Straße in Heinsberg

Menschenleer: Straße in der 40.000 Einwohner zählenden Kreisstadt Heinsberg Foto: imago

Der Landkreis, wo alles begann:Heinsberg geht viral

Diskriminierung, Angst und Hilflosigkeit weichen Hoffnung: In Heinsberg startete das Virus, dort zeichnet sich der Weg für uns alle ab.

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AUS AACHEN 30.3.2020, 12:20 UHR

Lange kannte man vom Kreis Heinsberg höchstens die Awacs-Airbase der Nato in Geilenkirchen-Teveren oder Orte wie Holzweiler und Kuckum, wo die Menschen dem Braunkohletagebau Garzweiler II zu trotzen versuchen. Vielleicht wussten manche noch vom Selfkant, Deutschlands westlichstem Zipfel an der niederländischen Grenze.

Doch dann, am 25. Februar, schaffte es der Weiler Gangelt-Langbroich-Harzelt, gleich bei dem 600 Einwohner zählenden Schierwaldenrath gelegen, zu maximaler Prominenz. Von hier stammte der erste Infizierte. In Gangelt steht, neben der Freiwilligen Feuerwehr, ein unscheinbarer Flachbau, rotbraun geklinkert: die Bürgerhalle. Sie bietet gut 300 Leuten Platz, jedenfalls dann, wenn man die Menschen eng zusammensetzt.

So war es auch bei der karnevalistischen Kappensitzung am Abend des 15. Februar. Begeistert schrieb die Lokalzeitung von „unglaublichen Szenen“ der bierseligen Feier: „… die Quetschbüllsänger aus Hastenrath legten stimmungsmäßig weiter drauf, die Bürgerhalle tobte regelrecht, Langbroich war nicht mehr zu bremsen.“ Leider galt das auch für die vielen ungeladenen Gäste namens Sars-CoV-2.

Auf der Bühne hatte auch Immobilienmakler Bernd B. (47) aus Gangelt-Birgden mit seinem Männerballett getanzt. Er war ahnungslos coronainfiziert. Ungezählte steckten sich an und gaben das Virus flugs weiter: Da nahm die Epidemie mit den Menschheitsfeinden von 0,0001 mm Millimetern Durchmesser in Deutschland ihren Anfang, tagelang unbemerkt.

Und dann: Der „große Schreck“

Auch bei Irene Nobis, 57, systemische Therapeutin aus dem 3.000-Seelen-Dorf Birgden, war das Virus ganz schnell ganz nah, bevor sie oder sonst wer auch immer nur etwas davon ahnen konnte. Eine Woche nach der Kappensitzung waren drei Dutzend Leute bei ihr zu Gast: Geburtstagsfeier der Tochter, die über die tollen Tage aus Norddeutschland zu Besuch gekommen war. Dann kamen die ersten Coronameldungen über Bernd B., der, vorbelastet nach einem Krebsleiden, mit schweren Symptomen auf die Intensivstation gekommen war und sofort ins künstliche Koma versetzt werden musste.

Irene Nobis erinnert sich an ihren „großen Schreck“: „Den kenne ich, sein Büro ist hundert Meter weiter.“ Ihr Schwiegersohn war auch auf der Kappensitzung, danach beim Karnevalsumzug, dann bei ihr. „Ich bin sofort in freiwillige Isolation gegangen.“

Landrat Stephan Pusch

Omnipräsent: Landrat Stephan Pusch (CDU) hat Hoffnung Foto: imago

Größte Sorge: Ihre Mutter nebenan war an Bronchitis erkrankt. Lange Ungewissheit. Dann endlich die Tests. Die Ergebnisse: Mutter negativ, sie auch, anders die Tochter. „Die war sogar quasi berühmt, kam als erst dritter Fall in Schleswig-Holstein ins Fernsehen.“ Aha, Heinsberg, hieß es. Insgesamt wurden sechs Personen von Nobis’ Feier positiv getestet.

