Antisemitismus bei Extinction Rebellion

Klimaaktivismus auf Abwegen

Der Mitbegründer von Extinction Rebellion Roger Hallam verharmloste den Holocaust. Die Bewegung distanziert sich, dennoch bleiben viele Fragen offen.

Roger Hallam mit Kapuze und grauem Bart vor verschwommenen Hintergrund

Roger Hallam sorgt auch intern bei Extinction Rebellion für Diskussionen Foto: Andres Pantoja

Roger Hallam, Mitbegründer der Klimabewegung Extinction Rebellion, erklärte im Gespräch mit der Zeit, die deutsche Haltung zum Holocaust sei schädlich. Während des Interviews relativiert Hallam den Holocaust wiederholt, an einer Stelle spricht er von einem „weiteren Scheiß in der Menschheitsgeschichte“.

Extinction Rebellion Deutschland hat sich bereits von Hallams Aussagen distanziert. „Er verstößt damit gegen die Prinzipien von XR, die Antisemitismus nicht dulden, und ist bei XR Germany nicht mehr will­kommen“, erklärte die Organisation über Twitter.

Weitere deutsche Ortsverbände haben die Aussage ebenfalls kritisiert, etwa die in Berlin und Köln. Und der Ullstein Verlag hat die Veröffentlichung von Hallams Buch, das Ende November erscheinen sollte, mittlerweile zurückge­zogen.

Das ist gut, hinterlässt aber neben einem bitteren Nachgeschmack auch einige Fragen. Erstens: Möchte man eine Strategie des zivilen Ungehorsams mittragen, die von einem ­Antisemiten, Sexisten und Rassisten maßgeblich mitgestaltet wurde?

Der Ullstein Verlag distanzierte sich umgehend von Hallam und stoppte noch am Mittwoch die Auslieferung des neuen Buchs an deutsche Buchläden. Das Werk mit dem Titel „Common Sense. Die gewaltfreie Rebellion gegen die Klimakatastrophe und für das Überleben der Menschheit“ sollte eigentlich am 26. November in die deutschen Buchläden kommen. (dpa)

Zweitens: Macht XR es sich nicht zu leicht, wenn es Hallam kritisiert und sich nebenbei selbst läutert? Müsste auf die Kritik an Hallam nicht auch eine kritische Selbst­reflexion folgen? Immerhin fielen die Aktivist*innen schon öfter unangenehm auf.

Etwa als sie im Oktober in London während der Rushhour eine U-Bahn blo­ckierten, obwohl Arbeiter*innen am wenigsten für die Klimakrise ver­ant­wortlich gemacht werden können. Oder als sie bei ­einer Blockade in Berlin unsolidarisch der Polizei zujubelten, ­obwohl ausgerechnet die Schwarze ­Bevölkerung, die die Folgen der Klimakrise am ­stärksten spürt, auch am stärksten von ­Polizeigewalt betroffen ist.

Klimaaktivismus muss auch antikolonial und rassismuskritisch sein, Klassismus reflektieren und Solidarität zeigen. Sonst bleibt er Aktivismus von Weißen für Weiße – mit Nachhaltigkeit hat das dann aber nichts mehr zu tun.

Die größte Frage also bleibt: Wie geht es weiter mit XR? Es ist gut, dass sich die Aktivist*innen von Hallams Aussagen distanziert haben, aber es ist eben auch das Mindeste, was sie tun mussten. Wenn eine Bewegung wegen eines Bekenntnisses zum Antifaschismus auffällt, sagt das vielleicht am meisten über sie selbst.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Beitrages hieß es im Teaser, Hallam hätte den Holocaust geleugnet. Richtig muss jedoch lauten: Hallam verharmloste den Holocaust. Wir bitten diesen redaktionellen Fehler zu entschuldigen.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben