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Spahn und die Leihmutterschaft Warum denn keine Pflegekinder?

Gastkommentar von

Peter Ullrich

Leihmutterschaft ist für Kinderlose nicht alternativlos. Nur wollen gerade konservative Reiche die Herausforderungen einer Pflegeelternschaft nicht in Kauf nehmen.

Ü ber Jens Spahns dubiose neue Elternschaft ist schon fast alles gesagt und geschrieben worden. Skandalisiert wurde zu Recht vor allem die unglaubliche Bigotterie des Superkonservativen. Sein Verhältnis zu den zu konservierenden Werten, die er und seine Partei so hervorheben, ist so libertär, wie es schon immer bei den Reichen war: Wer sich einen Umweg ums Gesetz leisten kann, macht es. Gehorsamspflicht und ihre Durchsetzung gelten am Ende eben vor allem für die Schwachen.

Es ist durchaus zu begrüßen, dass der Fall eine Diskussion über die Ambivalenzen des Themas angestoßen hat. Und dabei ist vieles zu besprechen: von unerfüllten Kinderwünschen nicht nur homosexueller Paare bis hin zu der Frage, in welcher Gesellschaft Frauen eigentlich gezwungen sind, nicht altruistische Leihmutterschaft am Markt anzubieten.

Peter Ullrich

ist Hochschullehrer für Soziologie an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR) und liebender wie genervter Pflegevater.

Ein Fall in Kanada zeigt weitere dramatische Implikationen auf: Was ist, wenn es Anzeichen dafür gibt, dass das erwartete Kind womöglich nicht perfekt den Ansprüchen der reichen zukünftigen Eltern entspricht und wenn dann die Leihmutter und die „Kindskäufer“ uneins über die Frage des Umgangs damit sind – ja gar eine Abtreibung von der Mutter gegen deren Willen verlangt wird? Behinderungen oder Beeinträchtigungen will man bitte schön nicht haben – schließlich hat man ja bezahlt und ist es gewohnt, für sein Geld zu bekommen, was man bestellt hat!

Auffällig in der ganzen Debatte ist aber eine Leerstelle. Da war doch tatsächlich immer wieder von der Alternativlosigkeit der Leihmutterschaft für einige Kinderlose zu lesen. Dabei gibt es beispielsweise auch die Möglichkeit der Adoption. Okay, sie ist langwierig, je nach Weg unter Umständen auch teuer und kompliziert. In Berlin beispielsweise müssen Paare, die ein Kind adoptieren wollen, verheiratet sein – warum auch immer.

Alle können Pflegeeltern werden

Aber es gibt noch mindestens eine weitere relevante Alternative: die Pflegeelternschaft. Sie ist in der breiten Bevölkerung wenig bekannt und verdient – gerade jetzt – deutlich mehr Aufmerksamkeit. Denn Pflegeelternschaft ist ein guter Weg, zwei Bedürfnisse und Interessen zusammenzubringen: das der Pflegeeltern nach Elternschaft und das der Pflegekinder nach einer Familie, um die Alternative der Heimunterbringung zu vermeiden.

Über 200.000 Kinder leben in Deutschland nicht in ihrer (biologischen) Herkunftsfamilie. Die Ursachen sind vielfältig, doch meist ist es die Unmöglichkeit oder Unfähigkeit der biologischen Eltern, die eben aufgezählten Grundbedürfnisse ihres Kindes zu befriedigen. Deswegen geben sie ihr Kind ab oder es wird ihnen beispielsweise aufgrund von Vernachlässigung von den Jugendämtern entzogen.

Prinzipiell können alle Pflegeeltern werden, Paare ebenso wie einzelne Pflegeväter und Pflegemütter. Das gilt übrigens auch für Menschen ohne hohes Einkommen, denn es gibt einige Hundert Euro Pflegegeld sowie Zahlungen für Anschaffungen und besondere Anlässe (Urlaubszuschuss, Zuschüsse zu Kita- und Schulfahrten sowie Feiern), was sämtliche Kosten eines normalen Lebenswandels deckt. Voraussetzung sind lediglich grundsätzlich stabile psychosoziale Verhältnisse.