Die Heinsberger Gegend – halb Mittelrhein, halb Niederrhein – ist nicht gerade menschenleer, es gibt ein paar Städte wie Heinsberg selbst, Erkelenz, Geilenkirchen, Wegberg, ansonsten aber viel Platz zwischen den Dörfchen, besonders im Selfkant. Hier franst Deutschland aus. Die Flüsslein heißen Rur und Wurm.

Es ist so flach, dass man morgens schon sehen kann, wer nachmittags zu Besuch kommt.

Man wundert sich, dass der Kreis dennoch auf 250.000 EinwohnerInnen kommt. Als vor ein paar Jahren tatsächlich ein Fremdenverkehrsbüro aufmachte, fragten sich die arroganten Nachbarn in Aachen, Mönchengladbach oder Köln naserümpfend: Wozu? Fährt da wer freiwillig hin? Doch, zum Beispiel zu Radtouren in den lauschigen Naturpark Schwalm-Nette. Oder zu Wanderungen in die zauberhaften Heidelandschaften.

Ackerbau dominiert, Getreide, Spargel, im Norden vor allem der Zuckerrübenanbau. Dessen Ernte 2019 ist besser gewesen als 2018. Das ist wichtig hier. Es ist so flach, dass man, um mit dem großen Niederrheiner Hanns-Dieter Hüsch zu sprechen, morgens schon sehen kann, wer nachmittags zu Besuch kommt. Wahrscheinlich gibt es auch eine höchste Erhebung, man weiß nur nicht, welcher der Kirchtürme im Kreis das wohl ist. Die katholische Konfession dominiert. Weniger als 50 Prozent bei Wahlen wären für die CDU ein Debakel.

Vielleicht sind aber auch die Abraumhalden bei Hückelhoven die mächtigsten Erhebungen. Hier wurde bis 1997 nach Steinkohle gegraben. Heute schrumpft der Kreis Heinsberg: die Braunkohlebagger von RWE graben bei Immerath Dorf um Dorf weg. Immerhin hat man durch das Braunkohleloch den tiefsten Punkt Deutschlands aufzuweisen: etwa minus 300 Meter.

Kurz: Das vermeintlich rückständige Heinsberg war immer schon, besonders im Karneval, Objekt des Spotts. Seit Ende Februar aber müssen sich HeinsbergerInnen wie Kriminelle fühlen. Nebenan in Holland, jenseits der letzten offenen Grenze Deutschlands, werden Halter mit dem Autokennzeichen „HS“ als „Coronaschleudern“ beschimpft oder die Autotüren werden zugehalten, damit die Insassen nicht aussteigen können. Andere erzählen, man habe sie in den Cafés, solange diese noch geöffnet waren, nicht bedient.

Selbst Gefangene sollen im Kreis bleiben

Ansässige Firmen, etwa im Industriebau, verlieren Aufträge: bloß kein Produkt aus Heinsberg, igitt. Die Leiterin der JVA Heinsberg berichtet, andere Anstalten weigerten sich, Gefangene zu übernehmen: „Wir sind verpönt, weil wir angeblich die Wurzel allen Übels sind.“ Sternekoch Alexander Wulf aus Randerath schimpft sarkastisch: „Man muss sich ja schon schämen, wenn man sagt, man sei aus Heinsberg.“

Beim Missionskreis Osteuropa in Süsterseel warteten neulich 2.500 Bananenkisten voll mit Hilfsgütern auf den Lastwagenfahrer aus Rumänien. Der sonst so zuverlässige Mann kam einfach nicht. Heinsberg?, nein, sagte er am Telefon, da müsse er sonst daheim zwei Wochen in Quarantäne, direkt an der Grenze. Auf Facebook erschien derweil eine Ortsschild-Fotomontage „Heinsberg – Partnerstadt von Wuhan“. Angstprojektion, hilflose Abgrenzungsversuche.

