Arbeitgeber wie aus dem Urkapitalismus: Boykottiert die Gorillas

Startups wie der Lieferdienst Gorillas setzen voll auf Wachstum – und zuletzt auf gute Arbeit für ihre Fahrer. Zeit, die App zu löschen!

Mehrere Menschen auf der Straße, die ein langes Transparent mit Parolen gegen Gorillas halten

Protest vor der Berliner Firmenzentrale von Gorillas Foto: picture alliance/dpa/Monika Skolimowska

Es ist ein Ärgernis für ein aufstrebendes Unternehmen, dass es zur Profiterwirtschaftung auch auf die Dienste von Ar­bei­te­r:in­nen angewiesen ist. Insbesondere im Tech-Bereich, bei Unternehmen neuer Dienstleistungsbranchen, ignoriert man das daher nur zu gerne. Da hat man also etwa die bahnbrechende Idee, mit der Auslieferung von Lebensmitteln bis an die Haustür unverschämt reich zu werden, denkt aber ausschließlich ans Marketing, an Investorenaquise und den Konkurrenzkampf mit dem halben Dutzend anderer Startups, die komischerweise genau dieselbe Idee hatten.

Woran als letztes gedacht wird, sind die Fahrer:innen. Man hat sich nicht darum geschert, wettergerechte Kleidung und taugliche Räder zur Verfügung zu stellen, hat sich niemals gefragt, wie viel Kilo ein Rider auf seinem Rücken tragen kann oder wie eine fehlerfreie Abrechnung für die prekär Beschäftigten funktionieren kann. Warum auch: Im Zweifel sind das alles nur Kostenfaktoren.

So richtig groß wird das Ärgernis mit den Angestellten erst, wenn diese anfangen sich zu wehren. So ist es bei Gorillas geschehen. Seit Monaten organisieren sich dort die Rider. Sie versuchen, ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern und untereinander solidarisch zu sein. Das Unternehmen hat sich das eine Weile angeguckt und versprochen, besser zu werden – um dann Anfang der Woche auf einen Schlag etwa 300 Fah­re­r:in­nen vor die Tür zu setzen. Gefeuert wurden alle aktiven Kolleg:innen, die sich zuvor an spontanen Streiks und Blockadeaktionen an den Auslieferungszentren beteiligt hatten.

Ausbeutung wie im 19. Jahrhundert

Das ach so hippe Unternehmen ist damit im Ausbeutungskapitalismus des 19. Jahrhunderts angekommen, als die Rechte von Ar­beit:in­nen noch gar nicht zählten. Ob es rechtlich mit den Kündigungen durchkommt, werden Gerichte klären. Wichtiger aber ist: Bei den Kunden darf so ein Ausbeuterladen nicht durchkommen. Wer sich von den Gorillas hat fangen lassen, spätestens jetzt ist der Zeitpunkt die App zu löschen und auf die Dienste von Gorillas zu verzichten. „Boycott Gorillas“, diese Forderung kommt inzwischen von den aktiven Ridern selbst.

Neben Gorillas konkurrieren noch eine Handvoll anderer Anbieter um das abstruse Geschäft der Gurkenlieferung um Mitternacht. Der Weg in die Profitzone ist für alle noch weit, am Ende werden sich wohl – ähnlich wie bei Leihrädern – nur ein oder zwei als Marktführer durchsetzen. Die Kun­d:in­nen können dafür sorgen, dass nur jene Anbieter übrigbleiben, die ihre Angestellten anständig behandeln. Es wäre ein schöne Lektion für all die zukünftigen Gründer, von Anfang an die Interessen ihrer Ar­bei­te­r:in­nen mitzudenken.

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Redakteur für parlamentarische und außerparlamentarische Politik in Berlin, für Krawall und Remmidemmi. Schreibt über soziale Bewegungen, Innenpolitik, Stadtentwicklung und alles, was sonst polarisiert. War zu hören im Podcast "Lokalrunde".

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