Wer sich für Pflegeelternschaft interessiert, muss einen Kurs besuchen und einen – zumindest in Berlin – „Überprüfung“ genannten Vorbereitungsprozess durchlaufen. In diesem lernt man die zukünftigen Aufgaben noch besser kennen und gewinnt genauere Klarheit darüber, ob man der Aufgabe gewachsen ist und unter welchen Bedingungen.

Die Herausforderungen

Das heißt, dass man sich über viele Fragen klar werden muss: Welches Alter ist für mich in Ordnung? Muss es für eine möglichst langfristige Bindung ein Baby sein oder sollte das Kind doch lieber schon aus den Windeln heraus sein? Spielen religiöse, kulturelle, ethnische oder andere Kriterien für mich eine Rolle? Wie kann ich mögliche besondere Herausforderungen zeitlich und kräftemäßig stemmen, und wo liegen meine Grenzen?

Apropos Herausforderungen: Pflegekinder bringen oft solche mit. Alkoholismus der Eltern, Missbrauch oder Vernachlässigung gehören bei vielen zu ihrem Gepäck, und nicht wenige tragen schwer daran. Wenn man aber davon ausgeht, dass das gegenwärtige Umfeld ebenso relevant für die Entwicklung eines Kindes ist wie das mitgebrachte psychische, soziale und biologische Erbe, dann wird man deswegen nicht den Kopf in den Sand stecken.

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Außerdem haben zukünftige Pflegeeltern – anders als im moralisch problematischen Kontext der Leihmutterschaft – das Recht, sich zu entscheiden, welche Belastungen (nach allem, was man über das Pflegekind bisher weiß) sie zu schultern bereit sind und welche nicht.

Und dann, wenn das Kind da ist und man sich in einer nachgeholten Schwangerschaftszeit aneinander gewöhnt hat, ist da ein Kind, das lebt und lernt und lacht und ebenso zu kurz schläft, nervt und Unordnung macht wie andere Kinder auch; ein Kind, das man liebt, das Mama und Papa (oder häufig auch Papa und Papi) sagt und in der Regel bis zum Erwachsenenalter bei einem bleibt.

Ausnahmen davon sind die kurzzeitige Krisenpflege oder die wenigen, aber vorkommenden Fälle, in denen Pflegekinder wieder zu ihren leiblichen Eltern zurückkehren können. Mit diesen Ambivalenzen und Unsicherheiten müssen Pflegeeltern sich auseinandersetzen, ebenso mit einigen Aufgaben wie jährlichen Berichten, Kontakten zu verschiedenen Institutionen und möglicherweise dem Umgang mit den Herkunftseltern, die zur täglichen Sorge nicht in der Lage sind, aber eben doch manchmal präsent bleiben.

Eine Klassenfrage

Warum Jens Spahn und sein Partner nicht Pflegeeltern geworden sind? Wahrscheinlich ist das eine ideologische und letztlich eine Klassenfrage.

Wer von Menschen am Existenzminimum jeden einzelnen Krankheitstag minutiös überprüfen, jeden Euro oberhalb der absoluten Mindestgrenze einkassieren möchte und zugleich von sich selbst glaubt, über dem Gesetz zu stehen, das für alle anderen aber möglichst strikt gelten soll – der tendiert wahrscheinlich dazu, es sich leichter zu machen als andere.

Mittels sehr viel Geld und bis ins Kleinste regelnder Verträge das perfekte Kind bestellen! Pflegeeltern hingegen bekommen – nach dieser Logik – keine perfekten Kinder. Trotzdem: Vielleicht führt die Causa Spahn doch dazu, dass diese Institution bekannter wird und mehr Menschen sich überlegen, auf diesem Weg jungen Menschen ein Zuhause und sich selbst eine Familie zu schaffen.