Auch Irene Nobis kennt solche Geschichten: In Mönchengladbach wurden Autos von zwei Freundinnen attackiert: bei dem einen die Reifen zerstochen, bei dem anderen der Lack zerkratzt. Während wir darüber reden, ploppt auf ihrem Tablet via Facebook eine Warnung auf: „Achtung. Ab 23 Uhr in ganz Gangelt alle Fenster schließen, die Orte werden aus der Luft desinfiziert …“ Auch lustig.

Distanzierung geht auch umgekehrt. Der Versicherungskonzern Generali im benachbarten Aachen lässt vorsichtshalber keine Heinsberger MitarbeitInnen mehr in seine Büros, immerhin 80 von 1.600. Auch an der Technischen Hochschule der Kaiserstadt gilt: Angestellte aus dem Kreis Heinsberg haben zwar „kein ausdrückliches Betretungsverbot“, so die Pressestelle der Universität „in Absprache mit dem Krisenstab“.

Aber wenn „Homeoffice mit Blick auf das Aufgabenprofil nicht sinnvoll“ ist (zum Beispiel bei einem Hausmeister), sei es bislang „zu keinem Nachteil für die Beschäftigten gewesen, wenn sie vorübergehend ihrer Arbeit nicht nachgekommen sind“. Heißt großzügigerweise: nicht arbeiten, trotzdem voller Lohn. Noch ist niemand auf die Idee gekommen, flugs nach Heinsberg umzuziehen und sich lächelnd in den bezahlten Urlaub zu verabschieden. Das wäre positive Selbstdiskriminierung.

Jörg V., der Pendler nach Heinsberg

Jörg V. hat all diese Berührungsängste nicht. Der 56-Jährige fährt täglich von Aachen in die Gangelter Klinik „Maria Hilf“, wo er als Oberarzt in der Psychiatrischen Institutsambulanz arbeitet. Das erlebe er als völlig normal, auch andere Kollegen pendelten von auswärts Tag für Tag ein. Andere im Team hatten das Virus längst gehabt, „milder Verlauf, ausgeheilt“.

Nach einer Lungenerkrankung vor Jahren sei er selbst Risikoperson, berichtet V. Schon mehrfach habe er bei Klientengesprächen auch flüchtigen Kontakt zu Infizierten gehabt, und neulich auch selbst plötzlich Erkältungssymptome verspürt. Ein Schreck? „Na ja, tiefenentspannt bin ich nicht. Aber nein, kein Test, keine Panik“, sagt er. „Ich erlebe Gangelt wirklich ganz normal. Es bleibt immer die Frage, wie gehen wir mit Angst um. Mich beunruhigt das belgische Atomkraftwerk Tihange nebenan viel mehr als das Virus. Vor dem kann ich mich zu schützen versuchen.“

Stühle

Seit einem Monat sind die Schulen im Kreis geschlossen Foto: afp

Seine Frau Sabina ist unschlüssig: Eigentlich ist sie die reflektierte Gelassenheit in Person. Aber wenn Jörg nachts, bei ausgesetzter Kontrolle, „neben mir unbemerkt hustet und die Viren durchs Schlafzimmer fliegen …?“ Sie schläft jetzt separat.

Unter den Infizierten bei der Kappensitzung, stellte sich irgendwann heraus, war auch ein Besucher aus Köln. Viruswinzige Genugtuung in den Netzwerken: Sogar aus dem Epizentrum des Frohsinns kommen welche zu uns feiern.

Irene Nobis über die Ausbreitung

„Es ist so: All die Zahlen haben Gesichter bekommen“

In Heinsberg schlossen die Schulen sofort nach dem ersten Fall, Kitas machten zu, Geschäfte. Gab es nicht Reflexe, zumindest Gangelt und seine umliegenden Gemeindeteile komplett abzuriegeln? „Haben wir nie vorgehabt“, sagt CDU-Landrat Stephan Pusch, 51, „das ist auch nicht meine Auffassung von einem demokratischen Staat.“ Wegen des Zeitverlustes wäre es ohnehin zu spät gewesen. Das Virus war ja längst auf seiner Reise.

