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Einigung bei Pflegereform Vor allem ein Spargesetz

Barbara Dribbusch

Kommentar von

Barbara Dribbusch

Die Koalition hat sich auf die Pflegereform geeinigt. Belastungen für Pflegebedürftige werden weiter steigen. Das wirft heikle Gerechtigkeitsfragen auf.

E s war ein Verhandlungsmarathon zwischen Union und SPD, wie man ihn sonst vor allem aus Tarifverhandlungen kennt. Was nun herauskam, ist ein Gesetzentwurf, der im Kern nichts ändert: Die Pflegekassen werden Milliarden an Euro in den nächsten Jahren einsparen und für Pflegebedürftige und deren Familien wird es teurer. Die Begutachtungen werden strenger, Hilfen für den untersten Pflegegrad fallen weg.

Im Vergleich zum ursprünglichen Entwurf aus dem Bundesgesundheitsministerium ist der aktuelle Gesetzentwurf zur Pflege zwar abgemildert, aber Verteilungsfragen werden weiter nicht angegangen, sondern in eine künftige „Kommission“ verschoben. Dies betrifft etwa den SPD-Vorschlag, die Versicherten in den Privatkassen zu einer Art Finanzausgleich mit den gesetzlich Versicherten heranzuziehen.

Die Privatkassen haben besser verdienende und gesündere und damit im Alter weniger Pflegebedürftige unter ihren Mitgliedern, darunter viele Beamte, und müssen für deren Versorgung daher weniger Geld zahlen als die gesetzlichen Kassen. Diese haben statistisch kränkere und gebrechlichere Mitglieder. Hier einen Finanzausgleich zu schaffen, wäre juristisch zwar schwierig, aber fair. Ein solcher Ausgleich zielt allerdings ins Epizentrum aller Verteilungsfragen, das sich in den Mittelschichtmilieus befindet.

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In diesem Epizentrum stehen auch andere heikle Fragen: Schon wieder sollen Kinderlose höhere Beiträge zahlen, um die Pflegekassen zu entlasten. Ist das fair?

Solche Fragen haben Verhetzungspotenzial und man kann sich als Po­li­ti­ke­r:in mit diesen Debatten sehr unbeliebt machen. Aber vielleicht ließe sich mehr Akzeptanz erreichen, wenn man Kürzungen immer nur im Gleichschritt mit Umverteilungselementen anpeilt, also etwa mit dem Finanzausgleich zwischen den Kassensystemen, mit mehr Steuermitteln in die Pflegekasse. Nur in der Kombination aus Zumutungen und Umverteilungen sind Konsolidierungen der Sozialkassen zu vermitteln. Eine solche Kombination sieht die Pflegereform leider nicht vor.

Barbara Dribbusch

Barbara Dribbusch Redakteurin für Soziales

Redakteurin für Sozialpolitik und Gesellschaft im Inlandsressort der taz. Schwerpunkte: Arbeit, soziale Sicherung, Psychologie, Alter. Bücher: "Schattwald", Roman (Piper, August 2016). "Können Falten Freunde sein?" (Goldmann 2015, Taschenbuch). Kontakt: dribbusch@taz.de
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15 Kommentare

  • My Sharona

    "Schon wieder sollen Kinderlose höhere Beiträge zahlen, um die Pflegekassen zu entlasten." Was ist daran denn "heikel"? Und: "Ist das fair?" Selbstverständlich ist es das.

    • FtznFrtz

      @My Sharona:

      Wieso ist das fair? Weil ich keinen neuen Beitragszahler aufziehe? Bin ich dazu verpflichtet? Und wenn ich will aber nicht kann? Ich denke schon da stellt sich die Fairnessfrage, der höhere Beitrag sanktioniert etwas, das ich eigentlich frei entscheiden können soll oder wofür ich ggf. nichts kann.

      • My Sharona

        @FtznFrtz:

        "Weil ich keinen neuen Beitragszahler aufziehe?" - Sie haben es erfasst.



        Der höhere Beitrag "sanktioniert" genau gar nichts. Er ist ein geringer Ausgleich, für den die Frage, ob die Kinderlosigkeit auf einer bewussten Entscheidung beruht, irrelevant ist. Außerdem, egal ob kinderlos oder nicht: Eltern, die eventuell gepflegt werden müssen, hat jede*r (und wenn man sie nicht mehr hat oder sie nicht gepflegt werden mussten, gilt das abstrakte Solidaritätsprinzip).



        Und: starke Schultern müssen mehr tragen und Kinderlose sind finanziell sehr viel besser gestellt (im Rahmen eines sinnvollen Vergleichs zwischen Bezieher*innen gleicher Bruttoeinkommen).

  • FtznFrtz

    Die sozialen Sicherungssysteme kranken alle an den gleichen Symptomen. Finanziert aus der Arbeit sehen sie sich alle in einer alternden Gesellschaft mit immer höheren Ausgaben konfrontiert, bei nicht so schnell steigenden Einnahmen (wenn es nach der AfD geht sogar mit fallenden, wenn man die notwendige Migration verhindert).