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24 Kommentare

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  • Hier schreibt ein echter, leibhaftiger Vollblut-Pflegevater. Vor fast drei Jahren haben wir unseren Pflegesohn aufgenommen - trotz all der Bedenken und möglichen Probleme, die wir im Vorfeld gesehen haben. Aus heutiger Sicht hat sich alles ganz anders entwickelt. Unser Sohn - als solchen benennen wir ihn und er möchte auch so bezeichnet werden - hat sich komplett anders entwickelt, als in dem 5-seitigen Vorabbericht vom Jugendamt dargestellt. Und das liegt zum Großteil an dem, was wir als Pflegeeltern "investiert" haben: Zeit, Liebe, Geduld, Beharrlichkeit - Elternhandwerk halt. Ganz normale Tugenden, die letztendlich jeder Mensch aufbringen kann, wenn er denn sein "Ehrenamt" Pflegschaft Ernst nimmt.



    Ich bin jetzt 59 Jahre alt, meine Partnerin ist 51 und unser Sohn 7 Jahre alt. Ungewöhnlich, ja, und ich werde immer wieder als Opa bezeichnet. Schlimm? - Nö!! Er geht zur Schule, kommt nun in die zweite Klasse und entwickelt sich prächtig. Trotz FASD-Verdacht, schwere PTBS, Beziehungsabbrüchen (wir sind seine fünfte Station). Natürlich ist es anstrengend.



    Also: nicht jammern sondern kämpfen!. Und das, was Spahn da gemacht hat, ist das Allerletzte. Verlogen durch und durch...

  • Ich finde das ist ein sehr guter praxisnaher Bericht .

    An Pflegekindern wird deutlich, dass Kinder nie Eigentum sind. Die "Befürchtung das Kind zurückgeben zu müssen" ist in verschiedenen anderen Diskussions-Beiträgen angeklungen.



    Man muss jeden Tag damit leben, dass man Kinder jeden Tag zurückgeben muss. Auch "eigene". Das ist Friedrich Rückert, Gustav Mahler ... so ergangen, das geht mit der aktuellen Kindersterblichkeit weiter.

    "Now I have children of my own" ist die heile Welt der Doris Day , eine Überprägung der 50er .

    Man muss Kinder so nehmen wie sie sind, wie sie geworden sind, dann hat man etwas einmaliges von ihnen.

    www.bpb.de/shop/ze...milie-heute-essay/

  • Es ist absurd, die Situation von Pflegeeltern mit leiblichen Eltern (Leihmutterschaft hin oder her) zu vergleichen.

    Ein Pflegekind untersteht bis 18 dem Jugendamt. Eltern sind nicht erziehungsberechtigt! In regelmäßigen Abständen wird geprüft, ob das Kind zu den Eltern zurückkehren kann. Das bedeutet Abschied, auch nach Jahren.



    Wenn Kontakt zu den leiblichen Eltern erwünscht ist, wird es milieubedingt nochmals schwieriger.

    Das ist die Situation in Österreich.

  • Es trifft sicher nicht auf alle, die eine Leihmutterschaft anstreben, gelten: aber im Falle Jens Spahn sehe ich eine unterschwellige Linie "ich will meine Gene verbreiten" gegeben. Wenn ich an seine Beziehungen zu den Tech-Bro-Kreisen ála Peter Thiel denke, dann fallen mir schon die Bestrebungen ein, die "white supremacy" für die ganz Reichen (und damit ganz tollen "Leistungsträger") durchzusetzen, indem man möglichst viele (eigene) Kinder in die Welt setzt. Das ist ja auch der Hintergrund ihrer transhumanistischen (meiner Meinung nach vor allem transhumanen) Ideologie.

    Leihmutterschaft bedeutet zweierlei: erstens kann man sich auf ein Baby freuen, das noch nicht von anderen Einflüssen betroffen ist, sondern einem von Geburt an "gehört". Und zweitens ist da die alte biologische Linie, die eigenen Gene verbreiten zu wollen. Das hat man bei einer Adoption nicht.

  • Als Alternative zur Leihmutterschaft wurden Adoption, Pflegekinder und (in anderen Artikeln) Co-Parenting genannt. Es gibt auch noch die Alternative, kinderlos zu bleiben.

  • Danke, Danke, Danke!!!

    Alleinerziehende Mama hier – von Pflegekindern.