Der umtriebige Pusch (Kindheitstraum Westernheld) hat am vorvergangenen Wochenende, weil er an der langsamen Bürokratie verzweifelte, einen Brief „an die Regierung von China“ geschrieben mit der flehentlichen Bitte um Schutzkleidung und Masken. Viele haben darüber gelächelt. Am Freitag ist die erste Vorablieferung tatsächlich angekommen. Und es folge noch deutlich mehr, hätten ihm die Chinesen versichert.

Der Chinese von Birgden fährt lieber nicht nach Südtirol

Apropos China: In Birgden, mit Blick auf das improvisierte Ärztezelt auf dem weitläufigen Ortsplatz Großer Pley, leben die Eheleute Marie-Luise, 70, ehemalige Bürokauffrau, und Seung Yu Fung, 73, gebürtiger Hongkong-Chinese, früher Informatiker im Versicherungsbusiness. Ihr Sohn Christian, Hirnchirurg in Freiburg, mahnte seine Mutter vom ersten Tag: „Mama, geht gar nicht mehr raus. Bleib zu Hause. Mach am besten gar nichts.“

Jeder kenne hier wen, der positiv ist, sagt Marie-Luise. „Und manche wirklich Alte haben sich wie eingebunkert; da ist man froh, wenn man jemanden von denen zufällig wiedersieht.“ Natürlich gehen die beiden Fungs raus, kontaktarm: Spazieren gehen sie immer, mindestens eine Stunde am Tag.

Stephan Pusch, Landrat

„Die Angst ist da am größten, wo die echte Betroffenheit am geringsten ist“

Auch sie kennt die Stigmatisierung, jedenfalls die indirekte: „Die Holländer meiden uns wie Aussätzige. Die kommen nicht mal mehr zum Aldi.“ Prima, dürften Einheimische denken, bleibt für uns mehr zu hamstern. „Auch nach Wochen passiert das noch. Ich verstehe das nicht“, sagt Marie-Luise Fung. Der wortgewandte Landrat Pusch, der sich „nicht als Popstar sieht, sondern als Spielführer, Speerspitze und Sprachrohr eines starken Teams“, hat zu den Panikkäufen den schönen Satz geprägt: „Die Angst ist da am größten, wo die echte Betroffenheit am geringsten ist.“

Seung Yu Fung, Mitte der 1960er Jahre mit seinem Vater nach Deutschland gekommen, ist der einzige Chinese am Ort. Nein, sagt er, rassistische Reaktionen habe er zum Glück nie erlebt: „Aber man kennt mich ja hier auch seit mehr als 50 Jahren.“ Allerdings – er und seine Frau wollten in diesen Tagen eigentlich nach Südtirol fahren: Chinese, Autokennzeichen „HS“, heimkehrend aus dem Corona-Hotspot der Alpen. „Im besten Fall“, scherzt er, „hätten mich die Leute wahrscheinlich in eine Tonne voll mit Desinfektionsmitteln tauchen wollen.“

Nein, sagt Fung, „lasst uns mal schön gelassen bleiben. Was auch sonst.“ Und er mag die Ruhe. Nur schade, dass er derzeit nicht joggen kann, „der Rücken …“ Stattdessen: Rommé spielen jeden Tag, obwohl er das gar nicht besonders mag. Und Marie-Luise auch nicht, jedenfalls nicht mit ihm, „viel lieber mit der Freundin“. Aber die ist in Coronazeiten nebenan ganz weit weg.

Irene Nobis berichtet nach jetzt bald sechs Wochen in Eigenquarantäne, sie kenne mittlerweile sechs Leute, die derzeit ins Koma gefallen seien, „und alle zwischen 50 und 60. Das ist …“ Sie sucht nach Worten. „Es ist so: All die Zahlen haben Gesichter bekommen.“ Auch ihr früherer Ehemann habe stationär gerade eine schwere Lungenentzündung glücklich überstanden.

Nein, auch sechs Wochen Isolation seien okay, nur arbeiten gehe halt nicht, Einkommen derzeit null. Geduld sei gefragt, sagt sie. Und kein Gerede von Exitstrategien bei den Ausgangsbeschränkungen, die alle anderen jenseits von Heinsberg erst seit einer lächerlichen Woche kennen. Gartenarbeit helfe, sagt sie, „mich richtig auspowern“. Und direkte Sozialkontakte gebe es immerhin zu den Nachbarn über den Zaun. Längst nennen sie sich im Großraum Heinsberg „Schicksalsgemeinschaft“.

Ein kleines bisschen aufatmen

Bernd B., der als Erster den Virus in sich trug, kämpfte über drei Wochen künstlich beatmet um sein Leben. Jetzt scheint er das Schlimmste überstanden zu haben. Er wird von den ekelhaften Beschimpfungen und Schuldzuweisungen hören, die ihn in den Netzwerken verfolgten. Woher der arme Mann als Gangelts „Patient 0“ das Virus hatte, wird man wohl nie erfahren.

Heinsberg hat nach wie vor prozentual die mit Abstand meisten nachgewiesenen Infizierten in Deutschland. 1.246 waren es am Sonntag, das sind knapp 0,5 Prozent der Bevölkerung. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 0,007. Auch die meisten Corona­opfer – aktuell 31 – gibt es in Heinsberg. Aber: Die Differenz zwischen Neuinfektionen und Gesundeten ist seit einer Woche ausgeglichen, sogar mit leichter Tendenz nach unten.

Atmen die Menschen allmählich auf? „Ein ganz kleines bisschen“, glaubt Landrat Pusch. Und dann muss er sich schon wieder ärgern, über „Pappnasen wie diesen Christian Lindner, der schon nach vier Tagen davon redet, die Kontaktbeschränkungen wieder zu lockern. In Heinsberg fangen wir nach über einem Monat mit ganz kleinen Dingen wieder an.“ Seit Mitte März gehen die ersten infizierten Teilnehmer der Kappensitzung wieder zur Arbeit.

Der Autor, wohnhaft in Aachen, kennt viele Orte im benachbarten Kreis Heinsberg von diversen beruflichen und privaten Terminen, seit Langem auch die meisten der Interviewten. Hingefahren ist er dennoch nicht.

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■ Das neuartige Coronavirus trägt die offizielle Bezeichnung SARS-CoV-2. Es ruft die Krankheit mit dem offiziellen Namen Covid-19 hervor. Der Virus ist von Mensch zu Mensch übertragbar.

Ab Januar 2020 hatte sich das Virus von der Stadt Wuhan in der chinesischen Provinz Hubei her ausgebreitet – inzwischen weltweit.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Ausbreitung des Coronavirus am 11. März 2020 zur Pandemie erklärt, also zu einer weltweiten Epidemie.

Alle Artikel der taz zum Thema finden sich im Schwerpunkt Coronavirus.

Eine Pandemie ist eine weltweite Epidemie, also regional nicht begrenzt. Bei einer Pandemie überträgt sich ein neuartiger Virus von Mensch zu Mensch.

■ Da es keine Grundimmunität gibt, keine spezifischen Medikamente und keine Impfung, führt das zu einer hohen Zahl an teils schweren Erkrankungen und Toten. Dies kann unter anderem zu einer Überlastung des Gesundheitssystems führen, wie es beispielsweise in Italien bereits regional zu beobachten war. Deshalb ist das Ziel, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, damit nicht zu viele Menschen gleichzeitig schwer erkranken.

