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Der Kanzler attackiert die SPDDie Methode Merz

Stefan Reinecke

Kommentar von

Stefan Reinecke

Vor den Bankenchefs macht der Kanzler mal wieder knallige Ansagen und schießt gegen die SPD. Macht er so weiter, kann etwas Unvorstellbares passieren.

Kanzler Merz und EZB-Präsidentin Lagarde beim Jahresempfang des Bundesverbands deutscher Banken Foto: Mike Schmidt/imago

F riedrich Merz ist als Kanzler etwas Ungewöhnliches gelungen. Er ist nach nur einem Jahr noch unbeliebter als Olaf Scholz am Ende der Ampelregierung. Das ist verblüffend. Scholz musste eine auseinanderbrechende Streitkoalition zusammenhalten, in der die FDP sich nach der Opposition sehnte. Scholz war das Gesicht dieser Krise, die Möglichkeit, eine gute Figur zu machen, war begrenzt.

Merz hat es vergleichsweise leicht. Die Klingbeil-SPD ist ein verlässlicher, staatstragender, ja genügsamer Partner. Die Sozialdemokratie trudelt allerdings, auch weil sie eine mausgraue Staatspartei geworden ist, in eine bedrohliche Krise. Die einzige Wählergruppe mit einigermaßen verlässlichen Sympathien für die müde wirkende Sozialdemokratie sind die RentnerInnen.

Der Kanzler hat nun vor dem Bankenverband zwei Botschaften in die Welt gesendet und der SPD gezeigt, wo der Hammer hängt. Die Sozialdemokraten müssten bei den Reformen von Rente und Gesundheit, die vor allem Sparmaßnahmen werden, „Blockaden auflösen“. Dieser Ton erinnert an einen Handwerksmeister, der den Lehrling zusammenfaltet, der mal wieder den Schraubenschlüssel verbummelt hat.

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Außerdem wird die gesetzliche Rente künftig laut Merz „allenfalls noch die Basisabsicherung“ sein. Das Wort allenfalls bedeutet: Wenn Schwarz-Rot fertig reformiert hat, dann wird die gesetzliche Rente vielleicht nicht mal mehr eine Basisabsicherung sein. In Deutschland werden jährlich rund 500 Milliarden Euro für Alterssicherung ausgezahlt, das Gros, mehr als 350 Milliarden, fließt durch die gesetzlichen Rentenkassen. Merz will das offenbar radikal ändern und Staat durch Markt ersetzen. Das ist eine Kampfansage – an die SPD samt ihrer letzten treuen Wählergruppe und an die gesetzliche Rentenversicherung.

Knallige Aussagen in Hauptsätzen

Merz will sich vor den Bankern offenbar als mutiger, wirtschaftsfreundlicher Reformer inszenieren. Ein Konzept für die schwarz-roten Reformen gibt es vom Kanzler bislang nicht. Das hat, wenn auch löchrig und vage, nur der SPD-Vizekanzler in einer Rede skizziert.

Die Methode Merz ist: knallige Ansagen in Hauptsätzen, denen später oft recht viele Relativsätze folgen, die den entstandenen Schaden einhegen sollen. In der föderalen bundesdeutschen Koalitionsdemokratie ist Führung ein komplexer Prozess von Kompromissbildungen. Und Macht bedeutet, diesen Prozess professionell zu steuern. Merz weiß wahrscheinlich, dass die Bundesrepublik keine Präsidialdemokratie ist, in der der Kanzler mit executive orders regieren kann. Er redet aber so.

Wenn das so weitergeht, kann sogar etwas Unvorstellbares passieren: Die Geduld der SPD könnte an ihr Ende kommen.

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Stefan Reinecke
Korrespondent Parlamentsbüro
Stefan Reinecke arbeitet im Parlamentsbüro der taz mit den Schwerpunkten SPD und Linkspartei.
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10 Kommentare

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  • Danke für diesen Kommentar.



    Für mich sind zwei Initiativen längst überfällig:



    1. Klage beim Bundesverfassungsgericht



    Seit der Ära Kohl ist geübte Praxis, politische Entscheidungen nicht auf die Allgemeinheit, sondern auf die Sozialversicherungen abzuwälzen und diese schamlos auszuplündern (Kosten der Wiedervereinigung, Krankenhausreform, Krankenversicherung für Bürgergeldempfänger usw.). Auf diese Weise wurde den Sozialversträgern die finanzielle Basis entzogen, um dann zu argumentieren, man könne sich diesen „Luxus“ nicht mehr leisten.



    Beamte und ihre Pensionen kommen im Diskurs sowieso nicht vor. Der Gleichheitsgrundsatz würde aber gebieten, dass Entscheidungen der Politik von ALLEN getragen werden und nicht nur von denen, die man gewohnheitsmäßig zur Kasse bittet.

    2. Die christlichen Kirchen Deutschlands sollten gewissen Parteien endlich erläutern, dass es eine Unverschämtheit ist, die Wortmarke „christlich“ zu führen („kapitalistisch“ wäre zutreffend), in einem Fall noch ergänzt durch das Wort „sozial“. Das Neue Testament ist da eindeutig. Dort steht nirgendwo, dass es christlich ist, Arme auszurauben und das Geld Reichen zuzuschanzen.

  • So sieht's aus. Und - die beständige Weigerung von CDU/CSU ein Verbotsantrag gegen die AFD zu stellen, entspricht genau dem Kalkül die SDP zu vergraulen und dann kann man ja gar nicht mehr anders als sich mit der AFD einzulassen. So bereiten die Konservativen mal wieder eine Deutschland-Misere vor, wie 33.

