecken könne, aber auch nicht mehr von anderen angesteckt werden kann – problemlos Kontakt haben dürfe zu besonders gefährdeten Menschen mit hohem Erkrankungsrisiko, etwa in Kliniken oder Pflegeheimen. Letztendlich, das machte Wieler klar, kann die Information über eine vorhandene Immunität also lebensrettend sein.

Ob eine Person immun sei, erklärte der RKI-Präsident, könne mit so genannten Antikörpertests gezeigt werden. Dabei wird im Blut untersucht, ob der Körper als Reaktion auf das Virus Antikörper gebildet hat. Als Faustformel gilt: Bei neun von zehn Patienten, die sich mit dem Virus angesteckt haben, bilden sich spätestens im Laufe der zweiten Woche nach der Infektion Antikörper.

Entsprechende Labortests seien erst seit kurzem verfügbar. Die Antikörpertests seien überdies nicht zu verwechseln mit den so genannten PCR-Tests, die seit Monaten in Deutschland in großem Stil eingesetzt werden, aber nur darüber Auskunft geben können, ob eine Person zum Zeitpunkt des Tests akut infiziert ist.

Wieler und die kooperierenden Universitätskliniken planen nun gleich drei große Antikörper-Studien. Die erste, die in der kommenden Woche startet, wird alle 14 Tage rund 5.000 Blutproben von Blutspendern untersuchen; erste Ergebnisse sollen im Mai vorliegen.

Die zweite, mit Beginn Mitte April, soll in vier verschiedenen Orten, die in besonders schwer betroffenen Ausbruchsgebieten liegen, die Blutproben von jeweils 2.000 Menschen mehrfach untersuchen und daneben Daten zu klinischen Symptomen, Vorerkrankungen, Gesundheitsverhalten, Lebensumständen und psychischer Gesundheit erfassen. Auch bei dieser Studie werden erste Ergebnisse im Mai erwartet.

Die dritte Antikörperstudie schließlich will 15.000 Menschen in 150 Regionen untersuchen und soll repräsentative Daten für die Bevölkerung Deutschlands liefern. Diese Studie wird im Mai starten und könnte im Juni erste Resultate liefern. Frühestens.

Die vagen Schlüsse der Politik

Und so ging der Gründonnerstag, der doch eigentlich den Naturwissenschaftlern gehört hatte, mit vagen Aussagen der Politiker zu Ende, die nicht wirklich auf umfangreiche Lockerungen, geschweige denn ein absehbares Ende der strengen Maßnahmen schließen lassen.

Der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mahnte: „Wir dürfen jetzt nicht nachlässig werden.“ Die Bundesfamilienministerin Fanziska Giffey (SPD) warnte: „Wir dürfen jetzt nicht alles aufs Spiel setzen.“

Und die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die Physikerin ist und deswegen in diesem Text das letzte Wort haben darf, sagte (vermutlich zum Jubel vieler Kinder und zum Verdruss vieler Eltern) auf die Frage nach der Wiederaufnahme des Schulbetriebs nach den Osterferien: „Ich halte die Schulen natürlich nicht für die Orte, an den man mit den einfachsten Maßnahmen den Abstand sicherstellen kann, den man braucht.“

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