    Das Argument, die Herkunfts-Familien der Kinder stünden ein Problem dar, möchte ich gerne entkräften. Für die Kinder sind sie Ressourcen in ihrer Identitäts-Findung. Kinder betrachten sich als Teil ihrer leiblichen Eltern und lieben sie nicht selten bedingungslos. Egal was die Gesellschaft um sie herum ihnen für einen Stempel aufdrückt.

    Newsflash:



    Auch Kinder von Leihmüttern vermissen die leibliche Mutter, ihre Stimme, ihre Bewegungen, und werden sich später auf die Suche nach ihrer Identität machen. Auf die Suche nach dem "was wäre gewesen, wenn ich in meiner Familie hätte bleiben dürfen?".

    Pflegekinder wird der Zugriff auf ihre Herkunft nicht verwehrt und das ist gut und richtig so. Nach Adoption oder Leihmutterschaft verlieren die Kinder jedoch leider den Zugriff auf ihre Herkunft. Für mich eher ein Nachteil als ein Vorteil für die Kinder.

    Aber wie bereits im Artikel erwähnt: Vielleicht geht es den zukünftigen Eltern nicht allzu sehr um das Wohl eines existierenden Kindes, sondern eher um ihr Ego.

    • @Pflegekinder auf die 1 ❤️:

      Auch wenn Sie jetzt durchaus positive Seiten darstellen, so zeigt Ihr Kommentar doch ganz deutlich, dass Pflegekinder und eigene Kinder ganz unterschiedlicher Natur sind und insoweit gerade kein Alternativverhältnis vorliegt.

      Die entscheidende Frage ist doch insoweit, ob man gewillt ist, sich neben dem Kind auch zumindest auf eine weitere erwachsene Person einzulassen. Ein weiterer nicht ganz ungewichtiger Punkt ist doch, dass Pflegekinder häufig schon ein paar Tage alt sind und man das Babyalter in der Regel vollkommen verpasst.

      Daher kann ich dem Vorwurf des Egos nichts abgewinnen.

  • Ich glaube was viele Menschen abschreckt, ist das Risiko, dass das Kind dann doch wieder zurück in die Herkunftsfamilie geht. Das Risiko mag gering sein, aber es ist da. Gerade wenn man sich dann doch sehr emotional an das Kind bindet (was ja eigentlich gewollt ist) und länger eine Eltern-Kind beziehung pflegt, ist das hart. Wir haben das selbst in der Kita erlebt, ein nettes lesbisches Pärchen hat sich als Pflegeeltern um ein Geschwisterpaar gekümmert, ca. 3 Jahre lang. Dann hat sich der leibliche Vater, nachdem er gesundheitlich und finanziell wieder auf Kurs war, entschieden, dass die Kinder nunmehr bei ihm und seiner neuen Frau aufwachsen sollten. Der Übergang erfolgte natürlich langfristig und schrittweise. Alles vorschriftsmäßig. Trotzdem war das für das Pflegeelternpaar herzzerreissend, zumal die dann Eltern auch keinen weiteren Kontakt mehr pflegen wollten. Meines Wissens haben die auch keine weiteren Pflegekinder mehr aufgenommen.

    • @Carolin Rudolf:

      Das ist so. Wer gepflegt hat weiß, dass leibliche Eltern sobald jemand da ist, der in der Not hilft zugreifen und Hilfe vergessen, sobald sich die Lage gebessert hat. Das ist persönlich bitter, weil die Pflegeeltern durch ihren Einsatz dazu beigetragen haben, dass es besser geworden ist. Dass die leiblichen Eltern von Hilfsbereitschaft selbst nichts halten, ist der Grund warum sie ihre Kindern nun den Umgang mit den Pflegeeltern verwehren. Sonst würden sie die Pflegeeltern den Kindern als Vorbild erhalten.

      Damit muss man leben, wenn man /ein Pflegekind/er nimmt.



      Man muss darüber hinweg, es sind bittere Erfahrungen.



      Dafür können aber die Kinder nichts , die weiter Pflegeeltern brauchen.



      Den Schubs sollte man sich geben, denn dann hat man in seiner Rolle als Pflegeelter etwas dazu gelernt und ist reifer geworden, was für die nächsten Kinder wertvoll ist.

