piwik no script img

Arisierte Villa Rezek und Wiener ModerneDie Geschichte eines Hauses – die Geschichte einer Stadt

Schönheit trotzt Hass. Die von Hans Glas visionär gestaltete Villa Rezek erzählt von Utopien im einst jüdischen Wien. Sie ist nun wieder zu bestaunen.

Blick von der Terrasse auf Wintergarten und Wohnzimmer der Villa Rezek in Wien Foto: Stefan Oláh

Caroline Wohlgemuth sitzt an einem Holztisch im etwa 70 Quadratmeter großen Wohnzimmer der Villa Rezek in Wien. Das 1933/34 erbaute Gebäude gilt als ein Schmuckstück der klassischen Moderne. Das viergeschossige Terrassenhaus verkörpert so etwas wie „die Quintessenz des modernen Bauens und der visionären Philosophie des Wohnens in Wien in der Zwischenkriegszeit“, unterstreicht Kunsthistorikerin Wohlgemuth.

Flachdach, großflächige in den Böden versenkbare Fenster, weitläufige Terrassen mit weiß lackierten Metallgeländern, optisch der Reling eines Schiffes nachempfunden.

„Licht, Luft, Sonne“, sagt Wohlgemuth, waren im tuberkulosegeplagten Wien der vorletzten Jahrhundertwende bei progressiven Privat- wie nach dem Ersten Weltkrieg bei den neu entstehenden Gemeindebauten das große Thema. Errichtet wurde die Villa Rezek auf dem Kamm eines Ausläufers des Wienerwalds in der Wilbrandtgasse im Stadtteil Pötzleinsdorf.

Das Glas Haus

Das Buch „Das Glas Haus. Wien 1933 – Vertriebene Visionen“ von Caroline Wohlgemuth und Maximilian Eisenköck mit Fotografien von Stefan Olah ist bei Park Books Ende 2025 erschienen. Derzeit ist die englische Ausgabe lieferbar, eine zweite Auflage der deutschsprachigen ist in Vorbereitung.

Informationen zu möglichen Besichtigungen der Villa Rezek in Wien unter:

https://www.villarezek.at/tours

Nach Süden öffnet sich vom Terrassenbau her über abschüssigen Hang und ebenfalls terrassierten Garten hinweg ein prächtiger Blick über die ehemalige Habsburgermetropole. Heute ist die auch im Inneren weitgehend rekonstruierte Villa ein temporär zu besichtigendes Museum. Mit der Straßenbahn und nach einem kleinen Aufstieg zu Fuß ist der markante Bau, dieses Schiff der Moderne, vom Zentrum aus in 40 Minuten zu erreichen.

wochentaz

Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!

In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

Wohnkultur und Humanismus

Das Getöse der Stadt scheint hier weit weg, die frische Luft des Wienerwalds nah. Und doch erzählt gerade dieses Gebäude mit seiner anhand von historischen Aufnahmen rekonstruierten Wohnkultur vom Rand her viel von dem, was Wien und das Zentrum Europas über die erste Hälfte des letzten Jahrhunderts bestimmte: Fortschritt, Humanismus, Urbanisierung, Teilhabe – aber auch Neid, Hass, Raub und Vernichtung.

Eine Geschichte, die auch in derzeitigen Debatten ihren Widerhall findet, wie zuletzt bei den Forderungen, die Teilnahme Israels am European Song Contest (ESC) in Wien zu boykottieren. Und eher selten ruhig und berührend unideologisch daherkommt wie in der aktuellen Aufführung von „Isidor“ der Burg im Akademietheater, inszeniert von Philipp Stölzl nach dem gleichnamigen Roman von Shelly Kupferberg.

Prägnanter kann ein Theaterensemble die historische Entrechtung der Wiener Juden 1938, den Alltags-Antisemitismus wohl kaum auf die Bühne bringen.

