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Sparpläne beim ElterngeldNicht jede Kürzung ist ein Skandal

Kersten Augustin

Kommentar von

Kersten Augustin

Die Bundesregierung will beim Elterngeld sparen. Sie sollte die Kürzungen nutzen, um das Elterngeld gerechter und feministischer zu gestalten.

Weniger Elterngeld? Eine Chance die ganze Kiste feministischer zu gestalten Foto: Ute Grabowsky/photothek.net/imago

F amilienministerin Karin Prien wird wohl am Elterngeld sparen – und der Aufschrei ließ nicht auf sich warten: Familienfeindlich sei das, so die Kritik. Doch eine Reform des Elterngelds wäre ausnahmsweise keine weitere Zumutung, sondern sogar geboten. Hier kann die Regierung sparen – und die Förderung von Familien gleichzeitig gerechter und feministischer machen.

Tatsächlich wird in Priens Ministerium an einer Reform des Elterngelds gearbeitet. 13 Milliarden Euro kostete es jetzt, das ist mit Abstand der größte Posten im Haushalt des Ministeriums. 500 Millionen Euro muss Prien sparen. Es geht also nicht um Kahlschlag, sondern um Korrekturen. Ein Teil der Einsparungen dürfte schon dadurch erreicht werden, dass in Deutschland immer weniger Kinder geboren werden – daran hat das Elterngeld wenig geändert.

Für eine Reform gibt es nun verschiedene Stellschrauben: die Höhe des Elterngelds, die Zahl der Monate, in denen es gezahlt wird, und die Gehaltsgrenze, bis zu der Familien es bekommen.

Aktuell liegt diese Obergrenze bei 175.000 Euro. Sie leicht zu senken, taugt nicht zum Skandal. Familien mit monatlich mehr als 10.000 Euro Einkommen müssen vom Staat nicht volle 14 Monate lang Geld bekommen, um zu Hause zu bleiben oder eine ausgedehnte Reise zu machen.

Akademiker fördern mit mäßigem Erfolg

Vom Elterngeld profitierten aber bisher nicht nur Spitzenverdiener, sondern auch Gutverdienende übermäßig. Sie bekommen bis zu sechsmal so viel Geld wie Eltern mit niedrigem Einkommen, die nur 300 Euro monatlich erhalten. Diese Ungerechtigkeit war kein Versehen. Man wollte Akademiker dazu bringen, Kinder zu bekommen; mit mäßigem Erfolg.

Doch das Elterngeld ist aktuell nicht nur ungerecht, es ist auch nicht feministisch. Nur jeder zweite Vater nimmt überhaupt Elternzeit, oft sind es nur zwei Monate. Eine Reform könnte das ändern: Nur dann, wenn beide Elternteile gleich viel Elternzeit nähmen, würde noch die volle Summe ausgezahlt werden. Wer das nicht will, müsste auf ein paar Monate Elterngeld verzichten.

Der Staat muss nicht jedes Familienmodell mit Elterngeld subventionieren

Jede Familie kann tun und lassen, was sie möchte, aber nicht jedes Familienmodell muss vom Staat subventioniert werden. Die Bundesregierung will mehr Frauen aus der Teilzeit holen. Oft beginnt die ungleiche Aufteilung der Care-Arbeit aber nach der Geburt des Kindes. Wenn es die Regierung ernst meint, muss sie aufhören, Hausfrauenehen schon beim Elterngeld zu fördern. Bei einem feministischen Sparplan bliebe zudem genug Geld übrig, um das Elterngeld für Menschen mit niedrigem Einkommen sogar zu erhöhen.

Eine Reform des Elterngelds wird nicht einfach. Und die Empörung, die einsetzt, bevor ein Vorschlag auf dem Tisch liegt, zeigt: Die, die etwas zu verlieren haben, sind laut. Im Streit über „Demokratie leben!“ hat Karin Prien gezeigt, dass sie Konflikte nicht scheut. Für eine mutige Reform, die mehr ist als die Exekution des Sparzwangs, muss sie sich nun mit Gutverdienenden und Konservativen anlegen.