    Sicher muss man schauen, welche Ausgaben noch sein müssen, hier gibt es u.U. Einsparpotential. Es müssen alle in alle Systeme einzahlen oder man macht es gleich steuerfinanziert. Jedenfalls muss die Finanzierung grundlegend neu geregelt werden. Ein reiches Land wie Deutschland hat das Geld, es muss nur alle gerecht heranziehen. Die Beiträge immer weiter zu erhöhen geht ebenso wenig wie Einschnitte die notwendigen Leistungen. Die Systeme müssen grundlegend neu aufgestellt werden.

  • Chaos-NRW

    Natürlich ist es hauptsächlich ein Spargesetz. Wenn die Ausgaben die Einnahmen immer weiter übersteigen, gibt es halt nur zwei Möglichkeiten: Einnahmen erhöhen oder Ausgaben verringern. Ersteres ist bei den ohnehin bereits immens hohen Lohnnebenkosten nicht mehr darstellbar, also bleibt nur die zweite Option.

    • Perkele

      @Chaos-NRW:

      Und wer freut sich wie ein Schneekönig / -königin?



      Richtig: Alice und Björn. Die können vor lauter Grinsen und Schenkelklopfen nicht mal mehr Zähneputzen.

  • Kaboom

    Man kann von der Merz-CDU nicht erwarten, auch nur irgendetwas zu tun, wovon Otto Normalverbraucher einen Benefit hat. Und die Seeheimer PD – wie man vermuten konnte – mit der Widerstandsfähigkeit einer Suppe. Einer ganz dünnen Suppe.



    Ich bin wirklich sehr gespannt, wie lange sich die Landesverbände der CDU in NRW und SH diesen Unsinn, der zu einem Desaster bei den jeweiligen Wahlen nächstes Jahr führen wird, noch gefallen lassen.

  • B. Trübt

    Was mich an dieser ganzen Geschichte maßlos ärgert ist, dass der Finanzminister sich einfach weigern kann, die ca. 5,9 Mrd Euro, die den Pflegekassen während Corona aufgebürdet wurden, aus Steuermitteln zurückzuzahlen.

    www.aok.de/pp/gg/u...n-corona-ausgaben/

    Der mantraartig wiederholte Hinweis, dass kein Geld da sei, ist insofern obsolet, da die Pflegekassen ohnehin staatliche Hilfe in Anspruch nehmen müssten, falls deren Zahlungsunfähigkeit droht. Das erschließt sich mir nicht und den Gedanken, dass für alles andere Geld da ist, habe ich natürlich auch im Hinterkopf.

    Der zweite Punkt ist, dass auf der Pflegeheimrechnung meines Mannes jeden Monat Investitionskosten ( 357,44 Euro ) und eine Ausbildungspauschale ( 119,25 Euro ) abgerechnet werden, obwohl die nach § 10 SGB XI eigentlich von den Ländern getragen werden müssten. Die Länder halten das unterschiedlich - einige beteiligen sich mit einem Teilbetrag - mein Land Sachsen zahlt nichts.

    Da fällt mir nichts dazu ein - danke für nichts!

  • Philippo1000

    Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.



    Die Kommission hat eine Deadline.



    Dieser erste Schritt war notwendig, um die Pflegekassen vor Zahlungsunfähigkeit zu schützen.



    Es wäre sinnvoll, die angeregten Ideen eines Pflegedeckels und die Beteiligung der Privaten Pflegeversicherungen an den Gesamtpflegekosten zu beteiligen.



    Das geht nicht über Nacht und eine Kommission von Fachleuten ist da ein gutes Werkzeug.



    Der Anstieg der Pflegebedürftigen von 2 auf 5 Millionen jährlich innerhalb von 20 Jahren kann nicht ignoriert werden.



    Auch die Reduzierung des Verhältnisses der Einzahler*Innen zu Pflegegeldbezieher*Innen auf nur noch 1/3 ist eine Entwicklung, die ein "weiter so" unmöglich macht.



    Natürlich bin ich kein Freund von Linnemann.



    Aber er beschreibt sich ja selbst als ungeeignet für seinen Job, daher ist eine Kommission so sinnvoll.



    Anstatt die SPD zu kritisieren, Linnemann nicht zum völligen Gesichtsverlust gezwungen zu haben, sollte sich die anstehende politische Unterstützung auf die gemachten Vorschläge richten.



    Schließlich hatte selbst Mert bereits Gerechtigkeitslücken entdeckt.

  • EchteDemokratieWäreSoSchön

    Für einen kurzen Augenblick konnte man den Eindruck haben, dass sich die SPD wirklich für die arbeitende Bevölkerung einsetzt und diesem Blödsinn ein Ende macht.