Doch zurück in die Wilbrandtgasse 37 zu Caroline Wohlgemuth. Zusammen mit dem Architekten Maximilian Eisenköck hat die Autorin das Buch „Das Glas Haus. Wien 1933. Vertriebene Visionen“ (Park Books, 2025) zum Jahreswechsel veröffentlicht. Es erzählt in Texten und Bildern die Historie des Hauses – und wurde ein Überraschungserfolg. Von der ersten Auflage ist derzeit nur die englische Ausgabe erhältlich, die zweite deutsche in Vorbereitung, so Wohlgemuth.

Boudoir im Obergeschoss der Villa Rezek Foto: Stefan Oláh

Mix aus Tradition und Moderne

Benannt ist das Buch nach dem Architekten der Villa Rezek, Hans Glas. Glas, geboren 1892 in Wien, war ein Schüler von Adolf Loos und von Architekten wie Josef Frank beeinflusst. Die Wiener Moderne strebte ähnlich wie das Bauhaus nach klaren Formen, seriellen, schnörkellosen Bauweisen des Funktionalismus und einer Neuen Sachlichkeit, aber war weniger puristisch gegen andere und tradierte Stile gerichtet.

Elemente aus dem Biedermeier oder dem englischen Cottage-Stil hielten auch bei der Innenausstattung der Villa Rezek Einzug. Man setzte auf hochwertige Materialien, viel Licht sowie einen nachhaltigen Mix aus Tradition und Moderne.

taz schneller googeln

Sie wollen beim Googeln taz-Texte besser finden? Dann können Sie mit einem Google-Konto die neue Funktion „bevorzugte Quellen“ nutzen. Um die taz hinzuzufügen, müssen Sie nur diesen Link anklicken und einen Haken setzen.

Sie wollen Google lieber meiden? Dann nutzen Sie doch DuckDuckGo oder Ecosia.

Wohlgemuth deutet über den großzügigen und dennoch behaglich wirkenden, originalgetreu rekonstruierten Wohnraum der Familie Rezek mit Flügel, Holzparkett, Teppichen, Sofa und Sesselecke. Daran schließt unmittelbar ein verglaster Wintergarten an und bewirkt räumlich einen fließenden Übergang in den Außenbereich, zur hellen Freifläche der Terrasse und in den Garten. Glas' außergewöhnliche Planung, so Wohlgemuth, erinnere sie an die sehr viel bekanntere Villa Tugendhat, die 1930 nach Entwürfen von Ludwig Mies van der Rohe in Brünn entstand.

Eines der rekonstruierten Kinderzimmer der Töchter Foto: Stefan Oláh

Vor unserem Gespräch hatte sie gerade noch eine kleine Besuchergruppe durch das Gebäude geführt. Bekannt ist die Kunsthistorikerin auch durch ihr herausragend recherchiertes und sorgfältig gestaltetes Werk „Mid-Century Modern – Visionäres Möbeldesign aus Wien“ (Birkhäuser, 2022), das an die nach 1938 vertriebenen und vergessenen jüdischen GestalterInnen erinnert.

Enkelkinder in den USA

Bei der historischen Villa des Ärzteehepaares Rezek spricht sie wie schon beim Buchtitel konsequent von dem „Glas-Haus“. Denn die von Wohlgemuth und Eisenköck in den USA ausfindig gemachten Enkelkinder von Anna und Philipp Rezek hätten, sagt sie, beim Anwesen ihrer Wiener Vorfahren durchgängig vom „Glas-Haus“ gesprochen. Und nicht von der nach ihren Familiennamen benannten „Villa Rezek“.

Architekt Glas hatte die Villa mit allerlei liebevollen Details ausgestattet. Im Eingangsbereich empfängt die Besucher etwa eine mit hellem Holz vertäfelte Garderobennische, die sich hinter einem freundlich wirkenden Stoffvorhang mit Querstreifen verbergen ließ. Links und rechts flankieren zwei bodentiefe und rahmenlose Spiegel. Der Fußboden ist wie in Wintergarten oder Küchen-Arbeitsräumen im Schachbrettmuster schwarz-weiß gefliest.