Auf eine weitreichende Beschränkungen sozialer Kontakte hatten sich am 22. März 2020 die Bundeskanzlerin und Regierungschefs der Länder geeinigt. Damit sollte der Anstieg der Fallzahlen verlangsamt und eine Überlastung des Gesundheitssystems möglichst verhindert werden. Im April sowie im Mai beschlossen Kanzlerin und Länderchefs dann schrittweise Lockerungen. Die Kontaktbeschränkungen bleiben grundsätzlich bis zum 29. Juni bestehen. Details regeln weiterhin die Länder. (Hier eine Übersicht der Bundesregiergung zu Regelungen in den Ländern). Im Fall regionaler schneller Anstiege der Infektionszahlen sollen die Behörden vor Ort sofort mit neuen Beschränkungen reagieren.

■ Einen Abstand von mindestens 1,5 Metern soll man weiterhin draußen zu allen anderen Menschen außer der Begleitung einhalten.

■ Ein Mund-Nasen-Schutz muss in ganz Deutschland beim Einkaufen und im Öffentlichen Personennahverkehr getragen werden.

■ Seit Anfang Mai gilt: Angehörige zweier Haushalte dürfen sich grundsätzlich treffen – beispielsweise also zwei Familien oder zwei Wohngemeinschaften. In einzelnen Bundesländern gibt es darüberhinaus Spezialregelungen.

Schulen und Vorschulen sollen unter Auflagen noch vor dem Sommer wieder für alle Kinder öffnen.

■ In Kliniken und Pflegeeinrichtungen wurden die Regeln gelockert: PatientInnen oder BewohnerInnen können wieder durch eine bestimmte Person besucht werden.

Alle Geschäfte in Deutschland dürfen unter Auflagen wieder öffnen – ohne Quadratmeterbegrenzung der Verkaufsfläche.

Im Sport ist das Training unter freiem Himmel wieder erlaubt. Freizeitsportler müssen sich aber an bestimmte Auflagen halten. So muss eine Distanz von mindestens 1,5 Metern gewährleistet sein.

Die Fußball-Bundesliga hat die Saison seit Mitte Mai mit Geisterspielen fortgesetzt – zumindest die erste und zweite Liga der Männer. Die Fußballbundesliga der Frauen bleibt hingegen zunächst ausgesetzt. Vor Publikum werden in dieser Saison in jedem Fall keine Spiele mehr stattfinden.

Großveranstaltungen bleiben bis zum 31. August verboten.

Bei Restaurants sollen die Bundesländer eine schrittweise Öffnungen selbst regeln. Auch für Kinos, Theater, Hotels oder Kosmetikstudios haben die Ländern die Lockerungen eigenständig zu verantworten.

■ Spielplätze sind unter Auflagen wieder geöffnet – darauf einigten sich Kanzlerin und Länderchefs bereits am 30. April.

Gottesdienste und Gebetsversammlungen sind wieder zugelassen – unter besonderen Anforderungen des Infektionsschutzes. Taufen, Beschneidungen und Trauungen sowie Trauergottesdienste sollen im kleinen Kreis möglich sein.

Museen, Ausstellungen, Gedenkstätten, Zoos und botanische Gärten können unter Auflagen wieder öffnen.

Aktuelle Fallzahlen zum Coronavirus in Deutschland veröffentlicht das Robert-Koch-Institut (RKI).

Eine ausführliche Darstellung der COVID-19-Fälle in Deutschland bis auf Landkreisebene hat das RKI in einem Corona-Dashboard zusammengestellt. Auch gibt es tägliche Situationsberichte heraus.

Internationale Zahlen hat unter anderem die Weltgesundheitsorganisation WHO in einer interaktiven Grafik aufbereitet.

■ Ebenso weltweite Fallzahlen stellt die Johns Hopkins University auf einer interaktiven Karte dar.

■ Die Unterschiede bei den Fallzahlen von RKI, WHO und Johns Hopkins University bedeuten nicht, dass die Zahlen falsch sind. Differenzen ergeben sich vielmehr aus Melde-Verzögerungen und unterschiedlichen Quellen: Dem RKI werden die Fallzahlen von den Gesundheitsämtern über das jeweilige Bundesland übermittelt. Es meldet die Zahlen nach einer Prüfung dann weiter an die WHO – so kommt es zu Verzögerungen. Die Daten der Johns Hopkins University kommen nach eigenen Angaben aus verschiedenen öffentlich zugänglichen Quellen und können daher von jenen Zahlen von RKI und WHO abweichen.