    Aber das währte nur kurz. Dann ist die SPD wieder eingeknickt und hat dann doch wieder die ganzen Lasten auf der normalen Bevölkerung abgeladen. Nur dort ein wenig hin und hergeschoben.

    Die Grünen zeigen einen Weg auf, wie es anders ginge. 0,0007% der Bevölkerung etwas stärker belasten (also nur die, die mehr als 500 Mio. $ Finanzvermögen besitzen). Das ergäbe 20 Mrd. € und damit bräuchte man nicht die, die sowieso schon kaum etwas haben, noch stärker zu belasten.

    • Chaos-NRW

      @EchteDemokratieWäreSoSchön:

      Das mit der Vermögenssteuer klingt immer so schön einfach. Das Problem ist aber, dass das Vermögen ja nicht als Geld auf den Konto liegt, wovon man mal eben die Steuer bezahlen kann, sondern in der Regel in Anteilen an Unternehmen liegt.

      Nehmen wir nur mal der reichsten Deutschen Dieter Schwarz. Der hat ein Vermögen von über 50 Milliarden Euro. Das heißt bei dem Modell der Grünen müsste Schwarz jährlich über 2 Milliarden Steuern zahlen. Auch Dieter Schwarz hat nicht mal eben jedes Jahr 2 Milliarden Euro flüssig, um diese Steuer zu bezahlen. Im Endeffekt würde diese Steuer dazu führen, dass er Anteile an seinem Unternehmen verkaufen müsste, um die Steuer zu bezahlen. Es sollte offensichtlich sein, dass das nicht das Ergebnis sein kann.

    • Axel Schäfer

      @EchteDemokratieWäreSoSchön:

      Das Problem heißt Union und wird ja wohl irgendwie von Lobvyverbänden ferngesteuert. So ein paar von der CDA, ein Laumann oder Reul reissen da auch nichts mehr raus und der ehemalige Blackrock Frühstücksdirektor kann doch Empathie noch nicht mal buchstabieren.

      • EchteDemokratieWäreSoSchön

        @Axel Schäfer:

        Ja, die CDU ist noch weit schlimmer als die SPD, was das betrifft. Und Merz ist noch schlimmer als der durchschnittliche CDU-Politiker (und Wähler) und viel schlimmer als Laumann.

        Aber die SPD hätte die Macht, das aufzuhalten. Aber sie macht es nicht.

        Wenn die SPD gesagt hätte, sie trägt diesen Kabinettsbeschluss nicht mit, bis die zusätzlichen Belastungen weg sind, hätte es ihn nicht gegeben.

        Dann hätte die CDU höchsten sagen können, sie beenden die Koalition und möchten Neuwahlen oder möchten ab jetzt mit der AfD zusammenarbeiten oder mit Linken und Grünen. Aber all das hätte die CDU/CSU nicht gemacht, denn dann sind sie nur noch Juniorpartner entweder von AfD oder von Linken und Grünen. Und da würde sich Merz eher im Grabe rumdrehen, als sich darauf einzulassen.

        Aber die SPD ist eben zu feige, um sich wirklich für die Menschen einzusetzen, für die sie angeblich Politik machen wollen - für die Menschen mit normalem Einkommen.

    • RosaProsa

      @EchteDemokratieWäreSoSchön:

      Ja, leider. Und die SPD fragt sich allen Ernstes, warum sie immer mehr Wähler:innen verliert. Gleichzeitig erarbeiten sie ein "Grundsatzpapier" gegen Rechts. Dass dagegen am besten soziale Gerechtigkeit, Vertrauen in Politik, Wertschätzung, Anerkennung - auch durch angemessene Löhne -, bezahlbare Mieten und eine gut ausgestattete Gesundheitsinfrastruktur hilft, das raffen sie irgendwie nicht. Weil sie abgehoben und nicht mehr an der Lebensrealtität der meisten Menschen sind. Weil sie sämtliche Verschlimmbesserungen der CDU, dir ausschließlich Mittel- und Unterschicht zu spüren bekommen werden, mittragen. Bald werden nur noch Wohlhabende sich gute medizinische (allen voran psychologische) Versorgung, gutes Wohnen und gute Bildung leisten können. All das spielt weiter der AfD in die Karten. Neoliberalismus ist nicht gut für die Demokratie, es lassen sich Gesundheit, Pflege und Carework nicht ökonomisieren. Und noch mehr Bürokratie macht es nicht günstiger. Man möchte sie schütteln, die SPD! Zum Haare raufen!!!

      • EchteDemokratieWäreSoSchön

        @RosaProsa:

        Damit haben Sie absolut recht! Am besten gegen immer mehr Stimmen für die AfD würde soziale Gerechtigkeit, bezahlbare Mieten, eine gute ausgestattete Gesundheitssystem, höhere Löhne helfen. Neoliberalismus ist dagegen ein Gift, an dem jede Demokratie langsam, aber sicher stirbt.



        Es ist zum Haare raufen, dass die SPD das immer noch nicht kapiert hat.