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Kersten Augustin
Ressortleiter Inland
Kersten Augustin leitet das innenpolitische Ressort der taz. Geboren 1988 in Hamburg. Er studierte in Berlin, Jerusalem und Ramallah und wurde an der Deutschen Journalistenschule (DJS) in München ausgebildet. 2015 wurde er Redakteur der taz.am wochenende. 2022 wurde er stellvertretender Ressortleiter der neu gegründeten wochentaz und leitete das Politikteam der Wochenzeitung. In der wochentaz schreibt er die Kolumne „Materie“. Seine Recherchen wurden mit dem Otto-Brenner-Preis, dem Langem Atem und dem Wächterpreis der Tagespresse ausgezeichnet.
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15 Kommentare

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  • Die Entscheidung für Kinder bedeutet neben der Freude die Sie machen auch meist Verzicht, weniger verfügbares Einkommen, Stress und auch Sorgen. Trotzdem entscheiden sich zum Glück noch viele Menschen Kinder zu bekommen und großzuziehen. Ein Glück für unsere Gesellschaft. Das Elterngeld ist nur ein kleiner Ausgleich, es sollte weiter gezahlt werden.

  • Die Realität sieht doch so aus: Keine urbane Familie kann ihre Fixkosten dauerhaft mit nur einem Einkommen bestreiten. Das Elterngeld wird auch in der oberen Mittelschicht für Miete und allgemeine Lebenshaltungskosten benötigt. Zumal am Ende des Bezugszeitraumes regelmäßig noch weitere Monate bis zur Kita-Eingewöhnung zu überbrücken sind. Das oft beschworene Bild vom monatelangen Südseeurlaub habe ich in meinem durchaus kinderreichen Akademiker-Freundeskreis noch nie beobachten können. Warum man jungen Eltern nun die konkrete Ausgestaltung ihrer Elternzeit vorschreiben muss, bleibt offen. Die Verwirklichung vermeintlich feministischer Ziele scheint mir ein Feigenblatt für weitere Einsparungen zu sein.

    Tatsache ist: Kinder - auch aus bürgerlichen Haushalten- sind eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit, kein persönliches Hobby.

  • Da redet wieder ein Blinder über Farben...

    "...Eltern mit niedrigem Einkommen, die nur 300 Euro monatlich erhalten." - Nein. Auch ein Mindestlohnempfänger erhält über 1000 Euro Elterngeld. 300 € bekommt, wer gar kein Einkommen hat.

    Außerdem:

    10k Brutto sind aktuell 5730€ Netto. Für beide zusammen. Das sieht nur mit dem taz-Haustarif wie Reichtum aus. Und dann kommt ein Kind dazu.

    Das Kindergeld ist ein Steuerungsinstrument. Das politische Interesse liegt gerade darin, Kinder in besserverdienende Haushalte zu bekommen. Deswegen die derzeitige Ausgestaltung. Ganz fies gesagt: Der Staat will mehr Nettosteuerzahler, keine weiteren Kostgänger. Ist nicht gerecht, aber der Grund für die derzeitige Ausgestaltung des Kindergelds. Das wird sich auch nicht ändern.

    "Jede Familie kann tun und lassen, was sie möchte, aber nicht jedes Familienmodell muss vom Staat subventioniert werden. " - Diese Worte aus dem Munde der tazzies in hierbittebeliebigeentitäteinfügen Gehörgang!

    • @Samvim:

      Ich bin mir recht sicher Elterngeld und nicht Kindergeld geschrieben zu haben...

  • "Oft beginnt die ungleiche Aufteilung der Care-Arbeit aber nach der Geburt des Kindes."

    Der Grundstein für die "unfaire" Aufteilung wird davor gelegt.60 Prozent der Paare haben den gleichen Bildungsabschluss. Bei 30 Prozent hat der Mann den höheren Bildungsabschluss und nur in 10 Prozent der Beziehungen hat die Frau den höheren Bildungsabschluss. Bildungsabschluss und Lebenseinkommen korreliert.



    Wer da eher Zuhause bleiben wird ist schon weit vor der Geburt klar.

  • Familien mit einem Einkommen von 100.000 € . Haben typischerweise eine gute Ausbildung und kümmern sich auch darum, dass die Kinder eine gute Ausbildung bekommen. Nehmen wir an, die Ehepartner verdienen etwa gleich viel, und ein Gehalt fällt weg, dafür bekommt aber Ein Familienmitglied dazu, dann dürfte das für so eine Familie erst recht eine Belastung sein. Im Artikel wird aber davon ausgegangen, dass diese Familie 10.000 € pro Monat hat. Sie hat dann aber nur noch 5000. Und wenn man z.B in Hamburg einigermaßen vernünftig zu dritt wohnen möchte, dann zahlt man schon mal 2000 € Miete.

  • Das Elterngeld wurde eingeführt, damit "die richtigen Eltern, die richtigen Kinder bekommen". Gerade der Mittelstand sollte animiert werden, Kinder zu bekommen. Genau aus dieser Überlegung heraus gab es die im Artikel benannten Unterschiede.