Historische Aufnahme: Villa Rezek um 1935 Foto: Franz Gino Mayer

Hans Glas stammte, wie die Rezeks aus einer jüdischen Wiener Familie und floh 1938 vor dem Naziterror nach Indien. Er kehrte nicht nach Wien zurück. Sein 1928 für das „rote Wien“ fertiggestellter Gemeindebau in der Leopoldstadt am Handelskai 210 steht heute ebenfalls unter Denkmalschutz.

Die Auftraggeber des Privathauses, das Ärzteehepaar Anna und Philipp Rezek, emigrierten mit ihren beiden Töchtern 1938 in die USA. Ihr im Stil der Neuen Sachlichkeit errichtetes Wohnhaus in Pötzleinsdorf umfasste auch ein kleines medizinisches Behandlungszimmer. Es ist wie der holzvertäfelte Warteraum mit Bibliothek in Teilen rekonstruiert.

Überraschend zeitgenössisch gestaltet erscheinen die im oberen Geschoss mit Linoleumböden, farbig lackierten Thonet-Möbel und Einbauten versehenen Kinderzimmer für die Töchter Esther und Susanne. Auch anderes wie das geschwungene Treppenhaus mit offenem Holzgeländer, Stoffvorhänge als Raumteiler im großen Wohnraum oder das von Albert Esch entworfene Konzept für die Gärten bestechen durch ihre menschenfreundlichen und ganzheitlichen Überlegungen.

„Anschluss“, Vertreibung und Arisierung

Nur vier Jahre durfte die Familie Rezek sich in Wien an ihrem Besitz erfreuen. Nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 an das Deutsche Nazi-Reich floh die Familie in die USA, die Villa in Wien-Pötzleinsdorf wurde arisiert. Historiker wie Götz Aly haben belegt, wie sehr die „normale“ Bevölkerung, Nachbarn, Angestellte, Privathaushalte von Arisierungen profitierten und sich oft aktiv beteiligten („Wie konnte das geschehen?“, S. Fischer 2025).

Im Falle der Rezeks war es ein gewisser Adolf Gustav Oswald Hermsen, der sich die modernistische Villa mit der schönen Aussicht aneignete und mit Familie bis 1945 bewohnte. Hermsen war Vorstand der Hanf-, Jute und Textilindustrie AG in Wien und NSDAP-Mitglied.

Nach der Zerschlagung der Nazi-Herrschaft strengten die in den USA lebenden Rezeks ein Restitutionsverfahren in Österreich an. Nach vier Jahren rechtlicher Auseinandersetzungen bekam die Familie ihre Immobilie 1953 schließlich zurück. Doch nach der Shoah wollten sie nicht nach Europa zurückkehren. 200.000 Juden, mehr noch als in Berlin, hatten 1938 in Wien gelebt.

Die Rezeks verkauften ihren restituierten Besitz, die Villa wechselte in der Folge noch mehrmals die Besitzer. Das Wiener Denkmalamt rettete das ikonische Gebäude schließlich vor dem Abriss – und Einzelpersonen wie Architekt Eisenköck und Buchautorin Wohlgemuth vor dem Vergessen.

Nur noch 430 – dann sind wir 50.000

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 430 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema
Ein Packshot der Wochentaz-Zeitung mit einer neutralen Illustration auf der Titelseite.

10 Ausgaben für 10 Euro

Unsere wochentaz bietet jeden Samstag Journalismus, der es nicht allen recht macht und Stimmen, die man woanders nicht hört. Jetzt zehn Wochen lang kennenlernen.

  • Journalismus, der es nicht allen recht macht und Stimmen, die man woanders nicht hört
  • Jeden Samstag als gedruckte Zeitung frei Haus
  • Zusätzlich digitale Ausgabe inkl. Vorlesefunktion
  • Mit Zukunftsteil zu Klima, Wissen & Utopien
  • Mit Regionalteil „Stadtland“ für alles Wichtige zwischen Dorf und Metropole

10 Wochen für nur 10 Euro

Jetzt bestellen

0 Kommentare

  • Noch keine Kommentare vorhanden.
    Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!