Eine Erkrankung an Covid-19 nach einer Infektion mit dem Coronavirus äußert sich laut Bundesgesundheitsministerium durch grippeähnliche Symptome, wie trockenem Husten, Fieber, Schnupfen und Abgeschlagenheit. Auch über Atemprobleme, Halskratzen, Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit, Durchfall sowie Schüttelfrost sei berichtet worden.

Die Inkubationszeit beträgt nach aktuellen Erkenntnissen wohl bis zu 14 Tage: Das heißt, dass es nach einer Ansteckung bis zu zwei Wochen dauern kann, bis Symptome auftreten.

■ Wichtig: Infizierte können den Virus schon übertragen, wenn sie selbst noch keine Symptome bemerken.

Der Coronavirus wird vor allem mit einer Tröpcheninfektion übertragen. Laut Robert-Koch-Institut sind theoretisch auch eine Schmierinfektion (über kontaminierte Oberflächen) und eine Ansteckung über die Bindehaut der Augen möglich. Nach bisherigen Erkenntnissen verlaufen mehr als 80 Prozent der Erkrankungen vergleichsweise mild. Wer meint, sich mit dem Coronavirus angesteckt zu haben, sollte unbedingt

zu Hause bleiben und zum Telefon greifen. Dann entweder

■ beim Hausarzt anrufen

oder beim

■ Ärztlichen Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117.

Telefonisch gibt es zudem noch weitere Stellen für Informationen:

■ Die Unabhängige Patientenberatung ist zu erreichen unter: ☎ 0800 – 011 77 22

Ein Bürgertelefon hat das Bundesgesundheitsministerium eingerichtet unter: ☎ 030 – 346 465 100

Für Gehörlose und Hörgeschädigte ist ein Beratungsservice des Gesundheitsministeriums per Fax zu erreichen: ☎ 030 – 340 60 66 07, sowie per Mail unter info.deaf@bmg.bund(dot)de und info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Ein Gebärdentelefon mit Videotelefonie findet sich unter: www.gebaerdentelefon.de/bmg/

Die aktuellen Risikogebiete für Ansteckungen hat das Robert-Koch-Institut bis zum 10. April 2020 veröffentlicht. Mittlerweile hat sich Covid-19 weltweit ausgebreitet. Ein Übertragungsrisiko bestehe daher „sowohl in Deutschland als in einer unübersehbaren Anzahl von Regionen weltweit“, schreibt das RKI.

Für Reisende gibt es weitere Informationen zu Covid-19 und Reisewarnungen beim Auswärtigen Amt.

■ Zum Infektionsschutz gibt es auf den Seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) umfassende Anleitungen zum richtigen Händewaschen, zu den angemessenen Regeln beim Niesen sowie auch Merkblätter zu allgemeinen Hygiene- und Verhaltensregeln.

■ Niesen oder Husten soll man möglichst in die eigene Armbeuge und versuchen, sich seltener ins Gesicht zu fassen.

Händwaschen sollte man regelmäßig und zwar mindestens 20 Sekunden mit Wasser und Seife.

■ Reduzieren sollte man den Kontakt zu anderen Menschen derzeit so stark wie möglich, empfiehlt die BGzA. Wenn man doch in der Öffentlichkeit unterwegs ist, soll man möglichst einen Abstand von zwei Metern zu anderen Menschen einhalten.

■ Das Infektionsschutzgesetz (IfSG) gilt bundesweit einheitlich und bisher richten sich die Maßnahmen der Behörden nach diesem Gesetz, schreibt unser rechtspolitischer Korrespondent Christian Rath in seinem Überblick zur Rechtslage.