  • Halbieren. Statt AfD die SPD.



    „Die [Geduld der] SPD könnte an ihr Ende kommen.

  • "Wenn das so weitergeht, kann sogar etwas Unvorstellbares passieren: Die Geduld der SPD könnte an ihr Ende kommen."



    Das kann ich mir in der Tat nur sehr schwer vorstellen... ich fürchte, die werden solange koalieren, bis sie unter 5 % rutschen.

  • Dieser Kanzler ist ein unfassbarer Blender vor dem Herrn und Angela Merkel scheint das sehr früh erkannt zu haben.



    Da wird das staatliche Rentensystem derart schlecht geredet und ohne Ende Vertrauen zerstört indem so getan wird, als sei die Rente irgendwie ein staatliches Almosen, das nun mit zusätzlicher eigener Vorsorge irgendwie aufgepimpt werden muss. Ich für meinen Teil habe 47 Jahre in dieses System eingezahlt und vergangene Generationen gestützt.

    Der Staat sollte es endlich als seine Pflicht betrachten dafür zu sorgen, dass trotz der demographischen Entwicklung das System nicht krachend vor die Wand gefahren sondern durch geregelte Zuwanderung von Arbeitskräften am Leben gehalten wird!

  • Die Deutschen sind ein dumpfes Volk, das sich so gut wie alles gefallen lässt. Die Frage ist: sind wir Deutschen dermaßen masochistisch und dämlich, dass wir uns das hier auch noch gefallen lassen? Menschen, die jahrzehntelang unglaubliche Mengen Geld in die Rentenkasse eingezahlt haben, bekommen ja jetzt schon nicht viel heraus (ganz im Gegensatz zu denen, die das bestimmt haben - die keinen Cent in die Rentenkasse eingezahlt haben, aber fette Pensionen kassieren). Wenn man ihnen jetzt gänzlich die lange Nase dreht und sagt "danke für euer Geld, ihr bekommt nix", gehen die dann immer noch nicht auf die Straße und wählen ihre Schlachtergesellen von cdU/csU/sPD/AfDP weiter?

    Ich fürchte ja. Ich bin nicht sehr frankophil, aber in Frankreich würden die Barrikaden und Autos brennen wenn die Regierung Krieg gegen das eigene Volk führt.

  • Das die Rente zukünftig nur noch Basisversorgung ist, sagen alle Experten außer Norbert Blühm schon seit 40 Jahren. Was soll jetzt diese künstliche Aufregung? Das ist einfach nur die Wahrheit. Eigentlich müssten wir mit den Boomern darüber verhandeln diese Entwicklung bereits auch für diese Generation vorzuziehen. Es ist ja total ungerecht, dass die aktuellen Rentner noch mit goldenem Handschlag Anfang 60 im Wohnmobil gen Norwegen entschwinden, während wir alle in der Grundsicherung landen werden.

  • Warum gibt es in anderen Ländern , z. B. die



    Niederlande sehr hohe Renten ?



    Die Ausgangsposition ist dort die Gleiche.



    Die BRD ist ein Exportland , also ist die Wirtschaft nicht auf die Kaufkraft der Bürger



    angewiesen .



    Hohe Löhne und hohe Renten sind also nicht



    wichtig .



    .... und Merz ist die Hure des Kapitals !



    ( Entschuldigung liebe Sexarbeiteierinen )

  • Die Konsequenz des Schlusssatzes dieses Artikel wäre der Bruch der Regierungskoalition.



    In dessen Folge wiederum stehen entweder Neuwahlen oder eine sofortige (Genscher 1982 lässt grüßen) Regierungskoalition von Union und AfD.



    Diese neue Regierungskoalition wiederum hätte eine Spaltung der Union zur Folge.



    Unklar scheint heute, ob Merz dann Kanzler bleiben kann.



    Kurz: In Summe erwarte ich zahlreiche Relativsätze des Kanzlers zur Rente.

  • Wesentlich merkwürdiger ist, dass Merz die wilde Sau rauslassen kann, seine Aussagen sind eine düstere sozial-politische Vision Deutschlands: Ewig arbeiten, keinen Inflationsausgleich erhalten, keinen Unterhaltsvorschuss mehr, eine niedrige Rente bekommen, die man durch Arbeit aufbessern muss.



    Es geht für Normalarbeitnehmer ganz klar nach Unten.



    Sicherlich wissen bei der Union und CDA einige auch nicht, was sie davon halten sollen, klar ist aber, vieles ist nicht nur heiße Luft oder Ankündigung, vieles wird kommen.



    = Es wird zu einer generellen Verschlechterung der Lebenssituation von Mio. Menschen kommen.



    Das hat zuletzt nur Gerd Schröder gemacht, entsprechend beliebt ist der. Aber Merz ist sowieso am Ende seines Lebens, er ist ein eisenharter Neoliberaler, ein Politiker, der eine tief gespaltene Gesellschaft positiv findet, der gar keinen Konsens, keinen Ausgleich will. Und bislang profitiert die CDU noch bei Wahlen von diesem Kurs.



    Für mich ist verrückt, dass es eine dezidierte Protestwelle gegen diesen Kanzler und diese Regierung noch nicht gibt.



    Bislang scheinen auch Gewerkschaften, NGOs und andere Verbände nicht bereit zu sein, eine Bewegung dagegen zu gründen.