      Wenn man etwas gut gemacht hat, hat man es gut gemacht , So selbstbewusst muss man sein und bleiben, gerade wegen dieser Botschaft an die Kinder.

  • Ich finde Leihmutterschaft und Pflegekinder sind zwei vollkommen unterschiedliche Konzepte, die kaum als Alternativen bezeichnet werden können. Wie der Autor bereits schreibt, sind die Herausforderungen bei Pflegekindern ganz andere. Für mich persönlich wären Pflegekinder niemals in Betracht gekommen, da es halt in der Regel noch die leiblichen Eltern gibt (bzw. zumindest ein Elter) in der Regel noch gibt.

    In meinem Bekanntenkreis gibt es lediglich zwei (Ex-)Pflegeeltern und das sind in beiden Fällen eher abschreckende Erfahrungen.

    • @DiMa:

      Ja natürlich. Der Unterschied geht schon mit dem Begriff "Leihmutterschaft" an. Es ist eine "Leihschwangerschaft".



      Pflege dagegen, bedeutet sich um ein lebendes Kind kümmern. Pflegekinder sind Pflegekinder weil sie gepflegt werden müssen, d.h. einen erhöhten erzieherischen Aufwand brauchen. Erzieher, die sich mit Erziehung auskennen, ihrerseits wollen und brauchen, ganz allgemein eine intensive Selbstreflexion. Das steht am Anfang der Übernahme der Sorge für ein Pflegekind. Ob man dem was sich in der Reflexion ergibt gewachsen ist, muss man für sich selbst richtig bewerten.



      "Abschreckend" würde ich nicht formulieren, wenn Sie damit meinen, dass die Situationen, um die es sich gehandelt hat für Sie nicht in Frage kommen. Da war, nach meinem Verständnis, in der Planung/Supervision nicht berücksichtigt worden wer zum wem passen wird. Das hat aber nichts grundsätzliches mit der Pflege eines Pflegekinds zu tun.

      • @Hans - Friedrich Bär:

        Natürlich haben die mir bekannten Fälle nichts mit der grundsätzlichen Pfege eines Pflegekindes zu tun, nur sind die beiden mir bekannten Fälle halt schlecht gelaufene Fälle (auch aber nicht nur wegen den Behörden), was zur Folge hat, dass für mich persönlich nie eine Pflegschaft im Betracht kommen würde (was ja dann wohl "abschreckend" bedeutet).

  • Der Autor führt doch einige wesentliches Probleme der Aufnahme von Pflegekindern an.

    Grundsätzlich bleiben die leiblichen Eltern auch die Eltern im Rechtssinne, sodass einerseits grundsätzlich die Möglichkeit besteht, dass die Kinder zurück in ihre biologische Familie gebracht werden und andererseits muss so ziemlich alles von den Eltern bzw. dem Jugendamt abgesegnet werden.

    Zudem werden nur Kinder ihren Eltern entzogen, bei denen es zu einer entsprechenden Kindeswohlgefährdung gekommen ist. Das Kind kann natürlich nichts dafür, aber man holt sich die Erfahrungen + Traumata des Kindes mit in die Familie. Zudem hat man das biologische Erbe der Eltern + etwaigen Alkohol/Drogen/Medikamentenkonsum in der Schwangerschaft.

    Ich hätte wahrscheinlich ordentlich daran zu knabbern einem Kind mit FAS oder diversen traumatischen Erfahrungen gerecht zu werden.

    • @Ralf Inkle:

      ja, das sind Herausforderungen. Genau daran wäre unsere Pflegschaft vor ungefähr 1 Jahr fast gescheitert. Aber nicht an den "Eigenarten" des Kindes, sondern daran, dass wir als Pflegeeltern keine Möglichkeit hatten, einen Therapieplatz oder auch nur eine Psychaterin für unseren (Pflege-)Sohn zu bekommen. Geholfen hat letztendlich die Vormündin, die ihre Kontakte hat spielen lassen.