    Mit jeder Reform des Elterngeldes und durch die fehlende Anpassung des Höchstbetrages wurde das Ziel immer weiter verwässert.

    Bevor man das Elterngeld jetzt also immer weiter reformiert und es hierdurch von einer Subvention zu einer Sozialleistung verkommt, sollte man es lieber gleich ganz abschaffen.

    • @DiMa:

      Was soll jetzt das bedeuten? Ich bin verwirrt. Ist jetzt Subvention besser als Sozialleistung? Oder geht es um gute oder schlechte Geburtenraten??



      Ich fand die Einkommensbindung der Kindergeldregelung und die Bindung an den Steuerfreibetrag schon immer fragwürdig. Die Kinder sind unsere Zukunft, und zwar alle Kinder. Die Gesellschaft braucht ihre Chancengleichheit, denn wir werden die Ausschöpfung aller menschlichen Fähigkeiten immer dringend brauchen. Und wer darauf besteht, dass nur die Familie und ihr Einkommen eintscheidend für ihre Entwicklung sind, hat nicht verstanden, dass Kinder die wichtigste Investition in die Zukunft einer Gesellschaft sind und die ganze Gesellschaft sich darum kümmern muss, was aus ihnen wird.



      Oder hab ich hier vielleicht einfach den Sarkasmus nicht verstanden?

      • @Christine_Winterabend:

        Gerade weil Kinder unsere Zukunft sind - wenn sie den eine gute Bildung erhalten - sind sie so wichtig.

        Nur ist das Fundament einer guten Bildung halt das Elternhaus und daher war das Elterngeld (mal ausgenommen vom Sockelbetrag von 300 Euro) so wichtig.

        Insoweit halte ich auch nicht alle Kinder für eine Gesellschaft für gleichermaßen wichtig. Ihre dahingehende Aussage halte ich für Sozialromantik.

        Übrigens ich verwende nie Sarkasmus.

        • @DiMa:

          "Insoweit halte ich auch nicht alle Kinder für eine Gesellschaft für gleichermaßen wichtig"

          Das interessiert mich jetzt aber brennend, welche Kinder/Personen Sie denn für unsere Gesellschaft wichtiger halten als andere Kinder/Personen. Ich dachte bis jetzt immer, dass jeder Zahnrädchen im Getriebe gleich wichtig ist, aber vielleicht können Sie meinen Horizont erweitern?

          • @Michel76:

            Sehr gerne. Gewichtig ist der individuelle Anteil am Steueraufkommen des Einzelnen.

            Kinder haben für die Gesellschaft nicht alleine deshalb einen hohen Stellenwert, weil manche sie für klein und süß halten, sondern weil sie die späteren Leistungserbringer sein sollen.

            • @DiMa:

              Das befremdet mich jetzt etwas. Gibt es doch weit wichtigere Dinge, was ein Mensch ausmacht oder was er der Gesellschaft Gutes tut, als (viel) Steuern zu bezahlen.

  • Ich sehe das vollkommen anders!

    Gerade die Einkommensstarken Haushalte leisten eine überproportional hohen finanziellen Beitrag zum Solidarssystem.

    Wenn man dieser Gruppe das Elterngeld nimmt, also ein Ereignis dass in der Regel nur 1 bis 2 mal im Leben stattfindet, dann verliert man die! Da wird Unmut erzeugt!

    Es handelt sich um die Gruppe, die in jeder Diskussion als gefühlte Zahlessel für Krankenkasse, Rente und Steuern herhalten sollen.

    Und wichtig: In Süddeutschland ist ein Haushaltseinkommen von 120k + auch nicht ungewöhnlich. Und nein, die schwelgen nicht dekadent im Reichtum. Eher geht bei den gerade die Angst um.

    • @Andi S:

      Man sollte die Verkäuferin oder den Facharbeiter unterstützen , der Abteilungsleiter beim Daimler oder Bosch



      braucht sie nicht.



      Aber gerade solche Leute nehmen alles mit,



      was sie kriegen können .

    • @Andi S:

      Bei uns geht keine Angst um. Angst wovor? Ab wann beginnt für Sie der Reichtum, in dem wir schwelgen? Ein bisschen schwelgen wir schon, würde ich behaupten.

      Aber ja, an dem Tag, an dem man den Artikel "Deutschland wieder weit abgeschlagen" lesen muss (nein, es ging dabei nicht um den ESC!), könnte man sich vielleicht überlegen, ob man nicht, statt der Reduktion des Elterngeldes das Wort zu reden, darüber schreiben sollte, wie man Chancengleichheit für die Jüngsten herstellen kann.