■ Die Katastrophenschutzgesetze der Länder sind anwendbar, sofern sich die Lage zur Katastrophe zuspitzen sollte.

■ Die Bundeswehr kann im Rahmen der Amtshilfe heute schon tätig werden, etwa im Sanitätsbereich oder zur logistischen Unterstützung. Im Extremfall kann sie auch im Inland eingesetzt werden, um (gemeinsam mit der Polizei) die öffentliche Ordnung zu bewahren oder wiederherzustellen, etwa wenn geplündert wird oder Krankenhäuser belagert werden.

■ In den „Notstandsgesetzen“ ist das geregelt, zu denen die Artikeln 35, 87a und 91 des Grundgesetzes zählen. Die „Notstandsgesetze“ wurden 1968 gegen den Widerstand der Außerparlamentarischen Opposition (APO) beschlossen.

■ Gerüchte, Falschmeldungen und Verschwörungstheorien über das Coronavirus kursieren derzeit viele.

■ Aufklärung über viele Corona-Falschmeldungen bietet unter anderem der Verein Mimikama.at.

■ Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in englischer Sprache eine eigene Seite zur Aufklärung von Mythen über den Coronavirus veröffentlicht.

■ Zu den häufigsten Fragen hat das Robert-Koch-Institut ein FAQ zu Corona veröffentlicht.

■ Weitere Fachinformationen finden sich ebenso auch auf einer Überblicksseite des Robert-Koch-Instituts.

■ Verhaltens- und Hygienetipps und ebenso in einem FAQ die häufigsten Fragen beantwortet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf ihrer Corona-Übersicht auf infektionsschutz.de.

■ Umfassend informieren kann man sich auch beim Bundesgesundheitsministerium.

■ Eine weltweite Übersicht bietet die Weltgesundheitsorganisation WHO.

Bundesweite Telefonnummern im Überblick:

Ärztlicher Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117

Unabhängige Patientenberatung: ☎ 0800 011 77 22

■ Bürgertelefon des Bundesgesundheitsministeriums: 030 346 465 100

Beratungsservice für Gehörlose und Hörgeschädigte: Fax: 030 / 340 60 66 – 07 sowie per Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de / info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Gebärdentelefon (Videotelefonie): www.gebaerdentelefon.de/bmg

■ Bei Sorgen ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar unter: 116 123 sowie 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222.

■ Infos über Corona auf Türkisch hat die taz in ihrem Text „Koronavirüs Almanya'da“ zusammengestellt.

■ In weiteren Sprachen sammelt die taz Info-Texte under taz.de/coronainfo

■ Hygiene-Infos in weiteren Sprachen bietet die BZgA in Hygiene-Merkblättern unter anderem auf Türkisch “Viral enfeksiyonlar – hijyen korur!“ (PDF) sowie auf Englisch “Viral infections – hygiene works!“ (PDF)

Leichte Sprache: Informationen zum Coronavirus in Leichter Sprache stellt das Bundesgesundheitsministerium zur Verfügung.

Gebärdensprache: Das Bundesgesundheitsministerium beantwortet Fragen mittels Videotelefonie und ist dafür über ihr Gebärdentelefon zu erreichen. Dazu gibt es hier noch mehr Infos. Das Gebärdentelefon ist von Montag bis Donnerstag von 8 bis 18 Uhr sowie am Freitag von 8 bis 12 Uhr erreichbar. Ebenso möglich sind Fragen per Fax: 030 / 340 60 66 – 07 oder per E-Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de oder info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de.

■ Weitere Sprachen: Kurze Info-Flyer der Johanniter auf Englisch (PDF), Dari (PDF), Arabisch (PDF), Farsi (PDF), Türkisch (PDF), Russisch (PDF), Italienisch (PDF) und Französisch (PDF) hat der Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bereitgestellt.

International: Informationen zum Coronavirus in verschiedenen Sprachen stellt zudem die Weltgesundheitsorganisation WHO bereit.

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