      Ich kann nur allen zukünftigen Pflegeeltern empfehlen, die Vermittlung NICHT über das Jugendamt laufen zu lassen, sondern über einen freien Träger (z.B. Bethel im Norden). Ohne diese Spezialisten hätten wir die letzten 3 Jahre nicht bewältigen können. Von den Jugendämtern ist da leider keine echte Hilfe zu erwarten.

  • "Das ICH der Eltern ist riesig und soll mit Kind noch riesiger werden." Solche und ähnliche Kommentare (z. B. hat auch schon mal jemand Kinder als "Hobby" bezeichnet, das der Staat nicht auch noch bezuschussen sollte) habe ich bisher ausschließlich von Männern gehört, die keine eigenen Kinder haben. Falls Sie eine Frau sind oder ein Mann mit eigenen Kindern, entschuldige ich mich natürlich. Aber die Wahrscheinlichkeit ist nicht sehr hoch...



    Der Wunsch, eigene Kinder zu haben, ist so normal und natürlich wie jedes andere menschliche Grundbedürfnis (wenn man unter Grundbedürfnissen nicht nur Essen und Schlafen, sondern auch z. B. den Wunsch nach sozialen Kontakten versteht), dafür muss sich niemand rechtfertigen. Und ein Kind zu bekommen und großzuziehen ist (abgesehen von einigen pathologischen Fällen, die es natürlich auch gibt) das Gegenteil eines Ego-Trips, es ist statt dessen die unglaubliche Erfahrung, dass ein anderer Mensch plötzlich wichtiger ist als man selbst. Die meisten Eltern bringen große Opfer für ihre Kinder und bereuen es trotzdem nicht, dass sie Eltern geworden sind. (Auch Herr Spahn scheint in diese Kategorie zu fallen, auch wenn das Opfer nicht freiwillig war.)

  • In der Jugendpsychiatrie sind Pflegekinder teilweise mehr als die Hälfte der Bewohner und das, obwohl sie prozentual geringer vertreten sind in der Gesellschaft.



    Das liegt daran, dass diese Kinder ja nur aus Familien genommen werden, wenn es dort nicht klappt. Also Misshandlungen, Vernachlässigungen, Missbrauch (oft auch sexueller). FAS, also Alkohol in der Schwangerschaft und damit einhergehende Intelligenzminderung/geistige Behinderung. Usw.

    Wir kommen dann zum Einsatz, wenn es Zuhause komplett eskaliert, auch mit den leiblichen Kindern der Familie. Es ist nicht immer eine gute Lösung, leider. Ein eigenes Kind ist tatsächlich was total anderes, da habe ich bereits vor der Schwangerschaft auf alles geachtet und mich voller Vorfreude und Liebe vorbereitet. Das geht diesen Kindern oft schon ab.

    Da dann blauäugig an die Sache ran zu gehen, sorgt auf beiden Seiten nur für Enttäuschungen.

  • Der Autor stellt immerhin richtigerweise fest, dass die Hürden, ein Kind zu adoptieren, in Deutschland sehr hoch sind. Das geht in der Diskussion um die Leihmutterschaft sehr oft unter.

    Aber ein Pflegekind als Ersatzlösung für Paare, die keine Kinder bekommen können? Schön, wenn einzelne Paare das machen, aber für die Mehrheit passt das nicht. Es ist ein großer Unterschied, ob ich ein Kind einige Jahre seines Lebens begleite, oder ob ich von Anfang an eine tiefe Bindung zu ihm aufbauen kann, weil es eben _mein_ Kind ist.



    Und wie steht es denn mit dieser Regel, die man im Internet findet? "Eine Pflegeperson sollte nicht oder (bei Kindergarten– und Schulkindern) nur in Teilzeit berufstätig sein." Wie verträgt sich das mit dem Anliegen, dass auch Mütter gleichberechtigt am Erwerbsleben teilnehmen können?

    • @ORothe:

      Meine Frau und ich haben uns den Erziehungsurlaub geteilt, danach beide unsere Arbeitszeit reduziert. Ich arbeite überwiegend im home office, kann also flexibel reagieren. Ja, da sind wir privilegiert. Dann ging unser Pflegesohn nach ca. 3 Monaten in den Kindergarten - für uns alle die Rettung. Eltern sind ja nur bedingt Spielkameraden für ihre Kinder - die brauchen doch den Austausch mit gleichaltrigen.



      Also, letztendlich ermöglicht unsere Gesellschaft schon einiges, aber ohne Engagement der (Pflege-)Eltern klappt es nicht. Das ist heute nicht anders als vor 50 oder 100 Jahren.

  • Die Problematik liegt im Anspruch (vermeintlichen Recht) auf das EIGENE Kind. Dieser drückt sich im fordernden Verhalten vieler adoptionswilliger Eltern sowie auch in den manigfaltigen Varianten der modernen Reproduktionsmedizin aus. Das ICH der Eltern ist riesig und soll mit Kind noch riesiger werden.

    Pflegeelternschaft ist das Gegenteil: Einem Kind ist sein reales Recht auf eine Familie temporär oder aber für die gesammte Kindheit entzogen worden, aus welchen Gründen auch immer. Ich biete an, mein Leben mit diesem Kind zu teilen,



    Kein Fordern, GEBEN, ... ohne so genau zu wissen, wo die Reise hingeht.

    ... eigentlich extrem cool!!!

    • @Tinus:

      >>Ich biete an, mein Leben mit diesem Kind zu teilen,

      Nun, in der Realität teilt man sein Leben mit dem Kind, dem Jugendamt und den leiblichen Eltern.



      Schon eine routinemäßige Impfung (zB Masern) erfordert das Einverständnis von Jugendamt und/oder Eltern.



      Es wird hierbei zwischen alltäglicher Sorge (§ 1688 BGB) und Personensorge (Grundsatzentscheidungen dürfen Pflegeeltern nicht treffen) differenziert.

      • @horsefeathers:

        Liebe(r) Horsefeathers!



        Stimmt! Ist gewiss nicht einfach und keinster Weise ist es DEIN Kind. Du hilfst ihm mit dem ganzen Gedöhns, was dranhängt. Aber wahrschweinlich rettest DU damit seine Zukunft.

        Das ist doch schön ... fürs Kind auf jeden Fall ... und für dich nach all dem Gedöhns vielleicht auch (ein bisschen) ... was will man mehr vom Leben? ... Designer Babies?

  • Naja, so eine Pflegeelternschaft kommt wohl kaum "für Jeden" in Frage. Meine Partnerin und ich haben das auch mal überlegt und die Bedingungen auf einer offiziellen Webseite durchgelesen.



    Demnach soll man in stabilen Verhältnissen leben, eine bestimmte Wohnraumsituation haben und nicht "zu alt" sein. Alleinstehende werden noch genauer geprüft.



    Ich denke dass in der Praxis da auch eher eine betuchte Mittelschicht von 35-jährigen Pflegeeltern eine Chance hat.

    • @realnessuno:

      Klares NEIN.



      Ich Ende 50, meine Partnerin anfang 50.



      Die "vom Amt" sagten sogar, Alter kann ein Vorteil sein. Kurzform: Alter=Reife



      Klar sollte ein Pflegekind ein eigens Zimmer haben und nicht auf der "Besucherritze" schlafen müssen. Aber ansonsten wurden an uns keine materiellen Anforderungen gestellt. Menschlich muss es halt passen, da wird schon sehr genau nach der Motivation der Pflegeeltern geforscht.



      Woran es nach meiner Einschätzung mangelt ist die kompetente Unterstützung der Pflegeeltern. Darin liegt wohl auch der Grund, weshalb ein hoher Anteil der Pflegschaften vorzeitig endet.

  • Wer es sich leisten kann, eine Viertelmillion in die eigene Reproduktion zu investieren, hat sicher auch bedarfsweise die Nanny schon in der Vorauswahl und die Lebensplanung für Sprösslinge gestylt bzw im abgesicherten Modus vorausgeplant. Da passen familiäre und vermeidbare Imponderabilien womöglich gar nicht ins Programm. !Hoher Respekt und Wertschätzung allen, die es dem Autor und Kommentar-Verfasser Peter Ullrich mit Familie gleichtun.